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Handbuch Produktion
Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

Referenzmodelle für das Supply Chain Management
Ein Beitrag von Rainer Kämpf und Maria Trapero

Bevor auf konkrete Referenzmodelle für das Supply Chain Management eingegangen werden soll, ist es zunächst erforderlich, das Wesen dieser Modelle zu konkretisieren. Referenzmodelle, die teilweise auch als Referenzsysteme bezeichnet werden, bilden einen konzeptionellen Rahmen, d.h., sie sind übergeordnete Modelle, die den Ausgangspunkt für spezifische Modelle bilden.

Sie beziehen sich somit nicht auf einen konkreten Fall, sondern stellen eine problemübergreifende Modellierung dar und sind folglich allgemeiner und umfassender als spezielle Modelle, die einen konkreten Zusammenhang beschreiben und auf ein konkretes Modellierungsziel ausgerichtet sind. Referenzmodelle erheben damit den Anspruch der Allgemeingültigkeit und dienen als Ausgangpunkt für den Entwurf spezieller anwendungsbezogener Modelle.

Kennzeichen von Referenzmodellen sind:

a) Sie müssen abstrakt sein, d.h. in ihrem Detaillierungsgrad nicht zu konkret, da sie dann nicht mehr auf vielfältige Problemstellungen anwendbar sind. Sie sollten aber auch nicht zu allgemein sein, da zu allgemeine Modelle die Ableitung problembezogener, spezieller Modelle kaum unterschützen. Sie müssen folglich die wesentlichen Elemente einer Spezialisierung enthalten.

b) Sie müssen robust gegenüber Änderungen der realen Welt sein, d.h. sie sind ohne Anpassungen übernehmbar.

c) Sie müssen flexibel sein, um an spezifische Anforderungen einer Problemstellung angepasst werden zu können.

d) Sie müssen Strukturen und Abläufe konsistent, d.h. widerspruchsfrei, abbilden.

Die verschiedenen Modelle sind:

  1. Das Modell von Bowersox:

Ein Bezugsrahmen für das SCM, der auf einer internen Integration einer Unternehmung und einer externen SCI (Supply- Chain- Integration) aufbaut.

Die interne Integration beruht einerseits auf einer Verschmelzung herkömmlicher logistischer Funktionen zu einem nahtlosen Managementprozess im Rahmen einer strategischen Geschäftseinheit

und anderseits auf einer geschäftseinheitenübergreifenden Integration, wodurch Synergieeffekte in einem oder mehreren der folgenden Bereiche erzielt werden können.

• Für strategische Geschäftseinheiten mit gemeinsamen Kunden oder Lieferanten ist es auf der Grundlage einer Bündelung von Marketing-, Beschaffungs-, und Logistikaktivitäten möglich, die Komplexität der Transaktionen zu reduzieren, die Effizienz der Vorgänge zu verbessern und Skaleneffekte zu realisieren.

• Die geschäftseinheitenübergreifende Zusammenarbeit in Bereichen, die auf Expertenwissen aufbauen (z.B. Forschung, Produktentwicklung), geht mit einer Bündelung verteilen Wissen einher.

Ein externe Supply Chain Integration ermöglich es hingegen, diese Vorteile in größerem Umfang zu realisieren:

• Eine erste Integrationsstufe ist im Aufbau von Verbindungen zu ausgewählten Kunden und Lieferanten zu sehen, wobei eine gemeinsame Planung oder eine gemeinsame Nutzung von Informationen und darauf aufbauend Gewinn- und Risiko- Sharing erfolgt.

• Ein zweite externe Supply-Chain- Integration wird durch die Einbeziehung der Unternehmungen entlang der gesamten Wertschöpfungsprozesse erreicht. Ziel ist es dabei, die Gesamtheit der Aktivitäten von der ersten Rohstofflieferung bis zur Übergabe des Produktes an den Kunden entsprechend den Kundenanforderungen zu koordinieren.

Der Produktfluss dieses Modells (Product / Service Value Flow) verläuft zum Konsumenten und ist darauf auszurichten, einen entsprechenden zeitlichen und räumlichen Kundennutzen zu erzielen. Dem Produktfluss entgegengerichtet ist der finanzielle Transfer (Cash Flow) für den eine geeignete Infrastruktur benötig wird. Um den Informationsaustausch zwischen den Beteiligten zu erleichtern und ein erfolgreiches Marketing zu gewährleisten, ist zu unterscheiden zwischen

  • den vom Kunden in der Nachkaufphase ausgehenden Informationen, die zur Anpassung an Marktentwicklungen genutzt werden können, und
  • dem wechselseitigen Informationsaustausch zwischen den Mitgliedern der Supply Chain (Information Flow).

    2. Das Modell von Metz:

    Grundlage des von Metz aufgestellte Supply-Chain-Referenzmodells bildet die Entwicklungsgeschichte des Integrationsgedankens im Logistikmanagement. In der ersten Integrationsstufe wird das Distributionsmanagement betrachtet, das durch eine integrative Betrachtung von Lagerhaltungs- und Transportaufgaben in einer Unternehmung charakterisiert ist.

