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Helmuth Gienke, Rainer Kämpf (Hrsg.): Praxishandbuch Produktion,
Carl Hanser Verlag, München, Loseblattausgabe, ISBN 3-446-40196-2
1 Wachsende Bedeutung der Beschaffung
Die Bedeutung der Beschaffung für ein Unternehmen hat sich über die Jahre hinweg
stark verändert. Früher wurde dem Einkauf eher eine operative Funktion zugeschrieben.
Aufgaben des Einkaufs waren es Preisverhandlung zu führen, Bestellung durchzuführen,
Lieferungen und Rechnungen zu prüfen sowie die Administration. Bei Vertragsverhandlungen
mit Lieferanten spielte vorzüglich die Preisfrage eine Rolle. Aber die eigentliche
Bedeutung innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette wurde verkannt.

Heute sind die Unternehmen bestrebt, ihre internen Leistungsketten zu
optimieren. Der Begriff Supply Chain Management beschreibt die Verbesserung des Material-
und Informationsflusses zwischen allen Teilnehmern innerhalb der Wertschöpfungskette
eines Unternehmens. Erstes Kettenglied ist der Einkauf und somit der Werttreiber für das
ganze Unternehmen. Somit ist das eigene Leistungsverhältnis eines Unternehmens direkt
abhängig von der Einkaufsleistung. In Einkaufsabteilungen wird zwar häufig versucht
Einkaufsleistungen zu verbessern, jedoch häufig erst bei auftretenden Schwierigkeiten
bezüglich Qualität, Konditionen oder Terminen. Das bedeutet, dass nur dann auch ein
Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten erreicht werden kann, wenn mit den besten
Lieferanten zusammengearbeitet wird.
Heutzutage wird es schwieriger und wichtiger geeignete Lieferanten auszuwählen, denn
durch die Globalisierung der Märkte hat sich die Anzahl potentieller Zulieferer sehr
stark vergrößert.
Viele Betriebe arbeiten heute mit produktionssynchronen Beschaffungskonzepten, d.h. es
wird versucht Lagerbestände möglichst zu minimieren, indem "die Lieferungen erst in
dem Moment erfolgen, in dem die eigene Leistungserbringung diese benötigt". Man
spricht bei diesen Konzepten auch häufig von Just-in-Time (JIT) Lieferungen. Ähnlich
verhält es sich mit dem verbreiteten Konzept des Outsourcing, wenn z.B. einzelne
Fertigungsabläufe von externen Dienstleistern übernommen werden. Der Lieferant muss
hinsichtlich Qualität, Liefertermin und -menge kurz-, mittel- und langfristig ein
verlässlicher Partner des Kunden sein. Dazu ist es notwendig, alle
Abnehmer-Lieferanten-Beziehungen zu gestalten, zu lenken und zu entwickeln. Diese
Aufgabenstellung wird unter dem Begriff Lieferantenmanagement zusammengefasst.
Ein erfolgreiches Lieferantenmanagement bringt in finanzieller Hinsicht zwei
wesentliche Vorteile mit sich. Zum einen können Kostenvorteile erreicht werden, denn der
Einkauf beeinflusst bis zu 60% der Kosten eines Unternehmens. Als logische Konsequenz
wirken sich die angesprochenen Kostenvorteile zum anderen direkt auf den
Unternehmensgewinn und damit auch auf die Rentabilität eines Unternehmens aus. Die
Unternehmensberatung Bain & Company untersuchte diese Auswirkungen auf Gewinn und
Rentabilität. Es zeigte sich, dass bei einer Einsparung im Einkauf von nur einem
Prozentpunkt in der Konsumgüterbranche ein Gewinnpotenzial von bis zu 4% und im Handel
sogar von bis zu 37% besteht (gemessen nach EBIT = Earnings Before Interests and Tax).
