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Handbuch Produktion
Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

Elemente des E-Supply Chain Management (E-SCM)
Ein Beitrag von Rainer Kämpf und Leticia Martino

Thema des Monats Mai 2004

E-Business bietet innerhalb des Supply Chain Management Unterstützung auf sechs Anwendungsfeldern, die im folgenden genauer behandelt werden:

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Abb.1: Anwendungsfelder des E-Business im Rahmen des SCM

  • E-Information

E-Information umfasst die zeitsynchrone Bereitstellung von Informationen innerhalb der Supply Chain auf der Basis des Internets. Dies ist besonders wichtig bei mehrstufigen Prozessketten mit verschiedenen beteiligten Unternehmen. Die bereitgestellte Information steht sofort allen Partnern der Supply Chain zur Verfügung. Hier zur Erläuterung ein Beispiel: Ein Automobilhersteller gibt seine Bedarfsvorschau an den Systemlieferanten; der errechnet den Materialbedarf und bestellt bei seinen Zulieferern; die wiederum beauftragen ihre Lieferanten. Der terminliche Aspekt der Informationsübermittlung wird somit abhängig von der Lieferebene. Über Lieferschwierigkeiten bei Unterlieferanten wird der Automobilhersteller zu spät oder gar nicht informiert. Bei einem internetbasiertes Informationsaustausch werden alle Informationen direkt für alle Partner der Supply-Chain zugänglich, Planungsänderungen können somit frühzeitig erkannt und berücksichtigt werden, Engpässe eines Lieferanten können innerhalb der Prozesskette ausgeregelt werden. Einen Wettbewerbvorteil erlangt man, wenn es gelingt, diese Informationspipeline von der eigenen Produktion über Zulieferer, Vertrieb, Händler schließlich bis zum Kunden auszuweiten. Das angestrebte Ziel ist es, dass der Kunde sein Produkt am Bildschirm selbst konfigurieren kann. Bei manchen Automobilfirmen wie z.B. MCG-Smart wird dies schon umgesetzt. Man spricht von Production on Demand, der Kunde ist jetzt der Auslöser des Produktionsprozesses.

Die Vernetzung durch Internet bietet sich vor allem für kleinere Unternehmen als kostengünstige Lösung an, die als Zulieferer in eine Supply Chain eingebunden sind. Früher wurde der Informationsaustausch über eigene Datenleitungen abgewickelt, so genannte EDI-Systeme. Diese Lösungen waren meist zu teuer für mittelständische Unternehmen. Zwischen den Automobilherstellern und den großen Zulieferern der ersten Lieferebene liegt die Quote der Vernetzung via EDI bei nahezu 100%. Dagegen ist die Vernetzung via EDI zwischen den Lieferanten der ersten und zweiten Ebene nur ungefähr 20%. Durch konsequente Anwendung von E-Information benötigen diese zumeist kleineren Unternehmen nur noch einen Internet-Anschluss, um informationstechnisch in die Prozesskette eingebunden zu sein. Damit besteht auch die Möglichkeit der Automatisierung aller Informationsabläufe. Die mit E-Information verbundene Kosteneinsparung und Verbesserung der Informationsqualität und –aktualität zeigen die Attraktivität dieser Lösung. Mit der Informationstransparenz ergibt sich aber auch ein höherer Wettbewerbsdruck vor allem für Unternehmen an der Basis der Zulieferpyramide. Die Offenheit der Anwendung ermöglicht einen breit angelegten Preisvergleich. Als Nachteil wird in der Literatur vielfach der Verlust an direktem (persönlichem) Kundenkontakt angeführt. Dies wird vor allem von den Zulieferern bemängelt. Probleme, die früher durch direkte Kontaktaufnahme des Lieferanten beim Kunden kooperativ gelöst wurden, führen nun zum Ablauf aufwendiger Massnahmenpakete. Mit der Einführung von E-Information sind ebenso tief greifende Prozess-Reorganisationen durchzuführen, um die Potenziale optimal auszunutzen. Qualifizierende und motivationssteigernde Massnahmen für die Mitarbeiter sind dabei unerlässlich.

