VMI Vendor Managed Inventory
Ein Betrag von Prof. Dr.-Ing. Rainer Kämpf und
Oliver Dieffenbacher
1. VMI ein erster Einblick
Immer mehr Unternehmen benutzen modere
Management-Systeme im Fachjargon "Advanced Planning Systems" (APS)
genannt , um ihre Produktions- und Logistikprozesse so optimal wie möglich zu
steuern. APS-Systeme beziehen ihre Daten oft aus im Unternehmen bereits eingesetzten
ERP-Systemen (Enterprise Resource Planning) und können gewissermaßen auf diese
"aufgesetzt" werden. Durch wechselseitige Systemverbindungen und entsprechende
Schnittstellen können relevante Daten aus den ERP-Systemen in die APS-Systeme
eingespielt, dort verarbeitet und die dort ermittelten Ergebnisse anschließend wieder an
das ERP-System zurückgegeben werden.
Eines dieser APS-Systeme, das sich mit dem Verwalten
und Auffüllen der Bestände auseinandersetzt, ist Vendor-Managed Inventory kurz
VMI , das von vielen Experten seit geraumer Zeit als eine der größten
Herausforderung angesehen wird, mit der sich die Industrie momentan auseinander zu setzen
hat. Zudem gewinnt VMI immer mehr an Bedeutung, wenn es darum geht, kosteneffizient und
dennoch kundenorientiert einzulagern.

Abb. 1: Grundzüge eines Advances Planning Systems
1.1 Funktionsweise eines VMI-Systems
Doch was verbirgt sich hinter der Abkürzung
VMI? Nach welchen Funktionsprinzipien arbeitet dieses System, das eine rapide Senkung der
Wiederbeschaffungszeit, immense Kostenersparnisse sowie eine deutliche Steigerung des
Servicegrades bei gleichzeitiger Senkung der bevorrateten Bestandsmengen verspricht?
Eine erste Antwort gibt Tempelmeier: "Jedes
Lager, dem stochastische Nachfragemengen und Wiederbeschaffungszeiten gegenüberstehen,
kann durch geeignete Lagerhaltungspolitiken gesteuert werden. In einigen Industriezweigen,
etwa in der Konsumgüter- oder chemischen Industrie, haben sich Systeme etabliert, in
denen das Management des Lagerbestands (z.B. der genauen Bestimmung von Bestellpunkt und
-menge) in den Verkaufsregalen des Handels vollständig durch den Zulieferer übernommen
wird."
So perfektionierte die Herlitz AG beispielsweise diese
Strategie, indem sie die Bestände an Büromaterial, Glückwunschkarten, Kugelschreibern
etc. in den Verkaufsregalen des Einzelhandels überwachte und selbstständig über
Nachfüllzeitpunkte und die optimale Wiederauffüllmenge entschied. Somit war also der
Zulieferer und nicht etwa der Kunde verantwortlich für das Verwalten und
Wiederauffüllen der Bestände.

Abb. 2: VMI Wie funktionierts ?
Verallgemeinert heißt dies: In aller Regel
verschafft sich der Produzent (also der Zulieferer) in regelmäßigen Zeitabständen
meistens sogar täglich einen Überblick über das Bestandsniveau des
Händlers (also seines Kundens), indem er sich selbstständig die dazu nötigen
Informationen vom System des Kundens herunterlädt. Mithilfe dieser Daten plant der
Zulieferer dann den Zeitpunkt des optimalen Liefertermins sowie die optimale
Auffüllmenge. Diese sollte so klein wie möglich (Senkung der Lagerkosten!), aber eben
auch so hoch wie nötig (Aufrechterhaltung bzw. evtl. Verbesserung des Servicegrades!)
sein. Ist der Zeitpunkt zum Auffüllen gekommen, löst der Zulieferer das Signal zur
Auslieferung aus. Für Nachschub ist nun gesorgt, ohne dass der Kunde aktiv werden musste!
1.2 Entstehungsgeschichte von VMI
Lageroptimierung mittels manueller Erfassung des
Bestandsniveaus gibt es schon seit vielen Jahrzehnten. So überprüfte ein Mitarbeiter des
Zulieferers das Bestandsniveau seines Kunden regelmäßig vor Ort, wenn er die neue
Lieferung zustellte. Mit den gesammelten Erkenntnissen war es ihm nun grob möglich zu
bestimmen, ob er beim nächsten Mal lieber mehr oder weniger Waren mitbringen sollte.