2. Der Prozess des Lieferantenmanagements
Das Lieferantenmanagement spielt heute eine zentrale Rolle innerhalb des
Beschaffungs-prozesses und umfasst alle Schritte von der Identifikation potentieller
Lieferanten über die Bewertung der Lieferanten bis hin zur Kontrolle und Steuerung der
Lieferanten-Abnehmer-Beziehung. Von großer Bedeutung sind hierbei der Austausch und das
Management von Informationen zwischen den Phasen des Beschaffungs- und
Lieferantenmanagements. Zum Beispiel müssen zur Identifikation neuer oder vorhandener
Lieferanten neben Informationen über die Bedarfs- und Beschaffungssituation auch Daten
durch die Beschaffungsmarkt-forschung oder durch interne Informationsquellen
bereitgestellt werden. Umgekehrt können die Daten, die im Rahmen des
Lieferantenmanagements gewonnen werden, als Informations- und Ausgangsbasis für einzelne
Aktivitäten in der Beschaffungsmarktforschung dienen.
Der Prozess des Lieferantenmanagement als Weiterentwicklung der traditionellen
Beschaffung ist heute zunehmend von wettbewerbsentscheidender Bedeutung. Ziel eines
optimalen Lieferantenmanagements ist es, bei minimalen Beschaffungskosten und hoher
Beschaffungseffizienz eine langfristige Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Diese
angestrebte Kombination aus Kostenführerschaft und Differenzierungsstrategie setzt das
konsequente Ausnutzen von Kostenvorteilen bzw. Kosteneinsparpotentialen voraus, sowie eine
hohe Innovationsfähigkeit und die Definition von Qualitäts- und Zeitzielen.
3 Die Beschaffungsstrategie
Zentrales Steuerungsinstrument des Lieferantenmanagements ist die
Beschaffungsstrategie, welche wiederum von der übergeordneten Unternehmensstrategie des
jeweiligen Unternehmens geprägt ist. Je nach Größe und Philosophie des Unternehmens
wird eine individuell auf das Unternehmen zugeschnittene Beschaffungsstrategie entwickelt,
mit der im Anschluss alle Aktivitäten im Rahmen des Lieferantenmanagements, wie z.B. die
Definition der zu beschaffenden Objekte sowie deren Bezugsquellen, abgestimmt werden.
Die Beschaffungsstrategie entscheidet über Multiple oder Single Sourcing, d.h. ob ein
bestimmtes Objekt nur von einem oder von verschiedenen Lieferanten bezogen werden soll und
bestimmt die Leistungs- und Wertschöpfungstiefe eines Unternehmens, d.h. evaluiert die
Frage, ob ein für die Produktion benötigtes Teil selbst gefertigt, oder eingekauft
werden soll (make-or-buy).
Somit ist die Beschaffungsstrategie zwar kein aktives Element des
Lieferantenmanagements, hat jedoch maßgeblichen Einfluss auf alle zu fällenden
Entscheidungen und wird zur Steuerung durch den Einkauf vorgegeben.
Wenn z. B. die Senkung von Materialkosten das oberste Ziel eines Beschaffungsvorgangs
ist, werden die Auswahl- und Bewertungskriterien der Lieferanten entsprechend angepasst
und gewichtet, d.h. es kommt dem Kriterium ,Preis' in Relation zu anderen
Bewertungskriterien wie etwa Qualität' und ,Lieferservice' eine entsprechend größere
Bedeutung zu.
4 Die sieben Prozessstufen
Der Prozess des Lieferantenmanagements kann in sieben Unterprozesse gegliedert
werden, welche teilweise ineinander greifen. In ihrer Summe bilden diese Prozesse den
Entscheidungsrahmen des Lieferantenmanagements.
Stufe 1: Lieferantenidentifikation
Die Lieferantenidentifikation ist der erste Schritt des Prozesses
und beschäftigt sich mit der Frage: Welche Lieferanten gibt es überhaupt? Ausgehend von
einem konkreten Bedarf werden alle Hersteller identifiziert, die dem in der
Beschaffungsstrategie festgelegten Anforderungsprofil des Unternehmens entsprechen und das
benötigte Objekt auf dem Beschaffungsmarkt anbieten. Die Suche nach Unternehmen, die das
gewünschte Produkt herstellen oder herstellen können, kann durch die Anlegung und
Nutzung von Technologie- oder Lieferantendatenbanken unterstützt werden. Bei
Spezialprodukten ist es sinnvoll die Suche auf Anbieter von ähnlichen Produkten zu
erweitern. Zusammen mit der Lieferanteneingrenzung bildet die Lieferantenidentifikation
die Lieferantenvorauswahl.
