Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch
Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
Grundlagen zur Kennzahlenbildung
1 Einführung
Die Analyse von Vorgängen und Sachverhalten ist das Ziel des
technischen Controlling. Dieser Aufgabe dienen Kennzahlen, die durch zielgerichtete
Verdichtung erfaßter Daten und der Darstellung von Beziehung durch Kombination dieser
Daten komplexe Zusammenhänge, deren Abhängigkeiten und Entwicklung transparenter machen
sollen. Technisches Controlling lebt von einer variablen und umfangreichen Palette von
Kennzahlen. Der Nutzer muß sich aber bewußt sein, daß die Kennzahlen nicht die
Realität sind, sondern nur ein Abbild der Realität bringen, dessen Genauigkeit und
Aussagekraft nicht absolut ist, sondern von der Qualität der Daten, der Realitätsnähe
des Abbildungsmodells und der Aktualität der Datenbereitstellung abhängig ist.
Die wichtigsten Elemente einer Kennzahl sind:
- Informationscharakter
- Quantifizierbarkeit
- Spezifische Form der Information
Im Informationscharakter kommt zum Ausdruck, dass Kennzahlen Urteile
über wichtige Sachverhalte und Zusammenhänge ermöglichen sollen.
Die Quantifizierbarkeit ist eine Eigenschaft von Variablen, die
messtheoretisch gesprochen, die genannten Sachverhalte und Zusammenhänge auf einem
metrischen Skalenniveau messen und somit relativ präzise Aussagen ermöglichen.
Die spezifische Form schließlich soll es ermöglichen, komplizierte
Strukturen und Prozesse auf relativ einfache Weise darzustellen, um einen möglichst
schnellen und umfassenden Überblick insbesondere für Führungsinstanzen zu erlauben.
Das technische Controlling betrachtet den innerbetrieblichen Teil
des gesamten betrieblichen Realgüterprozesses. Dieser Teil umfaßt den Bereich zwischen
Beschaffung und Absatz und kann die verschiedensten Produktionsprozesse, innerbetriebliche
Logistik und Entwicklung enthalten, die eine große Vielfalt an Produktionskennzahlen
impliziert und erforderlich macht.
Eine Definition von Kennzahlen lautet wie folgt:
Kennzahlen informieren komprimiert über
einen quantitativ
gemessenen Sachverhalt.
Kennzahlen müssen sich am Bedarf orientieren, also über Vorgänge
aussagen, die der Nutzer beeinflussen kann, um die angestrebten Ziele zu erreichen.
Kennzahlen sollen die Zustände oder Zusammenhänge verdichtet beschreiben, um komplexe
Vorgänge und Strukturen begreifbar zu machen und die Basis für Entscheidungen zu
liefern. Das Ergebnis von Entscheidungen sollen Maßnahmen sein, die Veränderungen
bewirken.
Sinnvolle Kennzahlen können also zum Beispiel veränderliche
Vorgänge beschreiben, um einen Zielzustand zu erreichen, als auch besondere Situationen
beschreiben, um sie mit der gleichen Situation an organisatorisch oder örtlich
unterschiedlichen Stellen zu vergleichen. Die Auswertung von Kennzahlen kann außerdem
bewirken, daß der Nutzer andere Kennzahlen zur genaueren Analyse für erforderlich hält.
Sie werden in unterschiedlichen Verdichtungsstufen von der
Beschreibung eines Vorganges bis zur summarischen Aussage auf Betriebsebene gebildet. Fast
immer beschreiben sie Zeitreihen, betrachten also einen Vorgang periodisch über einen
längeren Zeitraum.
2 Klassifizierung von Kennzahlen
Kennzahlen lassen sich nach verschiedenen Kriterien klassifizieren.
Die bedeutendsten Kriterien sind:
Form,
Objektbezug,
Zielorientierung,
Wirkungsbereich.
Eine formale Klassifizierung ist nach der Berechnungsart in absolute
Zahlen und Verhältniszahlen möglich.
Absolute Zahlen sind z.B.
