E-Business bietet innerhalb des Supply Chain Management Unterstützung auf
sechs Anwendungsfeldern, die im folgenden genauer behandelt werden:
Abb.1: Anwendungsfelder des E-Business im Rahmen des SCM
E-Information umfasst die zeitsynchrone Bereitstellung von Informationen innerhalb der
Supply Chain auf der Basis des Internets. Dies ist besonders wichtig bei mehrstufigen
Prozessketten mit verschiedenen beteiligten Unternehmen. Die bereitgestellte Information
steht sofort allen Partnern der Supply Chain zur Verfügung. Hier zur Erläuterung ein
Beispiel: Ein Automobilhersteller gibt seine Bedarfsvorschau an den Systemlieferanten; der
errechnet den Materialbedarf und bestellt bei seinen Zulieferern; die wiederum beauftragen
ihre Lieferanten. Der terminliche Aspekt der Informationsübermittlung wird somit
abhängig von der Lieferebene. Über Lieferschwierigkeiten bei Unterlieferanten wird der
Automobilhersteller zu spät oder gar nicht informiert. Bei einem internetbasiertes
Informationsaustausch werden alle Informationen direkt für alle Partner der Supply-Chain
zugänglich, Planungsänderungen können somit frühzeitig erkannt und berücksichtigt
werden, Engpässe eines Lieferanten können innerhalb der Prozesskette ausgeregelt werden.
Einen Wettbewerbvorteil erlangt man, wenn es gelingt, diese Informationspipeline von der
eigenen Produktion über Zulieferer, Vertrieb, Händler schließlich bis zum Kunden
auszuweiten. Das angestrebte Ziel ist es, dass der Kunde sein Produkt am Bildschirm selbst
konfigurieren kann. Bei manchen Automobilfirmen wie z.B. MCG-Smart wird dies schon
umgesetzt. Man spricht von Production on Demand, der Kunde ist jetzt der Auslöser
des Produktionsprozesses.
Die Vernetzung durch Internet bietet sich vor allem für kleinere Unternehmen als
kostengünstige Lösung an, die als Zulieferer in eine Supply Chain eingebunden sind.
Früher wurde der Informationsaustausch über eigene Datenleitungen abgewickelt, so
genannte EDI-Systeme. Diese Lösungen waren meist zu teuer für mittelständische
Unternehmen. Zwischen den Automobilherstellern und den großen Zulieferern der ersten
Lieferebene liegt die Quote der Vernetzung via EDI bei nahezu 100%. Dagegen ist die
Vernetzung via EDI zwischen den Lieferanten der ersten und zweiten Ebene nur ungefähr
20%. Durch konsequente Anwendung von E-Information benötigen diese zumeist kleineren
Unternehmen nur noch einen Internet-Anschluss, um informationstechnisch in die
Prozesskette eingebunden zu sein. Damit besteht auch die Möglichkeit der Automatisierung
aller Informationsabläufe. Die mit E-Information verbundene Kosteneinsparung und
Verbesserung der Informationsqualität und aktualität zeigen die Attraktivität
dieser Lösung. Mit der Informationstransparenz ergibt sich aber auch ein höherer
Wettbewerbsdruck vor allem für Unternehmen an der Basis der Zulieferpyramide. Die
Offenheit der Anwendung ermöglicht einen breit angelegten Preisvergleich. Als Nachteil
wird in der Literatur vielfach der Verlust an direktem (persönlichem) Kundenkontakt
angeführt. Dies wird vor allem von den Zulieferern bemängelt. Probleme, die früher
durch direkte Kontaktaufnahme des Lieferanten beim Kunden kooperativ gelöst wurden,
führen nun zum Ablauf aufwendiger Massnahmenpakete. Mit der Einführung von E-Information
sind ebenso tief greifende Prozess-Reorganisationen durchzuführen, um die Potenziale
optimal auszunutzen. Qualifizierende und motivationssteigernde Massnahmen für die
Mitarbeiter sind dabei unerlässlich.
