Der
Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
Der Begriff "Produktion" wird in der Praxis und in der
Literatur verschieden verwendet. Nach ihrem Begriffsumfang lassen sich drei Bedeutungen
unterscheiden:
- Produktion als beliebige Kombination von Produktionsfaktoren. Sie
umfasst somit alle betrieblichen Funktionen.
- Produktion als betriebliche Leistungserstellung.
- Produktion als Synonym für Fertigung.
Generell hat sich die zweite Bedeutung des Begriffs durchgesetzt.
Entsprechend dem betrieblichen Wertefluß sind darin unter anderem die Auftragsabwicklung,
Forschung und Entwicklung, Beschaffung und Absatz enthalten.
Das Folgende bezieht sich im wesentlichen auf die industrielle
Produktion. Zum einen handelt es sich bei der industriellen Produktion um eine
Sachgüterproduktion, die auf ingenieur- und betriebswissenschaftlichen Planungen beruht.
Zum anderen geht die Produktion mit einer Konzentration der Produktionsfaktoren bzw.
Ressourcen einher.
Die Fähigkeit zur Dienstleistung hingegen wird für
Industrieunternehmen wegen der informations- und produktionstechnischen Entwicklungen der
letzten Jahre sowie wegen des steigenden Anteils interner und externer Dienstleistungen am
betrieblichen Leistungsprozeß immer wichtiger. Im industriellen Anlagenbau entfallen in
vielen Fallen mehr als 50% der Herstellkosten auf interne und externe Dienstleistungen wie
Konstruktion, Entwicklung, Installation, Überwachung und Instandhaltung. So lassen sich
die meisten Produktions-unternehmen als integrierte Produktions- und
Dienstleistungsunternehmen auffassen.
Aufgrund divergierender Auffassungen über den Inhalt der Produktion
und die damit zusammenhängenden Führungsaufgaben existieren eine Vielzahl
unterschiedlicher Definitionen des Begriffs "Produktionsmanagement". So wird
vielerorts unter Produktionsmanagement lediglich die Produktionsplanung und -steuerung
(PPS) verstanden. Ohne auf die verschiedenen Definitionen des Produktionsmanagement und
ihrer Abgrenzung zur Produktionswirtschaft, zur Produktionstheorie oder zur
Produktionslehre im einzelnen einzugehen, wird hier ein wesentlich weiter gefaßter
Begriff zugrunde gelegt.

Moderne Produktionsunternehmen sind komplexe, nur noch schwer
überschaubare Wirkungsgefüge. Insbesondere bei großen Unternehmen mit einem breiten und
tiefen Erzeugnisspektrum, unterschiedlichen Produktionstypen und verteilten Standorten
erfordert die hohe Anzahl unterschiedlicher Betrachtungsobjekte und deren Beziehungen
einen systemorientierten Gestaltungsansatz. Der Vorteil eines Systemansatzes besteht
darin, daß durch die Definition von Subsystemen und Systemelementen die Komplexität des
Gesamtsystems Unternehmen reduziert wird, ohne daß das Beziehungsgeflecht zwischen den
einzelnen Systemelementen vernachlässigt wird. Basierend auf diesem Systemansatz gehören
somit zu den Funktionen des Produktionsmanagements die Lenkung, Gestaltung und Entwicklung
von Produktionsunternehmen, wobei neuere Sichtweisen insbesondere die Systemgestaltung und
-entwicklung als Managementfunktionen.
Die steigenden Anforderungen im besonderen an das Management
produzierender Unternehmen erfordern einen ganzheitlichen Management-Ansatz. Das St.
Galler Management-Konzept, das auf dem dargestellten Systemansatz von Ulrich beruht,
unterscheidet zwischen den drei Ebenen des normativen, strategischen und operativen
Managements. Während normatives und strategisches Management im wesentlichen Gestaltungs-
und Entwicklungsfunktionen haben, kommt dem operativen Management schwerpunktmäßig die
Lenkungsfunktion zu. Die drei Managementebenen werden in vertikaler Betrachtungsweise
unter Aktivitäts-, Struktur- und Verhaltensaspekten gegliedert, so daß sich der
Bezugsrahmen des St. Galler Management-Konzepts in neun Betrachtungsfelder gliedert.