Mengenzahlen (Produktionsmenge)
Summen (Gesamtbedarf eines Rohstoffs)
Differenzen (Maßabweichungen, Terminverzögerungen)
Durchschnittszahlen (durchschnittliche Übergangszeiten eines Auftrages)
Verhältniszahlen
Beziehungszahlen (Produktionskoeffizienten d.h. Einsatzmenge pro Outputeinheit)
Gliederungszahlen (Anteil der Rüstzeit an der Gesamtauftragszeit)
Indexzahlen (Beschäftigungsgrad, gemessen als Verhältnis der tatsächlichen
Produktionsmenge zur Normalmenge)
Ein weiteres Einteilungskriterium von Kennzahlen für das technische
Controlling ist der Objektbezug, also der beschriebene Gegenstand. Hier sind zu
unterscheiden:
- Mengengrößen,
als Ereignis (Fehlerhäufigkeit, Ausfallzahlen)
als Bestand (Lagerbestand eines Gutes)
als Bewegung (Produktionsmenge)
als Bedarf (Materialbedarf)
- Zeitgrößen,
als Termine (z.B. Fertigstellungstag eines Auftrags)
als Fristen (z.B. Durchlaufzeit)
- Wertgrößen in Geldeinheiten
Ein drittes Merkmal für Kennzahlen im technischen Controlling ist
die Zielorientierung, also die Aussage, ob die Zahl
- zur Ursachenforschung für ein erkanntes Problem,
- der Überprüfung dienen soll, wie weit ein angestrebtes Ziel erreicht ist,
- zur Überprüfung der Auswirkungen einer Maßnahme,
- zum Vergleich mit gleichartigen Vorgängen,
- als Zeitreihe zur Überwachung eines eingestellten Zustandes
dienen soll.
Das vierte Merkmal betrifft den Wirkungsbereich der Kennzahl. Die
Kennzahl kann
- sich auf einen Vorgang an einer Stelle beziehen,
- übergeordnete Vorgänge in mehreren Organisationseinheiten betreffen,
- sich auf mehrere Betriebe beziehen,
- sich auf ein Produkt mit mehreren Vorgängen, z.B. Arbeitsschritten beziehen
Kennzeichnend ist weiterhin die Stellung der abgebildeten Größen
im Produktionsprozess. Hiernach gibt es Kennzahlen für
- den Verbrauch (Einsatzgütermengen, -zeiten, -werte)
- die Erzeugung (Produktmengen, Fertigstellungszeiten)
- sowie als Kombination für das Verhältnis Erzeugung zu Verbrauch
(Produktionskoeffizienten und Produktivitäten)
3 Allgemeine Anforderungen an Kennzahlen
Die Kennzahl muß den Informationsbedarf des Nutzers decken. Dieser
Bedarf ergibt sich aus der präzisen Formulierung der Verwendung dieser Kennzahl und des
zugrundeliegenden Zieles. Für den Aufbau eines Kennzahlensystems ist entscheidend, daß
diese Komponenten einvernehmlich und eindeutig von den Betroffenen definiert sind.
Grundsätzlich können Kennzahlen zwei verschiedenen Aufgaben
dienen. Sie können zum einen ein Instrument der sachlichen Führung sein. Die Kennzahl
dient dabei einer Orientierung der Prozeßsteuerung an markanten Größen im betroffenen
Bereich. Zum anderen können sie Instrument der organisatorischen Führung sein, die
Kennzahl dient dann dazu, in der organisatorischen Hierarchie mit wenigen
Führungsgrößen zu lenken.
Kennzahlen in der Problemanalyse können zwei Funktionen
übernehmen: sie können als Indikatoren zur Problemwahrnehmung verhelfen oder erlauben
unter Umständen eine Ursachenanalyse erkannter Probleme.
Die Problemwahrnehmung unterstützen solche Kennzahlen, die durch
ihre Entwicklung frühzeitig auf mögliche Schwachstellen hinweisen. Dies erfordert eine
periodische Beobachtung. So kann z.B. eine allzu starke Abweichung einer Kennzahl von
ihrem Sollwert oder ein auffälliges Anwachsen bzw. Zurückgehen zeitlich
aufeinanderfolgender Werte ein Hinweis auf die Notwendigkeit einer genaueren Untersuchung
andeuten. Dieses können Qualitätsprobleme sein, aber ebenso andere Größen des
Produktionsprozesses, wie zum Beispiel Lagerbestände und Rüstvorgänge.
Bei der Verwendung von Kennzahlen zur Ursachenanalyse geht man im
Gegensatz zur Problemwahrnehmung von bereits erkannten Problemen aus. Für diese Probleme
werden Entstehungsgründe gesucht. Diese Kennzahlen können dabei durchaus nur temporären
Bestand haben und die Ermittlung und Darstellung kann nach Behebung des Problems
eingestellt werden.
