Aktives
Ideenmanagement (AIM)
Ein Beitrag von Rainer Kämpf
Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in:
Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
Kreativität
Die Nutzung der Kreativitätspotenziale aller Mitarbeiter im Sinne
des Unternehmens erfordert eine vertiefende Beschaftigung mit dem Phänomen Kreativität.
Zu unterscheiden ist die "normative" von der "forschenden"
Kreativität. Die normative Kreativität ermöglicht ein zielgerichtetes Optimieren und
Lösen von Problemen; die forschende Kreativität deckt Handlungsfelder auf, in denen
überhaupt Optimierungspotenziale vorhanden sind. Im Fraktalen Unternehmen existiert daher
eine Methode zur Kanalisierung beider Kreativitätsformen: das Aktive Ideenmanagement
(AIM).
Zur Entfaltung der normativen Kreativität werden mit den Fraktalen
die Fraktalleistungen, die Fraktalziele, die Ressourcen und der eingeräumte
eigenverantwortliche
Handlungsspielraum vereinbart. Die mit den Fraktalen vereinbarten
Ziele sollten Qualitäts-, Wirtschaftlichkeits-, Termin- und Servicemerkmale der
Fraktalleistungen ganzheitlich abdecken. Diese Verschiedenartigkeit der Ziele sichert
letztlich auch, daß die Optimierungsarbeit interessant bleibt und der Ideenfluß nicht
abebbt, wie es bei eindimensionalen Zielen oft festgestellt werden konnte.
Um die forschende Kreativitat des Menschen zielgerichtet zu nutzen,
ist das Betriebliche Vorschlagswesen (BVW) seit langem ein bekanntes Instrument.
Konventionell organisierte BVW gaben in der Vergangenheit jedoch abgesehen von
einzelnen herausragenden Beispielen kaum Anlaß für Erfolgsmeldungen. Innerhalb
des BVW sind innovative Methoden und Lösungen zum innerbetrieblichen Marketing, zur
Flexibilisierung der Einrichtungsmöglichkeiten, zur Motivation der Gutachter und zur
drastischen Beschleunigung der Bearbeitung vor alle kleiner Ideen und Vorschläge
erforderlich. Die Lösung für den letztgenannten Aspekt liegt in der Ergänzung des
konventionellen Vorschlagswesens (,großer Regelkreis") um einen zusätzlichen
"kleinen Regelkreis", der schnell, unbürokratisch und fraktalintern Ideen und
Verbesserungsvorschläge zur Umsetzung und Anerkennung führen kann.
Die Kanalisierung der normativen Kreativität erfolgt im Fraktalen
Unternehmen also mittels eines Systems zur gezielten Optimierung
("Optimierungssystem"), für die forschende Kreativität hingegen als
"Innovationssystem" mit "kleinem und großem Regelkreis". Für
Innovationsvorschläge ist der Einsatz monetärer Anreize in Form von Prämien geeignet.
Für Optimierungsaktivitäten muß diese Frage differenzierter beantwortet werden: Nicht
die Optimierungstätigkeit an sich ist im Fraktalen Unternehmen eine besondere Leistung,
sondern überdurchschnittliche Optimierungsergebnisse.
Vorgehensweise und Eigenschaften
Im folgenden wird das Vorgehen bei einem AIM-Projekt kurz
dargestellt:
- Es wird der "kollegiale Dienstweg" eingeschlagen (das
heißt, Führungskräfte fungieren als Förderer, Betreuer, Wegbereiter, Fachleute und
Berater in bezug auf personen-/teambezogen abgegebene Vorschläge).
- AIM-Koordinatoren werden als Experten für Prozeßplanung.
Koordination und Kommunikation eingerichtet.
- Verhaltensweisen, die das Unternehmen fördern will, sollten
besonders anerkannt werden (d.h. vielfältige quantifizierbare und nichtquantifizierbare
Kriterien).