Ähnlich verfuhren Zulieferer von Krankenhäusern. Sie stellten Mitarbeiter an, deren
Aufgabe darin bestand, die im Krankenhaus noch verfügbaren Artikel zu zählen und bei
Bedarf d.h. wenn sie den Eindruck gewannen, dass nur noch wenige vorrätig waren
nachzubestellen.
Das wirkliche, d.h. vollautomatisch arbeitende
VMI-System wurde erstmals in den späten 1980er Jahren eingeführt. Als einer der
Vorreiter bei der Einführung eines solchen Systems kann WalMart genannt werden. Dieses
US-amerikanische Unternehmen hatte zu jenem Zeitpunkt sehr mit starken saisonalen
Absatzschwankungen zu kämpfen, die dazu beitrugen, dass manche Artikel in zu hoher Menge,
manch andere jedoch in zu knapp bemessener Anzahl gelagert wurden. VMI sollte nun helfen,
sich auf diese Schwankungen besser einstellen zu können.
1.3 Kosten der Implementierung
Die tatsächlich anfallenden Kosten zur
Implementierung eines VMI-Systems schwanken merklich. Rund 150.000 $ würde die
Einrichtung eines VMI-Systems kosten, das ein kleineres Lager überwachen sollte und bei
dem nur in größeren Zeitabständen das Bestandsniveau ermittelt und Bedarfsprognosen
errechnet würden, so John Aal-bregtse, Berater bei Andersen Consulting. Hingegen müssen
für ein ausgereiftes System, das mittels Sensoren täglich aktuelle Prognosen errechnet,
einmalige Kosten in Höhe von bis zu 500.000 $ eingeplant werden. Allerdings sei der
Payback von vielen VMI-Investitionen beträchtlich: Andersen Consulting schätzt, dass
mithilfe von VMI das Umlaufvermögen um 20 bis 30% erniedrigt werden könne. Zudem seien
die Investitionen in weniger als einem Jahr amortisiert, die Effizienz des
Bestandsmanagements aber über viele Jahre drastisch verbessert.
2.Vorteile durch den Einsatz von VMI
Fünf Hauptvorteile lassen sich durch den Einsatz
von VMI aufführen:
a) Senkung der Bestände
Ankor, ein US-Unternehmen, das sich auf die
Verpackung von Halbleitern spezialisiert hat, konnte mithilfe von VMI-Zulieferung in 18
Monaten seine Bestandsniveaus um die Hälfte senken, so der Supply-Chain-Manager Gary N.
Swinden. Dies hat zwangsläufig eine Senkung der Bestandskosten sowie des administrativen
Aufwands zur Folge. Zudem ist weniger Kapital im Unternehmen gebunden.
b) Verbesserung der Lieferfähigkeit:
Zur Verbesserung der Lieferfähigkeit äußerst
sich Stephan Pliligan, Vice-President der Quantum Corp. Hard-Disk-Drive Group: "Es
gibt einen verlockenden Vorteil für die Benutzung von VMI: Wenn ich meinen Kunden 20%
mehr Produkte in der Hälfte der Zeit liefern kann, dann ist dies für mich ein
unschlagbares Argument!"
c) schnellere Lieferzeit/Auftragsabwicklung
Laut Scott Stratman, dem Vorsitzenden des
Distribuation Teams, einer Wirtschaftsberatung in Colorado Springs, könnte dank
niedrigeren Lagerbeständen und weniger administrativem Aufwand eine Verkürzung der
Auftragsabwicklung um bis zu 12 Tage eintreten. Diese Aussage veranschaulicht das
nachfolgende Schaubild:

Abb. 3: Hard Goods Distribution Processing
besseres, i.d.R. schnelleres Eingehen auf
Bedarfsschwankungen
Mithilfe regelmäßiger Prognoseberechnungen
können Absatzrückgänge frühzeitig erkannt und analysiert werden. Dementsprechend kann
die Lagerhaltungsstrategie in Zusammenarbeit mit dem Zulieferer der neuen Situation
angepasst werden.
intensivere Zusammenarbeit zwischen Zulieferer und
Kunde
Während des Bestandsplanungsprozesses müssen der
Zulieferer und sein Kunde möglichst eng zusammenarbeiten und gesammelte Daten
untereinander austauschen. Dies bringt erhebliche Vorteile (aber auch kleine
"Nachteile") mit sich, die im folgenden noch näher beschrieben werden.
