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ISBN 978-3-446-41025-1

Vor- und Nachteile des Supply Chain Management

Ein Beitrag von Prof. Dr.-Ing. Rainer Kämpf, Terje Növig, Muhammed Yesilhark

Die Vor- und Nachteile des Supply Chain Managements lassen sich gut in bezug auf die einzelnen Kooperationsmöglichkeiten zeigen, die Unternehmen haben. Hier soll die Betrachtung auf traditionelle Geschäftbeziehung mit vertraglicher Bindung, Supply Chain Management und die vertikale Integration begrenzt werden. Um die Vor- und Nachteile des Logistikketten Managements besser darstellen zu können, werden zuerst die Vor- und Nachteile der traditionellen Geschäftsbeziehung und der vertikalen Integration gezeigt.

Bei der traditionellen Geschäftsbeziehung mit vertraglicher Bindung handelt es sich um eine auf längere Frist ausgelegte, kooperative Partnerschaft zweier Unternehmen in einer Wertschöpfungskette. Im Gegensatz zum Supply Chain Management wird allerdings bei dieser Beziehungsform nicht die ganze Wertschöpfungskette betrachtet, sondern nur ein kleiner Bereich des Ganzen. Die Vorteile, die aus diesem Verhältnis resultieren, können in Kosten- und Risikominderung kategorisiert werden. Die Kostenvorteile resultieren z.B. aus geringeren Transaktionskosten, die innerhalb einer Unternehmensgruppe niedriger sein können als bei Transaktionen, die über den Markt geregelt werden. Risikomindernd wirken z. B. die gegenseitige Abhängigkeit, die es den Unternehmen nicht ermöglicht, einfach einen neuen Partner zu wählen, vertraglich festgelegte Abnahmeverpflichtungen und Absprachen über die Teilung von Risiken und Gewinnen

Für die beteiligten Unternehmen entstehen durch diese Kooperationen aber auch Nachteile, die sich in Abhängigkeits- und Kostennachteile unterteilen lassen. Die Abhängigkeits-nachteile sind z.B. die Gefahr opportunistischen Verhaltens eines Unternehmens (Ausnutzung des Abhängigkeitsverhältnisses zu eigenen Gunsten), Anreizverlust, wettbewerblich aktiv zu sein, da ja ein gesichertes Ertragsverhältnis vorliegt oder etwa die Schwierigkeit, mehrere solcher Beziehungen einzugehen, ohne Interessendivergenzen hervorzurufen. Durch Anstrengungen, den Interessen des Partnerunternehmens nachzukommen, kann es zudem zu einer Steigerung der Gesamtkosten kommen

Die vertikale Integration als Beziehungsgefüge bringt Vorteile in den Bereichen Kontrolle, Kommunikation und Kosten mit sich. Vorteilhaft sind z. B. die Reduktion von Unsicherheiten, die Reduktion möglichen opportunistischen Verhaltens und die Informationswahrung, d.h., daß der Hersteller mit dem integrierten Zulieferer zusammen Planungsaktivitäten durchführen kann, ohne mögliche Wettbewerbsvorteile aus dem Unternehmen zu geben. Hinzu kommen die Vorteile der Kommunikation, wie z.B. eine bessere Prozeßsteuerung, die über das bei integrierten Unternehmen oft vorliegende firmeneigene Netzwerk abläuft und die Vorteile im Kostenbereich, die z.B. durch geringere Transaktionskosten und durch Economies of Scale (die sich durch gemeinsame Beschaffung, Distribution und Werbung erreichen lassen) erzielt werden.

Auf der anderen Seite bringt eine vertikale Integration aber auch Nachteile mit sich. Ein wesentlicher Punkt ist hierbei die Schwächung des Wettbewerbs, d.h., daß durch die Integration eines Lieferanten kein Wettbewerb mehr unter den bisherigen Zulieferern aufkommen kann. Somit entsteht für die anderen Zulieferer ein klarer Nachteil, weil sie vor einer Barriere stehen, die evtl. zu ihrem Ausscheiden aus dem Markt, auf jeden Fall aber zu einer Schwächung führt. Außerdem fallen durch einen integrierten Zulieferer als Bezugsquelle die Preisbildungskräfte des Marktes weg, die nur durch Konkurrenz genutzt werden können.

Des weiteren kann die enorme Größe, die Verbundunternehmen erreichen können, durch die entstehende Komplexität Schwierigkeiten in der Führung des Unternehmens aufkommen lassen und zu einem schwer überschaubaren Kommunikationsnetzwerk führen, dessen Kosten durch die Integration letztlich alle von einem Unternehmen getragen werden müssen.

Das Supply Chain Management tritt als innovatives Konzept in eine sich ändernde Form des Wettbewerbs ein und teilt Vor- und Nachteile mit der traditionellen Geschäftsbeziehung mit vertraglicher Bindung und mit der vertikalen Integration. Zuerst sollen die gemeinsamen Vorteile betrachtet werden.

