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Handbuch Produktion
Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

Informations- und Kommunikationstechnologien im SCM

Ein Beitrag von Prof. Dr.-Ing. Rainer Kämpf, Terje Növig, Muhammed Yesilhark

lnformationstechnologien

lnformationstechnologien werden im Supply Chain Management vor allem zur strategisch-taktischen Konfiguration und zur operativen Steuerung von Supply Chains eingesetzt. Dabei ist im Rahmen der Konfiguration einer Supply Chain vor allem die logistische Infrastruktur, wie z.B. Standorte von Produktionsstätten und Distributionszentren, die Gestaltung des Zulieferernetzwerkes oder die Auswahl der Logistikdienstleister, mit denen eine Zusammenarbeit angestrebt wird, festzulegen. Daneben ergeben sich viele operative Planungsaufgaben, die einer integrativen Lösung bedürfen. Hierunter fällt z. B. die kostenminimierende Anpassung der Supply Chain an saisonale Nachfrageschwankungen, bei der zwischen Lagerkosten und Bereitstellungskosten für Zusatzkapazitäten abgewogen werden muß oder die Aufteilung des Produktionsprogramms auf bestehende Produktionsstandorte.

Die gegenwärtig zum Supply Chain Management angebotene Software zur Lösung dieser Planungsprobleme läßt sich in vier Gruppen einteilen. Dabei bilden die erste Gruppe die klassischen Produktionsplanungs- und -steuerungssysteme (PPS-Systeme), die allerdings nur zur kurzfristigen operativen Steuerung der Supply Chain eingesetzt werden können. Ein Hauptkritikpunkt an klassischen PPS-Systemen besteht darin, daß diese Systeme bei der Aufstellung eines Produktionsplanes systematisch die Produktionskapazitäten vernachlässigen und somit praktisch nie zulässige Produktionspläne erzeugen können. Zum anderen erfolgt bei klassischen PPS-Systemen nur eine phasenbezogene Sukzessivplanung, die eventuell bestehende Interdependenzen zwischen den herzustellenden Produkten vernachlässigt.

Eine wesentliche Verbesserung gegenüber den klassischen PPS-Systemen stellt somit die zweite Gruppe von Softwaretools dar, die sogenannten Advanced Planning Systems (APS), die speziell für das innerbetriebliche Supply Chain Management entwickelt wurden und die Mängel der klassischen PPS-Systeme beseitigen. Insbesondere berücksichtigen sie bei der Aufstellung von Produktionsplänen die begrenzte Verfügbarkeit der Ressourcen und sind somit in der Lage, zulässige Produktionspläne zu erstellen. Sie sind zur längerfristigen Steuerung der Supply Chain einsetzbar und unterstützen die aggregierte Produktions-programmplanung durch die Berücksichtigung von Interdependenzen zwischen Produktions- und Absatzplanung. Klassische PPS-Systeme setzen üblicherweise den Produktionsplan mit dem Absatzplan nach dem Synchronisationsprinzip gleich. Bei Nachfrageschwankungen muss der Produktionsplan allerdings bei knappen Kapazitäten von dem Absatzplan abweichen.

Ein weiterer Vorteil von APS gegenüber den klassischen PPS-Systemen besteht in der simultanen Lösung der Planungsprobleme im Vergleich zum Sukzessivplanungskonzept der klassischen PPS-Systeme. Der Einsatz simultaner Planungsverfahren wurde erst durch Entwicklungen im Hardwarebereich ermöglicht. Neue Technologien wie Prozessoren der 64-Bit-Generation, die es erlauben, sämtliche relevanten Planungsdaten gleichzeitig im Hauptspeicher des Rechners zu verwalten, oder die Entwicklung schneller Speicherbausteine waren in diesem Bereich die maßgebenden Meilensteine. Dadurch kann auch kurzfristigen Störungen in der Supply Chain, wie z.B. Ausfall einer Maschine oder eines Transporteurs, schnell durch eine aktualisierte Planung begegnet werden.

