Supply Chain Management
Ein Beitrag von Prof. Dr.-Ing. Rainer Kämpf, Terje Növig,
Muhammed Yesilhark
Unter Supply Chain Management (SCM) versteht man eine neue Form der ,,integrierten
Planung, Steuerung und Kontrolle aller in einer Lieferkette auftretenden logistischen
Aktivitäten". Zur Entwicklung des Supply Chain Management haben verschiedene
Entwicklungen beigetragen. So sind z. B. veränderte Produktlebenszyklen, Produktnachfrage
oder eine sich verschärfende Wettbewerbssituation, aber auch steigende Erwartungen der
Kunden in bezug auf Qualität, Preisgestaltung, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit ihrer
Auftrags- und Bestellabwicklung neue Herausforderungen an die Logistikprozesse (vgl.
Krüger, Steven).
Nach Thaler beinhaltet das SCM die ,,(unternehmens-)übergreifende Prozessverbesserung,
da Kunden, Lieferanten und weitere Dienstleister in die logistische Kette einbezogen
werden. Es wird von einem Unternehmen versucht, durchgängige, übergreifende Prozesse zu
realisieren." Dabei kommt es zu zwei entgegengesetzten Strömen, dem Materialfluß
und dem Informationsfluß. Der Materialfluß verläuft i.d.R. entlang der
Wertschöpfungskette vom Lieferanten bis zum Kunden. Der Informationsfluß hingegen kann
in beide Richtungen laufen, ausgelöst durch gegenläufige Informationsbeziehungen, wie z.
B. Bestellungen oder Rechnungen. EDI - Systeme übernehmen hierbei die Übertragung von
Auftrags-, Bestell- und Lieferinformationen vom Kunden an den Lieferanten und vom
Lieferanten an den Kunden. In Zukunft werden in diesem Anwendungsbereich sowohl Internet-
als auch Intranetanwendungen stark an Bedeutung gewinnen.
1. Was ist SCM ?
1.1 Supply Chain (Versorgungskette)
Unter der Versorgungskette versteht man allgemein die Gesamtheit der ,,Abfolge von
Aktivitäten, die notwendig sind, um Kunden bzw. Märkte erfolgreich zu versorgen.
Einfacher formuliert geht es um das Zusammenspiel - die Verkettung - aller an der
Herstellung eines Erzeugnisses Beteiligten. Die Kette beginnt beim Abbau des Rohstoffs und
endet beim Verkauf eines Produkts an den Endverbraucher. Alle dazwischenliegenden
Wirtschaftssubjekte (Hersteller, Dienstleister, Grosshändler, Spediteur, etc...) sind
Elemente der Versorgungskette. Die einzelnen Elemente sind dabei durch wirtschaftliche
Interaktion mit den ihnen vor- und nachgelagerten ,,Gliedern" verkettet. Betrachtet
werden immer sowohl Material- wie auch Informationsfluß. Es ist wichtig zu verstehen,
dass unter dem Begriff Supply Chain nicht nur die Prozesse innerhalb eines Unternehmens
gemeint sind, sondern ebenso alle Geschäftsprozesse zwischen den Kettengliedern
untereinander, d.h. man betrachtet immer die gesamte Wertschöpfungskette und trifft seine
Entscheidungen basierend auf der maximierten Wertschöpfung der gesamten Kette, anstatt
der maximierenden Wertschöpfung der Geschäftsprozesse innerhalb eines Unternehmens wie
es bei den traditionellen Entscheidungssystemen der Fall war.

1.2 Management
Management in der Logistik beschäftigt sich grundsätzlich immer mit der
Optimierung von Prozessen und Abläufen. SCM ist hier keine Ausnahme. Der große
Unterschied zu bisherigen Ansätzen und Handlungsweisen ist jedoch, daß nicht nur
innerhalb eines Unternehmens bzw. an dessen direkten Schnittstellen zur Außenwelt
optimiert wird, sondern die gesamte Versorgungskette den Fokus erhält.
Man betrachtet also sämtliche Abläufe, Prozesse, Informations- und Materialflüsse
entlang der Supply Chain, vom Lieferanten bis zum Kunden und sucht auf dieser Ebene das
bestmögliche Zusammenspiel der beteiligten Objekte. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der
Verbesserung des Informationsflusses, denn mit den richtigen Informationen reduziert sich
quasi automatisch die Verschwendung, die innerhalb einer Versorgungskette häufig dadurch
entsteht, dass Informationen innerhalb der Supply Chain i.d.R. asymetrisch verteilt sind.