4 Nutzung der Kennzahlen als Lenkungsinstrument
Bei der Lenkung durch Kennzahlen muß man unterscheiden zwischen
Eigenlenkung und hierarchischer Lenkung. Die Eigenlenkung dient der internen Lenkung eins
Teams oder einer einzelnen Person als weitgehend autonome Einheit, die hierarchische
Lenkung der Führung durch eine übergeordnete Instanz. Die zur Eigenlenkung
erforderlichen Kennzahlen werden von der Einheit selbst gestaltet und verfolgt. Generell
gilt, daß die hierarchische Lenkung analog arbeitet, nur daß die Kennzahlen von der
übergeordneten Instanz definiert werden, aber sowohl von der ausführenden Einheit als
auch von der übergeordneten Instanz verfolgt werden. Die ausführende Einheit kann
zusätzlich von diesen Kennzahlen korrespondierende Kennzahlen ableiten. Ein Maß für die
Autonomie der ausführenden Instanz ist das Verhältnis der Menge der eigengenutzten
Kennzahlen zur Menge der von der übergeordneten Instanz vorgegebenen.
Die Kennzahlen dienen bei der Lenkung
- als vorgegebene Zielgröße (Vorgabezweck)
- zur Messung von Erreichungsgraden bestimmter Zielgrößen
- der Motivation, da in ihr Erwartungshaltung der übergeordneten Einheit konkretisiert
wird.
Zur hierarchischen Lenkung werden meist Kennzahlen benutzt, die
optimale und wünschenswerte Zielfunktionswerte kennzeichnen. Durch die Vorgabe gewinnen
sie eine herausgehobene Stellung in der Planung und fungieren als Teilziele.
Wie stark die Vorgabe einer Motivation dient, hängt davon ab, wie
sie im einzelnen gestaltet wird und inwieweit sie von weiteren Maßnahmen begleitet wird,
etwa einer Kontrolle oder einer Abweichungsanalyse. Kennzeichnend ist auch hier die
Nutzung durch die ausführende Einheit, je höher diese Nutzung ist, desto eher erfüllt
sie den Zweck als Motivationsinstrument.
Der Kontrolle kommt in diesem Zusammenhang nicht nur eine
aufdeckende, sondern auch eine vorbeugende Funktion zu. Durch das Bewußtsein ihrer
Existenz wird in vielen Fällen auf die Vorgabegröße genauer geachtet und im
Durchführungsprozeß versucht, Abweichungen erst gar nicht entstehen zu lassen.
Wie die genannten Teilfunktionen der hierarchischen Lenkung erfüllt
werden, hängt grundsätzlich davon ab, ob es sich um eine direkt beeinflußbare oder
indirekt beeinflußbare Kennzahl handelt. Bei einer direkt beeinflußbaren Kennzahl kann
die ausführende Einheit durch passende Maßnahmen das gewünschte Soll in exakter Höhe
einhalten. Beispielsweise kann die Zahl der Rüstvorgänge durch die Losgröße der
einzelnen Produktionslose beeinflußt werden.
Bei indirekt beeinflußbaren Kennzahlen ist dies nicht möglich.
Hier kann zwar der Entscheidungsträger durch geschicktes Handeln die Kennzahl in die
richtige Richtung bewegen, der Zusammenhang zwischen Maßnahmen und Wirkungen auf die
Kennzahl ist aber indirekter Art. Dies gilt beispielsweise für den
Lieferbereitschaftsgrad in der Materialwirtschaft. Zwar hat der Entscheidungsträger die
Lagerbestände in der Hand, nicht aber die Nachfrage und damit die Lagerabgänge. Ein
vorgegebener Wert kann daher nicht exakt getroffen werden.
Beispiele indirekt beeinflußbarer Kennzahlen im Produktionsbereich
sind:
- Arbeitsproduktivität
- Kapazitätsauslastung
- Lagerumschlagszahlen
Grenzen des Kennzahleneinsatzes im Produktionsbereich liegen nicht
nur dort, wo sie ein unpassendes Instrument sind, sondern auch in der Erhebung der
Kennzahlen selbst. Auch können Probleme durch übertriebene Kennzahlengläubigkeit
entstehen. Daher sollte nicht vergessen werden, daß Kennzahlen Situationen und
Zusammenhänge nur komprimiert beschreiben. Eine Untersuchung des benutzten
Kennzahlensystems bei Diskontinuitäten sichert die Gültigkeit.
(Das Thema wird in den nächsten Monaten vertieft) |