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Handbuch Produktion
Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

Strategische Maßnahmen
zur Beschaffung von Material und Dienstleistungen

Ein Beitrag von Rainer Kämpf und Helmuth Gienke

Inhalt:
Insourcing
Outsourcing
strategische Entscheidung
Vorgehen

Insourcing und Outsourcing

Der alte Spruch "und ist der Handel noch so klein, bringt er doch mehr als Arbeit ein" beschreibt drastisch ein Phänomen, das Zeichen unserer arbeitsteiligen Wirtschaft ist. Jedes produzierende Unternehmen ist auf Zuarbeit von anderen Unternehmen angewiesen. Der Grad der Zuarbeit wechselt je nach dem politischen und wirtschaftlichen Umfeld. In den vergangenen Jahren haben die Unternehmen der Bundesrepublik durch Auslagerung von Aktivitäten aus verschiedenen Gründen den Umfang externer Leistungen vergrößert und dadurch ihre Marktpräsenz flexibler gestaltet. Die wesentlichen Gründe hierfür sind

- die Erkenntnis, daß ein Lieferant als unabhängiger Unternehmer sich stärker für die Zielerreichung seiner Aktivität engagiert als ein abhängig Beschäftigter und die Aufgaben wirtschaftlicher und besser löst
- die höhere Reaktionsfähigkeit auf Beschäftigungsschwankungen durch den Einsatz externer Kapazitäten ohne langfristige Bindung
- der Bedarf an spezifischen Kenntnissen und Fähigkeiten, die nur teilweise erforderlich sind, und bei externen Spezialisten leichter und wirtschaftlicher zu decken ist, als durch den Aufbau eigener Kapazitäten
- die geringeren Kosten, die durch gezielte Beschaffung erreicht werden können, besonders unter dem Aspekt steigender Lohnkosten und dem Trend der Verlagerung der Produktion in Länder mit geringeren Stücklohnkosten

Aus diesen Gründen ergibt sich ein Zusammenspiel und Wechsel zwischen externer Beschaffung (Outsourcing) und spätere Verlagerung in das eigene Haus (Insourcing), unter anderem auch, um vorhandene Kapazitäten bei geringerer Beschäftigung auszunutzen. Nur selten werden die Möglichkeiten des IN-/OUTSOURCING als eine strategische Maßnahme in der gesamten Facettenbreite genutzt. Ausgehend von einer strategischen Bewertung der zu erbringenden Teileistung kann diese kurz- oder langfristig entweder an externe Zulieferer vergeben werden (Outsourcing) oder sie wird z.B. als Faktor für die Sicherung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit selbst erbracht bzw. von einem externen Lieferanten in das eigene Unternehmen zurückgeholt (Insourcing).

Für den Fertigungsbereich sollen strategische Methoden zum In/Outsurcing in diesem Beitrag näher untersucht werden.

 

Insourcing

Der Begriff Insourcing faßt alle Aktivitäten zusammen, die zu einer Verlagerung des Zukaufs von Leistungen oder extern gefertigten Werkstücken zu einer eigenen Inhaus-Erstellung führen. Insourcing wird vornehmlich dann angewendet, wenn aufgrund eines Kapazitätsüberhanges freie Kapazitäten zur Fertigung bisher zugekaufter Teile bestehen (operatives Insourcing) oder technologisches Know how nicht mehr nach außen zur Fertigung vergeben werden soll (strategisches Insourcing).

Da die Maßnahmen des operativen Insourcing meist nur kurzfristigen Charakter haben und aus dem jeweiligen Fertigungszustand eines Unternehmens bzw. seiner Kapazitätssituation resultieren, wird im folgenden ausschließlich das strategische Insourcing behandelt.

 

Strategisches Insourcing umfaßt die Eingliederung von einzelnen Herstellungsaufgaben bzw. der Herstellung einzelner Halbfabrikate, die bisher extern durchgeführt wurden, in das eigene Unternehmen unter strategischen Gesichtspunkten.

 

Outsourcing

Der Begriff Outsourcing umfaßt alle Aktivitäten, die zu einer Verlagerung der Leistungs- oder Teileerstellung nach außen führen. Dies kann entweder aus Kapazitätsengpässen oder niedrigem Anteil technologischen Know-hows und damit geringer strategischer Bedeutung der Leistung oder des Teiles erfolgen. Es werden ebenfalls dafür die Begriffe operatives Outsourcing bzw. strategisches Outsourcing angewendet. Wie im Fall des Insourcing soll nur das strategische Outsourcing betrachtet werden.

