Ganzheitliche Produktionssysteme
Ein Beitrag von Helmuth Gienke und Rainer Kämpf
Im Jahr 1979 trat Toyota mit einem Vortrag über die im eigenen Hause angewandte Methode
der Produktion an die Öffentlichkeit und demonstrierte die Vorteile. Beim Publikum blieb
in Wesentlichen eine Erkenntnis haften: Kan Ban ist wirtschaftlicher und senkt die
Lagerbestände. Es dauerte lange, bis man erkannte, daß nicht eine einzelne Komponente
für diese Ergebnisse verantwortlich ist, sondern der ganze Komplex
"Produktionssystem" umgestaltet werden muß.
Für die übrige Welt stellt dieses System aber schon eine Herausforderung dar, denn
bekanntlich ist das Bessere der Feind des Guten. Zum Glück gibt der globalisierte
Informationsaustausch die Möglichkeit, sich das Know How schnell anzueignen, wobei aber
der Schwerpunkt durch die oben genannte Erkenntnislücke meist auf eine einzelne
Komponente gelegt wird, beispielsweise Teamarbeit, Kan Ban oder Total Quality Management.
Diese monokausale Betrachtung bringt eine Vielzahl von Insellösungen und das gesamte
Produktionssystem über Bereichsgrenzen wird unzureichend berücksichtigt. Häufig werden
diese Systeme auch nur für einzelne Produktionsbereiche eingeführt und können daher
bestenfalls suboptimale Wirkungen erzielen, wenn sie nicht sogar durch Systembrüche den
Gesamtaufwand erhöhen.
Daher richten viele produzierende Unternehmen bereits seit längerem ihre
Produktionssysteme grundsätzlich neu aus. Als zukunftsweisendes Konzept zur Erreichung
von Wettbewerbsfähigkeit gilt die Idee vom Ganzheitlichen Produktionssystem (GPS). Durch
die Konsolidierung und Koordination aller Aktivitäten im Unternehmen auf das zentrale
Ziel, kundenorientiert und wirtschaftlich zu produzieren, wird eine ganzheitliche
Optimierung der Unternehmenssituation
herbei geführt.
1. Begriffsbestimmung - Ganzheitliche Produktionssysteme (GPS)
Weil das Konzept des GPS in erster Linie aus der betrieblichen Praxis stammt, ist
es schwierig, zu einer allgemein gültigen Begriffsdefinition zu kommen.
Im Allgemeinen stimmen neuere Quellen darin überein, dass der Begriff der Produktion
alle Vorgänge umfaßt, die für die Herstellung und Abgabe von Produkten erforderlich
sind. Unter Produktion ist somit nicht nur der Unternehmensbereich gemeint, in dem
produziert wird, er umfaßt neben Fertigen und Montieren auch Aufgabenstellungen wie
Disposition und Logistik, Planung und Steuerung, Wartung und Instandhaltung sowie
Qualitätssicherung und Personalwesen. Es gehört also auch eine angemessene
Personalentwicklung - also die Information, Qualifizierung und Einbindung der Mitarbeiter,
dazu. Nur wenn alle diese Aufgabenstellungen aufeinander abgestimmt sind, kann der Prozess
des Produzierens optimal laufen.
Die Entscheidung, in welche Richtung ein Unternehmen sein eigenes GPS auslegen sollte,
hängt stark von folgenden Umständen ab:
- Art der Aufträge (Klein- oder Großserien),
- Größe des Unternehmens,
- Motivations- und Bildungsniveau der Mitarbeiter oder
- Komplexität der zu bewältigenden Aufgaben
Im Grunde stellt sich aber hierbei die Frage nach der Sichtweise des Unternehmens auf
den Menschen. Eine realitätsgerechte Zusammenführung und ein effektives Zusammenwirken
der einzelnen GPS-Elemente ist nur möglich, wenn das Potential und die Fähigkeiten der
Mitarbeiter auf allen Ebenen nutzbar gemacht wird. Deshalb gewinnen diese
"weichen" Faktoren zunehmend an Bedeutung. Bei der Neueinführung eines GPS
ergibt sich sogar die Frage nach der Durchsetzbarkeit, wenn harte Faktoren im Vordergrund
stehen, da neue Organisationskonzepte nur einvernehmlich umgesetzt werden können.
