Der
Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
1. Ausgangsbasis
Der japanische Ausdruck Poka Yoke ( jap.: Fehlersicher) bezeichnet ein aus mehreren
Elementen bestehendes Prinzip, welches technische Vorkehrungen und Einrichtungen zur
Fehlervermeidung bzw. zur sofortigen Fehleraufdeckung umfaßt. Es ist dabei besonders auf
die unbeabsichtigen Fehler ausgerichtet, die den Menschen bei ihrer Mitwirkung innerhalb
von Fertigungsprozessen unterlaufen können, und soll verhindern, daß aus einer
unkorrekten Handlung ein Fehler am Produkt entsteht.
Ausgangsbasis für Poka Yoke ist die Erkenntnis, daß kein Mensch und auch kein System
in der Lage ist, unbeabsichtigte Fehler vollständig zu vermeiden. Bei Systemen, also
Maschinen und Anlagen, können in der Regel Angaben über Fehler durch die Kenngröße
Mean Time Between Failure (MTBF) oder mittlerer Ausfallabstand gemacht werden. Dagegen
liegen Fehlhandlungen wie Unaufmerksamkeit, Auslassen, Vertauschen, Vergessen, falsch
Ablesen, Fehlinterpretieren u.ä., die außerdem durch Streß, belastende Umwelteinflüsse
und schlechte Arbeitsbedingungen noch verstärkt werden können, in der Natur des Menschen
und lassen sich trotz aller Bemühungen nicht mit Sicherheit ausschließen.
Das Poka Yoke-Konzept mit Fehlerquellen-Inspektion findet vor allem in
Fertigungsbetrieben Anwendung. Die personelle oder maschinelle Größe des Unternehmens
ist sekundär. Poka Yoke wird, wenn es zu schnellen und umfassenden Ergebnissen gelangen
will, im Rahmen von Qualitätszirkeln praktiziert. Gruppenarbeit dient somit als
Hilfsmittel zur Erarbeitung von Poka Yoke, wie umgekehrt auch Poka Yoke Gruppenarbeit
verbessert.
Der Ausgangspunkt für die Entwicklung des Poka Yoke-Systems mit
Fehlerquellen-Inspektion lag für den Japaner Shingo, den geistigen "Vater"
dieses Konzepts, bei der statistischen Qualitätskontrolle (SQC) nach amerikanischem
Typus. 1977 hatte Shingo die Entwicklung des Poka Yoke abgeschlossen.
Poka Yoke zielt auf den Einsatz von meist technischen Hilfsmitteln wie Einlegehilfen,
Anschlägen, Zweiknopfbetrieb usw. Dabei kann bereits in der Konstruktion und in der
Entwicklung durch konsequentes Einhalten der Regeln die Produktionsfreundlichkeit (Design
for Manufacturing) entscheidend beeinflußt werden. Der Schwerpunkt im Prozeßdesign liegt
in der Arbeitsablauf- und Arbeitsplatzgestaltung, Schaffung einfacher
Überwachungseinrichtungen und Vermeidung von Verwechslungen. Die Lösungen sind in der
Regel kostengünstig und sofort einführbar. Gruppenarbeit begünstigt die Entwicklung
solcher fertigungsbezogener Veränderungen.
Mit Hilfe von Poka Yoke wird nun durch meist einfache, aber wirkungsvolle Systeme
dafür gesorgt, daß derartige Fehlhandlungen im Fertigungsprozeß nicht zu Fehlern am
Endprodukt führen bzw. nicht unentdeckt bleiben. Da von Poka Yoke sämtliche in einem
Fertigungsprozeß hergestellten Teile bzw. Produkte betroffen sind, kann man in diesem
Zusammenhang auch von einer 100%-oder Vollprüfung sprechen.
2. Fehlermanagment
Um auch ein weiteres Auftreten von einmal entdeckten Fehlern ausschließen zu
können, wird Poka Yoke in Verbindung mit einer Inspektionsmethode angewendet. Als
besonders effektiv hat sich dabei die ebenfalls von Shingo entwickelte "Source
Inspection" erwiesen. Diese Prüfmethode löst nicht nur Reaktionen auf Fehler aus,
sondern deckt die Bedingungen auf, die Fehler hervorrufen. Wichtig ist, daß Rückmeldung
und Abstellungsmaßnahmen innerhalb der Fehlhandlungsstufe erfolgen. So wird verhindert,
daß aus einer Fehlhandlung ein Fehler entsteht.
Durch eine Kombination dieser Fehlerquellen-Inspektionen mit 100%-Prüfungen,
Selbstprüfungen oder sukzessiven Prüfungen und unmittelbarer Rückmeldung mit
Abstellungsmaßnahme kann ein Null-Fehler-QM-System etabliert werden. Durch Einsatz
anforderungsgerechter Poka Yoke-Einrichtungen ist es in vielen Fällen überhaupt erst
möglich, das Ziel "Null-Fehler" zu erreichen.