E- Commerce ist definiert als der Kauf und Verkauf von Waren und Dienstleistungen über
das Internet, und beschränkt sich auf die Beziehung zwischen dem Unternehmen und den
Kunden (B2C= Business to Customer). Das Internet übt hier die Rolle der
Übertragunsplattform aus. Der Kunde kann selbst seine Wünsche im Internet eingeben,
diese werden verarbeitet und die Bestellung des Produktes erfolgt nahezu sofort. Aufgrund
der schnellen Bestellung erwartet der Kunde zumeist auch eine möglichst sofortige
Lieferung bzw. wenigstens die ständige Auskunftsbereitschaft des Lieferanten über den
aktuellen Staus der Bestellung. Für diese Aufgaben der Kundenintegration sind in den
IT-Lösungen des Supply Chain Managements spezifische Funktionen enthalten. Auf der
Planungsebene gibt es z.B. die "Verfügbarkeits- und Machbarkeitprüfung", auf
der Betriebsebene das "Tracking & Tracing". Bei der Verfügbarkeits- und
Machbarkeitprüfung kann der Kunde nach der Verfügbarkeit seines gewünschten Produkts
fragen und einen gesicherten Liefertermin erhalten. Das Tracking & Tracing ermöglicht
die Überwachung des Auftrags- bzw. Lieferstatus durch den Kunden. Dies ist eine
Funktionalität, die inzwischen viele Logistikdienstleistunger realisiert haben.
Abbildung 2 fasst die Auswirkungen des E-Commerce auf die Logistik
zusammen:

Abb. 2: Auswirkungen von E-Commerce auf die Logistik
Durch die konsequente Ausrichtung auf den Kunden entsteht eine
neue Erwartungshaltung an die logistischen Leistungen. Diese müssen in der
Logistikkette abgedeckt werden. Dem Käufer sein individuelles Produkt so schnell wie
möglich zu liefern, kann nicht alleine von der letzten Stufen einer Supply Chain
sichergestellt werden. Die Unternehmen der gesamten Wertschöpfungskette müssen zusammen
arbeiten, um die Befriedigung des Kundenbedarfs hinsichtlich Produktauswahl,
Verfügbarkeit und Preis bei gleichzeitig rationellem Ressourceneinsatz und möglichst
geringen Beständen zu erreichen. Die Verbindung von IT- und Kommunikationssystemen zur
Planung und Steuerung der Logistikkette mit den physischen Prozessen ist der Garant für
die Zufriedenheit des Kunden.
E- Procurement beschäftigt sich mit der Optimierung der Beziehungen zwischen
Unternehmen und Lieferanten (B2B: Business to Business) durch die Unterstützung des
konventionellen Beschaffungsprozesses durch elektronische Medien. Die Breite der
Anwendungen von E-Procurement-Systemen reicht von B2B-DesktopPurchasing-Systemen, d.h.
zwei oder mehrere Partner sind direkt elektronisch miteinander verbunden, bis hin zu
öffentlichen Marktplätzen, wo in der Regel mit einem katalogisierten Bestellsystem
gearbeitet wird. Abbildung 3 zeigt die verschiedenen Aufgabenbereiche, die durch ein
E-Procurement-System abgedeckt werden:

Abb.3: Aufgabenbereiche eines E-Procurementsystems
Die digitalen Marktplätze gewinnen immer mehr an Bedeutung. Beispielsweise haben die
Automobilhersteller Daimler Chrysler, Ford und General Motors seit ein paar Jahren einen
gemeinsamen Marktplatz "Covisint" geschaffen, auf dem sie mit ihren Zulieferern
kommunizieren, der aber auch den Lieferanten untereinander für deren Beschaffungaufgaben
zur Verfügung steht. In diesem Falle zwingt das starke Einkaufspotential dieser
Autohersteller die Lieferanten in diesen Markt einzusteigen. E-Procurement ermöglicht
insgesamt gesehen Vorteile hinsichtlich Kosten und Zeitbedarf. Mit seiner Einführung ist
aber auch eine Reorganisation und Neuausrichtung der Geschäftsprozesse im Unternehmen
verbunden und dies stellt wohl den wesentlichen Erfolgsfaktor von E-Procurement dar.
E-Fulfillment ist der konsequente Schritt nach der Realisierung einer E-Commerce oder
E-Procurement Lösung und umfasst die vollständige elektronische Auftragsabwicklung von
der Internet-Bestellung bis zur Bezahlung, Lagerung, dem Transport und der Auslieferung
sowie dem After-Sales Service.
