Der
Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
Kennzahlen zur Produktivität
1 Allgemeine Betrachtungen
Produktivität bedeutet Verhältnis Aufwand zu Erfolg. Zur
Definition des Aufwandes werden zwar häufig die Kosten herangezogen, die jedoch nur eine
unzureichende Lösung der Aufgabe bringen. Kosten repräsentieren zwar den Aufwand aber
nur sehr grob. Sie sind nur das genaue Maß für den Aufwand, wenn sie dem Produkt
eindeutig zugeordnet werden können und den ganzen Aufwand repräsentieren. Das ist fast
nie der Fall, weil übergeordnete Kosten, z. B. Grundstückkosten, Kapitaldienst und
Verwaltungskosten nicht eindeutig verursachungsgerecht zugeordnet werden können. Aus
diesem Grunde werden Zuschläge in Form von Gemeinkosten o.ä. Hilfskonstruktionen
eingesetzt, die für das Technische Controlling nur unzureichend nutzbar sind.
Aufwand kann aber auch in anderen Einheiten aufgezeigt werden, z.B.
Zeiten oder Vorgänge, hinter denen unterschiedliche Zeiten stehen.
Erfolg mißt sich am Ausstoß. Dieser wird häufig am Begriff
Wertschöpfung gemessen. Allerdings ist dieser Begriff nicht klar definiert. Im strengen
Sinn ist die Wertschöpfung die Differenz zwischen dem Marktwert eines Teiles bzw. seiner
Komponenten vor der Bearbeitung und des Teiles nach der Bearbeitung. Ein halbbearbeitetes
Teil hat aber häufig keinen Marktwert, also werden ersatzweise die Kosten für die
Bearbeitung herangezogen. Da die Kosten aber die andere Komponente der Produktivität
sind, ergibt diese Rechnung immer die gleiche Produktivität.
Kennzahlen zur Produktivität müssen sich, wie immer im Technischen
Controlling, an den Zielen orientieren. Die Definition eine Zieles in Form "Erhöhung
der Produktivität um 5 %" ist nicht ausreichend. Es muß definiert werden, wie man
die Produktivität mißt und welche Komponenten betroffen sind.
Ein klares und eindeutiges Maß scheint zu sein, das Verhältnis
Umsatz zu Gesamtkosten um 5 % zu erhöhen, was aber voraussetzt, daß die Marktpreise sich
zumindest kontinuierlich entwickeln. Für das Technische Controlling, das heißt für
Maßnahmen direkt in der Produktion, ist diese Zielvorgabe also nicht geeignet. Sehr wohl
dagegen ist eine Form der Vorgabe, die Kosten gegenüber den kalkulierten Kosten um 5 % zu
senken, geeignet, wenn die Kalkulationsverfahren nicht verändert werden und für
spezifische Kosten., zum Beispiel Löhne und Materialkosten, die Werte aktualisiert
werden. Diese Einschränkungen zeigen, daß Kostenziele zwar eine wichtige Komponente zur
Rationalisierung sind, sie aber nur unter genauer Analyse zu Bewertung und Steuerung von
Maßnahmen in der Produktion herangezogen werden können.
Unbeeinflußt von Geldwertschwankungen sind dagegen Zeiten,
physikalische Definition des Materialeinsatzes und ähnliche Größen. Kennzahlen zur
Produktivität im Technischen Controlling gibt es daher in zwei Kategorien:
- bewertete Ziele
- Ziele mit direkten Größen
In der klassischen Betriebswirtschaft gibt es diese Unterschiede
nicht, weil sich die Steuerung über Kosten hervorragend zur Außensteuerung von Betrieben
eignet. Die Umsetzung in den Betrieben selbst erfordert aber ein genaueres Vorgehen, wenn
sie zu optimalen Verfahren führen soll.
Zur Verbesserung der Produktivität gibt es zwei Ansätze, deren
Einfluß parallel betrachtet werden muß:
- die Betrachtung der Prozeßkosten, also der gesamten Kosten von der
Entwicklung oder dem Kundenauftrag bis zum ausgelieferten Produkt
- die Betrachtung der Verichtungskosten, das heißt die Kosten an den
einzelnen Arbeitsplätzen einschließlich der Kosten für den Wechsel von einem Produkt zu
einem anderen, also der Rüstkosten und der Vorrichtungskosten.
Beide Einflüsse sind zu betrachten und als Gesamtheit zu
optimieren.
2 Kostenbezogene Kennzahlen
Grundsätzlich richten sich die Kennzahlen nach den Zielen.
