Ein Beitrag von Helmuth Gienke
Das Problem, das sich für jeden ergibt, der Vorteile aus der Schlanken
Produktion (Toyota Produktions System) erkannt hat, ist, die Erfahrungen der japanischen
Industrie auf europäische Verhältnisse anzuwenden. Einige Betriebe, die nach diesem
Prinzip organisiert sind, haben gezeigt, daß man japanische Verfahren grundsätzlich auch
nach Europa übertragen kann. In vielen Betrieben sind die erhofften Vorteile aber nicht
eingetreten. Viele weitere verwechseln Schlanke Produktion mit Gruppenarbeit.
Mit den japanischen Methoden in Europa kann man den Vorsprung jedoch
nicht umkehren, noch nicht einmal erreichen. Die rational definierten Komponenten des
Systems, wie zum Beispiel die Idee der Verschwendung und die materiellen Anreize, sind,
wenn auch mit Anpassungsschwierigkeiten, tranferierbar. Die ideelle Ausrichtung auf das
Ziel Gemeinschaft dagegen ist nicht in voller Konsequenz übertragbar. Da das kulturelle
Leitbild differiert, diese Methoden aber eng an die Besonderheiten der japanischen Kultur
und Geschichte anknüpfen, sind Änderungen des Systems erforderlich. Die Analyse führte
zur Folgerung, daß die Unternehmenskultur beeinflußt werden muß, um die Vorteile
speziell deutscher Mitarbeiter (hoher Ausbildungsstand und Individualität) zur Stärkung
der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft zu nutzen. Der Mitarbeiter muß
sich freier entfalten, um seine Fähigkeiten für den Betrieb einzusetzen. Der Ansatz ist,
die angestrebte Verwirklichung des Menschen von der Freizeit in den Betrieb zu verlagern.
Die klassische Methode zur Lösung dieses Problems war die
Gruppenarbeit, in der jeder einzelne für das Gesamte verantwortlich ist. Diese Methode
versagte fast immer, die Gründe sind vielfältig, hauptsächlich aber eine mangelhafte
Durchdringung in allen Ebenen der Unternehmenskultur. Die Gruppe wurde entweder zu einem
Bollwerk gegen den Rest des Unternehmens, zu einem unbeweglichen Komplex, der mangels
eigener Zielsetzung auf Impulse von außen wartete oder zu einem Konglomerat, das eigene
Ziele verfolgte, teilweise sich sogar auf die eigenen Probleme konzentrierte. Entscheidend
ist gewesen, daß die Gruppe nicht strukturell konsequent in einer einheitlichen
Unternehmenskultur etabliert war.
Dennoch zeigte das japanische Umfeld, daß die Gruppe schlagkräftiger
ist als der einzelne, hierarchisch geführte Mitarbeiter, wenn das kulturelle Umfeld
stimmt. Jetzt galt es herauszufinden, wie man diese Erkenntnis in Europa nutzen kann. Die
folgenden Anlaysen bezogen sich auf das kulturelle Umfeld im Unternehmen. Zielsetzung ist
hierbei immer, das Unternehmen fit für den Wettbewerb in einem sich chaotisch ändernden
Umfeld zu machen, und hierzu die Organisationseinheiten des Betriebes zu dynamisch den
Umständen entsprechend agierenden Einheiten einzurichten.
Welche Prinzipien und Methoden erfüllen diese Anforderungen? Aus der
bisherigen Erkenntnis ergibt sich, daß die Vernetzung der bisher egozentrisch
ausgerichteten Gruppen im Unternehmen erforderlich ist. Daraus ergeben sich die Strukturen
und die erforderlichen Lenkungsmechanismen, um die Mitarbeiter anzuspornen, ihre
Aktivitäten auf die Unternehmensziele zu richten.
Mehr Autonomie für den einzelnen bedeutet, überschaubare Einheiten,
Verringerung der gegenseitigen Abhängigkeiten durch Zusammenfassen von Funktionen und
einheitliche Zielsetzung. Die Gestaltung der Ebenen muß sich also an diesen Punkten
orientieren.
