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Industrieparkkonzepte
Ein Beitrag von Prof. Dr.-Ing. Rainer Kämpf, Peter Gyergyay, Simon Roggentin, Silvie van Steensel

Thema des Monats April 2003
Stand: 27.10.2008


Verwandte Konzepte und neue alternative Entwicklungen

Im ersten Teil werden die weitverbreiteteren alternativen Ansätze zu Industrieparks diskutiert. Diese beinhalten Industriecluster, Industrie- bzw. Gewerbegebiete und Logistikzentren. Der zweite Teil konzentriert sich auf neuere Entwicklungen auf dem Gebiet der Industrieparks. Hier kann man besonders drei Trends hervorheben, die Vernetzung von Industrieparks, Eco-Industrieparks und virtuelle Industrieparks.

Industriecluster

Als Industriecluster werden Agglomerationen, mit anderen Worten geographische Konzentrationen, von Unternehmen, die entweder miteinander in einer vertikalen Verbindung innerhalb der Wertschöpfungskette stehen oder zu einem ähnlichen Wirtschaftszweig gehören, bezeichnet. Das wohl bekannteste Beispiel hierfür stellt das Silicon Valley, der Stanford Industrial Park, dar. Andere Beispiele sind der Weinanbau in der Champagner – Region und Blumencluster in den Niederlanden. Ergänzend zu den Unternehmen, die den Kern dieser Cluster bilden, siedeln sich außerdem zahlreiche zusätzliche Betriebe in diesen Gebiet an, die weitere Dienstleistungen bereitstellen. Hierzu zählt einerseits der technische Support, wie z. B. Versorgungs- und Instandhaltungsunternehmen, sowie die operative Unterstützung, wie z. B. Banken, Versicherungen und Unternehmensberatungen.

Diese Standortgemeinschaft besteht also aus rechtlich und wirtschaftlich unabhängigen Unternehmen, die sich aufgrund diverser Faktoren entschieden haben sich in einer Gegend niederzulassen und Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Besondere Standortfaktoren sind i. d. R. ausschlaggebend für die Entwicklung derartiger Cluster.

Es ist zu bemerken, dass die Entstehung einem ‚natürlichen‘ Wachstum unterliegt und nicht von einem Betreiber überwacht und kontrolliert wird. Basierend auf den Regeln von Angebot und Nachfrage lassen sich hier Firmen nieder. Obwohl keine Wahrnehmung für die gemeinsamen Einrichtungen besteht und sich die Unternehmen primär auf die eigenen Geschäfte oder die unmittelbaren Beziehungen zu anderen Unternehmen konzentrieren, wissen sie dass sie sich für den Standort engagieren müssen um die Agglomerationsvorteile zu erhalten. Das Ergebnis sind Lobby-Gruppen, die sich für Subventionen und Zuwendungen engagieren, und ein ‚kollektives Bewusstsein‘ um die Infrastruktur aufrecht zu erhalten.

Um das Beispiel von Silicon Valley wieder aufzugreifen, liegt hier der Ursprung in der Errichtung einer Forschungseinrichtung der amerikanischen Luftwaffe, die wegen der relativen Abgeschiedenheit in dieser Gegend gebaut wurde. Die Bedürfnisse dieser Labors zogen nach kurzer Zeit bereits weiter Forschungsinstitute an. Dieser Prozess nahm seinen Lauf und so entstand hier eins der größten Technologiezentren der Welt.

Die Vorteile solcher Konzentrationen für die einzelnen Unternehmen läßt sich durch die Agglomerationsvorteile erklären. Hierzu zählen im Bereich der Industriecluster vor allem die Möglichkeit einer intensiven wirtschaftlichen Verflechtung zwischen den Unternehmen, die Präsenz der jeweiligen vertikalen Wertschöpfungskette und interne Ersparnisse durch eine Reduktion der Transaktionskosten. Die Nachteile resultieren von den steigenden Faktorpreisen, z.B. steigende Grundstückspreise und Gehälter, und Verknappungs-erscheinungen dieser Faktoren, z. B. Überlastung der Infrastruktur und niedrige Arbeitslosigkeit.

