Die Balanced Scorecard in der Logistik
Ein Beitrag von Christina Borsum, Rainer Kämpf und Thomas Kern
1. Einführung
1.1 Grundlagen der Balanced Scorecard
Das Prinzip der Balanced Scorecard hat das Ziel, den starken
Vergangenheitsbezug und vor allem die Konzentration herkömmlicher Kennzahlensysteme auf
eine kurzfristige finanzielle Wertschöpfung zu durchbrechen. Die Balanced Scorecard
versucht statt dessen herauszufinden, welche Faktoren für den langfristigen Erfolg
der Unternehmung ausschlaggebend sind.
Ihre Ursprünge hat die Balanced Scorecard in einer Studie des Nolan
Norton Institute, im Jahre 1990, welche auf der Erkenntnis beruhte, daß sich
Performance-Measurement-Ansätze nicht länger nur auf Finanzkennzahlen zur kurzfristigen
Leistungsmessung stützen durften.
Wichtigstes Ziel der Balanced Scorecard ist demnach die Umsetzung von
Unternehmenszielen auf allen Ebenen des Betriebes. Dies soll dadurch erreicht werden, daß
sich, ausgehend von der Vision oder Strategie eines Unternehmens, klar definierte Ziele
ableiten lassen und diese wiederum in meßbare und kontrollierbare Kennzahlen übersetzt
werden können.
Diese Kennzahlen sollen die folgenden vier Perspektiven abdecken:
| |
finanzielle Perspektive |
| |
Kundenperspektive |
| |
interne Prozeßperspektive |
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Lern- und Entwicklungsperspektive |
Während die Kennzahlen der finanziellen Perspektive die langfristigen
Endziele der Strategie repräsentieren, stellen die Größen der anderen Perspektiven die
sogenannten Leistungstreiber dar, also jene Faktoren, die letztendlich zu langfristigem
Wachstum und finanzieller Wertschöpfung führen.
Aufgrund dieser Aussage wird deutlich, daß möglichst alle für die
Scorecard ausgewählten Kennzahlen Teil einer Ursache-Wirkungsbeziehung sind, die sich im
Idealfall (rückwärts) durch die gesamten vier Perspektiven der Balanced Scorecard zieht:
1.2 Funktionsweise des Balanced Scorecard-Konzepts
Die Funktionsweise der Erstellung und Wirkung einer Balanced Scorecard
läßt sich anhand vierer, teilweise parallel ablaufender Prozesse sehr gut verdeutlichen:

1.2.1 Formulierung und Umsetzung von Vision und Strategie
1.2.1.1 Strategieformulierung
Oberziel der Balanced Scorecard ist die Verwirklichung einer
übergeordneten Unternehmensstrategie. Dementsprechend ist auch der erste Schritt bei
Einführung der Balanced Scorecard die Strategiefindung.
Diese erfolgt in Form einer Teamarbeit der obersten Managementebene.
Nur durch die Mitarbeit und die volle Unterstützung durch das Topmanagement kann eine
unternehmensweite Strategie umgesetzt werden.
Erstes Ergebnis ist eine auf dem Konsens der Vorstandsetage basierende
Unternehmensstrategie, beziehungsweise Vision.
1.2.1.2 Umsetzung der Strategie in Scorecard-Ziele
Ist eine Strategie qualitativ formuliert, so besteht die Aufgabe
des Teams darin, diese Strategie in konkrete Zielsetzungen und somit in meßbare
Zielkennzahlen der vier Scorecard-Perspektiven zu übersetzen.
Dabei werden zunächst die Endziele formuliert, das heißt die Ziele
der finanziellen Perspektive. Das Top-Management entscheidet sich demnach, ob es seinen
langfristigen Fokus beispielsweise auf eine hohe Rentabilität oder auf einen hohen
Cash-flow legen möchte.
Ist dies geschehen, so werden die Leistungstreiber dieser Endziele in
sämtlichen Perspektiven mit Hilfe der Ursache-Wirkungsketten identifiziert und ebenfalls
in Kennzahlen übersetzt.