Der moderne Ansatz der logistischen Kette umfaßt ur die Ebenen
"wirtschaftliche Aspekte", "Information" und "Prozesse und
Materialfluß", wobei die Abläufe im Vordergrund stehen. Damit integriert dieser
Ansatz zwar alle Logistikfunktionen aus funktionaler Sicht, gewährleistet aber die
ständigen Veränderungen im turbulenten Umfeld nicht. Zwei wichtige Aspekte sind nicht
berücksichtigt, die Strukturveränderungen und die Mitarbeitersicht, die es erlauben,
selbstorganisierte, zielorientierte Anpassungen zu ermöglichen.
Beim gruppentechnologischen Ansatz, mit dem häufig die Lean Produktion
verwechselt wird, werden die Ebenen sozio-informelles Verhalten und Information, teilweise
auch die wirtschaftlichen Aspekte in den Vordergrund gestellt, während die
Ablauforganisation schwerpunktmäßig im Gruppenprozeß gestaltet wird. Die kulturelle und
strategische Ebene wird nicht betrachtet, wodurch die Eingliederung der Gruppe in vertikal
übergeordnete (zusammenfassende) Organisationseinheiten vernachlässigt wird.
Jeder dieser Ansätze, einschließlich der Lean Production, für sich,
also isoliert implementiert, bedeutet eine Optimierung im abgegrenzten Bereich, ohne damit
zwangsläufig Vorteile für das gesamte Unternehmen zu bewirken. Keiner dieser Ansätze
gewährleistet die schnelle Anpassung an veränderte Gegebenheiten und Zielsetzungen.
Weil die Hierarchie nicht zu einer Erstarrung des Systems führen darf,
weil die Autonomie der Strukturelemente (Gruppen und einzelne Mitarbeiter) zur schnellen
Anpassung gewährt bleiben muß, sind adäquate neue Lenkungsmechanismen erforderlich. Es
besteht aus einem Zielsystem mit der Zielvereinbarung innerhalb der Hierarchie und der
Zielverfolgung einschließlich erforderlicher Anreizsysteme.
Das Zielsystem soll mehrere Komponenten umfassen, die von den
Unternehmenszielen abgeleitet werden. Die Unternehmensziele wiederum müssen die Stärkung
der Wettbewerbsfähigkeit und der Marktstellung zum Ausgang haben, woraus sich ergibt,
daß auch die Teams sich an diesem Umfeld orientieren müssen. Um den einzelnen
Mitarbeiter in die Verantwortung einzubinden ist besonderer Wert auf die Visualisierung
der Information für das Lenkungssystem zu legen, eine Erkenntnis die im Grundsatz auch im
Toyota Produktionssystem realisiert ist. Diese Lenkungsinformation umfaßt zum Beispiel
Ziele, deren Bedeutung, Ausprägungen und Größen sowie den aktuellen Stand der
Zielerreichung in allen definierten Ausprägungen.
Im turbulenten Umfeld werden sich die Unternehmensziele und
folgerichtig auch die aktuellen vereinbarten Ziele kurzfristig ändern. Gerade um diese
Änderungen durchzusetzen müssen die aktuellen Ziele und der aktuelle Stand der
Zielerreichung visualisiert werden und zwar nicht nur dem jeweiligen Team, sondern auch
für das Umfeld des Teams bis zum gesamten Unternehmen. Damit wird die Vernetzung der
Einheiten trotz deren Autonomie im Unternehmen erreicht. Diese Autonomie und deren
Vernetzung ist die Voraussetzung für hohe Effizienz und schnelle Anpaßbarkeit.
Die Gestaltung der Betriebskultur
Die Betriebskultur beschreibt das Unternehmen als eine
Lebensgemeinschaft mit ihren Wert-, Orientierungs und Verhaltensmustern. Die jeweilige
Kultur des Unternehmens entwickelt sich auch als Reaktion der Gemeinschaft auf die
Umwelteinflüsse, wobei der Zielsetzung eine besondere Bedeutung zukommt. Ändert sich das
Umweltverhalten, ändert sich ebenfalls die Kultur des Unternehmens.
Im modernen Unternehmen kommt der Betriebskultur eine besondere
Bedeutung zu, weil deren Ausprägung das Verhalten der Mitarbeiter sehr stark beeinflußt.
