Grundlagen der Balanced Scorecard - Teil 2
Ein Beitrag von Prof.Dr.-Ing. Rainer Kämpf,
Ariane Hinkel, Olga Katzelnik, Andrea Weigel
3.2 Die Kundenperspektive
Gewinn erzielt ein Unternehmen, indem
es Produkte oder Dienstleistungen her- bzw. bereitstellt und diese dann an seine Kunden
verkauft. Ohne Kunden ist ein Unternehmen demzufolge auch ohne Einkommen und somit nicht
überlebensfähig. Aufgrund dieser Abhängigkeit ist es oberstes Ziel eines jeden
Unternehmens seine Kunden zu halten, bzw. neue Kunden zu gewinnen.
Im Mittelpunkt der Kundenperspektive steht die
Erfassung und die Beeinflussung der Kundenbedürfnisse. Begriffe wie Customer
Relationship Management (CRM), Relationship Marketing und Konzepte wie Kundenzufriedenheits-
und Kundenbindungsprogramme kennzeichnen die vielfältigen Anstrengungen der
Unternehmen auf diesem Feld.
Gerade unter dem Aspekt der gestiegenen
Wettbewerbsintensität und der sich daraus ergebenden zunehmenden Schnelligkeit im
Marktprozess ist es offensichtlich, dass das traditionelle Muster der Produktentwicklung
und Kundenbedienung sich so nicht fortsetzen kann.
Stattdessen geht es heutzutage eher
darum, dass Wissen und die Wünsche der Kunden bei der Produktentwicklung mit
einzubeziehen (Quality Function
Deployment, QFD).
Wichtig ist es, die Kunden-
und Marktsegmente zu bestimmen, in denen das Unternehmen konkurrenzfähig sein soll. Denn
wenn man versucht, jeden Kundentyp, bzw. jedes Marktsegment zu befriedigen, kann dies nur
in unzureichendem Maß geschehen und letztendlich kann niemand zufriedengestellt werden.
Um diesen Fehler von vorneherein zu vermeiden ist ein strukturiertes
Vorgehen erforderlich. Deswegen wird von Balanced Scorecard an erster Stelle der Prozess
der Strategieformulierung vorausgesetzt. Dieser geschieht mit Hilfe einer
gründlichen Marktanalyse und -bewertung der
verschiedenen Markt- oder Kundensegmente und natürlich der Kundenwünsche in bezug auf
- Preis
- Qualität
- Funktionalität
- Image
- Service
Außerdem ist zu beachten, dass, neben dem immer noch wichtigen Preis der Ware oder Dienstleistung, die Fähigkeit,
innovativere und kosteneffektivere Ansätze anzubieten, an Bedeutung gewinnt.
Erst wenn ein Unternehmen seine Zielsegmente auf dem
Markt identifiziert hat, kann es damit anfangen, Ziele und Kennzahlen für diese
festzulegen. Diese lassen sich in eine Kernkennzahlengruppe (Grundkennzahlen) und
Kennziffern, die auf das Wertangebot für die Kunden bezogenen sind, unterteilen.
Grundkennzahlen
- Marktanteil:Umfang eines Geschäfts in einem gegebenen Markt
(Anzahl der Kunden, Umsätze, ausgegebene Beträge, verkaufte Einheiten...) Rückgriff auf
Schätzungen über die Marktgröße, Messung des Anteils an den Geschäften dieser Kunden.
- Kundenakquisition:
Ausmaß, in dem eine Geschäftseinheit neue
Kunden anlockt oder gewinnt (in absoluten oder relativen Zahlen). Mögliche Messzahlen
auch Anteil der neuen Kunden geteilt durch die Anzahl der aussichtsreichen Aufträge.
Marketingkosten pro hinzugewonnenem Kunden. Erlöse von neuen Kunden pro in Marketing
investierte Geldeinheit usw.
Kundentreue:Ausmaß über die Dauerhaftigkeit der Beziehungen,
die eine Geschäftseinheit zu ihren Kunden erhält oder gewinnt. Wachstum des Geschäftes
mit neuen Kunden.
Kundenzufriedenheit:Zufriedenheitsgrad der Kunden vor dem
Hintergrund spezifischer Leistungskriterien innerhalb der Wertvorgaben durch die
Strategische Planung des Unternehmens. Regelmäßige Umfragen über die
Kundenzufriedenheit (Fragebögen, Telefon- oder persönliche Interviews).
Kundenrentabilität:Nettogewinn, der mit einem Kunden oder in
einem Marktsegment erzielt wurde unter Berücksichtigung der dafür entstandenen
einmaligen Ausgaben. Messen mit Methoden des Activity Based Costing.
Kennzahlen für Wertangebote
Hier geht es um die Frage, was ein
Unternehmen seinen Kunden bieten muss, um einen möglichst hohen Grad an Zufriedenheit,
Treue, Akquisition und schließlich Marktanteil zu erreichen.