1.2.2 Kommunikation und Herunterbrechen der Strategie
1.2.2.1 Kommunikation der Strategie
Nachdem die Strategie sowohl formuliert, als auch in konkrete
Zielsetzungen übertragen wurde, kommt ein Schritt, der für den Erfolg des Konzepts von
großer Bedeutung ist und auf welchen der Balanced Scorecard-Ansatz größten Wert legt.
Die Strategie und die Zielsetzungen müssen innerhalb des gesamten
Unternehmens, ähnlich einer Marketingkampagne, kommuniziert werden. Dies erfolgt
stufenweise "top-down", das heißt, ausgehend von der Vorstandsebene werden
Leiter der Geschäftsbereiche und Geschäftseinheiten mit der Strategie und den konkreten
Zielen vertraut gemacht. Diese wiederum schulen und informieren die Führungskräfte
funktionaler Abteilungen, bis in letzter Instanz auch die einzelnen Teams und Mitarbeiter
ein Verständnis für die langfristigen Ziele ihrer Arbeit bekommen.
Am Ende der Kommunikationsphase sollte im Idealfall jeder einzelne
Mitarbeiter die Strategie des Unternehmens wiedergeben können.
1.2.2.2 Herunterbrechen der Strategie
Die Information der Mitarbeiter über die langfristigen Ziele ihrer
Organisation sind ein wichtiger Schritt. Sie schaffen sozusagen die Voraussetzungen
dafür, daß Mitarbeiter aller Ebenen ein Verständnis für die Strategie bekommen.
Dies ist eine notwendige, aber noch nicht hinreichende Bedingung, um
auch das erforderliche Engagement bei der Belegschaft zu wecken. Dazu ist erforderlich,
daß die Mitarbeiter verstehen, wie jeder Einzelne von ihnen durch seine Maßnahmen und
seine Tätigkeit zur Verwirklichung dieser Vision beitragen kann.
Die übergeordnete Unternehmensscorecard wird dabei auf
Geschäftsbereichsebene, dann auf Abteilungs- und Teamebene heruntergebrochen. Dies
bedeutet, daß sich jedes Team überlegt, welche Kennzahlen durch seine Aktivitäten
beeinflußbar sind und in welcher Form.
Es gibt sogar bereits Praxisbeispiele, in denen jeder Mitarbeiter eine
eigene Mitarbeiterscorecard erhält, auf welcher nicht nur die Unternehmens- und
Team-Ziele enthalten sind, sondern auch seine individuellen Ziele und Maßnahmen.
1.2.3 Zielvorgaben und Planung
1.2.3.1 Zielvorgaben
Für den weiteren Scorecard-Prozeß stellt die Ermittlung konkreter
Zielvorgaben für die aufgestellten Kennzahlen den nächsten bedeutenden Schritt dar.
Da bereits mehrmals herausgestellt wurde, daß die Balanced Scorecard
sich von der Erzielung kurzfristiger Erfolge lösen möchte, orientieren sich auch die
Zielvorgaben an einem Zeithorizont von drei bis fünf Jahren.
Dabei ist zu betonen, daß Vorgaben gemacht werden, die das gesamte
Unternehmen vor eine wirkliche Herausforderung stellen und die bei ihrer Erreichung eine
herausragende Leistung darstellen. Als Beispiel könnte man eine Verdopplung des Umsatz
innerhalb der nächsten drei Jahre anstreben, was für die meisten Unternehmen wohl in der
Tat eine echte Herausforderung wäre.
Häufig erscheinen die gesteckten Ziele am Anfang unerreichbar und sind
nur mit vereinten Kräften zu schaffen. Sie bedürfen daher der vollen Unterstützung der
Mitarbeiter aller Unternehmensebenen.
1.2.3.2 Planung strategischer Initiativen und Maßnahmen
Bei der Festlegung der Zielvorgaben wird bereits deutlich, daß
bedeutende Veränderungen innerhalb der Organisation notwendig sind, um das Unternehmen
innerhalb des geplanten Zeitraumes auf den gewünschten Kurs zu bringen.
