3 Balanced Scorecard als
Management- Tool
3.1 Die Ausgangssituation in den Unternehmen
In den Unternehmen, die sich letztendlich für den Einsatz der Balanced Scorecard
entscheiden, können eine Vielzahl von Faktoren den auslösenden Impuls geben.
Beispielsweise sind hohe Kosten denkbar, die nicht transparent im Unternehmen
entstehen. In der Entwicklungsphase der Scorecard werden Kostentreiber identifiziert
und zwar nicht ausschließlich vom Controlling sondern über die verschiedenen
Funktionsbereiche hinweg. Zusätzlich erfüllt dabei die Scorecard eine ganzheitlich
informierende Aufgabe. Da Logistikleistungen aufgrund ihres Dienstleistungscharakters
gegenüber Sachleistungen schwer zu operationalisieren und quantifizieren sind, ist eine
Intransparenz der Logistikkosten häufig vorzufinden. Es kann dann lediglich die Aussage
gemacht werden, dass die Logistikkosten hoch seien.
Ausschlaggebend kann auch die Tatsache sein, dass Mitarbeiter überlastet sind. Das
führt vor allem zu einer Kundenunzufriedenheit und sollte analysiert werden, wenn Ziele
und kritische Erfolgsfaktoren der Kundenperspektive identifiziert werden. Über
Ursache-Wirkungs-Beziehungen ergeben sich dann Konsequenzen auch für die
Prozessperspektive und die vierte Perspektive "Innovation und Wachstum", denn
dort wird der Veränderungsprozess ausgelöst.
Ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ist hier zum Beispiel, dass die Anzahl der
Mitarbeiter, die mit dem Versand von Endprodukten befasst ist, zusammenhängt mit der
Fehlerhäufigkeit im Versandprozess beziehungsweise mit der Anzahl der Reklamationen. Die
individuelle Nachbearbeitung wiederum verursacht hohe Kosten. Eine Kostenreduzierung für
die Reklamationsbearbeitung kann dann erreicht werden, wenn ein umfassendes
Informationssystem zur Verfügung steht, das eine lückenlose Dokumentation der
Produktions- und Logistikprozesse sichert und demnach das Aufspüren des Fehlers
erleichtert und zeitlich stark verkürzt. (Die Informationsinfrastruktur ist Bestandteil
der vierten Perspektive und als "Enabler" zu sehen.)
Es gilt, den Status Quo zu quantifizieren und dann die Ziele präzise zu formulieren:
realistisch aber ebenso herausfordernd. In diesem Beispiel wären folgende Kennzahlen
involviert:
Anzahl der Versendungen pro Mitarbeiter pro Tag (die Kennzahl kann durch
Neueinstellungen verändert werden) Prozessperspektive
Fehlerhäufigkeit, d.h. Anzahl der fehlerhaft versandten Pakete bei der Gesamtzahl der
Versendungen Prozessperspektive
Investitionen in Informationstechnologie Innovation und Wachstum
durchschnittliche Bearbeitungszeit für Reklamationen Prozessperspektive, aber
auch Kundenperspektive
Anzahl Wiederkaufenden Reklamtionskunden (Prozentsatz) - Kundenperspektive
Auch äußere Markteinflüsse können Veränderungen notwendig machen, d.h. die
Prozesse der Konkurrenz sind leistungsfähiger und erfüllen die sich wandelnden
Kundenbedürfnisse umfassender. Die Schaffung eines innovativen Umfeldes sollte dafür
sorgen, dass Trends nicht verschlafen werden und Kundenwünsche erkannt werden. Um dies zu
messen, kann man Kennzahlen in der vierten Perspektive einführen, die zum Beispiel
versuchen die Anzahl der zukunftsorientierten, strategisch-ausgerichteten Kundengespräche
pro Kundenbetreuer pro Monat zu quantifizieren. Oder die Anzahl der Tage pro Monat, an
denen sich die Mitarbeiter auf Messen und Kongressen befinden beziehungsweise sich
umfassend über Trends informieren.
