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Unser Know How ist skizziert in:
Handbuch Produktion
Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

2. Logistik

2.1 Der Begriff "Logistik"

Der Begriff Logistik kommt ursprünglich aus dem Militärwesen, es war damit die Versorgung und Ausrüstung der Streitkräfte gemeint. Soll der Begriff "Logistik" definiert werden, so muss man feststellen, dass es keine einheitliche Definition gibt, sondern verschiedene Ausprägungen des Begriffs mit unterschiedlichen Schwerpunkten unterschiedlich umfassend.

Im weitesten Sinne soll die Logistik die physische Versorgung eines Unternehmens mit Ressourcen sicherstellen, das umfasst Güter, Dienstleistungen und Informationen. Diese Begriffserklärung berücksichtigt zwar alle Aspekte, ist aber dabei sehr abstrakt und vage. Daher hat sich zum Teil zur Verdeutlichung der Integrations- und Koordinationsaktivitäten die Definition nach den sieben "r"s durchgesetzt:

"Das richtige Produkt soll in der richtigen Menge, der richtigen Qualität, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, zu den richtigen Kosten, für den richtigen Kunden verfügbar sein."

Diese praxisorientierte, einprägsame "Formel" verdeutlicht einerseits die Vielzahl der Aufgabenstellungen und Bereiche, die der Logistik zugesprochen werden, andererseits aber auch, dass es sich nicht um punktuelle Aufgaben, sondern Aufgaben im ganzen Unternehmen handelt.

Bei der Betrachtung der vielen Ausprägungen des Begriffs "Logistik" lässt sich feststellen, dass als Gemeinsamkeit vor allem der "Fluss von Stoffen und Waren" zu finden ist. Das nordamerikanische Council of Logistics Management bietet eine derartige Definition des Begriffs:

"Logistik ist der Prozess der Planung, Realisierung und Kontrolle des effizienten, kosteneffektiven Fließens und Lagerns von Rohstoffen, Halbfabrikaten und Fertigfabrikaten und der damit zusammenhängenden Information vom Liefer- zum Empfangspunkt entsprechend den Anforderungen des Kunden."

2.2 Erläuterung zu dem Begriff "Logistikkosten"

Bereits erwähnt wurden die Logistikkosten als wesentlicher Einflussfaktor auf die Erreichung der Logistikziele. Sollen Logistikkosten optimiert werden müssen, so muss analysiert werden, aus welchen Kostenarten sich der Betrag zusammensetzt:

  Steuerungs- und Systemkosten; sie umfassen die Kosten für die Planung und Steuerung des Materialflusses sowie der Fertigung, Kosten für Informationslogistik und Personaleinsatz sowie Kontrollfunktionen.

Bestandskosten, die durch das Vorhalten von Beständen entstehen. Dazu gehören zum Beispiel Kapitalkosten zur Finanzierung der Bestände, Versicherungen, Abwertungen und Verluste.

Lagerkosten, die sich aus einem fixen Teil für die Bereitstellung von Lagerkapazitäten und einem variablen Teil für die Ein- und Ausgangsprozesse zusammensetzen.

Transportkosten sowohl für externen als auch für konzerninternen Werksverkehr. Es fallen kosten für die Bereitstellung an (fix) und für die Operation der Transportmittel (variabel)

Handlingkosten, die ebenfalls in Bereitstellungskosten und volumenabhängige Betriebskosten unterteilt werden können.

Kosten mangelnder Prozesssicherheit, die sich ergeben können aufgrund mangelnder Qualität der Logistikprozesse, zum Beispiel für Nachbearbeitung, Stillstand, Konventionalstrafen.

Dennoch muss erwähnt werden, dass Kostenreduzierungen einer Art, die Kostenerhöhungen einer anderen Art zur Folge haben, im Sinne des Gesamtkostendenkens nicht angestrebt werden.

Empirische Untersuchungen beziffern den Anteil der Logistikkosten am Umsatz eines Unternehmens zwischen 4,4% und 32%. Diese enormen Unterschiede lassen verschiedene Interpretationen zu, die alle in der Praxis zu finden sind:

Über die Zusammensetzung von Logistikkosten bestehen verschiedene Auffassungen. Je nach Geschäftsfeld des Unternehmens fallen Logistikkosten in unterschiedlichem Umfang an.

2.3 Spezifische Einflussfaktoren der Logistik

Eine Pauschalierung bei der Betrachtung von Logistik ist nicht immer angebracht, da Faktoren wie zum Beispiel Beschaffenheit der Produkte, die Produktart, die Sortimentsbreite, die Variantenvielfalt, die Produktlebenszyklen, die Kundenbeziehungen, der Wert der Endprodukte oder die Art der Fertigung (anonym oder auftragsbezogen) die Anforderungen an die Logistik maßgeblich beeinflussen.

