Implementierung
der Balanced Scorecard - Teil 1
Ein Beitrag von Prof.Dr.-Ing. Rainer Kämpf, Ariane
Hinkel, Olga Katzelnik, Andrea Weigel
1. Ziele der Balanced Scorecard- Einführung
Wenn man die Entwicklung der Arbeiten von
Kaplan und Norton betrachtet, dann stellt man fest, dass die beiden Harvard-Professoren am
Anfang ihrer konzeptionellen Arbeit die Kritik an den klassischen finanziellen
Kennzahlensystemen im Vordergrund stand. Sehr schnell wurde jedoch von ihnen erkannt, dass
das eigentlich zu lösende Problem die Überbrückung der Kluft zwischen Strategiefindung
und Strategieumsetzung ist. Der Einsatz der Balanced Scorecard, die ein Konzept für ein
Managementsystem darstellt, erlaubt es nach Kaplan/ Norton, vier kritische
Managementprozesse zu meistern:
- Klärung und Herunterbrechen von Visionen und Strategien
- Kommunikation und Verknüpfung von strategischen Zielen und Maßnahmen
- Planung, Festlegung von Zielen und Abstimmung strategischer Initiativen
- Feedback zur Überprüfung der Zielerreichung und zum Initiieren von Lernprozessen.
2. Die Gründe für die Einführung der Balanced Scorecard
2.1.
Kritik an den klassischen Kennzahlensystemen
Die klassischen Kennzahlengrößen beschäftigen sich hauptsächlich
mit den auf monetären und datenbasierenden Steuerungskennzahlen der Unternehmen.
"The financial measures tell some, but not all, of the story about past actions and
they fail to provide adequate guidance for the actions to be taken today and the day after
to create future financial value." Die Beschränkung auf Gewinngrößen liefert ein
eindeutiges, einfaches Ziel, erfordert aber vom Management, alle Handlungen in ihren kurz-
und langfristigen Wirkungen auf den Gewinn abschätzen zu können.
Aber auch wenn das Unternehmen seine Kennzahlensysteme zur
Unternehmenssteuerung auf nichtmonetäre Steuerungsgrößen basiert, besteht die Gefahr,
dass auf Grund der Komplexität und der fehlenden Möglichkeit, die einzelnen
Steuerungsgrößen in ihrer Bedeutung gegeneinander aufwiegen zu können, zu viele
ungewichtete Kennzahlen nebeneinander entstehen und der Gesamtzusammenhang aus den Augen
verloren geht.
2.2. Probleme bei der
Strategieumsetzung: die Lücke zwischen strategischer Planung und operativer Umsetzung
Nach Kaplan/ Norton wurden vier Hindernisse bei der Strategieumsetzung
identifiziert:
- "The Vision Barrier": Strategien lassen sich nicht in konkrete
Steuerungsgrößen übersetzen und bleiben deshalb unverstanden
- "The People Barrier": Strategien lassen sich nicht mit den Zielvorgaben und
Incentives einzelner Mitarbeiter bzw. Abteilungen verknüpfen
- "The Resource Barrier": Es gibt keine Verbindung zwischen Strategie und
operativer Planung bzw. Budgetierung.
- "The Management Barrier": Es finden nur operative Kontrollen anstelle
strategischer Kontrollen statt.
Hier gehen die Meinungen vom englischen Konzept von Kaplan/ Norton und
dem deutschen Konzept von Weber/ Schäfer auseinander. Kaplan/ Norton sehen das
Hauptproblem im Mangel, gefundene Strategien durch- und umzusetzen. Bei Weber/ Schäffer
geht es eher darum, Strategien zu entwickeln. Die Strategieumsetzung geht dabei zumindest
Hand in Hand mit der Strategieentwicklung.
2.3. Verbesserung des Informationsinstruments
Das Berichtswesen vieler Unternehmen hat ein stark
rechnungswesendominiertes Reporting. In diesen Unternehmen ist das Management nicht in der
Lage mit dem vorhandenen Berichtswesen Entscheidungen für die Unternehmenssteuerung zu
treffen oder ein aussagekräftiges Feedback zu bekommen. Meist stammten die Informationen
aus dem operativen Controlling. Sie wurden in der Hoffnung aggregiert, sich auf diesem
Wege in Führungsinformationen zu verwandeln. Das Ergebnis waren umfangreiche, häufig
unübersichtliche Informationen aus dem internen Rechnungswesen ohne nennenswerte
Steuerungsrelevanz.
2.4. Zu starke Formalisierung des Planungsprozesses
In vielen Unternehmen ist es ein wichtiges Anliegen, den
Planungsprozess zu beschleunigen und zu vereinfachen. Ein Weg wird darin gesehen, statt
detaillierter Pläne Schlüsselindikatoren als Vorgabe bzw. Steuerungsgrößen zu
verwenden.
