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Handbuch Produktion
Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

Produktionscontrolling
Ein Beitrag von Helmuth Gienke

Thema des August 2000
Stand: 27.10.2008

Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1

Eine wichtige Aufgabe des Produktionsmanagement ist, die Vorgänge in der Produktion unter technischen und logistischen Gesichtspunkten zu steuern. Produktionsabläufe, Fertigungsverfahren, Wartungsverfahren, Investitionen und Umbauten sind hinsichtlich der anzustrebenden Ziele optimal zu gestalten und zu entwickeln. Die Ziele ergeben sich abhängig vom Zielespektrum der betrachteten Organisationseinheit z.B. Verbesserung der Abläufe, Reduzierung des Fertigungsaufwandes, Verbesserung der Anlagenverfügbarkeit, der Qualität, der Termintreue und analoger Ziele.

Um das Verbesserungspotential zu erkennen benötigt man Information über Fehlerquellen, zeitliche Abläufe, besondere Ereignisse und Engpässe. Die klassische Betriebsabrechnung kann diese Daten nur bedingt liefern, denn sie betrachtet fast nur Symptome, nämlich die finanzielle Seite, mit der das tatsächliche Geschehen unzureichend abgebildet wird. Sie hat die Aufgabe, Unternehmensziele durchzusetzen, soweit sie die wirtschaftlichen Aspekte betreffen und Analysewerkzeuge für die Diagnose des gesamten Aufwandes der Produktion zu liefern, nicht aber technische Aspekte zu diagnostizieren und nur selten z. B. Qualitätsziele zu verfolgen.

Zur Erläuterung einige Beispiele für Informationen, die von der Betriebsabrechnung nur unzureichend geliefert werden: Fehlerhäufungen bei bestimmten Arbeitsgängen werden nur anhand der Abfall- oder Ausschußkosten ermittelt. Verlängerte Durchlaufzeiten schlagen sich in den Bestandswerten unzureichend nieder. Mangelnde Termintreue wird nie den Ursachen zugerechnet, sondern allenfalls als Pauschalwert mit internen Verzugskosten dargestellt. Generell gilt, daß besonders die Ursachen nicht oder nur unzureichend erfaßt werden. Verteilung der Werte über Zeiträume, die geringer sind als die Abrechnungsperiode ( z. B. einzelne Schichten) können nicht dargestellt werden. Daten über die Verfügbarkeit von einzelnen Anlagen und Werkzeugen sind selten Gegenstand des unternehmensweiten Berichtswesens.

Das Productionscontrolling dient der Bereitstellung von Daten, die über die von der Betriebsabrechnung erfaßten hinausgehen, um Kennzahlen zu bilden, die das Geschehen in der Fertigung und der Werkstatt gezielt darstellen. Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass das Produktionscontrolling im Schwerpunkt von Kennzahlen lebt.

Typische Größen für die Kennzahlenbildung sind:

- Durchlaufzeiten der Aufträge gesamt und der einzelnen Aufträge
- Arbeitsvorrat (Anzahl der Aufträge) an den einzelnen Arbeitsplätzen
- Terminverzug nach Aufträgen aufgegliedert
- Austoß in zeitlicher Verteilung
- Lagerumschlagshäufigkeit
- Störungen nach Dauer und Ursache an den einzelnen Arbeitsplätzen
- Verfügbarkeit
- Bestände in der Fertigung und am Lager
- Losgrößen
- Rüstzeiten und Häufigkeit
- Meßwertverteilungen
- Ausschußdaten
- Werkzeugstandzeiten
- Auslastung der Arbeitsplätze
- Materialverfügbarkeitsdaten
- Flächenbedarf

und ähnliche Werte, aus denen in Kombination mit anderen, besonders Zeitwerten, Kennzahlen gebildet werden.