Unterscheidung: Logistik-Unternehmen , Logistik im Konzern, Logistik als Prozess

Nachdem nun der Begriff der Logistik eingegrenzt wurde, muss noch die "Beziehung" der Logistik zum Unternehmen beziehungsweise die "Position" der Logistik im Unternehmen erläutert werden. Es geht aus dem Unternehmen selbst hervor. Grob lässt sich folgende Einteilung vornehmen:

Die Logistik-Unternehmung beziehungsweise der Logistik-Dienstleister

Logistik-Unternehmungen bzw. Logistik-Dienstleister sind Unternehmnehmen, die vorwiegend logistische Prozesse für andere Marktteilnehmer in verschiedenen Ausprägungen auf dem Markt anbieten. Logistik ist also die Kernkompetenz der Unternehmung, es existiert keine Produktion im klassischen Sinne, sondern es handelt sich ausschließlich um Unternehmen des dritten Sektors. Als Beispiele für derartige Unternehmungen sind Speditionen und Kurierdienste zu nennen (z.B. UPS).

Aber auch im produzierenden Gewerbe, das auf den ersten Blick nicht über ausgeprägte Kompetenzen in der Logistik verfügen muss, lassen sich um die Produktion herum eine Vielzahl von Prozessen identifizieren, die dem Bereich Logistik zuzuordnen sind.

Wird in diesem Zusammenhang von Kunden gesprochen, so können das im Falle des Logistikdienstleisters externe Kunden sein, aber auch innerbetrieblich spricht man von den Kunden der Logistikleistungen – auch dann, wenn es sich um andere Abteilungen oder Geschäftsbereiche handelt.

Es muss also eine Analyse stattfinden, wie die "Beziehung" der Logistik zu dem Unternehmen charakterisiert werden kann – das sollte im allgemeinen keine Schwierigkeiten bereiten, hat aber weiterführende Auswirkungen auf den Einsatz der Balanced Scorecard als Management –Werkzeug.

2.4 Abgrenzung von Logistik gegenüber Produktion

Eigentlich versteht man im technischen Sinne unter dem Begriff Produktion alle Aktivitäten, die ein Gut in mindestens einer der drei Eigenschaften Raum, Zeit und Qualität verändert. Dieser Transformationsprozess ist durch fertigende, bewegende und ruhe Vorgänge beschreibbar. Bewegung bedeutet Transport, ein ruhender Vorgang bedeutet Lagerung, während der man der Fertigung Bearbeitung und Prüfung von Werkstoffen zuordnet. Logistik umfasst also ruhende und bewegende Vorgänge der Produktion.

2.5 Logistik als "Enabler", Logistik als "Driver"

Einerseits schafft die Logistik die Voraussetzungen, dass an die Kunden geliefert werden kann und dass innerhalb des Betriebes entlang der Wertschöpfungskette der Waren- und Informationsfluss funktioniert. Logistik fungiert dann also als "Enabler" im System.

Logistische Prozesse können aber ebenso die komperativen Wettbewerbsvorteile ausmachen, die besonders in der "New Economy" besonders an Bedeutung gewinnen, denn der Großteil aller E-Commerce-Plattformen bedeutet Versandhandel und zwar besonders schnell, besonders fehlerfrei, besonders kundenangepasst inklusive besonderer Serviceleistungen. Ein erheblicher Teil des Produktnutzens basiert auf Logistik-innovationen; in dem Fall sind die logistischen Prozesse als "Driver" (für neue Produkte, die sich durch ihre innovativen Zusatzleistungen im Markt abheben,) einzuschätzen.

2.6 Kennzahlen in der Logistik

Bei Kennzahlen in der Logistik unterscheidet man zwischen Struktur- und Rahmenkennzahlen sowie Kennzahlen zur Steuerung der Logistik. Bei Struktur- und Rahmenkennzahlen unterscheidet man drei Arten von Bezugsgrößen:

  Aufgabenumfang (Leistungsvolumen und –struktur)

Aufgabenträger (Mitarbeiter und Sachmittelkapazität)

die angefallenen Kosten (aufgespalten nach operativer, administrativer, dispositiver Logistik)

Die Struktur- und Rahmenkennzahlen bilden die Basis für die Kennzahlen zur Steuerung, die drei verschiedene Zielsetzungen haben können, nämlich die Messung von:

  - Produktivität
- Wirtschaftlichkeit
- Qualität

Weiterhin ist zu beachten, dass bei der Auswahl von Logistikkennzahlen für die Balanced Scorecard auch vorlaufende Indikatoren berücksichtigt werden müssen.

2.6 Aktuelle Herausforderungen an die Logistik

2.6.1 Einführung

Die aktuellen Trends und Entwicklungen, denen sich die Unternehmen generell anpassen müssen und die häufig immer wieder neue Herausforderungen an die Unternehmen stellen, haben auch für den mit Logistikaufgaben verknüpften Teil des Kerngeschäfts weitreichende Auswirkungen. Sie beschleunigen die ständig präsenten Forderungen nach Optimierung der Geschäftsprozesse.

In der Entwicklungsphase der Balanced Scorecard, wenn die Ziele für die Logistik festgelegt werden, die Kernprozesse identifiziert, Kennzahlen benannt und Maßnahmen formuliert werden, dürfen folgende Entwicklungen, die auf alle Perspektiven wirken, nicht außer acht gelassen werden. Ohne die Berücksichtigung würde an der Realität vorbei "gemanagt" werden.