 

Strategisches OutsourcingStrategisches Outsourcing umfaßt die Auslagerung von einzelnen Herstellungsaufgaben bzw. der Herstellung einzelner Halbfabrikate unter strategischen Gesichtspunkten.
 

Strategische Entscheidung

Kriterien für die strategische Entscheidung zum In- und Outsourcing ergeben sich, wie eigentlich alle Aktivitäten, aus der strategischen Zielsetzung des Unternehmens.

Abb.1: Kriterien zur Entscheidung

Zur Definition der Maßstäbe sind die Größen zu ermitteln, die Einfluß auf die Zielerreichung haben. Diese Einflußgrößen können zum Beispiel sein:

- Kapazitätssituation der Fertigung
- der strategische Charakter eines Teils für das Unternehmen
- die funktionale Bedeutung des Teils für das Gesamtprodukt
- das technologische Know-how des Teils
- die Herstellkosten
- die Zuverlässigkeit und Qualität möglicher Bezugsquellen
- der Mengenanteil des Teils
- der Umsatzanteil des Teils
- der Marktpreis
- die Wettbewerbssituation am Markt für das Teil.

Für diese Einflußgrößen müssen jetzt Wertemaßstäbe definiert werden, die ( häufig in subjektiven Aussagen ) die Stärke des Einflusses ausdrücken. Wertemaßstäbe können sein: know how Vorsprung ist groß-mittel-unbedeutend oder know how Vorsprung in Monaten gegenüber dem Wettbewerb. Es soll klar herausgestellt werden, daß die subjektive Einschätzung für die Einflußgrößen gewählt werden muß, für die eine exakt quantifizierbare Einstufung nicht möglich ist.

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Abb.2: Grenzwerte zur Entscheidung

Danach sind die Grenzwerte für diese Einflußgrößen zu definieren, die aussagen, ob ein Teil oder eine Leistung eine hohe strategische Bedeutung hat, also im eigenen Hause erstellt werden muß, oder nicht. Sinnvoll ist die Definition einer Muß- und Kann-Grenze. Die Darstellungsform ist ein Radardiagramm, daß sich auch bei anderen Anwendungen bewährt hat.

Zur Bestimmung der Leistungen, die von In-/Outsourcing-Maßnahmen betroffen sind, ist eine detaillierte Klassifizierung des Leistungs- und Teilespektrums notwendig. Klassifizierungskriterien sind die oben definierten Einflußgrößen mit dem angenommenen Wertmaßstab.

Ausgehend von dieser Klassifizierung werden Potentiale der betrachteten Leistungen bzw. Teile für mögliche Sourcing-Maßnahmen abgeleitet. Durch Vergleich dieser Potentiale mit den Grenzwerten der einzelnen Einflußfaktoren im Radardiagramm ergeben sich eindeutig Hinweise auf eine In-/Outsourcingmaßnahme.

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Abb. 3: Analyseergebnisse

Bei Insourcing ist noch zu prüfen, ob die zur Herstellung notwendige Fertigungskapazität vorhanden ist bzw. die notwendigen Fertigungstechnologien im Unternehmen verfügbar sind. Zusätzlich kann der Herstellkostenpreis bei Zukauf oder externer Fertigung mit dem Eigenfertigungs-Herstellpreis verglichen werden. Es ist jedoch dabei zu berücksichtigen, daß Insourcing eine strategische Maßnahme ist, sodaß ein direkter Kostenvergleich nur möglich ist, wenn die strategischen Potentiale in DM quantifiziert berücksichtigt werden können.

Ergibt die Klassifizierung Hinweis zum Outsourcen, ist zunächst zu klären, welche Auswirkungen diese Outsourcing-Maßnahme auf die Fertigung haben wird. Zu erwarten ist eine Einschränkung des Kapazitätsbedarfs, die entweder abgebaut oder für andere Fertigungen innerhalb des Unternehmens verwendet werden kann. Außerdem kann es interessant sein, durch Zusammenspiel zwischen Outsourcing und temporärem Insourcing zu Zeiten schwacher Beschäftigung die Arbeitsplätze der betroffenen Mitarbeiter zu sichern. Dieses ist nicht nur ein soziales Anliegen sondern dient auch der Motivation durch Identifikation der Mitarbeiter mit dem eigenen Betrieb.