2.5. Mangelnde Einbindung dezentraler Führungskräfte in den
Prozess der strategischen Planung
Immer wieder ist festzustellen, dass in den Unternehmen das Management
sehr unterschiedliche Auffassungen über die Interpretation der Strategie haben bzw. dass
schlicht keine ausreichende inhaltliche Basis für eine Strategieumsetzung
existiert. Mit der Einbindung dezentraler Führungskräfte werden
unterschiedliche Interessen in den Planungsprozess einfließen und eine breite Basis zur
Umsetzung der erarbeitenden Ergebnisse geschaffen.
3. Implementierungsprozess der Balanced Scorecard
3.1. Phase
1: Die strategischen Grundlagen schaffen
Die Balanced Scorecard ist zunächst ein Konzept zur Umsetzung von
vorhandenen Strategien- nicht zu Entwicklung grundsätzlich neuer Strategien. Deswegen
muss immer zuerst ein einheitliches Verständnis über die strategischen Grundlagen im
Topmanagement-Kreis bestehen. Sind diese Grundlagen nicht geklärt, müssen Restarbeiten
der Strategieentwicklung erst gemacht werden, bevor die Balanced Scorecard aufgebaut wird,
da die Versäumnisse bei der Strategiefindung erschweren die Einführung der BSC
erschweren.
Bei den strategischen Grundlagen werden die Schwerpunkte auf folgendes
gelegt:
- Voraussetzungen überprüfen
- Strategische Stoßrichtung festlegen ( z.B. Marktoffensive in Osteuropa)
- BSC in die Strategieentwicklung integrieren
3.2. Phase 2: Den organisatorischen
Rahmen für die Implementierung schaffen
In dieser Phase besteht zunächst die Aufgabe, die Balanced
Scorecard-Ebenen festzulegen, d. h. die Klärung der Frage, für welche
Unternehmenseinheiten BSCs entstehen sollen. Je mehr Unternehmenseinheiten mit einer BSC
strategisch gesteuert werden, desto besser können wichtige Ziele der oberen Ebene auf die
nachfolgenden Ebenen heruntergebrochen werden.
Es ist von Anfang an von herausragender Bedeutung, dass dem Top
Management der Geschäftseinheit, für die die BSC entstehen soll, die richtige Rolle im
weiteren Prozess zugewiesen wird. Als Grundsatz gilt "Strategie ist Chefsache!"
Die BSC ist nichts anderes als eine Managementstrategie und folglich ist die
BSC-Entwicklung ohne intensive Mitwirkung des Top Management nicht möglich. Konkret
bedeutet dies, dass das Top Management als interdisziplinäres Managementteam
in den weiteren Schritten zumindest in den Schlüsselworkshops zur Auswahl der
strategischen Ziele, Messgrößen- und Zielwertbestimmung bis zum Aktionsprogramm intensiv
eingebunden ist.
Zu Beginn der BSC- Einführung sollte ein weiterer Schwerpunkt auf die
sorgsame Integration des Projekts in die "Unternehmenslandschaft " gelegt
werden. Man muss vor allem die betroffenen Mitarbeiter über Balanced Scorecard
informieren und sie überzeugen, dass das Konzept BSC einen Mehrwert für das Unternehmen
bringt.
Unabhängig von der Ausgestaltung der Balanced Scorecard im gesamten
Unternehmen ist es wichtig ganz am Anfang die Frage nach einem Pilotprojekt zu klären.
Mit einem Pilotprojekt der zweiten oder dritten Führungsebene lässt sich die
Zweckmäßigkeit des Konzeptes generell testen und letztlich bei einem Roll Out eine
vorzeigbare Erfolgsstory präsentieren.
Eine letzte wichtige Aktion in der Schaffung des organisatorischen
Rahmens für die Implementierung ist die Auswahl der Perspektiven. In der Mehrzahl der
Fälle im deutschen Sprachraum kommen die an Kaplan/Norton angelehnten Perspektiven
Finanzen, Kunden, interne Prozesse, Mitarbeiterpotenziale zur Anwendung.
Die Perspektiven sind in hohem Maße verständlich und decken alle
wesentlichen Belange ab. Mit zunehmender Verbreitung und Akzeptanz das Selbstbewußtsein
zu veränderter Perspektivenwahl wächst. So formuliert die Deutsche Bank in ihrem
Geschäftsbericht 1998 die Perspektiven als ein "Vierklang" aus Shareholder,
Kunden, Mitarbeiter und Gesellschaft. Ein Unternehmen der Elektroindustrie wählte statt
der Prozessperspektive die Perspektiven Qualität und Innovation, um diese Schwerpunkte
noch deutlicher hervorzuheben. Ein Energieversorger ging einen noch eigenständigeren Weg
mit den Perspektiven Sicherheit, Umfeld/Image von Kernenergie, Profitabilität, Prozesse
und Human Ressource. In einem renommierten Großhandelsunternehmen wird der besonderen
Bedeutung der Lieferanten durch eine eigene Perspektive Rechnung getragen.
Es gibt nicht die universell richtigen Perspektiven, sondern die
individuell zweckmäßigen unter dem Gesichtspunkt, welche Schwerpunktsetzung bereits bei
der Perspektivenwahl kommuniziert werden soll.
(zur Fortsetzung) |