Ein verwandtes Konzepte zu den Industrieclustern stellen die Industriedistrikte dar. Bei Industriedistrikten handelt es sich um einen Agglomeration von kleineren und mittleren Unternehmen (KMU), die sich aufgrund von engen sozialen Struktur, bzw. familiären Verbindungen oder einer gemeinsamen Geschichte in der gleichen Gegend niedergelassen haben, wie z. B. Juden im Diamanthandel in Antwerpen.

Wie bereits aufgeführt ist die Entwicklungen der Industriecluster nicht geplant sonder folgt einer ‚natürlich Entwicklung‘. Zwar kann auf das Investitionsverhalten durch Subventionen von staatliche Institutionen eingewirkt werden, aber dies hat nur einen begrenzten Effekt, da diese nur indirekt Einfluß ausüben.

Industrie- bzw. Gewerbegebiete

Im Gegensatz zu den Industrieparks und –clustern werden die Industrie- bzw. Gewerbegebiet aktiv und direkt von der öffentlichen Hand, z. B. von Gemeinden und Kreisen, klassifiziert. An Hand der Baunutzungsverordnung wird der Zweck des Gebiet, die Art der Anlagen und die Nutzungsarten festgelegt.

Industriegebiete "dienen ausschließlich der Unterbringung von Gewerbebetrieben, und zwar vorwiegend solcher Betriebe, die in anderen Baugebieten unzulässig sind". Hierbei kann es sich um Gewerbebetriebe aller Art, Lagerhäuser und öffentliche Betriebe handeln. Ausnahmeregelungen treffen auf diverse Gebäude, die einer unterstützenden Funktion, wie z. B. Wohnung für Betriebspersonal und soziale Einrichtungen, dienen, zu.

Der Zweck der Gewerbegebiete allerdings ist stärker eingeschränkt, da hier nur "nicht erheblich belästigende Gewerbebetriebe" untergebracht werden dürfen, was dazu führt, dass diese speziell für Geschäfts- und Bürogebäude gedacht sind, wobei allerdings auch hier die Ausnahmeregelungen dementsprechend angepasst sind.

Häufig wird die Entwicklung von solchen Gebieten von anderen Instrumenten der Raumwirtschaftsplanung und -politik begleitet. Die folgende Abbildung zeigt exemplarische einige dieser Instrumente.

Instrument der Raumwirtschaftsplanung Beispiele
Informationen über Standorteigenschaften Standortmarketing, Broschüren
Bereitstellung von Infrastruktur Fernstraßen und Bildungseinrichtungen
Finanzielle Anreize Verbilligte Darlehen, Zinszuschüsse, steuerliche Maßnahmen, Vergabe von öffentlichen Aufträgen
Administrative Erleichterungen Verkürzte, bzw. vereinfachte Genehmigungs- verfahren

Die Entwicklung solcher Gebiet wird als Instrument für wirtschaftspolitische Standort- und Ansiedlungspolitik genutzt. Dementsprechend ist die Zielsetzung, wie z. B. Wachstums- oder Stabilisierungsmaßnahmen und Gerechtigkeitsziele, klar formuliert. Zu den wachstumspolitischen Ziele könnten unter anderem der Ausbau der Arbeits- bzw. Ausbildungsplätze, die Erhöhung des regionalen Sozialproduktes oder die Stärkung der regionalen Steuereinnahmen, zählen. Zu den Stabilisierungsmaßnahmen gehören z. B. die Diversifikation der lokalen Branchenstruktur. Gerechtigkeitsziele beinhalten Ausgleichsziele, wie z. B. die Förderungen von strukturell schwächeren Region, wie z. B. Ostdeutschland, und Versorgungsziele, wie z. B. die Sicherung der Versorgung der Bevölkerung.

Die Standortentscheidung der Unternehmen entspricht nicht mehr den lokalen Standortfaktoren, sondern den externen Faktoren, die durch die öffentliche Hand hinzugefügt wurden um den Standort attraktiver zumachen. Dies können in ‚Push‘ und ‚Pull‘ Faktoren unterteilt werden. Zu den ‚Push‘ Faktoren gehört die räumliche Begrenzung der Baumöglichkeiten, da Unternehmen gezwungen werden sich in einer bestimmten Gegend niederzulassen. Zu den ‚Pull‘ Faktoren gehören die diversen anderen Instrumenten der Raumwirtschaftspolitik, da Unternehmen von diesen angezogen werden.

