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Handbuch Produktion
Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

Prozesse der Wertschöpfungskette
Ein Beitrag von Rainer Kämpf

Thema des Monats November 2004
Stand: 27.10.2008

I) Produktentstehungs- und Entwicklungsprozess

Der Produktentstehungs- und Entwicklungsprozess bildet den Ausgangspunkt im Produktlebenszyklus. Wesentliches Ergebnis ist die Fertigstellung der Produktspezifikation und die Erstellung funktionsfähiger Produktprototypen durch die Mitarbeiter, u.a. der Entwicklung, Konstruktion, Planung, des Versuchs und des Prototypenbaus. Aus der Betrachtung der logistischen Kette findet der Anstoß zur Produktentwicklung über die Kundenanforderungen (Konzeptspezifikation) in der Produktplanung statt.

In Abstimmung mit den Kunden werden Ideen- und Konzepte konkretisiert, markt- und kundenspezifisch durchdacht und auf Realisierung geprüft. Vielfach notwendig ist die systematische Ermittlung der Kundenwünsche, auf denen das Lastenheft aufbaut, d.h. die Liste der Anforderungen an Produktfunktionen und -merkmale.

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Abb.1: Produktentstehungs- und Entwicklungsprozess (vgl. Thaler)

Die Produktplanung hat in einer frühen Phase die Aufgabe, die vom Kunden geforderten Produkt- und Qualitätsmerkmale festzulegen. Hierfür sorgt ein Abgleich zwischen Markterfordernissen und technischer sowie wirtschaftlicher Machbarkeit

Die Produktentwicklung umfasst vor allem die Aufgaben der Definition und Realisierung technischer Produktspezifikationen, insbesondere Konzept- und Ideenentwicklung, Vorentwicklung, Grobentwurf, Detailentwicklung und Konstruktion, Versuchsplanung, bis hin zum Produktionsbeginn. An Bedeutung gewonnen hat die recycling- und demontagegerechte Konstruktion.

Lieferantenseitig werden im Prozess externe und interne Dienstleister eingebunden, um Leistungen bzw. Produkte und Know-how bezüglich Komponenten, Material, Verarbeitungsverfahren, Werkzeugen oder Anlagen in die möglichen Lösungskonzepte einzubringen. Interne Dienstleister sind beispielsweise Arbeitsvorbereitung, Versuch, Logistik, Einkauf oder Fertigung.

Die technische Machbarkeitsprüfung engt über die Versuchplanung, die Versuchsdurchführung und den Prototypenbau die Zahl der technisch realisierbaren Lösungskonzepte ein. Andererseits ist eine wirtschaftliche Betrachtung der Lösungsalternativen über die Produktkalkulation notwendig.

Strategische Aufgaben liegen in der Entwicklung neuer, innovativer Produkte, die für viele Unternehmen mit einer Intensivierung der Forschung und Entwicklung verbunden ist.

Als Querschnittsaufgabe in der logistischen Kette müssen im Produktentstehungs- und Entwicklungsprozess Aufgaben der Qualitätssicherung und des Änderungsmanagements wahrgenommen werden. Als Grundlage hierfür dienen Verfahrens- und Arbeitsanweisungen für die speziellen Abläufe, die üblicherweise in einem unternehmensspezifisch erstellten Qualitätssicherungshandbuch dokumentiert werden.

Das Änderungsmanagement deckt die unterschiedlichen Änderungsaufgaben im Rahmen der Produkteinführung bis zum Produktauslauf ab. Laufende Teile und Komponentenänderungen sowie Verfahrens- und Werkzeugänderungen müssen beherrscht werden.

II) Auftragsgewinnungsprozess

Im Auftragsgewinnungsprozess werden die für das Unternehmen relevanten Kundenaktivitäten durchgeführt. Wesentliches Ergebnis sind realisierte, d.h. verbindliche Bestellungen, die sich als Auftragseingänge im Auftragsbestand niederschlagen. Der Anstoß im Auftragsgewinnungsprozess findet vor allem über Anfragen des Kunden statt, zudem gehen direkte Bestellungen ein.