Wie bei der vertikalen Integration erhöht sich mit der Einführung des Supply Chain Managements die Koordination, Kommunikation und somit auch die Kontrolle entlang der Wertschöpfungskette, was dazu beiträgt, Marktrisiken zu senken. Dadurch, daß sich die Unternehmen zu ein partnerschaftliches Verhältnis zusammenschließen, können auch Economies of Scope erzielt werden, d.h., daß beispielsweise die Kosten für Forschung und Entwicklung geringer sind, wenn zwei Unternehmen diese Tätigkeiten gemeinsam durchführen, als wenn sie jeweils alleine arbeiten würden Im Gegensatz zu der vertikalen Integration können die Unternehmen beim Supply Chain Management Risiken untereinander aufteilen, da die Kapitalbindung bei Investitionen nicht auf ein einzelnes Unternehmen zurückfällt, sondern nur auf die jeweils Beteiligten. Wie bei den vertraglichen Bindungen können Unsicherheiten im Gegensatz zu reinen Marktlösungen z.B. durch langfristige Festlegungen von Preis, Menge und Qualität und durch die Orientierung auf die Zukunft mittels gemeinsamer Planung reduziert werden.

Ein weiterer Vorteil im Gegensatz zur vertikalen Integration besteht darin, daß das Supply Chain Management keine Markteintrittsbarrieren aufwirft, wie dies bei der vertikalen Integration der Fall ist.

Als letzter Vorteil soll hier die erhöhte Flexibilität im Gegensatz zu der Starrheit bei der vertikalen Integration genannt werden, da diese nur bei Spezialisierung einzelner Unternehmen vorliegen und somit nicht bei der vertikalen Integration gefunden werden kann.

Auch wenn oder gerade weil das Supply Chain Management noch eine neuere Errungenschaft der Betriebswirtschaftslehre ist, müssen auch einige Nachteile ins Gespräch gebracht werden.

Wie bei der vertikalen Integration kann es bei der Einführung des Supply Chain

Managements, besonders wenn es sich um eine Partnerschaft großer Unternehmen handelt, zu Diseconomies of Scale kommen, die durch fehlenden Wettbewerbsdruck und mangelnde Motivation des Managements und der Mitarbeiter eines Unternehmens hervorgerufen werden können. Außerdem besteht die Gefahr, daß bei zu großen Partnerschaften das Management gar nicht mehr in der Lage ist, effizient zu agieren. Da sich die Unternehmen beim Supply Chain Management in einer langfristigen Partnerschaft befinden, kann es auch passieren, daß sich die Unternehmen weniger am Markt beteiligen, weil der Anreiz durch die feste Bindung für sie geringer ist. Dies kann allerdings dazu führen, daß diese Unternehmen sich Marktaustrittsbarrieren gegenüber sehen, da sie z.B. vom Umsatz her in eine zu

große Abhängigkeit geraten und daher gezwungen sind, in der Supply Chain zu bleiben, oder daß sie nur aus Gewohnheit in der Logistikkette bleiben, obwohl sich am Markt ein vielleicht viel besserer Partner bieten würde.

Weitere Nachteile sind z.B. der Verlust der eigenen Kontrolle, wie sie bei der reinen Marktlösung vorliegt, Schwierigkeiten, mehrere Partnerschaften ohne Interessendivergenzen aufzubauen oder etwa Anstrengungen, die Interessen des Partners zu erfüllen, die in höhere Gesamtkosten münden.

Ein großer Nachteil beim Supply Chain Management ist jedoch, daß sich die Unternehmen durch die langfristig ausgelegten Beziehungen auch der Gefahr des möglichen opportunistischen Verhaltens ihres eigentlichen Partners ausgesetzt sehen.

Zusammenfassend kann hier gesagt werden, daß die Kontrolle in der vertikalen Integration einfacher ist als beim Supply Chain Management. Gerade das Zurückhalten von Eigeninteressen und die Ausrichtung auf eine gesamtheitliche Betrachtung der Wertschöpfungskette ist problematisch, und so kann das Supply Chain Management in einer zu starken Abhängigkeit oder im Opportunismus münden. Somit sollte Supply Chain Management nur in speziellen partnerschaftlichen Verhältnissen und in speziellen Marktsituationen angewandt werden, um diese Gefahren möglichst zu vermeiden.

 

 

Literatur:

Gabler Wirtschaftslexikon, Gabler Verlag, Wiesbaden, 1997.

Tempelmeier, H.: Material-Logistik – Grundlagen der Bedarfs- und Losgrößenplanung in PPS-Systemen, Springer-Verlag, Berlin, 1995.

Kuhn, A.; Hellingrath, B.; Kloth, M.: Anforderungen an das Supply Chain Management in der Zukunft. In: Information Management & Consulting 13 (3), 1998.

Drexl, A.; Flesichmann, B.;Günther, H.-O.; Stadler, H.; Tempelmeier, H.: Konzeptionelle Grundlagen kapazitätsorientierter PPS-Systeme. In: zfbf - Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, 46, 1994.

Ellram, L.M.: Supply Chain Management – The Industrial Organisation Perspective. International Journal of Physical Distribution & Logistics Management, Vol. 21, No. 1, 1991.

Servatius, H.-G.: Integration der Wertschöpfung von Unternehmen, Kunden und Zulieferern: ein Überblick. In Information Management & Consulting, 13 (3), 1998.

Lambert, D.; Stock, J.; Ellram, L.: Fundamentals of Logistics Management, Irwin / Mc Graw-Hill, Boston, 1998.