3.2 Die Balanced Scorecard als Führungsinstrument bei Fusionen, Kooperationen und
Partnerschaften
Es hat sich gezeigt, dass sich die Balanced Scorecard besonders bei
Unternehmenszusammenschlüssen oder partnerschaften als Management-Werkzeug
bewährt. Da die Balanced Scorecard Transparenz schafft, die in untereinander fremden
Unternehmenskulturen häufig noch gar nicht vorhanden ist. Die neuen Partner sind
gezwungen, die strategische Stoßrichtung und Ziele zu formulieren, die durch die
organisatorische Umwandlung entstehen. Dabei reicht es aufgrund der Scorecard nicht, vage
Erklärungen abzugeben, sondern die Festlegung der für die neue Organisation so wichtigen
konkreten Ziele wird durch das Konzept erzwungen. Außerdem kommuniziert die Balanced
Scorecard die gemeinsame Strategie, die Prozesse, die gemeinsamen Ziele und Maßnahmen
sehr verständlich für alle Mitarbeiter.
Die veschiedenen Ablauforganisationen haben durch die Scorecard eine bessere Chance,
sich aneinander anzugleichen, um in einer späteren Phase zu einem reibungslos
funktionierenden Unternehmen zusammenzuwachsen, denn die Scorecard sorgt für
Kommunikation und Informationsaustausch auf allen Ebenen des Unternehmens.
Die Kontrolle der gesetzten Ziele und auch der Strategie in einem noch neuen und in der
Konstellation unerfahrenen Unternehmen kann mit Hilfe der Scorecard unternehmensweit
zielgerichtet erfolgen.
Durch die Detailierung der Scorecard bis zu jedem einzelnen Mitarbeiter deckt
eventuelle Redundanzen oder durch die neue Organisationsstruktur ineffiziente
Geschäftsprozesse auf.
3.3 Die Balanced Scorecard abgestimmt auf die Ebene von Logistik im
Unternehmen
Während bei einem Logistik-Dienstleister die Unternehmensstrategie schon eindeutig
auch die Logistik-Strategie abbildet, so muss in anderen Unternehmen die
Logistik-Strategie zunächst abgeleitet werden von der gesamten Unternehmensstrategie und
nur ein Teil der weiter verfeinerten Scorecards beinhaltet überhaupt die
Auseinandersetzung mit der Logistik im Detail. Es muss aber nicht notwendigerweise eine
Logistik-Strategie abgeleitet werden, wenn die Logistikprozesse in der Prozessperspektive
als Kernprozesse abgebildet werden; logistische Prozesse können durchaus den
limitierenden Faktor, also den kritischen Erfolgsfaktor darstellen, der bei Nichtbeachtung
ganz schnell eine Schwachstelle des Prozesses sein kann.
Je nach der "Position" der Logistik im Unternehmen, verändern sich
Sichtweisen der einzelnen Perspektiven:
Bereits für die Finanzperspektive gibt es Unterschiede in der Zielsetzung: während
der Logistik-Dienstleister eine Gewinnsteigerung durch neue, kostenintensivere
Logistik-Produkte zu erzielen vermag, kann in kleineren klassisch produzierenden Betrieben
die Reduzierung der innerbetrieblichen Transportkosten als Ziel gesetzt werden, indem
bestehende Logistikprozesse optimiert werden sollen.