  • E-Commerce

E- Commerce ist definiert als der Kauf und Verkauf von Waren und Dienstleistungen über das Internet, und beschränkt sich auf die Beziehung zwischen dem Unternehmen und den Kunden (B2C= Business to Customer). Das Internet übt hier die Rolle der Übertragunsplattform aus. Der Kunde kann selbst seine Wünsche im Internet eingeben, diese werden verarbeitet und die Bestellung des Produktes erfolgt nahezu sofort. Aufgrund der schnellen Bestellung erwartet der Kunde zumeist auch eine möglichst sofortige Lieferung bzw. wenigstens die ständige Auskunftsbereitschaft des Lieferanten über den aktuellen Staus der Bestellung. Für diese Aufgaben der Kundenintegration sind in den IT-Lösungen des Supply Chain Managements spezifische Funktionen enthalten. Auf der Planungsebene gibt es z.B. die "Verfügbarkeits- und Machbarkeitprüfung", auf der Betriebsebene das "Tracking & Tracing". Bei der Verfügbarkeits- und Machbarkeitprüfung kann der Kunde nach der Verfügbarkeit seines gewünschten Produkts fragen und einen gesicherten Liefertermin erhalten. Das Tracking & Tracing ermöglicht die Überwachung des Auftrags- bzw. Lieferstatus durch den Kunden. Dies ist eine Funktionalität, die inzwischen viele Logistikdienstleistunger realisiert haben.

Abbildung 2 fasst die Auswirkungen des E-Commerce auf die Logistik zusammen:

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Abb. 2: Auswirkungen von E-Commerce auf die Logistik

Durch die konsequente Ausrichtung auf den Kunden entsteht eine

neue Erwartungshaltung an die logistischen Leistungen. Diese müssen in der

Logistikkette abgedeckt werden. Dem Käufer sein individuelles Produkt so schnell wie möglich zu liefern, kann nicht alleine von der letzten Stufen einer Supply Chain sichergestellt werden. Die Unternehmen der gesamten Wertschöpfungskette müssen zusammen arbeiten, um die Befriedigung des Kundenbedarfs hinsichtlich Produktauswahl, Verfügbarkeit und Preis bei gleichzeitig rationellem Ressourceneinsatz und möglichst geringen Beständen zu erreichen. Die Verbindung von IT- und Kommunikationssystemen zur Planung und Steuerung der Logistikkette mit den physischen Prozessen ist der Garant für die Zufriedenheit des Kunden.

  • E-Procurement

E- Procurement beschäftigt sich mit der Optimierung der Beziehungen zwischen Unternehmen und Lieferanten (B2B: Business to Business) durch die Unterstützung des konventionellen Beschaffungsprozesses durch elektronische Medien. Die Breite der Anwendungen von E-Procurement-Systemen reicht von B2B-DesktopPurchasing-Systemen, d.h. zwei oder mehrere Partner sind direkt elektronisch miteinander verbunden, bis hin zu öffentlichen Marktplätzen, wo in der Regel mit einem katalogisierten Bestellsystem gearbeitet wird. Abbildung 3 zeigt die verschiedenen Aufgabenbereiche, die durch ein E-Procurement-System abgedeckt werden:

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Abb.3: Aufgabenbereiche eines E-Procurementsystems

Die digitalen Marktplätze gewinnen immer mehr an Bedeutung. Beispielsweise haben die Automobilhersteller Daimler Chrysler, Ford und General Motors seit ein paar Jahren einen gemeinsamen Marktplatz "Covisint" geschaffen, auf dem sie mit ihren Zulieferern kommunizieren, der aber auch den Lieferanten untereinander für deren Beschaffungaufgaben zur Verfügung steht. In diesem Falle zwingt das starke Einkaufspotential dieser Autohersteller die Lieferanten in diesen Markt einzusteigen. E-Procurement ermöglicht insgesamt gesehen Vorteile hinsichtlich Kosten und Zeitbedarf. Mit seiner Einführung ist aber auch eine Reorganisation und Neuausrichtung der Geschäftsprozesse im Unternehmen verbunden und dies stellt wohl den wesentlichen Erfolgsfaktor von E-Procurement dar.

  • E-Fulfillment

E-Fulfillment ist der konsequente Schritt nach der Realisierung einer E-Commerce oder E-Procurement Lösung und umfasst die vollständige elektronische Auftragsabwicklung von der Internet-Bestellung bis zur Bezahlung, Lagerung, dem Transport und der Auslieferung sowie dem After-Sales Service.