Es ist daher notwendig, die strategischen Zielsetzungen mit
strategischen Initiativen zu hinterlegen. Aufgabe des Managements ist, wiederum in
Teamarbeit und in enger Kooperation mit den Mitarbeitern, die Ausarbeitung strategischer
Maßnahmen und diese aufeinander abzustimmen. Bereits heute laufen bei vielen Unternehmen
Initiativen zur kontinuierlichen Verbesserung. Diese führen jedoch aufgrund mangelnder
Abstimmung mit der Gesamtstrategie oft nur zu operativen Verbesserungen, die nicht in der
gewünschten Form zur Verwirklichung der langfristigen Ziele beitragen.
Somit werden nach dem Scorecard-Prinzip Verbesserungs- und
Reengineering-Prozeße eingeleitet, die nicht nach ihrer kurzfristigen Kosteneinsparung
beurteilt werden, sondern die sich messen lassen an ihrem Beitrag zur Erfüllung der
Scorecard-Kennzahlen.
Entsprechend dieser Wirkung auf die Leistungstreiber und letztendlich
auf die Zielkennzahlen müssen Initiativen und Projekte auch bewertet werden und
notwendigerweise müssen auch die Ressourcen nach diesen Kriterien zugeteilt werden.
1.2.4 Strategisches Double-Loop-Lernen
Bisher wurde erklärt, wie es durch einen top-down-Prozeß zur
Formulierung einer Unternehmensstrategie, zur Umsetzung der Strategie in Ziele und
meßbare Kennzahlen kommt, wie Zielvorgaben gemacht und wie strategische Initiativen und
Maßnahmen ergriffen werden.
Erst der Zeitverlauf wird jedoch zeigen, ob die gewählte Strategie
sich als geeignet erweist, die langfristige Wertschöpfung zu sichern.
Niemand kann von vornherein sagen, daß die aufgestellten
Ursache-Wirkungsbeziehungen auch tatsächlich in der unterstellten Form auftreten. Es ist
durchaus denkbar, daß sich im Laufe der Zeit veränderte Rahmenbedingungen ergeben, die
eine Änderung der Strategie erforderlich machen.
Im Industriezeitalter wurde eine Strategie vom Management formuliert,
die breiten Mitarbeiterschichten jedoch nicht bekannt war. Diese Strategie wurde nach dem
System von Befehl und Kontrolle umgesetzt, das heißt, die Mitarbeiter erhielten von ihren
Vorgesetzten klare Anweisungen zur Ausführung ihrer Tätigkeiten.
Eine einmal definierte Strategie wurde zu oft nicht mehr auf ihre
Richtigkeit oder Gültigkeit hin überprüft. Wurden Ziele nicht erreicht, so wurde nicht
die Strategie hinterfragt, sondern es wurden Maßnahmen zu weiteren operativen
Verbesserungen, in der Regel zu Zwecken der Kostenminimierung, eingeleitet.
Solche linearen Feedbackprozeße sind heute nicht mehr praktikabel. Es
muß heute möglich sein, aufgrund eines sogenannten Double-Loop"-Verfahrens,
die zugrundegelegte Strategie zu überprüfen und bei Bedarf anzupassen oder gar ganz zu
revidieren.
Der Feedback-Prozeß besteht bei Verwendung der Balanced Scorecard
demnach aus zwei Teilen.
Zum einen besteht er in der ständigen Fortschrittsüberwachung der
strategischen Maßnahmen. Es wird stets überprüft, ob vorher definierte Meilensteine
innerhalb der dafür kalkulierten Zeit erreicht wurden und ob die strategischen
Initiativen und Maßnahmen in der gewünschten Form auf die ihr am direktesten
zuzuordnende Kennzahl wirken.
Zum anderen muß, wie bereits erwähnt, auch die Strategie selbst einer
ständigen Kontrolle unterliegen. Dies wird bei der Balanced Scorecard durch einen
Feedbackprozeß ermöglicht, der bottom-up" verläuft. Ausgehend von der
operativen Ebene, also von der Fortschrittsüberwachung von Initiativen und Maßnahmen,
sowie deren zugehörigen Kennzahlen, wird beobachtet, welche Auswirkungen diese
Veränderungen auf sämtliche anderen Kennzahlen der zugrundegelegten
Ursache-Wirkungsbeziehung haben.
Treten auch bei operativen Verbesserungen nicht die gewünschten
längerfristigen Folgen ein, so ist es wahrscheinlich, daß entweder die falschen
Leistungstreiber identifiziert wurden, oder diese sich im Laufe der Zeit verändert haben.
