Der Beitrag ist in ähnlicher
Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
Eine wichtige Aufgabe des Produktionsmanagement ist,
die Vorgänge in der Produktion unter technischen und logistischen Gesichtspunkten zu
steuern. Produktionsabläufe, Fertigungsverfahren, Wartungsverfahren, Investitionen und
Umbauten sind hinsichtlich der anzustrebenden Ziele optimal zu gestalten und zu
entwickeln. Die Ziele ergeben sich abhängig vom Zielespektrum der betrachteten
Organisationseinheit z.B. Verbesserung der Abläufe, Reduzierung des Fertigungsaufwandes,
Verbesserung der Anlagenverfügbarkeit, der Qualität, der Termintreue und analoger Ziele.
Um das Verbesserungspotential zu erkennen benötigt man Information
über Fehlerquellen, zeitliche Abläufe, besondere Ereignisse und Engpässe. Die
klassische Betriebsabrechnung kann diese Daten nur bedingt liefern, denn sie betrachtet
fast nur Symptome, nämlich die finanzielle Seite, mit der das tatsächliche Geschehen
unzureichend abgebildet wird. Sie hat die Aufgabe, Unternehmensziele durchzusetzen, soweit
sie die wirtschaftlichen Aspekte betreffen und Analysewerkzeuge für die Diagnose des
gesamten Aufwandes der Produktion zu liefern, nicht aber technische Aspekte zu
diagnostizieren und nur selten z. B. Qualitätsziele zu verfolgen.
Zur Erläuterung einige Beispiele für Informationen, die von der
Betriebsabrechnung nur unzureichend geliefert werden: Fehlerhäufungen bei bestimmten
Arbeitsgängen werden nur anhand der Abfall- oder Ausschußkosten ermittelt. Verlängerte
Durchlaufzeiten schlagen sich in den Bestandswerten unzureichend nieder. Mangelnde
Termintreue wird nie den Ursachen zugerechnet, sondern allenfalls als Pauschalwert mit
internen Verzugskosten dargestellt. Generell gilt, daß besonders die Ursachen nicht oder
nur unzureichend erfaßt werden. Verteilung der Werte über Zeiträume, die geringer sind
als die Abrechnungsperiode ( z. B. einzelne Schichten) können nicht dargestellt werden.
Daten über die Verfügbarkeit von einzelnen Anlagen und Werkzeugen sind selten Gegenstand
des unternehmensweiten Berichtswesens.
Das Productionscontrolling dient der Bereitstellung von Daten, die
über die von der Betriebsabrechnung erfaßten hinausgehen, um Kennzahlen zu bilden, die
das Geschehen in der Fertigung und der Werkstatt gezielt darstellen. Aus diesen
Überlegungen ergibt sich, dass das Produktionscontrolling im Schwerpunkt von Kennzahlen
lebt.
Typische Größen für die Kennzahlenbildung sind:
- Durchlaufzeiten der Aufträge gesamt und der einzelnen Aufträge
- Arbeitsvorrat (Anzahl der Aufträge) an den einzelnen Arbeitsplätzen
- Terminverzug nach Aufträgen aufgegliedert
- Austoß in zeitlicher Verteilung
- Lagerumschlagshäufigkeit
- Störungen nach Dauer und Ursache an den einzelnen Arbeitsplätzen
- Verfügbarkeit
- Bestände in der Fertigung und am Lager
- Losgrößen
- Rüstzeiten und Häufigkeit
- Meßwertverteilungen
- Ausschußdaten
- Werkzeugstandzeiten
- Auslastung der Arbeitsplätze
- Materialverfügbarkeitsdaten
- Flächenbedarf
und ähnliche Werte, aus denen in Kombination mit anderen, besonders
Zeitwerten, Kennzahlen gebildet werden.