Die Anforderungen an eine E-Fulfillment Lösung sind deshalb
dementsprechend hoch:
- Verlässlichkeit (hohe Liefertreue nach Termin und Menge, Verfügbarkeit des
gewünschten Produkts und Vermeidung von nicht-autorisierten Substitutionen)
- Geschwindigkeit der Lieferung
- Transparenz (jederzeit exakte Information über Bestände und Auftrags-status)
- Niedrige Kosten (z.B. durch ein effektives Retourenmanagement)
- Hohe Flexibilität (d.h. schnelle Anpassung an sich verändernde Produkte, Kunden,
Märkte und Dienstleistungen)

Abb.4: Aufgabenbereiche des E-Fulfillment
Es geht hier nicht nur darum die operativen Dienstleistungen der Logistikkette zu
optimieren, wie etwa Lagerhaltung, Kommissionierung und Distribution, sondern auch die
administrativen Logistikdienstleistungen, wie C-Teile Management, Transportorganisation,
Logistikplanung, Sendungsverfolgung oder Implementierung von Informationssysteme zu
unterstützen. Somit ist der Einsatz von E-Fulfillment im Zusammenhang mit Supply Chain
Management notwendig für die Implementierung von 4th Party Loqistics. Die
Implementierung von 4th Party Logistics bedeutet für Auftraggeber und
Dienstleister (4th Party Logistics Provider) die Umsetzung eines durchgehend
transparenten Informationsflusses und die vollständige Integration der IT-Landschaft. Die
Stufen, die zu dieser Integration führen, sind Abbildung 5 dargestellt.

Abb.5: Stufen der IT-Integration in 4th Party Logistics
Das Element E-Collaboration ist eine wichtige Unterstützungsfunktion, denn es stellt
definierte Workflows über die verteilte Abwicklung von Geschäftsprozessen zwischen den
Unternehmern zur Verfügung. Durch E-Collaboration kann die Durchführung der Aufgaben des
Supply Chain Managements auf die Unternehmen in der Wertschöpfungskette verteilt und
dementsprechend synchronisiert abgearbeitet werden.
Mit der Umsetzung einer E-Collaboration Lösung ergeben sich zwei prinzipielle
Möglichkeiten, die auch neue Dienstleistungen mit sich bringen:
- Wesentliche Funktionen können dezentral im Unternehmen durchgeführt werden. Dazu
müssen die beteiligten Unternehmen mit einer entsprechenden Software ausgestattet sein.
Der Planungsprozess kann dann mit Hilfe vordefinierter Workflows über eine
E-Collaboration-Komponente hinsichtlich des Bedarfs abgeglichen und synchronisiert werden.
- Es können auch Aufgaben zentralisiert werden, indem alle Informationen über Partner
gesammelt und die taktischen Planungsaufgaben bestimmt werden. Da es sich hierbei um ein
Konzept mit zentralem Ansatz handelt, kann ein ASP (Application Service Provision)
eingesetzt werden. Dadurch ergeben sich hinsichtlich Investitions- und Pflegeaufwand
kostengünstige Lösungen, die gerade für klein- und mittelständische Unternehmen von
großem Interesse sind. Allerdings stellt eine ASP-Lösung hohe Anforderungen and die
Stabilität der Geschäftsprozesse.
Momentan wird gerade bei Softwareherstellern an Konzepten zur engeren Integration der
Logistikpartner über kollaborative Planung und Steuerungslösungen gearbeitet. Weiterhin
wird die Einbindung von E-Procurement- und E-Commerce- Systemen stark forciert. Mit dieser
engen Verflechtung wird von der IT-Seite der wesentliche Schritt in Richtung einer
Integration von E-Business und Supply Chain Management beschritten.
Aufwand und Probleme, die bei einer Implementierung von E-Collaboration auftauchen
könnten, sollten allerdings nicht unterschätzt werden. Hier ist noch ein wesentlicher
Entwicklungsaufwand seitens der IT-Firmen zu leisten, der sich auch in der konkreten
Realisierung bei Produzenten und Logistikdienstleistern niederschlagen wird. Weiterhin
müssen die physischen Logistikprozesse so angepasst werden, dass sie den Anforderungen
einer schneller Planung und Steuerung genügen.
Mit der Einbindung der E-Business Segmente ergeben sich folgende neue Aufgabensfelder
für das Supply Chain Management:

Abb.6: Aufgabenfelder für das Supply Chain Management mit E-Business
- Das Zusammenspiel von E-Business und SCM
Wenn man von einer Anfrage eines Kunden über eine E-Commerce-Komponente ausgeht, wie
z.B. ein Web-Store, werden über ein ATP/CTP-Modul die Verfügbarkeit und der Liefertermin
des gewünschten Produktes beziehungsweise eines Ersatzproduktes festgestellt.