2. Aufbau und Elemente eines GPS
2.1 Zielsetzung und Struktur
Das GPS findet seine Existenzberechtigung darin, dass es der Erreichung der
Unternehmensziele dienlich ist. Winnes sieht drei feste, generische Ziele für ein GPS:
Vermeidung von Muda (Verschwendung), Qualität, Mitarbeiterzufriedenheit, die er aus den
von ihm als dominierend betrachteten Unternehmenszielen Rentabilität, Kunden- und
Mitarbeiterzufriedenheit ableitet. Diesen Zielen des Produktionssystems untergeordnet
findet sich die eigentliche GPS-Struktur. Wie eingangs ausführlich gezeigt worden ist,
sind GPS vom Ansatz her integrationsfähig und umfassend. Dies spiegelt sich nun im
Charakter der den Zielen untergeordneten Stufen des GPS wider. In der Art eines
Baukastensystems werden den festgelegten Zielen folgend die weiteren Bestandteile
ausgewählt. Dabei erfolgt eine Kategorisierung der verschiedenen Bausteine (wie z.B.
Kanban, Standardisierung oder Gruppenarbeit) in drei Ebenen.

Abb. 1: Benennung der Bausteine des GPS
Auf der obersten Ebene finden sich die umfassendsten Bestandteile des GPS, die
als System jeweils aus eine Menge von einzelnen Prinzipien und Instrumenten bestehen.
Diese stehen untereinander in Beziehung und bilden gemeinsam ein großes Ganzes, das auf
die Erreichung der Ziele ausgerichtet sein muss.
- Ebene 2: Gestaltungsprinzipien
Anforderungen an ein GPS sind unter anderem Flexibilität sowie eine
langfristige Ausrichtung des Produktionssystems. Daher ergibt sich für die Gestaltung des
GPS das Problem, langfristig dynamisch und offen bleiben zu müssen, bei gleichzeitig
konsistenter Zielausrichtung. Diese Anforderung wird durch die Bestimmung und Nutzung der
Gestaltungsprinzipien erfüllt.
- Ebene 3: Methoden & Instrumente
Diesen Gestaltungsprinzipien werden nun Instrumente oder auch Methoden
zugeordnet, die als konkretes Hilfsmittel zu deren Umsetzung im operativen Bereich dienen.
Dabei soll eine Methode ein den Instrumenten noch etwas übergeordneter Baustein sein, der
durchaus wieder Instrumente umfassen kann, aber nicht muss. Analog können auch
Instrumente eigenständig einem Gestaltungsprinzip zugeordnet werden.
Die Umsetzung kann verschiedene konzeptionelle Formen annehmen kann. Ein
Gestaltungsprinzip kann direkt durch ein Instrument umgesetzt werden: ein
Problemverfolgungsblatt ermöglicht z. B. die Umsetzung des Kontinuierlichen
Verbesserungsprozesses (KVP). Die meisten dieser "Problemlösungshilfen" sind
aber nicht unmittelbare Instrumente, wie etwa Checklisten oder Regelblätter, sondern
Methoden wie z.B. ein Ishikawa Diagramm.
2.2 Elemente eines GPS
Scholtz, Korge und Schlauß haben fünf "Handlungsfelder" (hier:
Subsysteme) identifiziert, die sich bereit beim Toyota Produktionssystem finden: Prozess-
und Arbeitsorganisation, JIT-Logistik, Robuste Prozesse, KVP, Professionelle
Arbeitsroutinen und Visuelles Management. Zu diesen Subsystemen führen sie jeweils auch
Gestaltungsprinzipien auf und ordnen Methoden zu, die als Anhaltspunkte für die Analyse
der GPS dienen können. Es sei jedoch nochmals deutlich darauf hingewiesen, dass es nicht
um eine Einschätzung einzelner GPS geht, sondern um die Erstellung eines Gesamtbildes von
GPS aus dem Status quo der Praxis. Da es sich bei diesen Handlungsfeldern inhaltlich um
bereits bekannte Konzepte handelt, die lediglich neu organisiert werden, wird auf eine
eingehende Beschreibung verzichtet.
- Prozessorientierung und Arbeitsorganisation
Prozessorientierung bezeichnet die Organisation des Unternehmens nach Prozessen
an Stelle von Funktionen. Unter Arbeitsorganisation ist die Gestaltung von
Tätigkeitsinhalt und Arbeitsumfeld sowie -abläufen zu verstehen. Es fallen also
beispielhaft Fragen von Anordnung der Werkzeuge über
Mitbestimmung bis hin zu Zielvereinbarungen darunter. Die
Informationen hierzu sind aus verschiedenen Quellen zusammengestellt worden, die in den
Literaturempfehlungen angegeben sind.