Im Gegensatz zu der bisher üblichen Praxis der verlängerten Werkbank wird in diesem Zusammenspiel unter strategischen Gesichtspunkten durchaus auch der flexible Einsatz der Mitarbeiter und sogar in Zeiten hoher Beschäftigung Überkapazitäten auf einzelnen Sektoren mit einbezogen.

Weitere Kriterien zur Bewertung des Insourcing / Outsourcing Potentials eines Teiles sind die Bewegungen, die Reichweiten bzw. Umschlagshäufigkeit des Teils im Lager. Beispielsweise lohnt es sich eher, Teile mit langer Wiederbeschaffungszeit und niedrigen Herstellkosten selber herzustellen als die Kapitalbindung für große Bestellmengen, die ausschließlich aufgrund der Wiederbeschaffungszeit und einem Sicherheitsdenken beschafft werden, zu tragen.

 

Vorgehen

Das EBZ-Beratungszentrum hat zur Definition der In-/Outsourcing-Maßnahmen eines Unternehmens aufgrund der strategischen Überlegungen eine gezielte Vorgehensweise entwickelt. Mit dieser Vorgehensweise können Sie zuverlässig Ihr strategisches In-/Outsourcing-Potential ermitteln und auch unter geänderten Rahmenbedingungen fortschreiben. Diese Methode gibt Ihnen die Sicherheit, daß Sie Ihre strategischen Unternehmensziele und damit die Existenz Ihres Unternehmens nicht gefährden, wenn Sie von externen Unternehmen Leistungen beziehen. Die Vorgehensweise gliedert sich in 4 Phasen:

Phase I : Zielfindung

* Definition von Unternehmenszielen
* Definition der Spitzenleistungen
* Marktstellung des Unternehmens
* Situation im Anbietermarkt
* Entwicklungstendenzen

- Erzeugnisse
- Ressourcen
- Kapazitäten
- Technologien

* Entwicklung eines unternehmensspezifischen Zielsystems zur Bewertung der Potentiale durch
         In-/Outsourcing-Maßnahmen (Einflußgrößen und Wertmaßstäbe)

Phase II: Klassifizierung / Segmentierung

* Analyse des Auftragsdurchlaufs
* Analyse der Fertigungsablaufs
* Analyse des Materialflusses
* Analyse der Aufbauorganisation
* Analyse der Bestände (Mengen, Reichweiten, Servicegrad)
* Analyse der Kapazitätsstruktur
* Analyse der Erzeugnisstruktur
* Analyse der Ressourcenstruktur
* Analyse der Kapazitätsauslastung
* Definition von Segmenten

- teileorientiert
- materialflußorientiert
- organisatorisch
- technologisch
- kostenorientiert (Wertschöpfung)

* Definition von Teileklassen

- bestandorientiert
- fertigungstechnisch
- erzeugnisorientiert
- kostenorientiert (Herstellkosten)

* Festlegung von Fertigungsaufgaben (Fertigungssegmenten) und Teileklassen für Out-/Insourcing-Maßnahmen

 

Phase III: Potentialanalyse

* Analyse der Potentiale der einzelnen In-/Outsourcing-Maßnahmen anhand des festgelegten Zielsystems
* Überarbeiten der definierten Fertigungssegmenten und Teileklassen für Out-/Insourcingmaßnahmen
        entsprechend den Ergebnissen der Potentialanalyse
* Bewertung von Durchführungsaufwand und Risiken der Out-/Insourcing-Maßnahmen
* Festlegung der durchzuführenden Out-/InsourcingMaßnahmen

 

Phase IV: Umsetzung

* Aufstellen einer Aktivitätenliste

- Schulungsmaßnahmen
- Beschaffung von Kapazitäten u. Ressourcen
- Verkauf von Kapazitäten u. Ressourcen
- Liefer-/Rahmenverträge
- Umstrukturierung von Fertigungsorganisation
- Umstrukturierung von Ablauforganisation
- Umstrukturierung von Materialfluß

* Entwicklung eines Zeitplans
* Entwicklung eines Kontrollinstruments zur Überwachung der erreichten Potentiale