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Abb.2: Auftragsgewinnungsprozess (vgl. Thaler)

Über die Anfragebearbeitung werden Kundenanfragen entgegengenommen. Eine zügige und kompetente Anfragebearbeitung und die Trennung in Routine- und Sonderanfragen für unterschiedliche Fragestellungen, Produktbereiche oder Kundengruppen ist in der Regel sinnvoll.

Die Auftragsabklärung klärt ggf. technische Fragen, voraussichtliche Liefertermine, verfügbare Mengen oder Materialreservierungen. Hierzu erfolgt auch die Abstimmung in weiteren internen und externen Prozessen, insbesondere mit der Produktionsprogrammplanung, aber beispielsweise auch mit der Konstruktion, der Entwicklung und den Lieferanten.

Die Produktionsplanung ist als Dienstleister in den Prozess eingebunden und liefert Angaben darüber, welche der angefragten Artikel oder Produkte aktuell verfügbar sind und mit welchen voraussichtlichen Lieferterminen zu rechnen ist. Eingehende Anfragen werden i.d.R. hinsichtlich der verfügbaren Lagerbestände, der belegten sowie der freien Produktionskapazitäten beurteilt. Um den Kunden Aussagen liefern zu können, wird die Angebotserstellung und Lieferzeitabschätzung vielfach rechnerunterstützt durchgeführt. Bei Bestellung werden die Aufträge dann eingeplant

Die Beschaffung ist üblicherweise als Dienstleister über die Anfragebearbeitung und die Auftragsabklärung in den Prozess eingebunden. Neben dem benötigten Anteil an Fremdmaterial werden u.a. auftragsspezifische Zubehörteile oder Sonderzubehör beschafft.

Die Angebotskalkulation setzt den Angebotspreis fest. Damit ist die Voraussetzung zur Angebotsabgabe erfüllt, wenn Mengen, Termine, Material, Vormaterial oder Zubehör feststehen. Die Angebotskalkulation setzt u.a. voraus, dass aktuelle Stammdaten der Stücklisten und Materialpositionen vorliegen. Bestellungen des Kunden gehen schließlich über die Auftragsannahme ein und ggf. vorreservierte Produktionskapazitäten werden danach in das laufende Produktionsprogramm eingeplant. Die Auftragsbestätigung schließt den Kommunikationskreis zum Kunden und dokumentiert verbindlich die zugesicherten Leistungen des Angebots, wie Artikel, Preise, Liefertermin sowie Konditionen. Nach erfolgter Lieferung kann hieraus die Rechnungsstellung veranlasst werden.

III) Produktionsplanungsprozess

Der Produktionsplanungsprozess umfasst die produktionslogistischen Planungsaufgaben vor dem eigentlichen Produktionsbeginn. Dies sind Produktionsprogrammplanung, Mengenplanung, Kapazitäts- und Terminplanung sowie die Produktionsvorbereitung.

Wesentliches Ergebnis sind eingeplante Bestellungen und Aufträge sowie die bestätigten Angaben zu Liefertermin und Liefermenge. Der Anstoß im Produktionsplanungsprozess findet über eingegangene Bestellungen statt, die aus dem Auftragsgewinnungsprozess resultieren. Diese müssen i.d.R. mit dem laufenden Produktionsprogramm abgeglichen werden.

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Abb. 3: Produktionsplanungsprozess (vgl. Thaler)

Die Produktionsprogrammplanung erhält Anfragen und liefert Aussagen, welche der angefragten Artikel aktuell verfügbar sind und mit welchen voraussichtlichen Lieferterminen zu rechnen ist. Bei Bestellungen wird über die Schnittstelle zur Produktion (interner Dienstleister) die aktuelle Kapazitätssituation überprüft.

Die Mengenplanung ermittelt über das Produktionsprogramm günstige Fertigungslosgrößen und Beschaffungsmengen, um durch Bündelung der eingegangenen Bedarfe wirtschaftlich produzieren zu können.

Über die Kapazitäts- und Terminplanung wird ein Abgleich von Kapazitätsbedarf und Kapazitätsangebot vorgenommen sowie die Terminrechnung durchgeführt.

Die Produktionsvorbereitung umfasst die Planung aller notwendigen Betriebsmittel und Arbeitsunterlagen bis zur Fertigungsfreigabe.