Die Anforderungen an eine E-Fulfillment Lösung sind deshalb dementsprechend hoch:

  • Verlässlichkeit (hohe Liefertreue nach Termin und Menge, Verfügbarkeit des gewünschten Produkts und Vermeidung von nicht-autorisierten Substitutionen)
  • Geschwindigkeit der Lieferung
  • Transparenz (jederzeit exakte Information über Bestände und Auftrags-status)
  • Niedrige Kosten (z.B. durch ein effektives Retourenmanagement)
  • Hohe Flexibilität (d.h. schnelle Anpassung an sich verändernde Produkte, Kunden, Märkte und Dienstleistungen)

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Abb.4: Aufgabenbereiche des E-Fulfillment

 

Es geht hier nicht nur darum die operativen Dienstleistungen der Logistikkette zu optimieren, wie etwa Lagerhaltung, Kommissionierung und Distribution, sondern auch die administrativen Logistikdienstleistungen, wie C-Teile Management, Transportorganisation, Logistikplanung, Sendungsverfolgung oder Implementierung von Informationssysteme zu unterstützen. Somit ist der Einsatz von E-Fulfillment im Zusammenhang mit Supply Chain Management notwendig für die Implementierung von 4th Party Loqistics. Die Implementierung von 4th Party Logistics bedeutet für Auftraggeber und Dienstleister (4th Party Logistics Provider) die Umsetzung eines durchgehend transparenten Informationsflusses und die vollständige Integration der IT-Landschaft. Die Stufen, die zu dieser Integration führen, sind Abbildung 5 dargestellt.

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Abb.5: Stufen der IT-Integration in 4th Party Logistics

  • E-Collaboration

Das Element E-Collaboration ist eine wichtige Unterstützungsfunktion, denn es stellt definierte Workflows über die verteilte Abwicklung von Geschäftsprozessen zwischen den Unternehmern zur Verfügung. Durch E-Collaboration kann die Durchführung der Aufgaben des Supply Chain Managements auf die Unternehmen in der Wertschöpfungskette verteilt und dementsprechend synchronisiert abgearbeitet werden.

Mit der Umsetzung einer E-Collaboration Lösung ergeben sich zwei prinzipielle Möglichkeiten, die auch neue Dienstleistungen mit sich bringen:

  • Wesentliche Funktionen können dezentral im Unternehmen durchgeführt werden. Dazu müssen die beteiligten Unternehmen mit einer entsprechenden Software ausgestattet sein. Der Planungsprozess kann dann mit Hilfe vordefinierter Workflows über eine E-Collaboration-Komponente hinsichtlich des Bedarfs abgeglichen und synchronisiert werden.
  • Es können auch Aufgaben zentralisiert werden, indem alle Informationen über Partner gesammelt und die taktischen Planungsaufgaben bestimmt werden. Da es sich hierbei um ein Konzept mit zentralem Ansatz handelt, kann ein ASP (Application Service Provision) eingesetzt werden. Dadurch ergeben sich hinsichtlich Investitions- und Pflegeaufwand kostengünstige Lösungen, die gerade für klein- und mittelständische Unternehmen von großem Interesse sind. Allerdings stellt eine ASP-Lösung hohe Anforderungen and die Stabilität der Geschäftsprozesse.

Momentan wird gerade bei Softwareherstellern an Konzepten zur engeren Integration der Logistikpartner über kollaborative Planung und Steuerungslösungen gearbeitet. Weiterhin wird die Einbindung von E-Procurement- und E-Commerce- Systemen stark forciert. Mit dieser engen Verflechtung wird von der IT-Seite der wesentliche Schritt in Richtung einer Integration von E-Business und Supply Chain Management beschritten.

Aufwand und Probleme, die bei einer Implementierung von E-Collaboration auftauchen könnten, sollten allerdings nicht unterschätzt werden. Hier ist noch ein wesentlicher Entwicklungsaufwand seitens der IT-Firmen zu leisten, der sich auch in der konkreten Realisierung bei Produzenten und Logistikdienstleistern niederschlagen wird. Weiterhin müssen die physischen Logistikprozesse so angepasst werden, dass sie den Anforderungen einer schneller Planung und Steuerung genügen.