Beispielsweise kommt es häufig vor, daß ein Lieferant nach wie vor Teile produziert, die
sein Kunde zunächst gar nicht verbauen kann, weil dieser einen größeren Anlagenausfall
hat, oder die Herstellung eines Produktes aufgrund von Qualitätsmängeln vorübergehend
gestoppt ist. Unnötige Lagerbestände und unwirtschaftliche Kapazitätsauslastung sind
die Folge. Natürlich produziert auch der Lieferant des Lieferanten weiter, ebenso dessen
Lieferant usw. D.h. die Verschwendung summiert sich über die gesamte Folge von
Lieferanten und Kunden zu enormen Beträgen. Hätten alle Beteiligten sofort nach der
Entscheidung des Herstellers die gleiche Information erhalten, wären diese Kosten nicht
entstanden. Das genannte Beispiel gilt, in abgeschwächter Form, genauso innerhalb eines
Unternehmens.
Genau in diesem Punkt liegt eine der wichtigsten Aufgaben für das Supply Chain
Management (bzw. für die zugehörenden SCM-Softwaresysteme): die Transparenz des
lnformationsflußes und damit eine simultane Planung zu ermöglichen. Ziel des SCM ist
dabei die Befriedigung der Kundenbedürfnisse hinsichtlich Liefertreue und -zeiten. Die
Kostenreduktion ist ein Sekundärziel, welches auch aus den oben genannten Primärzielen
entsteht.
1.3 Definition
Aus obigen Überlegungen lässt sich nun folgende, allgemein anerkannten Definition des
Begriffs Supply Chain Management ableiten:
,,Supply Chain Management ist die ganzheitliche integrierte Planung und Steuerung der
Prozesse über die gesamte Wertschöpfungskette mit dem Ziel der optimierten
Bedürfnisbefriedigung des Kunden."
Einfacher ausgedrückt: Supply Chain Management umfasst sämtliche Aufgaben
logistischer Koordination in einem Logistiknetzwerk.

2. Warum Supply Chain Management ?
Die wichtigste Ursache für das gestiegene Interesse am Supply Chain
Management ist im verschärften weltweiten Wettbewerb zu sehen. Die Unternehmen werden
sich bewußt, daß sie nicht mehr alleine agieren können, um Marktanteile zu halten oder
auszubauen. Die Kundenanforderungen bezüglich Qualität und Service von Produkten sind in
den letzten Jahren stark gestiegen, und es wird für Kunden immer mehr zur
Selbstverständlichkeit, daß auch kurzfristige Bestellungen oder Kundenwunsch-Änderungen
prompt befriedigt werden. Damit die Unternehmen die gestiegenen Kundenerwartungen
befriedigen können, sind sie gezwungen, mit ihren jeweiligen Zulieferern
zusammenzuarbeiten. Die Zulieferer wiederum sind natürlich auch von den Bestellungen der
in der Supply Chain nachfolgenden Unternehmen abhängig, weshalb auch sie daran
interessiert sind in der Supply Chain ein gut funktionierendes Supply Chain Management
aufzubauen.
Ein wichtiges Kaufkriterium für die Endkunden sind natürlich auch die Preise der
Produkte. Auch hier merken die Unternehmen, daß es nichts nützt, wenn sie Kosten auf
andere Unternehmen in der Supply Chain abwälzen, da der Preis des Endproduktes das
Ergebnis der gesamten Supply Chain und nicht einzelner Unternehmen ist. Zur Sicherung des
Marktanteils nützt es einem Zulieferer nicht, seine Kosten auf das in der Supply Chain
nachfolgende Produktionsunternehmen abzuwälzen, da die höheren Kosten des
Produktionsunternehmens schließlich zu einem höheren Preis des Endproduktes führen.
Dies hat dann entsprechend negative Auswirkungen auf den Marktanteil der gesamten Supply
Chain, wodurch auch das Unternehmensrisiko des Zulieferbetriebes steigt.
Gefragt ist also eine Gesamtoptimierung der Supply Chain, da die lokale Optimierung
einzelner Unternehmen eventuell zu Lasten anderer Unternehmen und damit der gesamten Kette
führt.
Eine Gesamtoptimierung der Supply Chain kann schließlich auch zu signifikanten
Kostensenkungen für alle beteiligten Unternehmen führen. Dies liegt vor allem in der
verbesserten Planung dieser Unternehmen begründet, die sich aufgrund regelmäßiger
Kommunikation und damit ständig aktueller Planungsdaten ergibt. Dadurch können
Lagerbestände und damit verbundene Lager- und Kapitalbindungskosten in der gesamten
Supply Chain gesenkt und die Kapazitätsauslastung der beteiligten Unternehmen insgesamt
harmonisiert werden.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Kundenanforderungen in zunehmendem Maße
nur noch durch eine verbesserte überbetriebliche Kommunikation und den Aufbau von
langfristigen Partnerschaften zwischen allen Mitgliedern der Supply Chain befriedigt
werden können. Ein Beispiel dafür soll auch der nachfolgende Abschnitt geben, der sich
mit dem Phänomen des sogenannten Bullwhip-Effektes befaßt. Der Bullwhip-Effekt ist ein
gravierendes Problem der unternehmensübergreifenden Logistik und kann durch geschicktes
Supply Chain Management vermieden werden.