Prinzipiell ist zu sagen, dass die vielleicht
wichtigste Kennzifferngruppe die der Kundenzufriedenheit ist. Allerdings reicht es heute
nicht mehr aus, sich auf eine normale Kundenzufriedenheit zu verlassen. Vielmehr müssen
Kunden ihre Kauferfahrung als höchst zufriedenstellend erleben, damit ein Unternehmen auf
ein wiederholtes Kaufverhalten hoffen kann.
Zufriedene Kunden sind aber noch nicht unbedingt
rentable Kunden, was einen möglichen Zielkonflikt zur Folge haben kann. Deshalb sind
Kundenrentabilitätskennzahlen, die zeigen, dass bestimmte Zielkunden möglicherweise
unrentabel sind, für ein Unternehmen von großem Interesse.
Wertangebote an die Kunden
Wertangebote an die Kunden umfassen all
diejenigen Aspekte, welche die Lieferfirmen durch ihre Produkte und Dienstleistungen
anbieten, um bei den Zielkunden Treue und Zufriedenheit zu erreichen. Sie variieren stark
von Branche zu Branche und auch in den verschiedenen Marktsegmenten einer Branche. Dennoch
lassen sich sich wiederholende Eigenschaften beobachten, welche folgende Punkte betreffen:
- Produkt- und Serviceeigenschaften
- Kundenbeziehungen
- Image und Reputation.
Während Produkt- und Serviceeigenschaften
hauptsächlich die Funktionalität des Produktes beschreiben, geht es bei den
Kundenbeziehungen um die Lieferung an den Kunden inklusive Reaktions- und Lieferzeiten und
um die Zufriedenheit des Kunden. Auch hier sind die Besonderheiten der Branche und des
Umfeldes von entscheidender Bedeutung. Image und Reputation sind immaterielle Faktoren,
die ein Unternehmen für seine Kunden attraktiv machen.
3.3 Die interne Prozess-Perspektive
Kunden, die die finanzielle Grundlage eines
jeden Unternehmens bilden, werden in der Regel nur durch exzellente Produkte
zufriedengestellt und an das Unternehmen gebunden. Um aber exzellente Produkte
herzustellen, müssen die internen Unternehmensprozesse optimal ablaufen, damit die
Produkte jeweils auf dem neusten Stand und von hoher Qualität sind. Des weiteren fordert
der Kunde besonders heute, wo viele Firmen Produkte zu ähnlicher Qualität und
vergleichbarem Preis anbieten einen hohen Maß an Serviceleistungen, die auch einen Teil
der internen Prozess-Perspektive bilden.
Die traditionellen Performance Measurement-Systeme
der Unternehmen konzentrierten sich auf die Verbesserung der internen Betriebsprozesse,
wobei Messgrößen wie Qualitäts-, Ausbeute-, Durchlauf- und Zykluskennzahlen im
Mittelpunkt standen. Die Balanced Scorecard-Methode hingegen umfasst das Management der
vollständigen Wertschöpfungskette mit Schwerpunkt auf den Innovationsprozess, den
Betriebsprozess und den Serviceprozess:
Der Innovationsprozess
Der Innovationsprozess befasst sich mit der
Identifizierung der aktuellen und zukünftigen Kundenwünsche und der Entwicklung neuer
Lösungen für eben diese Wünsche. Er stellt den langen Prozess der Wertschöpfung dar,
in dem die Unternehmen sich bemühen müssen, neue Kunden, sowie aufkommende und latente
Kundenwünsche zunächst zu identifizieren und dann zu befriedigen.
Der Innovationsprozess lässt sich in zwei Phasen
unterteilen:
- Marktidentifizierung
: Ermittlung der Marktgröße, der
Besonderheiten der Kundenwünsche und der preislichen Eckpunkte für die Zielprodukte oder
-dienstleistungen mit Methoden der Marktforschung.
- Schaffung des Produktions- und Dienstleistungsangebots
: Hier geht
es um die Aufgaben der Entwicklung neuer Produkte bzw. Dienstleistungen, der Ausnutzung
vorhandener Technologien für diese Innovationen und der gezielten Platzierung auf dem
Markt. Typische Kennzahlen sind dabei:
- Prozentzahl des Umsatzes aus neuen Produkten
- Einführung neuer Produkte im Vergleich zur Konkurrenz
- Zeitspanne bis zur Entwicklung der nächsten Produktgeneration
- Verhältnis des Betriebsgewinns zu den Gesamtentwicklungskosten für
eine (Fünf-Jahres-)Periode.
Der Betriebsprozess
Hier handelt es sich um die kurze Welle der
Wertschöpfung, bei der es darum geht, den Verkauf existierender Produkte und
Dienstleistungen an existierende Kunden zu optimieren.
Der Serviceprozess
Hier geht es um zusätzliche
Serviceleistungen, die dem Kunden zusammen mit dem Produkt oder der Dienstleistung
angeboten werden.
3.4 Die Lern- und Entwicklungs-Perspektive
Wie bereits erwähnt, benötigt ein Unternehmen optimale
Prozessketten um exzellente Produkte herzustellen, die die Kunden an das Unternehmen
binden sollen. Damit aber Prozesse optimal ablaufen, sind motivierte, ständig
fortgebildete Mitarbeiter erforderlich. Besonders heute, im Wissens- und
Informationszeitalter sind gute Mitarbeiter, die zu einem Wissensvorsprung gegenüber der
Konkurrenz beitragen, unerlässlich.