Die Kennzahlen sollen im Produktionscontrolling zur Diagnose des
Zustandes der Produktion als Hilfsmittel zur Entscheidung über Maßnahmen zur
Zielerreichung dienen. Außerdem kann mit entsprechenden Kennzahlen, die nicht identisch
mit den Kennzahlen zur Diagnose sein müssen, der Grad der Zielerreichung festgestellt
werden. Drittens können, als Nebeneffekt, entsprechende Kennzahlen zur Information und
Motivation der Mitarbeiter genutzt werden. Viertens können diese Kennzahlen mit den
Kennzahlen anderer Organisationseinheiten verglichen werden und damit internes und
externes Benchmarking vorgenommen werden.
Kennzeichnend für die Vorgänge in komplexen Strukturen ist, dass
die Fehler zwar leicht zu entdecken sind, die Ursachen aber vielfältig sein können.
An einem Beispiel soll das erläutert werden:
Die Vorbedingungen für eine termingetreue Produktion sind im
Wesentlichen:
Informationen und deren Akzeptanz über die Terminvorgaben,
eine genaue Planung oder ausreichende Flexibilität,
Termintreue der Vorlieferanten,
Verfügbarkeit der Werkzeuge, Maschinen und Vorrichtungen.
Termintreue wiederum ist Voraussetzung für kurze Durchlaufzeiten
und damit verbunden geringe Lagerbestände. Daraus folgt, daß unter anderem Voraussetzung
für zu hohe Lagerbestände die Verfügbarkeit der Werkzeuge zum erforderlichen Zeitpunkt
ist. Diese Abhängigkeiten sind ohne ausreichendes Produktionscontrolling nicht zu
diagnostizieren.
Grundsätzlich gilt, daß Kennzahlen im Produktionscontrolling
Hinweise auf Eigenheiten liefern sollen, die behindernd für die Zielerreichung sind. Nach
diesen Gesichtspunkten sind die erforderlichen Kennzahlen zu gestalten. Da nur die
Mitarbeiter der jeweiligen Organisationseinheit in der Lage sind, hier gestaltend
einzugreifen, müssen die Kennzahlen den Anforderungen der betroffenen
Organisationseinheit entsprechen und von diesen definiert und ausgewertet werden. Dass
übergeordnete Organisationseinheiten eventuell andere Kennzahlen benötigen, ergibt sich
aus dieser Feststellung.
Die einzelnen Betrachtungssichten kann man untergliedern in
interne Sachverhalte, die keine direkte Auswirkung nach außen
haben, wie die Produktivität und die Struktur der Abläufe
Sachverhalte mit gemischten Auswirkungen, die sowohl interne
Auswirkungen wie auch direkte Auswirkungen in Bereiche außerhalb des Betriebes haben, wie
die Qualität der Produkte (Nachbesserungskosten im Betrieb, Reklamationen von anderen
Mitarbeitern) und die Durchlaufzeiten (Lagerbestände im Betrieb, Lieferzeiten nach
außen)
Sachverhalte, die fast ausschließlich externe Auswirkungen haben,
wie Reklamationen und Nachbesserungen.
Zum Produktionscontrolling gehören
Informationssysteme mit den erforderlichen Datenerfassungsmethoden,
Analysewerkzeuge zur Auswertung der Daten mit der Möglichkeit, weitere Kennzahlen zu
bilden, sowie tabellarische und grafische Darstellungen zur Information der Mitarbeiter zu
erstellen und
Kommunikationssysteme zur Verbreitung der Daten und zum Informationsaustausch.
Die Auswertungen können sich auf die aktuelle Situation beziehen,
um beispielweise festzustellen, wie die Situation bei einem bestimmten Ereignis war, oder
kurz-, mittel-, und langfristige Zeitreihen darstellen, um Entwicklungen darzustellen.
Diese können dazu dienen, die Auswirkungen von Maßnahmen festzustellen oder Hinweise auf
Trends geben, um denen entgegen zu steuern.
Ein umfassendes Produktionscontrolling besteht also aus Kennzahlen
und Werkzeugen, diese Kennzahlen darzustellen und auszuwerten, um in der Produktion (im
umfassenden Sinn) die Einhaltung von Zielen zu überprüfen und Maßnahmen zu initiieren,
die der Zielerreichung dienen.
(Das Thema wird in den nächsten Monaten vertieft) |