3. Der Bullwhip-Effekt
Der Bullwhip-Effekt bezeichnet das Phänomen, daß die Variabilität der Nachfrage in
Supply Chains vom Endkunden über den Handel bis zu den Produzenten und ihren Zulieferern
immer mehr zunimmt. Wie aus Abbildung x zu entnehmen, sind die Bestellmengen und
-zeitpunkte der Endkunden noch relativ stabil und gleichmäßig, werden aber immer
unregelmäßiger, je weiter man die Bestellmengen in der Supply Chain zurückverfolgt.

Abb. 3: Der Bullwhip - Effekt (vgl. Lee, Padmanabhan,
Whang)
Der Bullwhip-Effekt führt damit zu einer Reihe von Problemen in der Supply Chain, die
vor allem in einer ungleichmäßigen Kapazitätsauslastung und dem Aufbau von hohen
zwischenbetrieblichen Lagerbeständen zu sehen sind, um die Nachfrage trotz großen
Schwankungen immer befriedigen zu können. Durch die ungleichmäßige
Kapazitätsauslastung entstehen zum einen höhere Kapazitätskosten als bei einer
gleichmäßigen Auslastung, da bei einer gleichmäßigen Auslastung die Kapazitäten bei
konstantem Output verringert werden könnten. Die hohen Lagerbestände verursachen zum
anderen Lager- und Kapitalbindungskosten. Die so entstandenen erhöhten Kosten sind
letztlich über höhere Preise durch die Endkunden zu tragen und beeinträchtigen somit
die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Supply Chain. Daher erscheint es wünschenswert,
den Bullwhip-Effekt so weit wie möglich zu verringern.
Als Ursachen für den Bullwhip-Effekt identifizieren Lee et al. unsichere
Nachfrageprognosen, Losbildung bei Bestellungen, Preisfluktuationen und Kundenverhalten
bei antizipierten Nachfrageüberhängen.
Unsichere Nachfrageprognosen
Eine der Hauptursachen für den Bullwhip-Effekt ist in der ungenügenden
Übermittlung von Nachfrageprognosedaten zu sehen. Wenn ein Unternehmen bei seinem
Zulieferer eine gewisse Menge an Vorprodukten bestellt, dann enthält diese Bestellung
immer auch implizit Sicherheitsbestände, die die Unsicherheit der eigenen
Nachfrageprognose abdecken sollen. Allerdings könnte die Unsicherheit der
Nachfrageprognose des Produzenten verringert werden, wenn ihm z.B. die aktuellen
Nachfrageprognosen des Groß- und Einzelhandels bekannt wären und er seine
Nachfrageprognosen nicht nur aus vergangenen Bestellungen des Handels ermitteln müsste.
Die höhere Genauigkeit seiner Nachfrageprognose wiederum könnte es dem Produzenten
erlauben, die impliziten Sicherheitsbestände in seiner Bestellung an den Lieferanten zu
reduzieren, was eine Reduktion der Lagerkosten nach sich ziehen würde. Der Produzent
könnte seinerseits eine verbesserten Nachfrageprognosen an seine Zulieferer weitergeben,
um deren Nachfrageprognosen zu verbessern. Durch eine verbesserte Kommunikation in der
Supply Chain könnten also zwischenbetriebliche Sicherheitsbestände und somit erhebliche
Lagerkosten in der gesamten Supply Chain gesenkt werden.
- Losbildungen bei Bestellungen
Eine weitere Ursache für den Bullwhip-Effekt ist in der Bestellmengenplanung zu
sehen. Üblicherweise faßt ein Unternehmen mehrere Bestellungen zusammen, um
Bestellkosten zu senken und die Transportmittel besser auszulasten. Durch diese Losbildung
werden aber die Bestellungen dieses Unternehmens für den Zulieferbetrieb
unregelmäßiger, und diese Erhöhung der Unregelmäßigkeit der Nachfrage führt wiederum
zum Bullwhip-Effekt, der sich sukzessive in der gesamten Supply Chain fortpflanzt. Eine
Möglichkeit, um hier gegenzusteuern, wäre die Losbildung bei Bestellungen zu reduzieren,
d.h. die Anzahl der Bestellvorgänge zu erhöhen. Dies ist aber nur wirtschaftlich
umsetzbar, wenn die Kosten für die einzelnen Bestellvorgänge reduziert werden können.