Resultierend von dieser Struktur wird die Entscheidung von den Unternehmen über eine Ansiedlung in solche Gebiete aus ausschließlich individualistischen Gründen getroffen und nicht von der Möglichkeit von Synergien durch Beziehung mit den anderen vertretenen Unternehmen, was zu dem Fehlen einer kohärenten und homogenen Struktur, z. B. durch gemeinsame Einrichtung, führt. Dies ist der Hauptunterschied von Industrie- bzw. Gewerbegebieten zu den anderen Alternativen.

Logistikzentren

Logistikzentren grenzen sich von den anderen Alternativen ab indem sie ausschließlich auf Unternehmen in der Logistikbranche zielen. Hier findet eine Agglomeration von diversen ergänzenden logistischen Dienstleistungen statt. Logistikzentren gibt es in vielen verschiedenen Formen:

  • Güterverkehrszentren (GVZ)

  • Güterverteilzentren (GVtZ)

  • Logistische Dienstleistungszentren (LDZ)

  • Transportgewerbegebiete (TGG)

  • Zentren für Produktionslogistik (ZPL)

  • Frachtzentren

  • Transitterminals

  • Distributionszentren

Logistikzentren bieten je nach Art und Standort eine Vielzahl von logistischen Dienstleistungen an. Das Ziel dieser Logistikzentren ist es die Güterströme zu rationalisieren und effizienter zu gestalten. Häufig bilden sie Teil der Logistikkette und sind Umschlagplatz zwischen verschiedenen Verkehrsmethoden und Logistikanbietern. Hier werden verschiedene Sendungen je nach Zielort umgeladen neu gebündelt und kommissioniert. Zusätzlich erfüllen sie auch eine Lager-, bzw. Pufferfunktion für die Güterflüsse ihrer Kunden.

In der Praxis treffen diese theoretische, eindeutige Abgrenzung häufig nicht zu, da eine Vermischung der einzelnen Arten von Logistikzentren stattfindet. Als Beispiel kann hier genannt werden, wenn ein Logistikzentrum gleichzeitig die Funktionen eines Zentrums für Produktionslogistik, da es Nahe am produzierten Gewerbe situiert ist, und eines Distributionszentrums, da es auch in der Nähe des Absatzmarkts für ein anderes Produkt zu finden ist, erfüllt.

Die Entwicklung und Standortwahl solcher Logistikzentren ist häufig abhängig von den vorherrschenden Marktgegebenheiten und der genauen Funktion. Der Grad der Vernetzung zwischen den einzelnen Unternehmen variiert und reicht von komplett autonomen Firmen, die keine Geschäftsbeziehungen unterhalten, bis zu der Gründung einer gemeinsamen Firma, bzw. einem Joint Venture, die das Logistikzentrum verwaltet und die Interesse der beteiligten Firmen vertritt.

Repräsentativ für die Vielzahl von Variationen wird versucht an Hand eines Beispieles, die Güterverkehrszentren, exemplarisch die Bedeutung der Logistikzentren zu beschreiben

Güterverkehrszentren (GVZ)

Ein GVZ

"ist ein transportlogistischer Knotenpunkt, an dem mehrere Anbieter logistischer Dienstleistungen angesiedelt sind, der an mindestens zwei Verkehrsträger – insbesondere Straße und Schiene – angebunden ist, der sich an der Schnittstelle von Nah- sowie Fernverkehr befindet und in dem systematisch Synergiepotentiale bei der Erbringung vielfältiger logistischer sowie die Logistik unterstützender Dienstleistungen genutzt werden."

Um die angesprochenen Synergiepotentiale zu realisieren, bedarf es einer engen und langfristigen Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Logistikunternehmen, die jedoch weiterhin rechtlich und wirtschaftlich unabhängig von einander bleiben. Die Kooperation kann soweit führen, dass eine gemeinsame Firma gegründet wird um den Informationsfluß zu systematisieren und die Logistik effizienter zu gestalten. Beispiele für GVZs sind vor allem an Umschlagplätzen von LKW auf den Schienenverkehr und im Bereich der City–Logistik anzutreffen.

