Informations- und Kommunikationstechnologien im SCM
Ein Beitrag von Prof. Dr.-Ing. Rainer
Kämpf, Terje Növig, Muhammed Yesilhark
lnformationstechnologien
lnformationstechnologien werden im Supply Chain Management vor
allem zur strategisch-taktischen Konfiguration und zur operativen Steuerung von Supply
Chains eingesetzt. Dabei ist im Rahmen der Konfiguration einer Supply Chain vor allem die
logistische Infrastruktur, wie z.B. Standorte von Produktionsstätten und
Distributionszentren, die Gestaltung des Zulieferernetzwerkes oder die Auswahl der
Logistikdienstleister, mit denen eine Zusammenarbeit angestrebt wird, festzulegen. Daneben
ergeben sich viele operative Planungsaufgaben, die einer integrativen Lösung bedürfen.
Hierunter fällt z. B. die kostenminimierende Anpassung der Supply Chain an saisonale
Nachfrageschwankungen, bei der zwischen Lagerkosten und Bereitstellungskosten für
Zusatzkapazitäten abgewogen werden muß oder die Aufteilung des Produktionsprogramms auf
bestehende Produktionsstandorte.
Die gegenwärtig zum Supply Chain Management angebotene Software zur
Lösung dieser Planungsprobleme läßt sich in vier Gruppen einteilen. Dabei
bilden die erste Gruppe die klassischen Produktionsplanungs- und -steuerungssysteme
(PPS-Systeme), die allerdings nur zur kurzfristigen operativen Steuerung der Supply Chain
eingesetzt werden können. Ein Hauptkritikpunkt an klassischen PPS-Systemen besteht darin,
daß diese Systeme bei der Aufstellung eines Produktionsplanes systematisch die
Produktionskapazitäten vernachlässigen und somit praktisch nie zulässige
Produktionspläne erzeugen können. Zum anderen erfolgt bei klassischen
PPS-Systemen nur eine phasenbezogene Sukzessivplanung, die eventuell bestehende
Interdependenzen zwischen den herzustellenden Produkten vernachlässigt.
Eine wesentliche Verbesserung gegenüber den klassischen
PPS-Systemen stellt somit die zweite Gruppe von Softwaretools dar, die sogenannten
Advanced Planning Systems (APS), die speziell für das innerbetriebliche Supply Chain
Management entwickelt wurden und die Mängel der klassischen PPS-Systeme beseitigen.
Insbesondere berücksichtigen sie bei der Aufstellung von Produktionsplänen die begrenzte
Verfügbarkeit der Ressourcen und sind somit in der Lage, zulässige Produktionspläne zu
erstellen. Sie sind zur längerfristigen Steuerung der Supply Chain einsetzbar und
unterstützen die aggregierte Produktions-programmplanung durch die Berücksichtigung von
Interdependenzen zwischen Produktions- und Absatzplanung. Klassische PPS-Systeme setzen
üblicherweise den Produktionsplan mit dem Absatzplan nach dem Synchronisationsprinzip
gleich. Bei Nachfrageschwankungen muss der Produktionsplan allerdings bei knappen
Kapazitäten von dem Absatzplan abweichen.
Ein weiterer Vorteil von APS gegenüber den klassischen PPS-Systemen
besteht in der simultanen Lösung der Planungsprobleme im Vergleich zum
Sukzessivplanungskonzept der klassischen PPS-Systeme. Der Einsatz simultaner
Planungsverfahren wurde erst durch Entwicklungen im Hardwarebereich ermöglicht. Neue
Technologien wie Prozessoren der 64-Bit-Generation, die es erlauben, sämtliche relevanten
Planungsdaten gleichzeitig im Hauptspeicher des Rechners zu verwalten, oder die
Entwicklung schneller Speicherbausteine waren in diesem Bereich die maßgebenden
Meilensteine. Dadurch kann auch kurzfristigen Störungen in der Supply Chain, wie z.B.
Ausfall einer Maschine oder eines Transporteurs, schnell durch eine aktualisierte Planung
begegnet werden.