Stufe 2: Lieferanteneingrenzung
Welche der identifizierten Anbieter kommen als Lieferanten für das
Unternehmen in Frage, bzw. scheiden aus? Mit Lieferanteneingrenzung wird der Teilprozess
bezeichnet, bei dem aus der Menge der potentiellen Zulieferunternehmen diejenigen
ausgewählt werden, die den Preis- und Leistungsanforderungen des beschaffenden
Unternehmens entsprechen. Da es dem beschaffenden Unternehmen in der Regel nicht möglich
ist, alle potentiellen Anbieter auf dem Beschaffungsmarkt zu bewerten, ist eine
Eingrenzung auf einige wenige notwendig. Zur Eingrenzung werden Informationen aus der
Beschaffungsmarktforschung herangezogen. Bewährte Methoden der Lieferantenein- bzw.
-ausgrenzung sind die Ermittlung von K.o.-Kriterien, Lieferantenfragebögen sowie
Zertifikate und Auszeichnungen. Ausgrenzungskriterien können Ansprüche an die Qualität
der Produkte sein, aber auch andere Faktoren wie Ansprüche an eine umweltgerechte
Produktion, oder der Wunsch, dass der Lieferant aus derselben Region wie der Abnehmer
kommen soll, können eine Rolle spielen.
Stufe 3: Lieferantenanalyse
Ziel der Lieferantenanalyse ist es, die am besten geeigneten
Lieferanten für das beschaffende Unternehmen zu bestimmen. Sie beschäftigt sich mit der
Frage: Wie sind die zur Entscheidung relevanten Merkmale bei den verbleibenden, in Frage
kommenden Lieferanten ausgeprägt? Hierzu werden die Ergebnisse aus der
Lieferantenvorauswahl zusammengetragen und strukturiert. Neben der Untersuchung der
wirtschaftlichen, ökologischen und technischen Leistungsfähigkeit der Zulieferer anhand
von Daten und Bilanzkennzahlen sollte hierbei auch die zukünftige Beziehung zwischen
Lieferant und Abnehmer beleuchtet werden, um sich möglicherweise ergebende wechselseitige
Abhängigkeiten und Konkurrenzbelieferungen frühzeitig zu erkennen und in die Bewertung
mit einfließen lassen zu können. Entscheidungsrelevante Kriterien in der
Lieferantenanalyse sind z. B. Preis, Lieferqualität, Lieferzeit, Lieferflexibilität und
Servicegrad.
Stufe 4: Lieferantenbewertung
Unter Lieferantenbewertung versteht man die systematische,
umfassende Beurteilung der Leistungsfähigkeit bereits ausgewählter Lieferanten.
Steigende Qualitätsanforderungen sowie der Trend hin zur Lieferantenintegration machen
eine fundierte Lieferantenbewertung heute unentbehrlich. Die Lieferantenbewertung gibt
Antworten auf die Frage: Inwieweit werden die einzelnen Anforderungen von den in Frage
kommenden Lieferanten erfüllt? Und: Bewertet die Leistungsfähigkeit der einzelnen
Anbieter aufbauend auf den Ergebnissen der Lieferantenanalyse? Ziel der
Lieferantenbewertung ist neben der Sicherstellung leistungsfähiger Lieferquellen die
Steuerung der Lieferantenbeziehung, die Pflege und Entwicklung der Lieferantenbeziehung,
die objektive und transparente Gestaltung des Entscheidungsprozesses sowie die Erhaltung
und Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit.
Für die Bewertung der Leistungsfähigkeit eines Lieferanten müssen Verfahren
herangezogen werden, die für jede Entscheidungssituation aussagekräftige Ergebnisse
liefern können. Auf die einzelnen Verfahren wird später noch detaillierter eingegangen
werden. Wichtig ist, dass möglichst viele Bewertungskriterien verarbeitet und sowohl
quantitativ messbare als auch qualitative Kriterien berücksichtigt werden. Es werden
sieben Hauptbewertungskriterien unterschieden, die im Verlauf der Arbeit noch näher
erläutert werden.
Bewertet werden müssen vor allem strategisch wichtige Lieferanten und solche mit hohem
Optimierungspotenzial. Im Idealfall sollte die Bewertung mindestens einmal jährlich
erfolgen und die Ergebnisse gemeinsam mit dem Lieferanten besprochen werden.