Die Kennzahlen sollen im Produktionscontrolling zur Diagnose des Zustandes der Produktion als Hilfsmittel zur Entscheidung über Maßnahmen zur Zielerreichung dienen. Außerdem kann mit entsprechenden Kennzahlen, die nicht identisch mit den Kennzahlen zur Diagnose sein müssen, der Grad der Zielerreichung festgestellt werden. Drittens können, als Nebeneffekt, entsprechende Kennzahlen zur Information und Motivation der Mitarbeiter genutzt werden. Viertens können diese Kennzahlen mit den Kennzahlen anderer Organisationseinheiten verglichen werden und damit internes und externes Benchmarking vorgenommen werden.

Kennzeichnend für die Vorgänge in komplexen Strukturen ist, dass die Fehler zwar leicht zu entdecken sind, die Ursachen aber vielfältig sein können.

An einem Beispiel soll das erläutert werden:

Die Vorbedingungen für eine termingetreue Produktion sind im Wesentlichen:

Informationen und deren Akzeptanz über die Terminvorgaben,
eine genaue Planung oder ausreichende Flexibilität,
Termintreue der Vorlieferanten,
Verfügbarkeit der Werkzeuge, Maschinen und Vorrichtungen.

Termintreue wiederum ist Voraussetzung für kurze Durchlaufzeiten und damit verbunden geringe Lagerbestände. Daraus folgt, daß unter anderem Voraussetzung für zu hohe Lagerbestände die Verfügbarkeit der Werkzeuge zum erforderlichen Zeitpunkt ist. Diese Abhängigkeiten sind ohne ausreichendes Produktionscontrolling nicht zu diagnostizieren.

Grundsätzlich gilt, daß Kennzahlen im Produktionscontrolling Hinweise auf Eigenheiten liefern sollen, die behindernd für die Zielerreichung sind. Nach diesen Gesichtspunkten sind die erforderlichen Kennzahlen zu gestalten. Da nur die Mitarbeiter der jeweiligen Organisationseinheit in der Lage sind, hier gestaltend einzugreifen, müssen die Kennzahlen den Anforderungen der betroffenen Organisationseinheit entsprechen und von diesen definiert und ausgewertet werden. Dass übergeordnete Organisationseinheiten eventuell andere Kennzahlen benötigen, ergibt sich aus dieser Feststellung.

Die einzelnen Betrachtungssichten kann man untergliedern in

interne Sachverhalte, die keine direkte Auswirkung nach außen haben, wie die Produktivität und die Struktur der Abläufe

Sachverhalte mit gemischten Auswirkungen, die sowohl interne Auswirkungen wie auch direkte Auswirkungen in Bereiche außerhalb des Betriebes haben, wie die Qualität der Produkte (Nachbesserungskosten im Betrieb, Reklamationen von anderen Mitarbeitern) und die Durchlaufzeiten (Lagerbestände im Betrieb, Lieferzeiten nach außen)

Sachverhalte, die fast ausschließlich externe Auswirkungen haben, wie Reklamationen und Nachbesserungen.

Zum Produktionscontrolling gehören

Informationssysteme mit den erforderlichen Datenerfassungsmethoden,
Analysewerkzeuge zur Auswertung der Daten mit der Möglichkeit, weitere Kennzahlen zu bilden, sowie tabellarische und grafische Darstellungen zur Information der Mitarbeiter zu erstellen und
Kommunikationssysteme zur Verbreitung der Daten und zum Informationsaustausch.

Die Auswertungen können sich auf die aktuelle Situation beziehen, um beispielweise festzustellen, wie die Situation bei einem bestimmten Ereignis war, oder kurz-, mittel-, und langfristige Zeitreihen darstellen, um Entwicklungen darzustellen. Diese können dazu dienen, die Auswirkungen von Maßnahmen festzustellen oder Hinweise auf Trends geben, um denen entgegen zu steuern.

Ein umfassendes Produktionscontrolling besteht also aus Kennzahlen und Werkzeugen, diese Kennzahlen darzustellen und auszuwerten, um in der Produktion (im umfassenden Sinn) die Einhaltung von Zielen zu überprüfen und Maßnahmen zu initiieren, die der Zielerreichung dienen.

(Das Thema wird in den nächsten Monaten vertieft)