Advanced Planning Systems lassen sich aber nicht nur zur operativen
Steuerung einer Supply Chain verwenden. Sie können auch zur Lösung
strategisch-taktischer Entscheidungsprobleme herangezogen werden. So können
beispielsweise langfristige Produktionsverlagerungen zwischen einzelnen Standorten oder
die Umstrukturierung des Zulieferer- oder Distributionssystems in Form von Szenarien am
Rechner analysiert werden. APS sind somit auch bei der Lösung von Konfigurationsproblemen
der Supply Chain einsetzbar.
Optimierungstools bilden die dritte Gruppe von Softwaretools für
das Supply Chain Management. Ihre Anwendung beschränkt sich auf die Lösung spezifischer
Teilprobleme, die in einer Supply Chain auftreten können wie z. B. die Belegungsplanung
eines flexiblen Fertigungssystems. Mit Hilfe von Methoden des Operations Research wie z.
B. der linearen Programmierung oder problemspezifischen Heuristiken werden für viele
Probleme optimale Lösungen generiert. Klassische PPS-Systeme und in noch stärkerem Maße
APS verwenden für ihre Berechnungen oft solche Optimierungstools, allerdings können die
Optimierungstools auch unabhängig von den Planungssystemen eingesetzt werden. Die letzte
Gruppe von Softwaretools bilden schließlich die Simulationswerkzeuge, die eine vertiefte
Analyse der Prozesse einer Supply Chain ermöglichen. Durch Simulationsstudien versucht
man, die Dynamik und Stochastik eines Systems transparent zu machen. Dadurch
erscheint der Einsatz von Simulationswerkzeugen insbesondere zur Konfiguration von Supply
Chains sinnvoll. Hier lassen sich verschiedene Alternativszenarien der Konfiguration
simulieren und bewerten.
Kommunikationstechnologien
Eine höhere Relevanz für den Einsatz im überbetrieblichen Supply
Chain Management weisen Kommunikationstechnologien auf. Sie finden hier ihren Einsatz in
der elektronischen Übermittlung von Transaktionsdaten wie z. B. Bestellmengen- oder
Finanzierungsdaten. In zunehmendem Maße können Kommunikationstechnologien aber auch zur
Abstimmung der Matenalflüsse in der Supply Chain genützt werden, z. B. durch die
Übermittlung von Lagerbeständen, freien Kapazitäten oder Prognosedaten. Innerhalb der
Kommunikations-technologien wird im folgenden eine Unterscheidung in EDI-basierte und
internetbasierte Technologien vorgenommen.
Electronic Data Interchange (EDI)
Electronic Data Interchange gibt es schon seit den achtziger Jahren.
EDI als ,,electronic, computer-to-computer transfer of standard
business documents between organizations'. EDI kann also den Geschäftsverkehr zwischen
verschiedenen Unternehmen erheblich beschleunigen und vereinfachen. Gegenwärtig sind
verschiedene Typen von EDI-Systemen im Einsatz. Man unterscheidet dabei 1: n- und m: n
-Systeme. Bei 1: n-Systemen wird das EDI-System von einem einzigen Unternehmen betrieben,
das über dieses System mit seinen n Zulieferern verbunden ist. 1: n-Systeme kommen zum
Einsatz, wenn das Unternehmen, welches das EDI-System betreibt, die relativ hohen
Investitionskosten tragen kann und gleichzeitig die nötige Verhandlungsmacht besitzt,
seine Schlüsselzulieferer in das EDI-System zu integrieren. Bei m : n -Systemen, die auch
Value Added Networks (VAN) genannt werden, werden alle EDI-Übertragungen über einen
Dritten geleitet, der als zentrale Clearingstelle fungiert. Der Vorteil eines VAN liegt
darin, daß die EDI-Systeme der Unternehmen, die EDI betreiben wollen, nicht kompatibel
sein müssen, da die Clearingstelle die Daten für das empfangende Unternehmen in dessen
Verarbeitungsformat konvertiert.
Internetbasierte Kommunikationstechnologien
Der Vorteil des Internet besteht vor allem in seiner
Plattformunabhängigkeit. Durch einheitliche Kommunikationsprotokolle können zum ersten
Mal völlig verschiedene Informationssysteme auf einfachem Wege miteinander kommunizieren.