3. VMI als erster Schritt zum "Collaborative
Planning"
VMI kann als erster Schritt zu einer näheren
Kunden-Zulieferer-Beziehung angesehen werden. Russ Records, Logistikleiter beim
US-Unternehmen Comp Sciences Corp. Energy, ist der festen Überzeugung, dass die
Installation eines VMI-Systems schon zwangsläufig zu einer engen Zusammenarbeit zwischen
Kunden und Zulieferer verpflichtet. Die Implementierung einer erfolgreichen VMI-Lösung
ist oft für die zusammenarbeitenden Unternehmen nicht leicht. Denn viele Schlüsselfragen
müssen gemeinsam beantwortet werden. Wie etwa können unterschiedliche Planungssysteme
kompatibel zueinander gemacht werden (Einsatz von EDI oder Einführung eines neuen
ERP-Systems auf beiden Seiten?) ? Welche Seite hat die letzte
"Entscheidungsgewalt" bei unvorhergesehenen Ereignissen?
Arbeiten die am Projekt beteiligten Unternehmen dann
wirklich eng miteinander zusammen, spricht der Experte von einem "Collaborative
Planning". Laut BASF AG kann dieser Begriff wie folgt definiert werden:
"Collaborative Planning means the synchronization of the planning process through
several business partners, from our customers customer to our suppliers
supplier."
Vorteile des Collaborative Plannings seien, so die
BASF AG weiter, eine Produktionsoptimierung, durch die mittel- bis langfristig eine
wesentliche Senkung des Bestandsniveaus sowie der Produktions- und Logistikkosten erreicht
werden könne.
4. Probleme beim Einsatz von VMI
Im Zeitalter von VMI muss der Zulieferer mit
einer größeren Verantwortung umgehen, die auf seinen Schultern liegt. Viele fürchten,
neben der Verantwortung auch ein Risiko einzugehen, wenn sie alleine die Bestände eines
Kunden managen, bringt Dean Strausl, Executive Director der Semiconductor Supply Chain
Association vor. "Schwierig ist es sich untereinander zu einigen, wie das eventuelle
Risiko eines plötzlichen, völlig unverhofften Absatzrückgangs zwischen Zulieferer und
Kunden aufzuteilen ist. Wenn die Nachfrage stoppt oder der Produktlebenszyklus vorzeitig
endet und der Kunde den von uns bereits gelieferten aber noch nicht bezahlten
Nachschub nicht mehr absetzen kann, haben wir ein Problem!"
Auch das Vertrauensthema sollte nicht unterschätzt
werden. Denn es gilt erst einmal, eine Hemmschwelle zu überwinden, wenn
unternehmensinterne Daten mit dem Kunden oder Lieferanten geteilt werden sollen vor
allem bei kleineren Unternehmen, die von einem größeren Partner abhängen.
"Schwierig ist es, wenn ein Partner das Gefühl hat, ausgenutzt zu werden",
erläutert Frank Naujoks, Autor der Meta-Group-Studie "Lass mit in Ruhe mit SCM"
vom Juli 2000.
Auf einen weiteren Hemmschuh verweist Diedrich Fick,
Sales Forecast Manager bei Reckitt & Benckiser. Denn seiner Meinung nach bedingen die
gemeinsam erzielbaren Einsparungspotenziale einen Mehraufwand beim Lieferanten. Deshalb
könne das Zustandekommen vieler Projekte schlichtweg daran scheitern, dass die
Unternehmen nicht im Stande sind, sich auf für beide Seiten akzeptable Konditionen zu
einigen.
Andreas Resch, Geschäftsführer des
Transportlogistik-Anbieters Fiege, will zudem die technischen Probleme nicht
heruntergespielt wissen. Der Integrationsaufwand sei keineswegs zu unterschätzen:
Unternehmensinterne Supply-Chain-Management-Anwendungen wie eben auch VMI bedingen einen
zeitnahen Austausch geschäftsrelevanter Daten. "Das ist", so der
Logistikexperte, "das schwierigste Gebiet der IT in seiner schwierigsten
Ausprägung."
Zudem stellt sich für den Lieferanten das
nicht-triviale Problem, simultan sowohl seine eigenen Lagerbestände als auch jene der
Abnehmer zu steuern. "Es entsteht ein zweistufiges Lagerhaltungsproblem, indem u.a.
die Frage zu beantworten ist, ob der Sicherheitsbestand vorwiegend beim Lieferanten oder
doch eher beim Kunden zu bevorraten ist."
