Vor- und Nachteile des Supply Chain Management
Ein Beitrag von Prof. Dr.-Ing. Rainer Kämpf, Terje
Növig, Muhammed Yesilhark
Die Vor- und Nachteile des Supply Chain Managements lassen sich gut
in bezug auf die einzelnen Kooperationsmöglichkeiten zeigen, die Unternehmen haben. Hier
soll die Betrachtung auf traditionelle Geschäftbeziehung mit vertraglicher Bindung,
Supply Chain Management und die vertikale Integration begrenzt werden. Um die Vor- und
Nachteile des Logistikketten Managements besser darstellen zu können, werden zuerst die
Vor- und Nachteile der traditionellen Geschäftsbeziehung und der vertikalen Integration
gezeigt.
Bei der traditionellen Geschäftsbeziehung mit vertraglicher Bindung
handelt es sich um eine auf längere Frist ausgelegte, kooperative Partnerschaft zweier
Unternehmen in einer Wertschöpfungskette. Im Gegensatz zum Supply Chain Management wird
allerdings bei dieser Beziehungsform nicht die ganze Wertschöpfungskette betrachtet,
sondern nur ein kleiner Bereich des Ganzen. Die Vorteile, die aus diesem Verhältnis
resultieren, können in Kosten- und Risikominderung kategorisiert werden. Die
Kostenvorteile resultieren z.B. aus geringeren Transaktionskosten, die innerhalb einer
Unternehmensgruppe niedriger sein können als bei Transaktionen, die über den Markt
geregelt werden. Risikomindernd wirken z. B. die gegenseitige Abhängigkeit, die es den
Unternehmen nicht ermöglicht, einfach einen neuen Partner zu wählen, vertraglich
festgelegte Abnahmeverpflichtungen und Absprachen über die Teilung von Risiken und
Gewinnen
Für die beteiligten Unternehmen entstehen durch diese Kooperationen
aber auch Nachteile, die sich in Abhängigkeits- und Kostennachteile unterteilen lassen.
Die Abhängigkeits-nachteile sind z.B. die Gefahr opportunistischen Verhaltens eines
Unternehmens (Ausnutzung des Abhängigkeitsverhältnisses zu eigenen Gunsten),
Anreizverlust, wettbewerblich aktiv zu sein, da ja ein gesichertes Ertragsverhältnis
vorliegt oder etwa die Schwierigkeit, mehrere solcher Beziehungen einzugehen, ohne
Interessendivergenzen hervorzurufen. Durch Anstrengungen, den Interessen des
Partnerunternehmens nachzukommen, kann es zudem zu einer Steigerung der Gesamtkosten
kommen
Die vertikale Integration als Beziehungsgefüge bringt Vorteile in
den Bereichen Kontrolle, Kommunikation und Kosten mit sich. Vorteilhaft sind z. B. die
Reduktion von Unsicherheiten, die Reduktion möglichen opportunistischen Verhaltens und
die Informationswahrung, d.h., daß der Hersteller mit dem integrierten Zulieferer
zusammen Planungsaktivitäten durchführen kann, ohne mögliche Wettbewerbsvorteile aus
dem Unternehmen zu geben. Hinzu kommen die Vorteile der Kommunikation, wie z.B.
eine bessere Prozeßsteuerung, die über das bei integrierten Unternehmen oft vorliegende
firmeneigene Netzwerk abläuft und die Vorteile im Kostenbereich, die z.B. durch geringere
Transaktionskosten und durch Economies of Scale (die sich durch gemeinsame Beschaffung,
Distribution und Werbung erreichen lassen) erzielt werden.
Auf der anderen Seite bringt eine vertikale Integration aber auch
Nachteile mit sich. Ein wesentlicher Punkt ist hierbei die Schwächung des Wettbewerbs,
d.h., daß durch die Integration eines Lieferanten kein Wettbewerb mehr unter den
bisherigen Zulieferern aufkommen kann. Somit entsteht für die anderen Zulieferer ein
klarer Nachteil, weil sie vor einer Barriere stehen, die evtl. zu ihrem Ausscheiden aus
dem Markt, auf jeden Fall aber zu einer Schwächung führt. Außerdem fallen durch einen
integrierten Zulieferer als Bezugsquelle die Preisbildungskräfte des Marktes weg, die nur
durch Konkurrenz genutzt werden können.
Des weiteren kann die enorme Größe, die Verbundunternehmen
erreichen können, durch die entstehende Komplexität Schwierigkeiten in der Führung des
Unternehmens aufkommen lassen und zu einem schwer überschaubaren Kommunikationsnetzwerk
führen, dessen Kosten durch die Integration letztlich alle von einem Unternehmen getragen
werden müssen.
Das Supply Chain Management tritt als innovatives Konzept in eine
sich ändernde Form des Wettbewerbs ein und teilt Vor- und Nachteile mit der
traditionellen Geschäftsbeziehung mit vertraglicher Bindung und mit der vertikalen
Integration. Zuerst sollen die gemeinsamen Vorteile betrachtet werden.