Die Lern- und Entwicklungs- Perspektive
berücksichtigt also im wesentlichen die lernende und wachsende Organisation, die
heutzutage nötig ist, um den immer schärfer werdenden Wettbewerbsbedingungen standhalten
zu können. Diese Perspektive ist besonders wichtig, da sie viel mehr als die anderen
Perspektiven auf die Zukunft ausgerichtet ist und im wesentlichen die Infrastruktur
beschreibt, die notwendig ist, um die Ziele der ersten drei Perspektiven zu erreichen.
Zwar sind die Aufwendungen der Lern- und Entwicklungsperspektive aus Sicht des
Rechnungswesen Periodenkosten, deren Kürzung schnelle finanzielle Erfolge bringt,
doch gravierende Schäden, die sich allerdings erst in der Zukunft zeigen, sind bei einer
Kürzung der Investitionen in diesem Sektor vorprogrammiert.
Folgende drei Hauptkategorien stehen in der Lern-
und Entwicklungsperspektive im Vordergrund und konzentrieren sich hauptsächlich auf
Innovationen zur Förderung der Potenziale von Mitarbeitern, Systemen und
Organisationsprozessen.
Mitarbeiterpotenziale
Das Informationszeitalter bedeutet das Ende des
Taylorismus. In der heutigen Wettbewerbssituation kann auf das Wissen des einzelnen
Mitarbeiters nicht mehr verzichtet werden, da jeder Verbesserungsvorschlag einen
entscheidenden Wettbewerbsvorteil darstellen kann. Hierbei sollte besonderen Wert auf
Verbesserungsideen von Mitarbeitern der Basis gelegt werden, da diese in der Regel über
Prozesse und Leistungen in Bezug auf den Kunden am Besten Bescheid wissen. Messgrößen
für das Mitarbeiterpotenzial sind z.B. Mitarbeiterzufriedenheit, Personaltreue und
Mitarbeiterproduktivität, wobei der Mitarbeiterzufriedenheit die Rolle des treibenden
Faktors der beiden anderen Kennzahlen zugewiesen wird. Um die Mitarbeiterzufriedenheit zu
gewährleisten sind kontinuierliche und umfangreiche Weiterbildungsprogramme erforderlich,
sowie eine Optimierung der beiden folgenden Kategorien.
Potenziale von Informationssystemen
Mitarbeiter-Motivation und -Fähigkeiten
sind notwendige, aber keineswegs ausreichende Bedingungen für den Unternehmenserfolg.
Ohne umfassende und jederzeit abrufbare Informationen über Kunden, interne Prozesse und
finanzielle Konsequenzen ihres Handelns, ist auf lange Sicht ein erfolgsorientiertes
Handeln der Mitarbeiter nicht möglich.
Eine Kennzahl könnte z.B. die Strategische Informationsdeckungs-Kennziffer (information coverage ratio) sein, die das Verhältnis von
erhältlichen Informationen zu strategisch erwünschtem Informationsbedarf ausdrückt.
Motivation, Empowerment und Zielausrichtung
Hier geht es um die Freiheit, eigene Entscheidungen zu
treffen und selbständig zu handeln.
Für die individuelle und unternehmensweite Zielausrichtung ist es
wichtig, dass die Mitarbeiter mit den BSC-Zielen konform gehen.
Kaplan und Norton räumen selbst ein (S. 138), dass es - im
Vergleich zu den anderen drei BSC-Perspektiven - relativ wenig Beispiele für
unternehmensspezifische Kennzahlen gibt, die die Lern- und Entwicklungsperspektive
beschreiben. Allerdings finden sie es sehr enttäuschend, dass die meisten Unternehmen
nicht einmal den Versuch unternehmen, Kennziffern für Mitarbeiterfähigkeiten,
strategische Informationsversorgung und Zielausrichtung zu entwickeln. Sie schlagen ein
provisorisches Verfahren vor, um die Lücke zu füllen, bis spezifischere Kennzahlen
entwickelt sind.
4.
Fazit
- Die Wichtigkeit der Finanzen steht außer Frage.
- Geld wird nur auf Markten mit Kunden verdient.
- Kunden erhalten ihre Leistungen nur durch vorab erbrachte
Produktions- und Dienstleistungsprozesse.
- Prozesse schließlich funktionieren nicht ohne zufriedenes und
motiviertes Personal.
Literaturverzeichnis
KAPLAN, R. S. / NORTON D.P.; (1996b); The Balanced Scorecard
translating Strategy into Action
WEBER, J. / SCHÄFFER, U.; (2000); Balanced Scorecard &
Controlling; 3.Auflage
KAPLAN R. / NORTON D. ;Harvard Business Review; Sep/Oct 93;
Vol 71; Issue 5
HORVÀTH&PARTNER; Präsentation am 22.07.98 an der Universität
Kaiserslautern
DR. UTZ SCHÄFFER; Management-Seminar: Kennzahlen
Krp Kostenrechnugspraxis; Sonderheft; 2/2000
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