Die systemtheoretische Ausrichtung des St. Gal1er
Management-Konzepts erlaubt die rekursive Übertragung des generellen Management-Ansatzes
auf einzelne Subsysteme, wie z.B. Unternehmenstypen, -bereiche oder -funktionen und damit
auch auf Produktionsunternehmen und Teile davon. Das normative Management eines
Produktionsunternehmens unterscheidet sich nicht wesentlich von dem anderer Unternehmen.
Es werden die generellen Unternehmensziele, Prinzipien, Normen sowie die
Unternehmenskultur festgelegt, die die Lebens- und Entwicklungsfähigkeit des Unternehmens
sicherstellen sollen. Das übergeordnete Unternehmensziel eines produzierenden Betriebes
ist typischerweise die Existenzsicherung. Generelle Ziele können sein:
- Ausgewogene Erfüllung der Bedürfnisse der verschiedenen
Anspruchsgruppen (Partner z.B. Kunden, Lieferanten, Anteilseigner und Mitarbeiter),
- Gewinnung oder Festigung einer bedeutenden Position in
- einer Branche,
- einer Technologie (z.B. Lasertechnologie) oder
- bezüglich eines Werkstoffes (z.B. Spezialglas),
- Konzentration auf die Prozesse größter Wertschöpfung unabhängig
von den traditionellen Stärken des Unternehmens bzw. der Branche zwecks Erhaltung der
Unternehmensstandorte und der Unternehmensgröße.
Auf der Ebene des strategischen Produktionsmanagements, dessen
Hauptaufgabe der Aufbau, die Nutzung und die Pflege von strategischen Erfolgspotentialen
ist, wird die Unternehmensmission in Programme zur Gestaltung von Leistungssystemen und
Geschäftsprozessen umgesetzt. Die Umsetzung der Programme wird unterstützt durch
geeignete Organisationsstrukturen (Aufbauorganisation, Projektkonstitutionen, usw.) sowie
durch Produktionsmanagementsysteme (PPS, Controllingsysteme, usw.). Durch die Förderung
des Zeit-, Qualitäts- und Kostenbewußtseins sind gleichzeitig die verhaltensseitigen
Voraussetzungen für die erfolgreiche Umsetzung der Programme zu schaffen. Dem operativen
Management kommt die Aufgabe zu, die Vorgaben des strategischen Managements, z.B. durch
Planung und Steuerung von Entwicklungs- oder Produktionsaufträgen, umzusetzen.
Auch die Aufgaben des Gestaltens und Lenkens lassen sich den drei
Managementebenen zuordnen. Die Gestaltungsfunktion wird vom normativen und strategischen
Management durch Aufbau, Pflege und Ausbeutung von Erfolgspotentialen geleistet.
Erfolgspotentiale sind produkt- und marktspezifische Voraussetzungen
für die Realisierung von Wettbewerbsvorteilen, Sie sind Erfahrungen mit Technologien
(z.B. Motorenbau oder Chipfertigung), mit Märkten (z.B. Entwicklung neuer Märkte oder
Aufbau leistungsfähiger Vertriebsorganisationen) oder mit sozialen Prozessen (z.B.
Kooperationsfähigkeit).
Die Lenkungsfunktion ist Aufgabe des operativen
Produktionsmanagements, d.h., die normativen und strategischen Vorgaben werden in
Operationen umgesetzt.
Das operative Produktionsmanagement umfasst den Vollzug der
leistungs-, finanz- und informationswirtschaftlichen Prozesse eines produzierenden
Unternehmens. Dazu gehören hauptsächlich die Aktivitäten zur Planung und Steuerung der
Geschäftsprozesse. Hinzu kommt die Förderung der Effektivität des Mitarbeiterverhaltens
im sozialen Bezug. Diese drückt sich vor allem in der Kooperation und in der
Kommunikation von sozial relevanten lnhalten aus.
Die Instrumente (Methoden und Hilfsmittel) der Planung und Steuerung
eines produzierenen Unternehmens determinieren maßgeblich die Struktur des operativen
Produktionsmanagements. Wegen der großen Bedeutung dieser Instrumente für die
Effektivität und Effizienz eines produzierenden Unternehmens ist diesem Aspekt im
folgenden breiter Raum gewidmet.
Das strategische Produktionsmanagement umfaßt produkt- und
prozesszentrierte Aktivitäten. Die produktseitigen Aktivitäten bestehen aus der
Produktprogramm- und Beschaffungs-gestaltung sowie der Gestaltung von Leistungssystemen.
Die prozessseitigen Aktivitäten bestehen aus der Gestaltung der Geschäftsprozesse und
der Produktionsprogrammgestaltung. Diese sind von den Aktivitäten des operativen
Produktionsmanagement zu unterscheiden, wie z.B. das Planen und Steuern der
Geschäftsprozesse oder die Produktplanung und -entwicklung. Trotz der hier getroffenen
Aufteilung in die Aktivitäten des strategischen und des operativen
Produktionsmanagements, ist von Interdependenzen zwischen den Managementebenen auszugehen.

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