Stufe 5: Lieferantenauswahl
Mit der Lieferantenauswahl wird der Entscheidungsprozess
abgeschlossen. Im Rahmen einer strategischen Lieferantenauswahl werden Erfolgspotentiale
für das Unternehmen ermittelt und das optimale Portfolio an Zuliefererfirmen
zusammengestellt. Anschließend werden mittels der operativen Lieferantenauswahl an diesen
Lieferantenkreis konkrete Aufträge über bestimmte Beschaffungsobjekte vergeben. Bei der
Auswahl der Lieferanten sollten sowohl die Ergebnisse der Lieferantenbewertung als auch
die in der Lieferantenanalyse beschriebene Beziehung zwischen Lieferant und Abnehmer in
die Entscheidungsfindung einbezogen werden.
Stufe 6: Lieferantencontrolling
Mit Lieferantencontrolling wird die fortlaufende Überprüfung und
Überwachung der Leistungserfüllung der Lieferanten bezeichnet. In regelmäßigen
Abständen wird überprüft, ob die als positiv bewerteten Merkmalsausprägungen der
ausgewählten Lieferanten auch laufend, d.h. während der Dauer der Lieferbeziehung,
erfüllt werden. Im Voraus werden die zu erreichende Ziele hinsichtlich der oben genannten
Bewertungskriterien festgelegt sowie die Prozesse und Kompetenzen definiert. Bei
Nichterreichung der Zielvorgaben ist der Lieferant entweder dazu angehalten, seine
Unternehmensprozesse zu optimieren oder der Abnehmer trennt sich von dem Lieferanten. In
diesem Fall beginnt der Prozess des Lieferantenmanagements von vorn mit der
Lieferantenidentifikation (Suche nach ,Ersatz') und andere Zulieferfirmen erhalten die
Chance auf eine zukünftige Zusammenarbeit mit dem Unternehmen.
Zum Aufgabenspektrum des Lieferantencontrollings gehört auch die Wareneingangsprüfung
sowie die Sammlung und Bereitstellung von lieferantenspezifischen Informationen und damit
die Schaffung einer Informationsbasis für künftige Auswahlentscheidungen. Da der
Controllingaufwand sehr kostenintensiv ist, können nicht alle Lieferanten mit der
gleichen Intensität überwacht werden. Eine Lösung bietet die
Lieferantenstrukturanalyse, mit deren Hilfe sich die Zulieferer nach Wichtigkeit und damit
Aufwand einteilen lassen.
Stufe 7: Die Steuerung der Lieferantenbeziehung
Wie kann man erreichen, dass sich die Lieferanten bemühen, in
Zukunft den Anforderungen noch besser zu entsprechen? Ziel aller Aktivitäten im
Lieferantenmanagement ist eine Steigerung der Leistung der Lieferbeziehungen bei
gleichzeitiger Senkung der Beschaffungskosten. Die Lieferantenauswahl und das
Lieferantencontrolling sind die beiden Hauptkomponenten zur Steuerung der
Lieferantenbeziehung.
Um die Leistungsstruktur seines Lieferantenstammes fortwährend zu optimieren und den
sich ändernden Bedingungen anzupassen, sollte das abnehmende Unternehmen bestrebt sein,
die Leistungsfähigkeit seiner Zulieferer durch gezielte Steuerungsmaßnahmen zu
beeinflussen. Damit diese Steuerungsmaßnahmen auch zum gewünschten Erfolg führen, ist
es auf die Kooperation der Lieferanten und auf deren Akzeptanz hinsichtlich der Art und
Weise der Leistungserfassung angewiesen. Hierbei gelten drei Grundregeln :
- Die Kriterien und Verfahren der Lieferantenbewertung sollten allen Lieferanten bekannt
sein (Transparenz),
- Jeder Lieferant sollte neben seinen eigenen auch die Ergebnisse der Zulieferkonkurrenz
erhalten (ermöglicht den Zulieferern einen Leistungsvergleichs im Sinne eines
Benchmarking)
- Das Anforderungsprofil, welches an den Zulieferer gestellt wird, sowie die
Qualitätsrichtlinien des Abnehmers sollten in einem Lieferantenleitfaden schriftlich
ausformuliert werden.

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