2.6.2 Standardisierung versus Individualisierung

Einerseits sorgt die Globalisierung für die Einführung von weltweiten Produkten und auch Produktstandards – dies ist eine langsame Entwicklung. Aber zugleich werden die Kundenbedürfnisse differenzierter, weil es nicht nur noch um die Befriedigung von grundsätzlichen Bedürfnissen geht, sondern vor allem um Produktlösungen für individuelle Problemstellungen. Der Kunde wird anspruchsvoller, auch bezüglich der Zusatzleistungen rund um den Produktkern; verschiedene Kunden stellen vor allem bei den Zusatzleistungen verschiedene Ansprüche.

Folgt man der Argumentation, dass die Globalisierung eine Angleichung von Produkten fördert, würde es für die Logistik bedeuten, dass große Mengen weltweit befördert werden müssen.

Andererseits würden infolge der Individualisierung der Produkte eher eine Typenvielfalt entstehen bei kleineren Losgrößen in der Produktion. Auch dadurch würden sich Herausforderungen für die logistischen Prozesse ergeben. Zudem gilt es zu berücksichtigen, dass viele der Zusatzleistungen um einen Produktkern herum logistischer Art sind, es kommt also auch im Bereich der Logistik zu Individualisierung. Andersen Consulting hat in diesem Bereich einen neuen Begriff eingeführt und spricht jetzt nicht mehr von der Supply Chain aus der Sicht der produzierenden Unternehmen sondern von einer "New Demand Chain", das heißt die Produktion wird in Zukunft übergeordnet von den Kundenbedürfnissen gesteuert.

2.6.3 Informationstechnologie

Der enorme Fortschritt in der Informationstechnologie hat ebenfalls große Auswirkungen auf die Logistik, da informationstechnische Anwendungen die Steuerung logistischer Prozesse übernimmt, diese also automatisiert werden.

Computergestützt sind aufwendige optimale Planungen möglich, daher verkürzen sich Durchlaufzeiten dramatisch; komplexe Systeme werden transparenter. Die Vernetzung ermöglicht eine andere Art der umfassenden Kommunikation und Information, die entlang der Wertschöpfungskette die Abstimmung und Anpassung stark vereinfacht und individueller reagieren lässt.

Zudem hat die Informationstechnologie den ganzen Bereich des E-Commerce angeschoben, der erneut durch eine zunehmende Zahl an Versendern, die sich hohen Ansprüchen gegenüber sehen, umfangreiche logistische Prozessketten verursacht.

Das Transportwesen profitiert ebenfalls von der Informationstechnologie, die ganz neue Perspektiven eröffnet, wenn sie auch noch mit Satelliten kombiniert werden und so individuelle Optimierungen vorgenommen werden können.

2.6.4 Verringerung der Fertigungstiefe / Konzentration auf die Kernkompetenzen

An der Wertschöpfungskette eines Produktes ist nicht nur eine Unternehmung beteiligt, sondern als Trend ist zu erkennen, dass immer mehr Unternehmen an der Wertschöpfung teilhaben, jedes konzentriert sich dabei auf seine Kernkompetenz. Eine Verringerung der Fertigungstiefe bedeutet aber auch mehr logistischen Aufwand in der Kette: eine Vervielfachung logistischer Aufgaben vor allem zwischenbetrieblicher Art.

2.6.5 Neue Beschaffungsstrategien

Auch in der Beschaffung sollen langfristig Optimierungen vorgenommen werden, sodass individuell auf das Unternehmen und seinen Beschaffungsmarkt Strategien abgestimmt werden. Die Ausrichtung der Strategie kann eine Ortskomponente haben (Beschaffung weltweit bis regional), kann die Lieferantenzahl reduzieren, kann Beschaffungswege mit vermehrtem Einsatz von Informationstechnologie einschlagen oder kann vermehrt Module oder ganze Systeme einkaufen und zugleich die Eigenfertigung reduzieren. Nicht nur das Transportwesen sieht sich neuen Herausforderungen gegenüber, sondern das Beschaffungswesen, die Produktionssteuerung, die Bereitstellungslogistik und die Lagerlogistik werden sich den neuen Gegebenheiten anpassen und neue Lösungen finden müssen.

2.6.6 Unternehmenskooperationen und -zusammenschlüsse

Viele Unternehmen gehen langfristige Partnerschaften (z.B. Einkaufskooperationen) ein oder fusionieren mit anderen Unternehmen beziehungsweise werden aufgekauft. Ebenso finden horizontale Integrationen statt, das heißt Zuliefererunternehmen lassen sich an ihren Kunden anbinden. Damit müssen logistische Prozesse angepasst werden beziehungsweise zumindest koordiniert werden - eine weitere Entwicklung, die berücksichtigt werden muss.

Kapitel 3: Balanced Scorecard als Management-Tool

Teil 1:
Logistik Controlling

Teil 2:
Neue Anforderungen an moderne Logistik-Strategien

Literatur