Dann ist eine Anpassung der Hypothesen erforderlich, im Extremfall sogar eine
Neuausrichtung der Strategie.
Damit schließt sich der Kreis wieder. Durch die Nutzung des
strategischen Feedbacks werden neue Erkenntnisse für eine Modifikation der Strategie
gewonnen, und der Scorecard-Prozeß beginnt von neuem.
1.3 Kritikpunkte am Konzept der Balanced Scorecard
Bei all den Vorteilen und Möglichkeiten, die eine Balanced Scorecard
einem Unternehmen theoretisch und praktisch bietet, darf jedoch nicht übersehen werden,
daß es auch Probleme gibt und daß auch dieses Konzept keine Wunder bewirken kann.
Sehr häufig wird der Balanced Scorecard vorgeworfen, sie orientiere
sich, trotz ihrer Kritik an der finanziellen Ausrichtung herkömmlicher
Performance-Measurement-Systeme, selbst immer noch zu stark an finanzwirtschaftlichen
Zielgrößen. Kritiker fordern, das ganze Gewicht auf Kundenorientierung, die Verbesserung
internen Prozesse und die Bedeutung des Humankapitals zu verlagern. Der finanzielle Erfolg
stellt sich ihrer Meinung nach automatisch ein.
Diesen Kritikpunkt widerlegt jedoch die Praxis. Sie hat bereits in
vielen Fällen gezeigt, daß trotz höherer Kundenorientierung und trotz einer höheren
Effizienz interner Prozesse das Finanzergebnis nicht gesteigert werden konnte, was zum
Beispiel an hohen Fixkostenblöcken durch Abschreibungen oder durch den Kündigungsschutz
liegen kann.
Manchmal werden auch kritische Stimmen laut, die behaupten, es wäre
nicht möglich, sich auf 20 bis 25 Kennzahlen gleichzeitig zu konzentrieren.
Auch dieser Kritikpunkt kann recht schnell abgewendet werden. Die
Kennzahlen einer sorgfältig ausgearbeiteten Scorecard sind schließlich keine lose
Ansammlung von Zielgrößen, sondern sie sind durch die Ursache-Wirkungsketten miteinander
verknüpft. Daher hat die Veränderung einer Kennzahl in der Regel eine direkte oder
indirekte Auswirkung auch auf andere Kennzahlen. Durch die Kausalbeziehungen wird
vermieden, daß Kennzahlen aufgestellt werden, zwischen welchen sich ein Zielkonflikt
entwickelt.
Obwohl sich das Prinzip der Balanced Scorecard recht simpel und
einleuchtend anhört, muß jedem klar sein, daß auch dieses Konzept seine Grenzen hat.
Ein Unternehmen darf sich keinesfalls allein auf die 20 oder 25
Scorecard-Kennzahlen beschränken und dies als alleinigen Schlüssel zum Erfolg
betrachten. Die ausgewählten Kennzahlen sollen dazu verhelfen, eine außergewöhnliche
Leistung in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit zu generieren.
Dieser Gedanke ist Grundvoraussetzung für das richtige Verständnis
der Balanced Scorecard als Managementsystem.
Neben den Zielgrößen der Scorecard benötigt ein Unternehmen parallel
viele andere Kennzahlen, die das Unternehmen unter Kontrolle halten und aufzeigen, wo ein
Eingreifen, zum Beispiel zur Erhaltung der Liquidität, erforderlich ist.
Desweiteren ist zu beachten, daß die Einführung einer Balanced
Scorecard häufig sehr schwierig ist, da realistische Ursache-Wirkungsbeziehungen schwer
vorhersehbar sind und daher sehr leicht falsche Leistungstreiber identifiziert werden
können.
Diesem Problem wird zwar durch das "double-loop"-Lernen
Rechnung getragen, doch treten die Wirkungen zwischen Leistungstreibern und Zielkennzahlen
meist erst mit erheblicher Zeitverzögerung ein.
Kapitel 2: Logistik
Teil
1:
Logistik Controlling
Teil 2:
Neue Anforderungen an moderne Logistik-Strategien
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