Informationen über das Kundenverhalten werden in einem CRM-System gespeichert und weiter
verwendet, um wertvolle Informationen für zukünftige Prognosen zu liefern. Bei
Bestellung eines Produktes durch den Kunden kann seine Verfügbarkeit in der
Distributionskette über die Distributionsplanung festgestellt und gegebenenfalls auch
gleich der Auslieferungsprozess gestartet werden. Im anderen Falle wird der Kundenauftrag
in der Produktionsplanung neu eingeplant. Die Teile, die für die Produktion benötigt
werden, bestimmt die Beschaffungsplanung, die Bestellung wird über ein
E-Procurement-System ausgeführt. Dies kann entweder im Rahmen einer bilateralen Beziehung
zwischen Lieferant und Produzent stattfinden, oder in einen Marktplatz mit mehreren
Lieferanten. In die Beziehung zwischen Produzent und Lieferant können aber auch weitere
E-Collaboration Elemente hinzugefügt werden. So ist über die Bedarfsprognosen eine
detaillierte Vorschau auf den Teile- und Materialbedarf möglich, der über abgestimmte
Kooperationsprozesse mit den Kapazitäten und Beständen der Zulieferer abgeglichen werden
kann. Es ist hier möglich mit Hilfe eines E-Procurement-System, eine stufenweise
Betrachtung der Wertschöpfungskette durchzuführen, die nicht nur die produzierenden
Unternehmen, sondern auch die Logistikdienstleister mit einschließt. Am Ende dieser
Planungsstufe steht die Steuerung und Überwachung der Auftragsabwicklung mit Hilfe des
Supply Chain Event Managements und der Ausführungsmodelle, die auch die Funktionalität
des Tracking & Tracing einschließen.

Abb.7: Zusammenspiel von E-Business-Komponenten und SCM
Trotz der großen Potenziale, die im E-Supply Chain Management gesehen werden, ist der
Realisierungsgrad heutzutage noch sehr gering. Es besteht die Tendenz, dass Unternehmen
sich eher lokale als globale Ziele setzten. Der Fokus liegt weiterhin auf PPS-Software
anstatt SCM-Software. Die Applikationen des Internets werden tendenziell eher als Fronten
angesehen, ohne weitergehende Integration mit den Systemen der anderen Unternehmen in der
Supply Chain. Ein Grund hierfür ist die große Differenz zwischen den Erwartungen an die
neuen Technologie und der Grad, in dem diese in der Realität durchgesetzt werden. Ein
SCM-Softwaresystem wird nie die Integration der Supply Chain realisieren und optimale
Pläne generieren, die gesamte Supply Chain kontrollieren und das PPS ersetzen. Die
Realität ist, dass SCM-Systeme Planvorschläge generieren, abhängig von der Qualität
der eingegebenen Daten und ihre Aktualität. Somit ist das System immer an die Information
der PPS-Systeme gebunden. Die Komplexität der Wertschöpfungskette und die notwendige
schnelle Adaptation auf sich verändernde Märkte erfordern, dass die Steuerung und
Planung in der Hand des Menschen bleibt, d.h. der menschliche Faktor darf nie ganz ausser
Acht gelassen werden. Man kann aber diese Arbeit durch passende IT-Systeme unterstützen.
Die angestrebte Planung und Steuerung einer Supply Chain erfordert eine
unternehmensübergreifende durchgängige IT-Vernetzung, in der Bausteine des E-Business
eng mit den Modulen des SCM ineinander greifen müssen. Die Realisierung derartiger
E-Supply-Chain-Management-Lösungen ist bis heute die Ausnahme, unter anderem weil die
Integration der Softwaretools für Supply Chain Management und E-Business erst am Anfang
steht. Die Einführung von E-Supply-Chain-Management in einem Unternehmen muss heute schon
strategisch geplant und integriert betrachtet werden. Ist die Umdenkphase und die
Neuorganisation der Prozesse und Strukturen schon abgeschlossen und besteht eine
durchgängige IT-Vernetzung , dann ist die Umsetzung von E-Supply-Chain-Mangement nur noch
ein kleiner Schritt ist.
Buchholz, Werner: Supply Chain Solutions, Handelsblatt Bücher, Schäffer Poeschel,
Stuttgart 2001
Buxmann, König u.a.: Zwischenbetriebliche Kooperation mit mySap.com,
Springer, Berlin, 2003
Kuhn, Hellingrath: Supply Chain Management, Springer, Berlin, 2002.
Thaler: Supply Chain Management, Fortis-Verlag, 2001
Phohl (Hrsg): Supply Chain Management,Erich Schmidt-Verlag, 2000