Advanced Planning Systems lassen sich aber nicht nur zur operativen Steuerung einer Supply Chain verwenden. Sie können auch zur Lösung strategisch-taktischer Entscheidungsprobleme herangezogen werden. So können beispielsweise langfristige Produktionsverlagerungen zwischen einzelnen Standorten oder die Umstrukturierung des Zulieferer- oder Distributionssystems in Form von Szenarien am Rechner analysiert werden. APS sind somit auch bei der Lösung von Konfigurationsproblemen der Supply Chain einsetzbar.

Optimierungstools bilden die dritte Gruppe von Softwaretools für das Supply Chain Management. Ihre Anwendung beschränkt sich auf die Lösung spezifischer Teilprobleme, die in einer Supply Chain auftreten können wie z. B. die Belegungsplanung eines flexiblen Fertigungssystems. Mit Hilfe von Methoden des Operations Research wie z. B. der linearen Programmierung oder problemspezifischen Heuristiken werden für viele Probleme optimale Lösungen generiert. Klassische PPS-Systeme und in noch stärkerem Maße APS verwenden für ihre Berechnungen oft solche Optimierungstools, allerdings können die Optimierungstools auch unabhängig von den Planungssystemen eingesetzt werden. Die letzte Gruppe von Softwaretools bilden schließlich die Simulationswerkzeuge, die eine vertiefte Analyse der Prozesse einer Supply Chain ermöglichen. Durch Simulationsstudien versucht man, die Dynamik und Stochastik eines Systems transparent zu machen. Dadurch erscheint der Einsatz von Simulationswerkzeugen insbesondere zur Konfiguration von Supply Chains sinnvoll. Hier lassen sich verschiedene Alternativszenarien der Konfiguration simulieren und bewerten.

Kommunikationstechnologien

Eine höhere Relevanz für den Einsatz im überbetrieblichen Supply Chain Management weisen Kommunikationstechnologien auf. Sie finden hier ihren Einsatz in der elektronischen Übermittlung von Transaktionsdaten wie z. B. Bestellmengen- oder Finanzierungsdaten. In zunehmendem Maße können Kommunikationstechnologien aber auch zur Abstimmung der Matenalflüsse in der Supply Chain genützt werden, z. B. durch die Übermittlung von Lagerbeständen, freien Kapazitäten oder Prognosedaten. Innerhalb der Kommunikations-technologien wird im folgenden eine Unterscheidung in EDI-basierte und internetbasierte Technologien vorgenommen.

Electronic Data Interchange (EDI)

Electronic Data Interchange gibt es schon seit den achtziger Jahren.

EDI als ,,electronic, computer-to-computer transfer of standard business documents between organizations'. EDI kann also den Geschäftsverkehr zwischen verschiedenen Unternehmen erheblich beschleunigen und vereinfachen. Gegenwärtig sind verschiedene Typen von EDI-Systemen im Einsatz. Man unterscheidet dabei 1: n- und m: n -Systeme. Bei 1: n-Systemen wird das EDI-System von einem einzigen Unternehmen betrieben, das über dieses System mit seinen n Zulieferern verbunden ist. 1: n-Systeme kommen zum Einsatz, wenn das Unternehmen, welches das EDI-System betreibt, die relativ hohen Investitionskosten tragen kann und gleichzeitig die nötige Verhandlungsmacht besitzt, seine Schlüsselzulieferer in das EDI-System zu integrieren. Bei m : n -Systemen, die auch Value Added Networks (VAN) genannt werden, werden alle EDI-Übertragungen über einen Dritten geleitet, der als zentrale Clearingstelle fungiert. Der Vorteil eines VAN liegt darin, daß die EDI-Systeme der Unternehmen, die EDI betreiben wollen, nicht kompatibel sein müssen, da die Clearingstelle die Daten für das empfangende Unternehmen in dessen Verarbeitungsformat konvertiert.