Der Logistik-Dienstleister meint in der Unternehmens-Scorecard als Kunden den, der
seine Leistung letztendlich kauft und bezahlt und nicht dem Konzern angehört. Ist die
Logistik ein eigener Geschäftsbereich, sind die Kunden zu einem großen Anteil
innerbetrieblich beziehungsweise zumindest konzernintern und dem Kernprodukt des
Unternehmens untergeordnet. Ein großer Teil der Logistik-Leistungen finden nicht in
direktem Kontakt mit dem Kunden des eigentlichen Produkts statt. Bei den produzierenden
Gewerben kann wiederum aufgrund eines Ziels der Kundenperspektive - hier wieder der
tatsächliche Käufer eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zu einem logistischen
Kernprozess identifiziert werden. (Beispiel: Verkürzung der Produktionszeit durch
verkürzte Transportwege innerhalb des Betriebs)
Verschiedene Ansatzpunkte gelten natürlich ebenso für die Prozessperspektive: sind in
der Unternehmens-Scorecard des Logistik-Dienstleisters eine Anzahl von logistischen
Kernprozessen (die Leistungen des Unternehmens) zu finden, können diese, wenn es um das
Herunterbrechen auf Abteilungs-Scorecard geht, nicht mehr als Ganzes vorhanden sein,
sondern abteilungsspezifische Prozesse benennen. Ähnliches gilt für die
Geschäftsbereiche der Logistik, da die Aufgaben unter dem Oberbegriff Logistik
aufgebrochen werden in kleinere Einheiten. Andererseits kann es durchaus bei
produzierenden Unternehmen erst in einzelnen Abteilungen oder bei einer
Mitarbeiter-Scorecard zu der Identifikation von logistischen Prozessen kommt, die über
eine Ursache-Wirkung-Beziehung mit den Zielen der Kunden- oder Finanzperspektive verbunden
sind.
Für die Perspektive "Innovation und Wachstum" ist ebenfalls die
"Position" der Logistik im Unternehmen entscheidend, wenn es um die Ausbildung
oder Weiterbildung von Mitarbeitern geht, ist die Fokussierung auf Logistik entsprechend
zu berücksichtigen bei der Erstellung der Balanced Scorecard. Der Anteil der
Investitionen für Entwicklungen im Bereich Logistik wird abhängen von der Signifikanz im
Unternehmen.
3.4 Vorteile der Balanced Scorecard für die Umsetzung von Logistik-Strategien
Die Balanced Scorecard eignet sich besonders für die Logistik, weil der
Unternehmenserfolg auch aus einer ganzheitlichen Sicht analysiert wird und Optimierung von
logistischen Prozessen immer über die gesamte Logistikkette erfolgen sollte nicht
punktuell, da die Gesamtkosten der Logistik entscheidend sind. Die Balanced Scorecard kann
alle Prozesse umfassend abbilden, ohne dass einzelne Einflussfaktoren aus den Augen
verloren werden.
Weiterhin eignet sich die Balanced Scorecard, um miteinander konkurrierende Ziele zu
einem Konsens zu verknüpfen wie der Name schon sagt: balanced = ausgeglichen. Wie
bereits dargestellt hat die Logistik das Problem, Differenzierung durch Qualität mit
Kostensenkungen zu verknüpfen. Andererseits eignet sich die unternehmensweite Scorecard
auch, um die mit der Logistik konkurrierenden Ziele auszubalancieren. Während die
Forschung & Entwicklung eine Teile- und Typenvielfalt anstreben könnte, ist die
Produktion eher an großen Losgrößen und wenigen Typen interessiert. Der Vertrieb ist an
schneller Auftragsabwicklung und Auslieferung interessiert, was hohe Lagerbestände und
hohe Transportkosten bedeutet. Die Verwaltung legt hingegen auf kostengünstige
Auftragsabwicklung und Auslieferung Wert.
Auf die Vorteile der Balanced Scorecard für Fusionen wurde bereits eingegangen.
Im Gegensatz zu anderen Management-Tools beinhaltet die Balanced Scorecard eine
Kundenperspektive; das ist von besonderer Bedeutung in der Logistik, da der Servicegedanke
beziehungsweise die Anpassung an Kundenwünsche die komparativen Wettbewerbsvorteile
darstellen können gegenüber der Konkurrenz.
Die Einführung der Balanced Scorecard kann auch der entscheidende Schritt sein, um die
Logistik im Unternehmen von einer operativen Ebene auf eine strategische zu heben, also
Ziele verfolgt und Maßnahmen zur Zielerreichung ergriffen werden.
Bei der Erstellung der Balanced Scorecard und im weiteren Verlauf der Anwendung werden
logistisches Wissen und logistisches Denken, das bisher nicht immer in den Organisationen
verankert ist, an einen größeren Mitarbeiterkreis weitergegeben. Ebenso werden durch die
Institutionalisiserung auch die Führungskräfte auf die Signifikanz von Logistik
die kurzfristige, operative Unternehmenssteuerung aufmerksam gemacht.