Die Idee von Just-in-Time ist einfach: "Making only what is needed, only
when it is needed, and only in the amount that is needed." Es haben sich mittlerweile
verschiedene Gestaltungsprinzipien etabliert, an denen entlang bei der Umsetzung eines
JIT-Systems orientieren kann.
Prozesse sind dann robust, wenn sie die von ihnen erwarteten Ergebnisse auch
unter Belastung erbringen können, ohne, dass Notmaßnahmen eingeleitet werden müssen.
Hierzu ist ein Mechanismus der Fehlervorbeugung, -erkennung und -behebung notwendig, der
unterschiedliche Formen annehmen kann.
Methoden dazu können Workshops und Formblätter als Denkanstöße und
Strukturierungshilfen sein - der Erfolg aber steht und fällt mit der Einstellung der
Mitarbeiter. Daher könnte man den KVP als besondere Herausforderung für das Management,
und seinen Erfolg als Indikator für dessen Akzeptanz sehen.
Standardisierte Arbeit gilt grundsätzlich als Voraussetzung für einen
funktionierenden KVP, da sie Abweichungen erst definiert und sichtbar macht. Dabei sollte
Standardisierung immer angemessen stattfinden, also auf die spezifischen Besonderheiten
der Prozesse und Umgebungen Rücksicht nehmen.
Unter Visuellem Management oder Management by View ist die Nutzung optischer
Hilfsmittel zur Steuerung der Produktionsabläufe und Tätigkeiten der Mitarbeiter zu
verstehen. Wesentliches Element ist die Gestaltung aller Abläufe dergestalt, daß man
Unregelmäßigkeiten bereits durch den Augenschein erkennt.
3 Zusammenfassung: Begriff, Ansatz und Struktur des GPS
GPS breiten sich von der Automobilindustrie aus auf alle Branchen aus. Gründe
hierfür sind die erfahrungsgemäß hohen Verbesserungspotentiale und (durch die hohe
Arbeitsteilung ermöglicht, denn es ist immer leichter, Druck auf andere auszuüben, als
sich selbst unter Druck zu setzen) ein Druck von Seiten großer Unternehmen auf ihre
Zulieferer zur Umsetzung. Dabei ist dieser Ausbreitungsprozess keineswegs abgeschlossen.
Zielgruppe des GPS sind solche Unternehmen, die nach einem koordinierenden und
konsolidierenden Ordnungsrahmen für ihre Modernisierungsaktivitäten suchen. Die
Fähigkeit des GPS genau diesen Rahmen darzustellen, liegt in seinem integrationsfähigen
und umfassenden Ansatz begründet, welcher sich in der Struktur widerspiegelt. Ausgehend
von strategischen Unternehmenszielen werden Ziele unmittelbar für das GPS bestimmt und in
Gestaltungsprinzipien umgesetzt. Diese stellen Richtlinien für die Integration
bestehender und die Auswahl neu zu implementierender Methoden und Instrumente dar.
Gestaltungsprinzipien mit gemeinsamer Zielrichtung können in Subsystemen zusammengefasst
werden. Zum Verständnis dieser Struktur ist wichtig, dass die Elemente jeder dieser drei
Stufen systemische Eigenschaften haben, also multiple Beziehungen zu Elementen höherer
und/oder niedrigerer Ebenen haben können. Die Quantifizierung der Intensität einer
solchen Beziehung wird als Zielbeitrag bezeichnet. Dieser wird dazu verwendet, eine
zielführende Auswahl von Elementen vorzunehmen. Grundsätzlich kann ein GPS in zwei
Richtungen interpretiert werden: entweder wird es als Managementinstrument mit strikten
Handlungsvorgaben, oder als dezentrale Toolbox in den Händen der Mitarbeiter gesehen.
Tendenziell werden letzterem Weg die größeren Potentiale zugesprochen, wenn dies auch
für große Serienfertiger anders sein kann. Schließlich ist für die Unterscheidung
einzelner Elemente wichtig, die Wirkungszusammenhänge zu analysieren.