Objekte für die Produktivitätsverbesserung sind neben dem Ergebnis als Gesamtbetrachtung
die kostenverursachenden Größen, die optimiert werden sollen
- Herstellkosten
- Fertigungskosten
- Materialkosten
- Maschinenkosten
- Lohnkosten
- Betriebsstoffvebrauchskosten
- Rüstkosten
Diese Kosten kann man dem einzelnen Produkt oder dem Bereich
zuordnen. Der Bereich kann dabei auch ein einzelner Arbeitsplatz sein. Auch kann man die
Kosten für ein einzelnes Produkt in einem Bereich betrachten, was aber meist nur für
ausgesprochene Serienfertigung sinnvoll ist.
Herstellkosten sind die gesamten Kosten für die Erstellung eine
Produktes oder für die Durchführung einer Verrichtung. Der Umfang der Zuordnung
einzelner Kostenarten zu den Herstellkosten ist abhängig von der Art und dem Umfang der
angewandten Kostenrechnung, umfaßt aber im Normalfall die in der Abbildung aufgeführten
Komponenten.
Die Fertigungskosten umfassen die Kosten für die Verrichtung des
Bearbeitungsvorganges ohne Material und häufig ohne Betriebsstoffverbrauch, manchmal auch
ohne Maschinenkosten. Auch hier kann man produktbezogen oder bereichsbezogen zuordnen.
Die Materialkosten sind die Kosten für das eingesetzte Material,
die Maschinenkosten für den Einsatz der Maschinen, auch hier eventuell mit Hilfs- und
Betriebsstoffkosten.
Die Betriebsstoffkosten werden dann gesondert betrachtet, wenn sie
relevant sind, zum Beispiel bei energieintensiven Herstellverfahren oder dem Einsatz von
Gasen.
Die Nebenkosten ergeben sich aus den Kosten von Einheiten, die nicht
direkt am Produktionsprozeß beteiligt sind, z. B Führungspersonal, Verwaltungspersonal
oder arbeitsvorbereitende Stellen.
Die Produktivität kann dadurch verbessert werden, daß die Kosten
gesenkt werden. Die hiermit verbundenen Kennzahlen können sich auf absolute Werte
beziehen, z.B. Kosten pro Monat. Das ist die einfachste Methode, die Ergebnisse sind dann
häufig interpretierbar und Gegenstand von Ausreden (z. B. größere Mengen oder
ungünstige Mischung der Produkte). Eine bessere Aussage erhält man, wenn man die Werte
in Bezug zum Ausstoß setzt, zum Beispiel zum Umsatz, gewertet zu Verkaufs- oder
Verrechnungspreisen, aber auch hier sind Interpretationen möglich. Eine recht
aussagekräftige Bezugsgröße ist das Verhältnis der tatsächlichen Kosten zu den
kalkulierten Kosten, also mit der Produktivitätskennzahl Kp:
Kp = angefallene Kosten / kalkulierte Kosten
entweder für das Produkt oder für die Einheit im gesamten
Zeitraum, also
Kp Produkt = angefallene Kosten / kalkulierte Kosten für
ein Produkt
Kp Bereich = angefallene Kosten / kalkulierte Kosten
aller im Zeitraum durchgeführten Verrichtungen im Bereich
3 Unbewertete Kennzahlen
Zur Verbesserung der Produktivität kann man grundsätzlich die
kostenabhängigen Kennzahlen auf originäre Größen zurückführen, also zum Beispiel auf
Fertigungsstunden oder Materialverbrauch in physikalischen Größen wie kg oder m².
Der Vorteil dieser Methode ist, daß man direkt die Ursachen
erkennt, nachteilig ist aber das bei unterschiedlichen spezifischen Kosten, z. B. höhere
Maschinenkosten für eine leistungsfähigere Maschine, nicht die optimalen Kosten erkannt
werden.
Wichtige Einheit, bestimmend ist für die Produktivität, ist die
Zeit bzw. deren Verbrauch. Neben dem Zeitverbrauch an den direkten Bearbeitungsvorgängen
wird Zeit besonders durch Wartezeiten verbraucht, die durch Stillstände, Rüstzeiten
u.ä. entstehen. Zur Reduzierung des Zeitverbrauches oder zum Vergleich mit ähnlichen
Bedingungen, werden also Kennzahlen gebildet, die die verbrauchte Zeit in Relation zur
- kalkulierten Zeit
- zum Wert der erzeugten Güter (entweder zu Verkaufspreisen oder zu
Verrechnungspreisen)
- zu anderen Zeiten
- zur verarbeiten Menge o.ä.
setzt, zum Beispiel Zeit pro Rüstvorgang und Ausfallzeit zur
gesamten Schichtzeit.
Weiterhin kann man durch Senkung der Zahl bestimmter Vorgänge (z.B.
Rüstvorgänge) Rationalisierungserfolge erzielen. Ausfallzeiten werden durch besondere
Ereignisse erzeugt, zum Beispiel Werkzeugbruch, Materialmangel (durch verspätete
Anlieferung erforderlicher Teile). Die Analyse der Ausfallgründe und der
Stillstandszeiten gehört darum schon seit langen zu Repertoire der Betriebsanalyse. |