3.5 Die vier Perspektiven der Balanced Scorecard Beispiele für Ziele,
Kennzahlen und Maßnahmen aus der Logistik
Ein typischer logistischer Prozess wurde ausgewählt, um beispielhaft eine Scorecard zu
erstellen: die Reklamationsabwicklung.
Beispiel: Scorecard für
Reklamationsabwicklung |
| Perspektive |
Ziel |
Kennzahl |
Maßnahme |
| Finanzen |
Kosten senken, Folgekosten minimieren |
Kosten pro Reklamation |
Prozesskostenrechnung |
| Kunden |
Kundenbindung erhalten |
Kundenzufriedenheit für Reklamationsvorgang |
Kundenbefragung |
|
Wiederkaufrate nach Reklamation |
Besonderes Kundenbetreuungs-
programm während und nach der Reklamation |
| Spezielle Reklamationskunden betreuen |
Kundenspezifische Kennzahl: Anzahl der Reklamation/ Anzahl der
Bestellungen |
Ursachenforschung |
| Intern |
Kurze Bearbeitungszeit des Reklamationsvorgangs |
Zeit des Reklamationsvorgangs aufgesplittet nach Prozessteilen |
einheitliches Dokumentationsschema aller Versendungen einführen |
| Zahl der Reklamationen mindern |
spezifische Fehlerhäufigkeit |
Ursachenforschung |
| Nachvollziehbarkeit des Vorgangs verbessern |
Interne Rückfragen pro Reklamation |
Software-Tool bereitstellen |
| Innovation und Wachstum |
Keine Frustration unter zuständigen Mitarbeitern |
Reklamationen pro Mitarbeiter pro Woche |
Rotationsprinzip |
| Lösungsansätze intern entwickeln |
Vorschläge pro Monat |
Workshops veranstalten |
| Innovative IT-Prozessunterstützung |
Aufwendungen für Software-Entwicklung |
individuelle Programmierung von prozessspezifischer Software |
An diesem Beispiel sind auch einige Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu erkennen. Zum
Beispiel:
Wenn Folgekosten (d.h. z.B. Ausfallkosten) minimiert werden sollen, dann ist es
wichtig, den Kunden trotz zeitweiliger Unzufriedenheit als Kunden zu erhalten.
Sollen Kosten gesenkt werden, dann muss Ursachenforschung für die Reklamationen
betrieben werden - einerseits die Fehler innerhalb des Unternehmens und dann die
Reklamationen, die beim Übergang vom Unternehmen zum Kunden entstehen.
Kosten werden gesenkt, indem die Zeit pro Reklamation verkürzt wird.
Verkürzte Durchlaufzeiten erreicht man durch ein anwendungsfreundliches, spezifisch
auf die Aufgabe abgestimmtes Software-Tool zur Verfügung stellen kann.
Kundenzufriedenheit erreicht man durch freundliche Mitarbeiter.
In einer weiteren Spalte der Balanced Scorecard sollten Verantwortlichkeiten festgelegt
werden.
Eine zusätzliche Anmerkung zur vierten Perspektive: Innovation und Wachstum ist
sinnvoll:
Ebenso wie bei der physischen Produktentwicklung gilt für die vierte Perspektive, dass
im Umgang mit den Kunden deren aktuellen Bedürfnisse und zukünftigen Ansprüche
herausgehört werden sollten. Mitarbeiter sollten antizipativ ihre Ideen bei der
Leistungsentwicklung einbringen können. Entsprechend würde man in der Balanced Scorecard
konstatieren:
| Ziel |
Innovative Leistungsentwicklung durch
die Kundenbetreuer |
| Kritischer Erfolgsfaktor: |
Kenntnis der Prozesse und Wünsche des
Kunden. |
| Kennzahl: |
Anzahl der individuell an Kunden
angepasste Lösungen |
| Maßnahmen: |
Kundenprogramme, Veranstaltungen für
Mitarbeiter, um ständig auf dem neuesten Stand von Technik und Produktfortschritt zu
sein. |
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