5. Zukünftige Einsatzfelder von VMI
Dass der Einsatz von VMI auch in der Zukunft
noch weiter optimiert werden kann, ist unter den Experten unbestritten. Doch wie sollte
die optimale VMI-Lösung nach Meinung von Logistikexperten eigentlich aussehen?
Tom McGrail, Senior Manager bei Deloitte Consulting,
stellt sich VMI in seiner ausgereiften Form folgendermaßen vor: Die optimale VMI-Lösung
würde automatisch die Bestandsmenge bestimmen, Verbrauchsdaten der Vergangenheit sammeln
und auswerten können. Zudem müsste das System reichhaltige Informationen über die
Vorhersage-Entwicklung der Kundennachfrage sowie die geplanten Produktionspläne des
Kunden enthalten. Diese gesammelten Informationen müssten dann sowohl auf Kunden- als
auch auf Lieferantenseite einem Arbeitsteam vorgelegt werden, das in Einklang miteinander
die optimale Lagerdispositionsstrategie erarbeitet.
Während zur Zeit die Themen
Bestandsmengenbestimmung und Verbrauchs-datenauswertung schon fast optimal innerhalb
ausgereifter VMI-Konzepte umgesetzt werden, hapert es seiner Meinung nach jedoch noch am
Informationsaustausch der Geschäftspartner untereinander.

Abb. 4: Optimale VMI-Lösung
Jacqueline Emigh, freie Wirtschaftsjournalistin
aus Boston, könnte sich den Einsatz von VMI in der nahen Zukunft besonders gut in der
Papierherstellungs- und Automobilindustrie vorstellen. VMI-Systeme könnten ihnen dabei
helfen, den Nachschub an Wasser und Chemikalien zu managen. Dies könnte geschehen, indem
die Lagertanks mit Sensoren versehen werden und via Satellit die gewonnenen Daten über
Tausende Kilometer zur Zentrale des Zulieferers gesendet werden, die sich problemlos auch
auf einem anderen Kontinent befinden könnte.
6. Ausblick
"VMI wird als eine der größten
Herausforderung angesehen, mit der sich die Industrie auseinander zu setzen hat".
Dass dieser gezeigte Optimismus keinesfalls überzogen, geschweige denn falsch ist, zeigen
die gesammelten Erkenntnisse deutlich. Denn jene vielen Vorteile, die durch VMI sowohl dem
Kunden wie auch dem Zulieferer entstehen, lassen die wenigen "Nachteile" (Bsp.
Austausch von Dateninterna), die bei näherem Hinsehen aber eigentlich doch keine sind,
schnell vergessen.
Somit lohnt die Implementierung von VMI in der
Mehrzahl jener Bereiche, die regelmäßig Nachschub ordern müssen und über ausreichend
große Lagerkapazitäten verfügen.
Die Zukunft wird jenen Unternehmen gehören, die
ihre Lagerhaltung mit VMI managen, jene hingegen, die dieser Technik bislang skeptisch
gegenüberstanden, sollten ihren Standpunkt nochmals überdenken, um ihre
Konkurrenzfähigkeit nicht aufs Spiel zu setzen.
7. Quellenangaben:
Fachbücher:
Günther, H.O./Tempelmeier, H.: "Produktion
und Logistik", 4., neub. u. erw. Auflage, Berlin, Heidelberg 2000
Zeitschriften:
Chain Store Age: "VMI & Discount
Stores?", N.N., S. 58, New York, Dezember 2001
Chemical Market Reporter: "Taking the VMI Step
to collaborative commerce", C. Challener, S. 11-14,
New York 20.11.2000
Computerwoche: "Lass mich in Ruh mit
SCM!", S. 43f., 17.09.1999
Computerwoche: "Reckitt & Benckiser und
DM-Drogeriemarkt praktizieren Continous Replenishment",
S. 50f., 07.09.2001
Computerworld: "Vendor-managed inventory",
J. Emigh, S. 52, Framingham, 23.08.1999
Computimes Malaysia: "Unilever integrates
inventory solution", S. Sangaran, S. 77, New York, 18.09.2000
Electronic Buyers News: "VMI: Supply
chain savior, or curse?", J.L. Baljko, S. 14, Manhasset, 30.08.1999
Healthcare Financial Management: "Building a
demand-driven, vendor-managed supply chain", S. Haavik, S. 56-61, Westchester Februar
2000
Manufacturing Systems: "Lets talk about
it", K.A. Dilger, S. 66-71, Oak Brook, September 2000 |