    Die nächste Integrationsstufe bildet das Logistikmanagement, bei dem zusätzlich die Funktionen Beschaffung und Produktion sowie die Auftragsverwaltung in die Betrachtung einbezogen werden. Ergebnis dieser Stufe ist eine so genannte einstufige Supply Chain in der zwischen Materialverarbeitungs- (Material processing) und Informationsverarbeitungsfunktionen (Information processing) unterschieden wird.

    Das integrierte Suppiy Chain Management (ISCM) ist eine prozessorientierte integrierte Vorgehensweise des Beschaffens, des Produzierens und des Auslieferns von Produkten an die Kunden.

    3. Das Modell von Cooper, Lamber und Pagh:

    Die Geschäftsprozesse (Business Processes) umfassen geordnete Folgen wertschöpfender Aktivitäten, die sowohl intra-, als auch interorganisatorische Grenzen überschreiten und damit eine integrativen Anspruch haben

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    Abb. 1: SCM-Modell von Cooper, Lamber und Pagh

    Unter Managementkomponenten (Managers Components) werden alle Handlungen subsumiert, die auf die Gestaltung von Geschäftsprozessen gerichtet sind. Mit der Supply Chain Struktur (Supply Chain Structure) wird die Konfiguration (Partner, Funktionen, Aufgaben) einer Supply Chain erfasst. Der Produktfluss vom Lieferanten zum Kunden wird von einem produktflussbegleitenden und entgegengerichteten Informationsfluss überlagert. Die identifizierten Geschäftsprozesse verlaufen funktions- und unternehmungsübergreifend vom Lieferanten zum Kunden, wobei sich für die einzelne Unternehmung die Aufgabe stellt, die Verbindungen zwischen den Geschäftsprozessen und den betrieblichen Funktionen (Purchasing, Materials Management etc.) zu gestalten.

    4. Supply Chain Operations Reference Model (SCOR-Modell)

    Das SCOR-Modell umfasst einen Standard-Prozess zum Informationsaustausch zwischen den Unternehmungen einer Supply Chain. Mit dem SCOR-Modell soll ein einheitliches, vergleichbares und bewertbares Prozessmodell einer Supply Chain entwickelt werden. Dazu ist in die SCOR-Modellierung ein Kennzahlensystem integriert.

    Das SCOR- Modell weist einen hierarchischen Aufbau über vier Ebenen auf. Basis der Modellierung ist eine integrierte Supply Chain, in der z.B. die gesamte Kundeninteraktion, vom Auftragseingang bis zum Zahlungseingang, alle Materialbewegungen und Transformationen sowie jegliche Marktinteraktion vom Rohstofflieferanten bis zur Produktauslieferung an den Endkunden enthalten sind.

    Auf der höchstaqqreqierten Ebene werden die Prozesse, auch als Kern-prozesse bezeichnet. Im einzelnen unterscheidet man die Kernprozesse:

    • planen (plan)
    • beschaffen (source)
    • produzieren (make) und
    • liefern (deliver)

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    Abb.2: SCOR-Modell

    Die Planung als geistige Vorwegnahme zukünftiger Handlungen umfasst die vorbereitenden Aktivitäten über die gesamte Supply Chain und die anderen Kernprozesse Beschaffung, Produktion und Lieferung. Hierzu zählen im einzelnen:

    • die Ressourcenplanung (Aggregate, Personal, Materialen) und die langfristige Ressourcengestaltung,
    • die Aggregation und Priorisierung der Nachfrageanforderungen für alle Produkten,
    • die Planung der Produkteinführung,
    • die Eliminationszeitpunkte sowie Make-or-buy-Entscheidungen.

    Zur Beschaffung zählen infrastrukturelle Maßnahmen wie etwa die Lieferanten-auswahl, Liefervertragsgestaltung etc. Die Produktion umfasst den Prozess der Produkterstellung einschließlich der Kapazitätssteuerung, Zwischenlagerung bis zur Verpackung und der Übergabe an den Vertrieb. Die Lieferung umfasst z. B. das Kundenauftragsmanagement, das Fertigwarenlager und die Distributions-vorgänge.

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    Abb.3: Ebenenstruktur des SCOR-Modells

    Diese vier Kernprozesse werden dann in einem Auflösungsschritt auf der zweiten Ebene in 19 Prozesskategorien differenziert, die ihrerseits in Ebene drei in einzelne Prozesselemente (z.B, Materiallieferung terminieren, Material annehmen-, prüfen-, transferieren, etc.) aufgelöst werden. Die vierte Ebene konzentriert sich auf die Implementierung und zerlegt die Prozesselemente nochmals in einzelne Aktivitäten. Für diese Ebene werden jedoch keine Modellierungselemente angeboten, da:

    • eine derart differenzierte Abbildung in vielen Fällen nicht erforderlich ist, und
    • geeignete Modellierungsverfahren für diese Ebene schon existieren.

    Das SCOR-Modell ist somit ein Prozess- Referenzmodell, entwickelt für die effektive Kommunikation zwischen den Partner einer Supply-Chain und wird genutzt um Supply-Chain Konfigurationen zu beschreiben, zu messen und zu evaluieren. Der Erfolg des SCOR-Modells als Standard ist abhängig von der Nutzung und Verfeinerung durch Anwender (zusammengefasst in Supply Chain Councils).