Wenn die Verantwortung von der Führungsebene auf die ausführende Ebene verlagert wird,
dann muß man diese auch respektieren und entsprechenden Mittel (Entscheidungsfreiheit,
Zielsystem, Information und Anerkennung) bereitstellen. Aus diesen Forderungen ergeben
sich die Anforderungen an die Gestaltung der Kultur. Da, wie bereits ausgeführt, die
Ziele der Teams die Unternehmensziele unterstützen und darum ihnen ähnlich sein müssen,
muß folglich die Ausprägung der Betriebskultur einheitlich im Unternehmen sein.
Der Begriff Unternehmenskultur wird bereits lange benutzt, doch
beschreibt er meist vorwiegend das Selbstverständnis des Unternehmens. Herausragende
Beispiele aus der Vergangenheit sind zum Beispiel Bosch, mit der Maxime, die Mitarbeiter
am Erfolg des Unternehmens, wenn auch in patriarchalischer Manier, partiziperen zu lassen
und Siemens mit dem Prinzip, alles zu produzieren, was mit der Elektrizität zu tun hat.
Diese Beschreibungen orientieren sich aber selten an einem sich ständig verändernden
Markt, sieht man vom Testament Mizuis einmal ab, der schon vor 1700 den Kunden in den
Mittelpunkt stellte und dessen Grundsätze heute noch verbindlich sind.
Dazu gehören die Ansätze zur Gruppenarbeit, in denen der Mitarbeiter
einem abgegrenzten Bereich zugeordnet wird, und dieser sich weitgehend selbst organisieren
soll. Die herkömmlichen Konzepte der Gruppenarbeit betrachten jedoch immer nur einzelne,
vorwiegend an Produktionszielen ausgerichtete Aspekte, nie aber einen
unternehmensumfassenden Ansatz.
Der Einfluß der Unternehmenskultur auf den Geschäftserfolg ist nicht
direkt meßbar. Weil zudem die Wirkung eines Wandlungsprozesses erst mit Zeitverzögerung
eintritt, wurde dieser Ansatz bislang vernachlässigt oder als nice to have behandelt. Man
hat dabei übersehen, daß durch Einbindung der Mitatbeiter in die Verantwortung für den
Unternehmenserfolg eine tiefgreifende, nachhaltige Verbesserung der Wettbewerbsposition
möglich ist, und daß zu diesem Zweck die Betriebskultur zielorientiert gestaltet werden
muß. Eine positive Einstellung zur Arbeit und die Selbstverwirklichung durch Leistung
sind die Fundamente für die Sicherung der Zukunft (Zukunftskommission 2000 beim
Staatsministerium Baden Württembergs).
Der heute in Wissenschaft und Praxis allgemein anerkannte Stellenwert
der Betriebskultur beruht auf der Erkenntnis, daß die Kultur das Handeln der Mitarbeiter
prägt und deswegen nicht hemmend für die Durchführung erforderlicher Maßnahmen sein
darf. Das Problem, inoffizielle Regeln, Verbote und Maximen sowie die tatsächlichen
Führungsgrundsätze zu erkennen, führt auf die Analyse der sichtbaren Aktivitäten und
deren Reduktion auf fundamentale, die Wahrnehmung und das Handeln unbewußt prägende
Weltanschauungen. Vielen Ansätzen moderner Unternehmenstruktur ist eigen, daß sie
gestaltend auf die Betriebskultur Einfluß nehmen wollen. Die Idee, im Sinne einer
Initiierung der Veränderung in einem grundsätzlich offenen Prozeß die Kultur des
Unternehmens zu beeinflusssen, hat sich durch positive Erfahrungen bestätigt. Basis ist
hierbei die Aufdeckung der Mängel des bisherigen Leitbildes und vor allem deren
Auswirkung auf die Fortenwicklung des Unternehmens am Markt. Da die Betriebskultur ein
gewachsenes System von Anschauungs- und Verhaltensmustern ist, das von der überwiegenden
Mehrzahl der Mitarbeiter akzeptiert werden muß, können diese Veränderungen nicht durch
oktroierte Grundsätze oder durch mechanische Methoden durchgeführt werden. Nicht
akzeptierte Grundsätze werden bewußt oder unbewußt verfremdet oder sogar boykottiert.