Internetbasierte Kommunikationstechnologien

Der Vorteil des Internet besteht vor allem in seiner Plattformunabhängigkeit. Durch einheitliche Kommunikationsprotokolle können zum ersten Mal völlig verschiedene Informationssysteme auf einfachem Wege miteinander kommunizieren. Dadurch entstehen geringe Investitionskosten zur Nutzung des lnternets für geschäftliche Transaktionen, was diese Kommunikationstechnologien auch für kleinere Unternehmen und Endkunden erschwinglich macht. Einige Autoren erwarten, daß internetbasierte Kommunikations-technologien die klassischen EDI-Systeme mittelfristig völlig verdrängen werden. Als zusätzlichen Grund für diese These wird angeführt, daß klassische EDI-Systeme nicht fähig sind, Geschäftsdokumente bei der Übertragung in mehrere kleinere Teile aufzuspalten, wodurch bei kleinen Änderungen am Dokument eine völlige Neuübertragung des Dokumentes nötig wird. Dagegen eröffnet die Kommunikation per Internet die Möglichkeit, Geschäftsdokumente durch Online-Forms jederzeit zu aktualisieren, wobei dann jeweils nur die Änderung am Dokument übertragen werden muß. Möglich wird dies durch die Verwendung der sogenannten Extensible Markup Language (XML). Dieses lnternetprotokoll ermöglicht die Übertragung von zusätzlichen Informationen, die dem Empfänger angeben, wie mit den übertragenen Daten verfahren werden soll. Vorteilhaft ist bei XML auch, daß solche Online-Forms von jedem Webbrowser verarbeitet werden können und somit schon im Desktop des Endusers integriert werden können. Große Softwarehersteller klassischer EDI-Systeme befassen sich zur Zeit intensiv mit der Entwicklung von Anwendungen für XML.

Probleme von Kommunikationstechnologien im SCM

Auch wenn durch den Einsatz von Kommunikationstechnologien im Supply Chain Management beträchtliche Rationalisierungspotenziale genutzt werden können, soll an dieser Stelle noch auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht werden.

Eines der größten Probleme beim Einsatz von Kommunikationstechnologien sind die Sicherheitsbedenken der beteiligten Transaktionspartner. Dies gilt insbesondere für das Internet, da hier eine sehr hohe Zahl von Rechnern weltweit verknüpft sind. Allerdings wird dies zukünftig durch moderne Softwaretechnologie weitgehend beseitigt werden, da effiziente Verschlüsselungsverfahren zur Verfügung stehen, die eine hohe Sicherheit im elektronischen Geschäftsverkehr gewährleisten können. Neben den technischen Risiken sind aber insbesondere auch Verhaltensrisiken von Mitarbeitern zu beachten, wie z.B. der Umgang mit Paßwörtern etc. Dies bedeutet, daß die Sicherheit eines Unternehmens auch von der Unternehmenskultur abhängt und Mitarbeitern ein entsprechendes Sicherheitsbewußtsein vermittelt werden sollte.

Ein weiteres Problem im Supply Chain Management stellen die Bandweitenprobleme dar. Insbesondere bei der Kommunikation mit Endkunden sind hohe Übertragungsraten notwendig, da häufig Produkte nur über den Computermonitor begutachtet werden sollen. Da die Endkunden die Produkte nicht mehr direkt betrachten können, müssen die verwendeten Systeme in der Lage sein, z.B. Animationen dieser Produkte von verschiedenen Betrachtungswinkeln zu ermöglichen und diese Funktionalität bedeutet einen stark erhöhten Bedarf an Netzkapazität.

Für Unternehmen erweist es sich auch häufig als Problem, die Kommunikations-technologien mit ihren internen informationsverarbeitenden Systemen zu verknüpfen. Durch diese Verknüpfung können die bei der elektronischen Kommunikation anfallenden Datenmengen leichter weiterverarbeitet werden, was für die Unternehmen einen beträchtlichen Vorteil darstellt.

Zuletzt ist es für Unternehmen schwierig, Mitarbeiter zu finden oder zu schulen, die mit den neuen Kommunikationstechnologien überhaupt umgehen können. Auf der Nachfrageseite sind Kunden häufig noch nicht mit den neuen Kommunikationstechnologien vertraut, und haben häufg auch Bedenken, sie zu geschäftlichen Transaktionen einzusetzen.