Literaturempfehlung:
Mehrer Beiträge aus unserer Serie Thema des Monats unter www.ebz-beratungszentrum.de (Verknüpfung
links oben )
Brocker, Ulrich (2002) Vorwort. In Institut für angewandte Arbeitswissenschaft
e.V. Ganzheitliche Produktionssysteme - Gestaltungsprinzipien und deren Verknüpfung.
S.9-13. Köln: Wirtschaftsverlag Bachem.
DaimlerChrysler (2000) Das Mercedes-Benz Produktionssystem - Systembeschreibung. 2.
Überarbeitete Version 17. Januar 2000.
Dunkler, Olaf (2001) Einführung eines Produktionssystems. In IIR, Institute for
International Research Ganzheitliche Produktionssysteme : Fachkonferenz 24. und 25.
September 2001. Kapitel 2. Sulzbach: IIR Deutschland.
Fischer, Hans & Salwiczek, Peter (2002) Auf neuen Wegen zu neuen Zielen - das
ganzheitliche Produktionssystem GPS.REFA-Nachrichten 6/2002 S.16-22.
Heizmann, Jochem (2003) Audi Produktions System APS - Vorlesungsreihe
Wertschöpfungs-Management.
Hinrichsen, Sven (2002) Ganzheitliche Produktionssysteme - Begriff, Funktionen, Stand
der Umsetzung. In Zeitschrift für Unternehmensentwicklung und Industrial Engineering
6/2002 S.251-255.
Hummel, Vera (2001) Management von Unternehmensnetzwerken auf dem Weg zur Business
Excellence. In Business Excellence: Praxisbeispiele - Forschungsansätze - Visionen. Fraunhofer
IPA Seminar F66. S.177-191.
IAO (2002a) Ganzheitliche Produktionssysteme (GPS) Einführung, Aufbau,
Wirkungsweise, typische Bausteine, Potenziale, Konfiguration und Implementierung. Institut
für Arbeitswirtschaft und Organisation der Fraunhofer Gesellschaft.
http://www.produktionssysteme.iao.fhg.de/
Korge, Axel (2002) Konzepte "Ganzheitlicher Produktionssysteme. Stuttgart:
Fraunhofer IAO.
Korge, Axel (2003) Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie. In Spath, Dieter Ganzheitlich
produzieren - Innovative Organisation und Führung. S.170-186. Stuttgart: Log_X.
MTM (2002) Das ganzheitliche Produktionssystem - Management Summary. Deutsche
MTM-Vereinigung e.V. http://www.dmtm.com/newsimages/27288baa.pdf
Reuter, Karl-Heinz (2003) Innovationen schaffen. In Spath, Dieter Ganzheitlich
produzieren - Innovative Organisation und Führung. S.140-145. Stuttgart: Log_X.
Schonberger, Richard (1988) Produktion auf Weltniveau: Wettbewerbsvorteile durch
integrierte Fertigung. Frankfurt: Campus.
Spath, Dieter, Korge, Axel und Scholtz, Oliver (2003) Ganzheitliche Produktionssysteme
- eine neue Chance für produzierende Unternehmen. In RATIO, 3/2003, Stuttgart:
RKW Baden-Württemberg. S.9-11.
Spath, Dieter (2003) Ganzheitlich Produzieren - Innovative Organisation und Führung.
Stuttgart: Log_X.
Theile, Konstantin (1996) Ganzheitliches Management - Ein Konzept für Klein- und
Mittelunternehmen. Bern: Haupt.
Thomas, Michael (2003) Von der Linienführung zum Produktionssystem. In Spath, Dieter Ganzheitlich
produzieren - Innovative Organisation und Führung. S.122-126. Stuttgart: Log_X.
Warnecke, Hans-Jürgen (1992) Leitvorstellungen ganzheitlicher, effizienter
Produktionskonzepte. In Künzer, Volker, Meyer, Ursula & Wegner, Klaus (Hg.) Moderne
Arbeits- und Produktionskonzepte. S.7-17. Köln: TÜV Rheinland.
Westkämper, Engelbert (1998) Das EFQM Excellence Modell und die moderne
Unternehmensorganisation. In TQM im Mittelstand. Fraunhofer IPA Seminar F38 S.7-18.
Stuttgart: IPA.
Winnes, Ralf (2002) Die Einführung industrieller Produktionssysteme als
Herausforderung für Organisation und Führung. Seminarreihe 2002. Karlsruhe: Technische
Hochschule.
|