Dadurch entstehen geringe Investitionskosten zur Nutzung des lnternets für geschäftliche
Transaktionen, was diese Kommunikationstechnologien auch für kleinere Unternehmen und
Endkunden erschwinglich macht. Einige Autoren erwarten, daß internetbasierte
Kommunikations-technologien die klassischen EDI-Systeme mittelfristig völlig verdrängen
werden. Als zusätzlichen Grund für diese These wird angeführt, daß klassische
EDI-Systeme nicht fähig sind, Geschäftsdokumente bei der Übertragung in mehrere
kleinere Teile aufzuspalten, wodurch bei kleinen Änderungen am Dokument eine völlige
Neuübertragung des Dokumentes nötig wird. Dagegen eröffnet die Kommunikation per
Internet die Möglichkeit, Geschäftsdokumente durch Online-Forms jederzeit zu
aktualisieren, wobei dann jeweils nur die Änderung am Dokument übertragen werden muß.
Möglich wird dies durch die Verwendung der sogenannten Extensible Markup Language (XML).
Dieses lnternetprotokoll ermöglicht die Übertragung von zusätzlichen Informationen, die
dem Empfänger angeben, wie mit den übertragenen Daten verfahren werden soll. Vorteilhaft
ist bei XML auch, daß solche Online-Forms von jedem Webbrowser verarbeitet werden können
und somit schon im Desktop des Endusers integriert werden können. Große
Softwarehersteller klassischer EDI-Systeme befassen sich zur Zeit intensiv mit der
Entwicklung von Anwendungen für XML.
Probleme von Kommunikationstechnologien im SCM
Auch wenn durch den Einsatz von Kommunikationstechnologien im Supply
Chain Management beträchtliche Rationalisierungspotenziale genutzt werden können, soll
an dieser Stelle noch auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht werden.
Eines der größten Probleme beim Einsatz von
Kommunikationstechnologien sind die Sicherheitsbedenken der beteiligten
Transaktionspartner. Dies gilt insbesondere für das Internet, da hier eine sehr hohe Zahl
von Rechnern weltweit verknüpft sind. Allerdings wird dies zukünftig durch moderne
Softwaretechnologie weitgehend beseitigt werden, da effiziente Verschlüsselungsverfahren
zur Verfügung stehen, die eine hohe Sicherheit im elektronischen Geschäftsverkehr
gewährleisten können. Neben den technischen Risiken sind aber insbesondere auch
Verhaltensrisiken von Mitarbeitern zu beachten, wie z.B. der Umgang mit Paßwörtern etc.
Dies bedeutet, daß die Sicherheit eines Unternehmens auch von der Unternehmenskultur
abhängt und Mitarbeitern ein entsprechendes Sicherheitsbewußtsein vermittelt werden
sollte.
Ein weiteres Problem im Supply Chain Management stellen die
Bandweitenprobleme dar. Insbesondere bei der Kommunikation mit Endkunden sind hohe
Übertragungsraten notwendig, da häufig Produkte nur über den Computermonitor
begutachtet werden sollen. Da die Endkunden die Produkte nicht mehr direkt betrachten
können, müssen die verwendeten Systeme in der Lage sein, z.B. Animationen dieser
Produkte von verschiedenen Betrachtungswinkeln zu ermöglichen und diese Funktionalität
bedeutet einen stark erhöhten Bedarf an Netzkapazität.
Für Unternehmen erweist es sich auch häufig als Problem, die
Kommunikations-technologien mit ihren internen informationsverarbeitenden Systemen zu
verknüpfen. Durch diese Verknüpfung können die bei der elektronischen Kommunikation
anfallenden Datenmengen leichter weiterverarbeitet werden, was für die Unternehmen einen
beträchtlichen Vorteil darstellt.
Zuletzt ist es für Unternehmen schwierig, Mitarbeiter zu finden
oder zu schulen, die mit den neuen Kommunikationstechnologien überhaupt umgehen können.
Auf der Nachfrageseite sind Kunden häufig noch nicht mit den neuen
Kommunikationstechnologien vertraut, und haben häufg auch Bedenken, sie zu
geschäftlichen Transaktionen einzusetzen. |