Die drei grundsätzlichen Merkmale der Ebenen Kultur, Zielorientierung,
Mitarbeiterorientierung und Selbstverständnis, werden im folgenden für die Gruppenarbeit
im herkömmlichen Sinn und Toyota Production System (oder Lean Production)
gegenübergestellt und analysiert.
Zielorientierung
Ziele und deren Verfolgung sind ein wichtiges Element der Fabrik.
Sie herauszuarbeiten, zu quantifizieren und ständig anzupassen ist eine Basisfunktion. In
einem Umfeld mit schnell wechselndem Verhalten der Kunden ist die Anpassung der Produktion
an die geänderten Verhältnisse wichtiger als je zuvor. Diese Anpassung wird in der
Fabrik durch das Zielsystem erreicht. Das Zielsystem besteht aus einem Komplex
quantifizierter und meßbarer Ziele, die mit den Mitarbeitern abgestimmt sind, aus
Zielverfolgungssystemen, die Zielgrößen und Istgrößen nachvollziehbar und anschaulich
gegenüberstellen, und einem Anreizsystem für die Mitarbeiter, sich für die
Zielerreichung einzusetzen und sie als eigenes Anliegen zu betrachten.
Die Ziele können sich dabei durchaus von herkömmlichen Zielen
unterscheiden. Schon in der Lean Production war das Ziel "Erfüllung der
Kundenwünsche" revolutionär, weil es kein klassisches betriebswirtschaftliches Ziel
gewesen ist. Neu ist dabei, daß dieses externe Ziel auch in der Werkstattebene verfolgt
und akzeptiert wird.
Auch die Lean Production kennt implizit Ziele, die aber durch die
Vermittlung mittels Überzeugungsarbeit und die strenge Bindung an fixierte Vorschriften
nur langsam duchzusetzen sind. Die Vorschriften können zwar im Konsenz mit der Gruppe
geändert werden, sind aber bis zur Änderung verbindlich.
In der Gruppenarbeit sind solche marktwirtschaftlichen Ziele nur
möglich, wenn die Gruppe ein vertriebsfähiges Produkt herstellt, die Gruppe somit im
Wesentlichen isolierte Aufgaben erfüllen soll. Die Ursache ist, daß die Gruppe nur
unzureichend in das Gesamtgeschehen integriert ist.
Selbstverständnis
Basis der Schlanken Produktion, ist die Indentifizierung der
Mitarbeiter mit dem Unternehmen, aber entstanden durch Sachzwänge in einem besonderen
kulturellen Umfeld. Dieser Ansatz ist in der Gruppenarbeit nicht ausgeprägt. Dadurch
fehlt in diesem System diese wichtige Eigenschaft, was Ursache für die häufig
festgestellte Isolierung der Gruppen im Gesamtgeschehen ist.
Mitarbeiterorientierung
Der Mitarbeiter ist das wichtigste Element der Schlanken
Produktion. Im System Gruppenarbeit ist der Mensch ein Element der Gruppe und
aufgefordert, sich dort zu integrieren. Weitere Orientierung ist nicht vorgesehen.
Geschichtlich ist die Gruppenarbeit aus der Vorstellung entstanden, daß der Mensch ein
überschaubares Umfeld braucht, um leistungsbereit zu sein. Die Integration in das
Gesamtgeschehen als Ausgangspunkt der einheitlichen Aktivitäten des Unternehmens ist
zugunsten einer isolierten Gestaltung der Gruppe vernachlässigt.
Die Lean Production geht von der zentralen Bedeutung der menschlichen
Aktivitäten für das Unternehmen aus, wenn auch die weltanschauliche Ausgangssituation
anders als i Mitteleuropa ist. Während die mitelleuropäischen Vorstellungen den Menschen
als Individuum betrachten, geht die japanische Weltanschauung vom Bild des Menschen als
geistigen Bestandteil der Gesamtheit aus.
Zusammenfassung
Obwohl die Gruppenarbeit aus der Erkenntnis heraus entstanden ist,
daß der Mensch auch im beruflichen Alltag eine Heimat, also ein überschaubares und
vertrautes Umfeld braucht, sind die Aspekte, die das kulturelle Umfeld des Unternehmens
gestalten, vernachlässigt. In der Lean Production ist dieser Aspekt durch das
patriarchalische Weltbild mit dem Grundsatz der Verantwortung der Familie
"Betrieb" für den Menschen eingebunden.