- Alle Mitarbeiter werden in bezug auf Verbesserungsaktivitäten gleich
behandelt und anerkannt.
- Sowohl Geld- und Sachprämien als auch andere Formen der Anerkennung
(z. B. bessere Aufstiegsmöglichkeiten) sind möglich.
Damit besitzt das Aktive Ideenmanagement folgende positiven
Eigenschaften:
- Es gibt viele Vorschläge durch die Verbindung von Mitarbeiten,
Mitwissen, Mitdenken, Mitgestalten, Mitentscheiden, Mitumsetzen und Mitverantworten.
- Man bringt den Mitarbeitern Vertrauen entgegen, um ihre Kreativitat
zu fördern.
- Die Vorschlage betreffen ausnahmslos den eigenen Pflichtenkreis.
- Die Entwicklung von Verbesserungsvorschlägen ist der Regelfall,
nicht die Ausnahme; damit ist das Einbringen von Vorschlägen normale,
selbstverständliche Praxis.
- Die gesamte Belegschaft bemüht sich um Verbesserungsvorschläge,
nicht nur einzelne Mitarbeiter.
- Das Hauptaugenmerk wird auf kundenorientierte Prozesse, nicht auf
einzelne, wenig bedeutende Mißstände gerichtet.
- Vorschläge werden von Teams in Kooperation entwickelt und nicht von
Einzelpersonen, die andere Mitarbeiter als Konkurrenz empfinden.
- Die Führungskräfte werden mit einbezogen.
- Die Anerkennung erfolgt nicht nur über Geldprämien.
- Vorschlage werden sofort bekanntgemacht. Sie müssen nicht unbedingt
aufgeschrieben werden.
Umsetzung eines AIM-Konzeptes
Grundvoraussetzung des AIM-Erfolgs und deshalb der allererste
Schritt des Projektes ist es, eine gezielte Identifikation und Motivation des
Topmanagements für das AIM-Projekt sicherzustellen und damit den Gedanken
"top-down" in das Unternehmen zu tragen. Nur durch eine positive Grundhaltung
und die Unterstützungsbereitschaft der Führungskräfte kann die Akzeptanz und Mitwirkung
der Mitarbeiter an der Basis gewährleistet werden. Vor allem die Prasentation des
AIM-Programms, seiner Grundsätze und seines potentiellen Werts für das Unternehmen und
die Mitarbeiter muß immer im Namen des Topmanagements erfolgen.
Eine intensive Partizipation der Mitarbeiter aus unterschiedlichen
Hierarchieebenen - im Sinne eines Konsensmanagements - steigert die Qualität des
gesuchten AIM-Konzeptes und erhöht dessen Akzeptanz. Aus diesem Grund wird unter dem
Motto "Keiner ist so fähig wie alle" eine Projektorganisation aufgebaut, die
entsprechend der Gestaltungsaufgabe die Mitarbeiter des Unternehmens zunehmend als aktiv
Beteiligte in das AIM-Projekt einbezieht.
Um von Anfang an ein durchgängiges Gesamtkonzept unter
Berücksichtigung der Belange aller Fraktale zu gewährleisten, wird ein Planungsteam
initiiert. Mitarbeiter verschiedener Fachbereiche erarbeiten gemeinsam ein ganzheitliches
AIM-Konzept. Darauf aufbauend werden dann mehrere Realisierungsteams in einem Pilotbereich
gegründet. Die Notwendigkeit, sich bei der Einführung von AIM auf einen Pilotbereich zu
beschränken, ergibt sich zum einen aus der Unternehmensgröße und zum anderen aus der
Erfordernis, die einzelnen Mitarbeiter aktiv und fachlich intensiv im Umgang mit AIM zu
betreuen bzw. zu schulen.