Dies lässt sich durch die Verwendung moderner Informations- und
Kommunikationstechnologien für den Bestellprozess (E-Procurement usw.) erreichen. Dem
zusätzlich entstehenden erhöhten Transportaufwand kann durch ein geschicktes Supply
Chain Management entgegengewirkt werden. Denkbar ist z. B. die Einschaltung eines
Transportdienstleisters, der die Bestellungen von mehreren, räumlich nahe beieinander
liegenden Zulieferern zusammenfassen kann. Diese Maßnahmen erlauben somit eine
Verkürzung der Bestellintervalle für die Zulieferbetriebe, deren Nachfrage wird somit
regelmäßiger und die Nachteile des Bullwhip-Effektes können vermieden werden.
In vielen Supply Chains ist es üblich, daß Produzenten aber auch der Handel
periodische Werbeaktionen wie Preisrabatte, Mengenrabatte, Skonti etc. durchführen, um
ihren Absatz kurzfristig zu steigern. Diese verkaufsfördernden Maßnahmen resultieren in
Preisfluktuationen. Dadurch kaufen Kunden nicht die Mengen ein, die sie unmittelbar
benötigen, sondern größere Mengen, die sie teilweise für zukünftige Bedürfnisse
lagern. Dies ist wiederum ein Beitrag zum Bullwhip-Effekt, da die Nachfrage der Kunden
durch die Preisfluktuationen unregelmäßiger wird. Um diese Einflüsse zu verringern,
empfiehlt es sich für die Unternehmen in der Supply Chain, periodischen Werbeaktionen
generell zu vermeiden, um Preisfluktuationen von vornherein auszuschließen. Möglich ist
auch die Abstimmung von verkaufsfördernden Maßnahmen in der gesamten Supply Chain, um
z.B. aktuelle unbeabsichtigt verursachte Lagerbestände in der Supply Chain bei Bedarf
abzubauen.
- Antizipierte Nachfrageüberhänge
Wenn die Nachfrage nach einem Produkt das Angebot übersteigt, befriedigt ein
Produzent Kundenbestellungen oft im Verhältnis von Gesamtangebot zu Gesamtnachfrage.
Falls z.B. das gesamte Angebot nur 50% der gesamten Nachfrage beträgt, bekommen alle
Kunden 50% ihrer bestellten Mengen. Beim nächsten Nachfrageüberhang antizipieren die
Kunden aber diese Zuteilungsmethode und bestellen entsprechend mehr, als sie benötigen,
wodurch der Nachfrageüberhang noch verstärkt wird. Sobald die wahre Nachfrage gedeckt
ist, revidieren die Kunden dann ihre Bestellungen häufig und es entstehen somit
Lagerbestände in der Supply Chain. Lee et al. nennen hier als Beispiel die antizipierten
Nachfrageüberhänge von DRAM-Computerchips in den achtziger Jahren. Die Bestellungen
erhöhten sich stark, und zwar nicht wegen der tatsächlicher Nachfrage nach DRAM-Chips,
sondern weil die Kunden glaubten, daß es einen Nachfrageüberhang geben würde. Somit
bestellten sie bei mehreren Zulieferern und machten dann die Bestellungen rückgängig,
sobald ihre Nachfrage gedeckt war. Um die so entstehenden Nachfrageschwankungen und damit
den Bullwhip-Effekt zu reduzieren, sollte der Produzent bei tatsächlichen
Nachfrageüberhängen die Bestellungen derjenigen Kunden befriedigen, die in der
Vergangenheit am meisten bestellt haben. Dadurch wird diesen Kunden der Anreiz genommen,
mehr zu bestellen, als sie eigentlich benötigen, und die Nachfrageschwankungen dürften
sich stark reduzieren.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß durch eine verbesserte überbetriebliche
Kommunikation und Kooperation der Bullwhip-Effekt verringert werden kann. Damit werden
Logistikkosten gesenkt und gleichzeitig die Kundenzufriedenheit erhöht.
Literatur:
Krüger, R.; Steven, M.: Supply Chain Managment im Spannungsfeld von
Logistik und Management. In: Wirtschaftswissenschaftliches Studium, Bd. 29, 2000.
Thaler, K.: Supply Chain Management: Prozessoptimierung in der logistischen
Kette, Köln, 1999.
Christopher, M.: Logistics and Supply Chain Management Strategies for Reducing
Costs and Improving Service, Financial Times Management, London, 1998.
Lee, H.; Padmanabhan, V.; Whang, S.: Information Distortion in a Supply Chain:
The Bullwhip Effect. In Management Science, 43(4), 1997.
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