Das Hauptziel der GVZs ist es die Produktivität der Logistikkette zu erhöhen. Diese hat speziell in den vergangen Jahren an Bedeutung gewonnen, da Auslastung der Fahrzeuge kontinuierlich gesunken ist was zu steigenden Kosten in der Logistikbranche geführt hat. Dies läßt sich auf die folgenden Punkte zurückführen:

  • Verkehrsflächenknappheit;

  • Steigende Wartezeiten an den Rampen;

  • Lieferzeitbeschränkungen;

  • Steigende Anzahl der Spezialfahrzeuge;

  • Zeitliche unterschied zwischen Angebot und Nachfrage;

  • Bei Rundfahrten liegt die durchschnittliche Auslastung nur bei 50%.

Zusätzlich zu der Reduktion der oben genannten Probleme, erbringt ein GVZ auch diverse positive Effekte, wie z. B. die Möglichkeit komplexere und vielfältigere Logistikleistungen anzubieten.

Diese Vorteile, bzw. die Verminderung von Nachteilen kann man an zwei Beispielen konkretisiert.

  1. Steigerung der Auslastung

  2. Zwei Logistikunternehmen, ABC GmbH und XYZ AG, müssen je aus unterschiedlichen Orten eine gewisse Menge an Gütern nach A transportieren. Da aber beide Transporte weniger als halbvoll sind, ist die Auslastung sehr gering. Durch Teilnahme an einem GVZ könnten die Waren auf einen dritten Betreiber oder einen der zwei Betreiber umgeladen werden um die Auslastung, bzw. die Produktivität zu erhöhen, so dass nur noch ein Fahrzeug gebraucht wird.

  3. Erhöhung der Auslastung bei Rundfahrten

Bei dem Zusammenschluß zweier GVZs und einer flächendeckenden Verbreitung können auf einer Rundfahrt weitere Waren durch die Fahrzeuge bei einem anderen GVZ aufgenommen werden um das Problem "des leeren Fahrzeuges" zu vermeiden.

In beiden Fällen bedarf es einer engen Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Unternehmen, den sogenannten Nutzern, was häufig durch die Gründung einer GVZ-Betreibergesellschaft erreicht wird. Das Ausmaß der Kooperation hängt von der Bereitschaft der einzelnen Unternehmen gewisse Funktionen, wie z. B. Wartung der Fahrzeuge, der Infrastruktur und der Lager, Auftragsvergabe und Einkauf, und Ressourcen, wie z. B. die Bereitstellung oder ‚Pooling‘ von Lagerkapazität, Fahrzeugen und Mitarbeitern, für die Betreibergesellschaft bereitzustellen. Diese Integration birgt eine Vielzahl von Chancen, durch z. B. Kostenminderung, aber auch Risiken, durch z. B. einer höheren Abhängigkeit und Die Möglichkeit des Verlustes von Informationen an die Konkurrenz.

Neben den Vorteilen für die betroffenen Unternehmen, birgt ein GVZ auch viele gesamtwirtschaftliche Vorteile. Neben den ökonomischen Zielen, wie z. B. Verkehrsminderung und –verlagerung, erfüllt ein GVZ auch regionale wirtschaftspolitische Ziele, wie z. B. die Sicherung von Arbeitsplätzen und die Förderung von KMUs. Daher hat auch die öffentliche Seite ein starkes Interesse an diesen GVZs, so dass regelmäßig von der öffentlichen Hand direkte Beteiligungen bei der Gründung der GVZ-Betreiberfirmen erworben werden oder dass diese direkt als Initiatoren auftreten. Als Initiatoren entscheiden sie über die geographische Lage des Standortes, die von einer Vielzahl von Faktoren abhängt. Bei der Verteilung der GVZs existieren zwei kontroverse Ansätze. Einerseits ein enges Netz mit relativ kleinen Zentren gegenüber eines relativ weitläufigen Netz mit größeren Zentren.