Basiert ein Vorschlag / eine Idee auf einer eigenen Initiative bzw.
freiwilligen Aktion der Mitarbeiter, so ist dieser den Innovationssystemen zuzuordnen. Ein
fraktalübergreifender Vorschlag, der mehrere Arbeitsgebiete betrifft, wird im
"großen Regelkreis" bei dem AIM-Koordinator des Unternehmens eingereicht.
Dieser entscheidet innerhalb eines klar definierten Zeitraums gemeinsam mit
themen-bezogenen Gutachtern und der AIM-Kommission (Arbeitgeber- und
Arbeitnehmervertreter) über die Beurteilung, die Umsetzung und die einmalige Anerkennung
des Vorschlags. Wurde der Vorschlag von einer Einrichtergemeinschaft, d.h. von mehreren
Mitarbeitern zusammen erarbeitet und eingereicht, entscheiden diese über die Verteilung
der Anerkennung selbst. Das System für die Überprüfung und Auswertung der Vorschläge
wird so ausgestaltet, daß alle Mitarbeiter des Unternehmens, unabhängig von ihrer
Qualifikation, gleich behandelt werden. Zu- oder Abschläge zu einer Geldprämie sind
nicht vorgesehen.
Ideen und Vorschläge, die den eigenen Arbeitsbereich betreffen,
werden bei dem jeweiligen Vorgesetzten oder dem zuständigen "AIM-Paten" im
Rahmen des "kleinen Regelkreises" eingereicht und mit ihm besprochen Der Pate
ist ein Förderer des AIM-Programms, der als Informant und Ansprechpartner vor Ort
fungiert und gezielt vorschlagsschwache Mitarbeiter fördert.
Wird der Vorschlag positiv bewertet, so betreut der Vorgesetzte den
Vorschlag bis zur Umsetzung.
Jedem Bereich des Unternehmens wird für den "kleinen
Regelkreis" jährlich ein Umsetzungs- sowie ein Prämienbudget zur Verfügung
gestellt. Für das AIM-Initiierungsjahr wurde das Budget in einem Anwendungsfall
folgendermaßen festgelegt: Vereinbart ist für dieses Jahr, daß ein Vorschlag pro
Mitarbeiter eingereicht wird. Für den "kleinen Regelkreis" wurde eine maximale
Prämienhöhe definiert. Überschreitet die Prämie für einen Vorschlag die
200-DM-Grenze, so wird der Verbesserungsvorschlag als hervorragend angesehen und in den
"großen Regelkreis" an den AIM-Koordinator weitergereicht. Als Vorabprämie
werden dem Mitarbeiter jedoch sofort die schon feststehenden 200,- DM ausgezahlt. Da im
"kleinen Regelkreis" gezielt schnell umsetzbare Vorschläge gefördert werden
sollen, beträgt auch das Umsetzungsbudget 200,- DM pro Mitarbeiter. Diese Vorgehensweise
stellt sicher, daß die bereichsinternen Budgets nicht von wenigen, aber wertvollen
Vorschlägen ausgeschöpft werden.
Die aufgrund von Zielvereinbarungen in fraktalinternen Teams
erarbeiteten Ideen und Vorschläge hingegen sind den Optimierungsteams zuzuordnen. Das
Team beurteilt
die Güte der Lösung selbst und zeichnet auch für die Umsetzung
des Vorschlags verantwortlich. Für die Realisierung steht dem Team wiederum ein
Umsetzungsbudget zur Verfügung. Wird im Rahmen der Optimierungssysteme eine Lösung
erarbeitet, die zusätzlich fraktalubergreifend mit enormen Rationalisierungspotentialen
verbunden ist, so steht es dem Optimierungsteam frei, die Lösung als
Verbesserungsvorschlag im "großen Regelkreis" einzureichen.
Literaturhinweis
Sihn, Wilfried; König, Stefan; Kristof, Rita: Aktives
Ideenmanagement (AIM) Dienstleistungen kreativer gestalten, in: Hans Jürgen
Warnecke (Hrsg.): Aufbruch zum Fraktalen Unternehmen, Springer 1995. |