Mit der Einbindung der E-Business Segmente ergeben sich folgende neue Aufgabensfelder für das Supply Chain Management:

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Abb.6: Aufgabenfelder für das Supply Chain Management mit E-Business

  • Das Zusammenspiel von E-Business und SCM

Wenn man von einer Anfrage eines Kunden über eine E-Commerce-Komponente ausgeht, wie z.B. ein Web-Store, werden über ein ATP/CTP-Modul die Verfügbarkeit und der Liefertermin des gewünschten Produktes beziehungsweise eines Ersatzproduktes festgestellt. Informationen über das Kundenverhalten werden in einem CRM-System gespeichert und weiter verwendet, um wertvolle Informationen für zukünftige Prognosen zu liefern. Bei Bestellung eines Produktes durch den Kunden kann seine Verfügbarkeit in der Distributionskette über die Distributionsplanung festgestellt und gegebenenfalls auch gleich der Auslieferungsprozess gestartet werden. Im anderen Falle wird der Kundenauftrag in der Produktionsplanung neu eingeplant. Die Teile, die für die Produktion benötigt werden, bestimmt die Beschaffungsplanung, die Bestellung wird über ein E-Procurement-System ausgeführt. Dies kann entweder im Rahmen einer bilateralen Beziehung zwischen Lieferant und Produzent stattfinden, oder in einen Marktplatz mit mehreren Lieferanten. In die Beziehung zwischen Produzent und Lieferant können aber auch weitere E-Collaboration Elemente hinzugefügt werden. So ist über die Bedarfsprognosen eine detaillierte Vorschau auf den Teile- und Materialbedarf möglich, der über abgestimmte Kooperationsprozesse mit den Kapazitäten und Beständen der Zulieferer abgeglichen werden kann. Es ist hier möglich mit Hilfe eines E-Procurement-System, eine stufenweise Betrachtung der Wertschöpfungskette durchzuführen, die nicht nur die produzierenden Unternehmen, sondern auch die Logistikdienstleister mit einschließt. Am Ende dieser Planungsstufe steht die Steuerung und Überwachung der Auftragsabwicklung mit Hilfe des Supply Chain Event Managements und der Ausführungsmodelle, die auch die Funktionalität des Tracking & Tracing einschließen.

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Abb.7: Zusammenspiel von E-Business-Komponenten und SCM

  • Zusammenfassung

Trotz der großen Potenziale, die im E-Supply Chain Management gesehen werden, ist der Realisierungsgrad heutzutage noch sehr gering. Es besteht die Tendenz, dass Unternehmen sich eher lokale als globale Ziele setzten. Der Fokus liegt weiterhin auf PPS-Software anstatt SCM-Software. Die Applikationen des Internets werden tendenziell eher als Fronten angesehen, ohne weitergehende Integration mit den Systemen der anderen Unternehmen in der Supply Chain. Ein Grund hierfür ist die große Differenz zwischen den Erwartungen an die neuen Technologie und der Grad, in dem diese in der Realität durchgesetzt werden. Ein SCM-Softwaresystem wird nie die Integration der Supply Chain realisieren und optimale Pläne generieren, die gesamte Supply Chain kontrollieren und das PPS ersetzen. Die Realität ist, dass SCM-Systeme Planvorschläge generieren, abhängig von der Qualität der eingegebenen Daten und ihre Aktualität. Somit ist das System immer an die Information der PPS-Systeme gebunden. Die Komplexität der Wertschöpfungskette und die notwendige schnelle Adaptation auf sich verändernde Märkte erfordern, dass die Steuerung und Planung in der Hand des Menschen bleibt, d.h. der menschliche Faktor darf nie ganz ausser Acht gelassen werden. Man kann aber diese Arbeit durch passende IT-Systeme unterstützen.

Die angestrebte Planung und Steuerung einer Supply Chain erfordert eine unternehmensübergreifende durchgängige IT-Vernetzung, in der Bausteine des E-Business eng mit den Modulen des SCM ineinander greifen müssen. Die Realisierung derartiger E-Supply-Chain-Management-Lösungen ist bis heute die Ausnahme, unter anderem weil die Integration der Softwaretools für Supply Chain Management und E-Business erst am Anfang steht. Die Einführung von E-Supply-Chain-Management in einem Unternehmen muss heute schon strategisch geplant und integriert betrachtet werden. Ist die Umdenkphase und die Neuorganisation der Prozesse und Strukturen schon abgeschlossen und besteht eine durchgängige IT-Vernetzung , dann ist die Umsetzung von E-Supply-Chain-Mangement nur noch ein kleiner Schritt ist.

  • Literaturempfehlung:

Buchholz, Werner: Supply Chain Solutions, Handelsblatt Bücher, Schäffer Poeschel, Stuttgart 2001

Buxmann, König u.a.: Zwischenbetriebliche Kooperation mit mySap.com,

Springer, Berlin, 2003

Kuhn, Hellingrath: Supply Chain Management, Springer, Berlin, 2002.

Thaler: Supply Chain Management, Fortis-Verlag, 2001

Phohl (Hrsg): Supply Chain Management,Erich Schmidt-Verlag, 2000