In der praktischen Anwendung besteht ein Poka Yoke-System aus den beiden Grundelementen
Initialisierungs- bzw. Auslösemechanismus und Regulierungsmechanismus. Als drittes
Element werden in der Sekundärliteratur noch die Detektionsmechanismen unterschieden, die
aber auch eine Art der Initialisierung darstellen. Hinzu kommen spezielle Vorkehrungen in
Form von Gestaltungsmaßnahmen, die eine mögliche Fehlhandlung von vornherein
auschließen, wie z.B. Positionierstifte.
Bei richtiger Anwendung der Poka Yoke-Methode wird die Beseitigung von Fehlern - nicht
nachträglich, sondern im Vorfeld - möglich, während sich durch Anwendung rein
statistischer Methoden die Fehlerrate nur verringern laßt.
Meist entstehen Fehler durch Fehlhandlungen der ausführenden Personen. Wenn sie sofort
erkannt und (schon im Vorfeld) behoben werden, entstehen keine weiteren Aufwendungen oder
Schäden.
Menschliche Fehlhandlungen verursachen unterschiedliche Fehlerarten.
Zu den "Primärfehlern" zählen:
- Auslassen von Arbeitsschritten,
- Bearbeitungsfehler,
- fehlende Teile,
- falsche Teile.
Zu den "Sekundärfehlern" zählen:
- Einstellfehler,
- Fehlarbeitsschritt,
- falsches Einlegen,
- falsches Teil (Werkstück),
- falsches Einrichten,
- andere Fehlhandlungen, z.B. unzureichende Vorbereitung von Werkzeugen und Vorrichtungen.
Fehler werden in zwei Phasen erkannt:
- während ihrer Entstehung (quasi "in statu nascendi") oder
- nach ihrer Entstehung (wenn das Teil bereits weiterverarbeitet ist).
Mit Poka Yoke-Einrichtungen zur Unterbindung von Fehlern werden drei Grundfunktionen
wahrgenommen:
- Abschalten
- Ausregeln,
- Warnen (akustisch oder optisch).
Das Erkennen eines bevorstehenden Fehlerauftretens wird "Voraussage", das
Erkennen eines bereits aufgetretenen Fehlers "Entdeckung" genannt.
Die Auslöse- bzw. Initialisierungsmechanismen bestimmen die Art, wie ein Fehler im
Fertigungsprozeß erkannt wird. Im einzelnen sind drei Methoden zu unterscheiden:
- Kontakt-Methode:
Unzulässige Abweichungen von der Arbeitsfolge, die zu
Fehlhandlungen führen können, werden von Sensoren über geometrische Kenngroßen
festgestellt. Je nach Art des Sensors kann der Kontakt berührend oder auch berührungslos
sein.
- Fixwert-Methode
: Abweichungen oder Unregelmäßigkeiten im Verlauf des
Fertigungsprozesses werden durch das Überprüfen des Erreichens einer bestimmten Anzahl
von Teilarbeitsschritten erkannt. Die hierbei eingesetzten technischen Mittel sind meist
sehr einfach, aber wirkungsvoll, wie z.B. mechanische Zähleinrichtungen.
- Schrittfolgenmethode:
Die Standardbewegungsabfolge eines Arbeitsprozesses wird
erkannt und mit möglichst einfachen Hilfsmitteln auf Fehlhandlungen hin überprüft.
Wichtig ist, daß das Feedback einer Fehlhandlung die ausführenden Personen so schnell
wie möglich erreicht, um die Wiederholung der entdeckten Fehlhandlung zu vermeiden. Dabei
ist es unerheblich, wie die Entdeckung zustandekommt, ob sie vom Ausführenden entdeckt
wird oder ob es bestimmte Abweichungsmuster gibt. Wichtig ist, daß bei Erkennen sofort
gehandelt werden kann.
3 Regulierungsmechanismen
- Eingriffsmethode: Beim Auftreten von Abweichungen oder Prozeßunregelmäßigkeiten,
die Fehler zur Folge haben können, wird die Maschine sofort abgeschaltet. Mit dem
Fertigungsprozeß verbundene Vorgänge wie Transportieren oder Spannen werden ebenfalls
sofort unterbrochen. Dadurch werden Korrekturmaßnahmen und die Vermeidung von
Wiederholungsfehlern möglich.
- Alarmmethode:
Hierzu zählen sämtliche Arten von optischen und/oder akustischen
Signalen, die auf die Situation der entstehenden oder gerade entstandenen Fehlhandlung
hinweisen.
Fehler in Gruppen erkennen
Alles, was bereits in der Phase der Entstehung erkannt wird, hilft Kosten zu
vermeiden. Gruppen sind, wenn sie zu Selbststeuerungsprozessen fähig sind,
prädestiniert, lange Wege zu vermeiden. Gruppen können Poka Yoke deshalb besonders
effizient einsetzen.
Literaturhinweise
Kamiske, Gerd F.; Brauer, Jörg-Peter: Qualitätsmanagement von A bis Z, Hanser
1995.
Shingo, S.: Poka-yoke, Prinzip und Technik für eine Null-Fehler-Produktion, St. Gallen
1991.
Hirano, H.: Poka-yoke, 240 Tips für Null-Fehler-Programme, moderne industrie 1992.