Wie bei der vertikalen Integration erhöht sich mit der Einführung
des Supply Chain Managements die Koordination, Kommunikation und somit auch die Kontrolle
entlang der Wertschöpfungskette, was dazu beiträgt, Marktrisiken zu senken. Dadurch,
daß sich die Unternehmen zu ein partnerschaftliches Verhältnis zusammenschließen,
können auch Economies of Scope erzielt werden, d.h., daß beispielsweise die Kosten für
Forschung und Entwicklung geringer sind, wenn zwei Unternehmen diese Tätigkeiten
gemeinsam durchführen, als wenn sie jeweils alleine arbeiten würden Im Gegensatz zu der
vertikalen Integration können die Unternehmen beim Supply Chain Management Risiken
untereinander aufteilen, da die Kapitalbindung bei Investitionen nicht auf ein einzelnes
Unternehmen zurückfällt, sondern nur auf die jeweils Beteiligten. Wie bei den
vertraglichen Bindungen können Unsicherheiten im Gegensatz zu reinen Marktlösungen z.B.
durch langfristige Festlegungen von Preis, Menge und Qualität und durch die Orientierung
auf die Zukunft mittels gemeinsamer Planung reduziert werden.
Ein weiterer Vorteil im Gegensatz zur vertikalen Integration besteht
darin, daß das Supply Chain Management keine Markteintrittsbarrieren aufwirft, wie dies
bei der vertikalen Integration der Fall ist.
Als letzter Vorteil soll hier die erhöhte Flexibilität im
Gegensatz zu der Starrheit bei der vertikalen Integration genannt werden, da diese nur bei
Spezialisierung einzelner Unternehmen vorliegen und somit nicht bei der vertikalen
Integration gefunden werden kann.
Auch wenn oder gerade weil das Supply Chain Management noch eine
neuere Errungenschaft der Betriebswirtschaftslehre ist, müssen auch einige Nachteile ins
Gespräch gebracht werden.
Wie bei der vertikalen Integration kann es bei der Einführung des
Supply Chain
Managements, besonders wenn es sich um eine Partnerschaft großer
Unternehmen handelt, zu Diseconomies of Scale kommen, die durch fehlenden Wettbewerbsdruck
und mangelnde Motivation des Managements und der Mitarbeiter eines Unternehmens
hervorgerufen werden können. Außerdem besteht die Gefahr, daß bei zu großen
Partnerschaften das Management gar nicht mehr in der Lage ist, effizient zu agieren. Da
sich die Unternehmen beim Supply Chain Management in einer langfristigen Partnerschaft
befinden, kann es auch passieren, daß sich die Unternehmen weniger am Markt beteiligen,
weil der Anreiz durch die feste Bindung für sie geringer ist. Dies kann allerdings dazu
führen, daß diese Unternehmen sich Marktaustrittsbarrieren gegenüber sehen, da sie z.B.
vom Umsatz her in eine zu
große Abhängigkeit geraten und daher gezwungen sind, in der Supply
Chain zu bleiben, oder daß sie nur aus Gewohnheit in der Logistikkette bleiben, obwohl
sich am Markt ein vielleicht viel besserer Partner bieten würde.
Weitere Nachteile sind z.B. der Verlust der eigenen Kontrolle, wie
sie bei der reinen Marktlösung vorliegt, Schwierigkeiten, mehrere Partnerschaften ohne
Interessendivergenzen aufzubauen oder etwa Anstrengungen, die Interessen des Partners zu
erfüllen, die in höhere Gesamtkosten münden.
Ein großer Nachteil beim Supply Chain Management ist jedoch, daß
sich die Unternehmen durch die langfristig ausgelegten Beziehungen auch der Gefahr des
möglichen opportunistischen Verhaltens ihres eigentlichen Partners ausgesetzt sehen.
Zusammenfassend kann hier gesagt werden, daß die Kontrolle in der
vertikalen Integration einfacher ist als beim Supply Chain Management. Gerade das
Zurückhalten von Eigeninteressen und die Ausrichtung auf eine gesamtheitliche Betrachtung
der Wertschöpfungskette ist problematisch, und so kann das Supply Chain Management in
einer zu starken Abhängigkeit oder im Opportunismus münden. Somit sollte Supply Chain
Management nur in speziellen partnerschaftlichen Verhältnissen und in speziellen
Marktsituationen angewandt werden, um diese Gefahren möglichst zu vermeiden.
Literatur:
Gabler Wirtschaftslexikon, Gabler Verlag, Wiesbaden,
1997.
Tempelmeier, H.: Material-Logistik Grundlagen der
Bedarfs- und Losgrößenplanung in PPS-Systemen, Springer-Verlag, Berlin, 1995.
Kuhn, A.; Hellingrath, B.; Kloth, M.: Anforderungen an das
Supply Chain Management in der Zukunft. In: Information Management & Consulting 13
(3), 1998.
Drexl, A.; Flesichmann, B.;Günther, H.-O.; Stadler, H.;
Tempelmeier, H.: Konzeptionelle Grundlagen kapazitätsorientierter PPS-Systeme. In:
zfbf - Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, 46, 1994.
Ellram, L.M.: Supply Chain Management The Industrial
Organisation Perspective. International Journal of Physical Distribution & Logistics
Management, Vol. 21, No. 1, 1991.
Servatius, H.-G.: Integration der Wertschöpfung von
Unternehmen, Kunden und Zulieferern: ein Überblick. In Information Management &
Consulting, 13 (3), 1998.
Lambert, D.; Stock, J.; Ellram, L.: Fundamentals of Logistics
Management, Irwin / Mc Graw-Hill, Boston, 1998. |