Die Beschaffung erhält aus der Bedarfsermittlung den Anteil an Fremdteilen, der extern beschafft wird. Neben dem normalen Anteil an Fremdteilen, die beim Lieferanten bestellt werden, müssen häufig auch auftragsspezifische Zubehörteile oder Sonderzubehör beschafft werden. Auch hier sind Liefertermine und Liefermengen anzufragen und abzuklären.

Im Produktionsplanungsprozess werden darüber hinaus die Querschnittaufgaben Qualitätssicherung, Anlaufvorbereitung und Änderungsmanagement durchgeführt.

IV) Beschaffungsprozess

Der Beschaffungsprozess begleitet und erfüllt alle beschaffungslogistischen Aufgaben bis zur Warenannahme und Rechnungsprüfung und umfasst die Bedarfsermittlung, Lieferantenauswahl, Bestandsplanung und -führung sowie die Bestellabwicklung.

Wesentliches Ziel ist die Sicherstellung der mengen- und zeitgerechten Versorgung des Unternehmens mit Beschaffungsgütern. Hierzu wird als eine wesentliche Eingangsgröße der Materialbedarf ermittelt.

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Abb. 4: Beschaffungsprozess (vgl. Thaler)

Über die Bedarfsermittlung werden die benötigten Teile, Komponenten, Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe festgelegt, die fremdbeschafft werden müssen. Dazu erfolgt ein Abgleich mit dem Materialbestand. Im Ergebnis wird der benötigte Bedarf über die Bestellabwicklung beim Lieferanten geordert.

Die Bestandsplanung und -führung stellt den laufenden Abgleich eingehender Bedarfe mit dem aktuell verfügbaren Materialbestand sicher. Hiermit ist eine Disposition und Planung der Versorgung an Beschaffungsgütern verbunden. Weitere Aufgaben sind die Bestandsverfolgung, beispielsweise für kritische Teile, die Wiederbeschaffung für den laufenden Bedarf sowie die Bestandsoptimierung.

Die Bestellabwicklung deckt die operativen Aufgaben des Beschaffungsprozesses ab, wie Einholen von Angeboten, Angebotsvergleich, Angebotsauswertung, Auslösung des Eingangstransportes, Wareneingangserfassung sowie Rechnungsprüfung.

Die Lieferantenauswahl ist im Zusammenhang mit der strategischen Beschaffung zu sehen. Da in den meisten Unternehmen laufend nach günstigen und innovativen Lieferanten gesucht wird, nimmt die Suche nach neuen Beschaffungsquellen oft einen hohen Stellenwert ein. Hierzu ist es vor allem wichtig, Lieferanten systematisch auszuwählen und zu -bewerten sowie hierzu spezifische Bewertungskriterien aufzustellen. Neben der Lieferantenauswahl und -bewertung sind weitere strategische Aufgaben das Festlegen von Zielpreisen und Konditionen, von Rahmenvereinbarungen sowie von Vergabestrategien u.v.m.

Die Qualitätssicherung stellt im Beschaffungsprozess eine Querschnittsaufgabe dar. Neben den Qualitätsprüfungen im Wareneingang gewinnt die Zertifizierung bzw. Auditierung des Materiallieferanten an Bedeutung. Das Änderungsmanagement stellt im Beschaffungsprozess die durchgängige Änderung von Bedarfsmengen, Terminen oder von Änderungen des Produktes sicher, wie beispielsweise bei Materialsubstitution.

V) Produktionsprozess

Der Produktionsprozess bildet im direkten Bereich, d.h. in Fertigung und Montage, den Schwerpunkt der betrieblichen Leistungserstellung zur Güterherstellung.

Aufgabe der Produktionsmitarbeiter, beispielsweise von Montage- und Fertigungsteams, ist die Herstellung und Überwachung der zu produzierenden Produkte. Dazu verantworten die Produktionsmitarbeiter bzw. -teams i.d.R. alle laufenden Aufgaben zur kurzfristigen Fertigungssteuerung, Durchführung und Fertigstellung der Aufträge.

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Abb. 5: Produktionsprozess (vgl. Thaler)

Die Produktionssteuerung überwacht mit Hilfe der Auftragsfortschrittskontrolle, d.h. Rückmeldung beendeter Aufträge den laufenden Stand der Produktion. Zur Auftragsterminüberwachung erfolgen üblicherweise Rückmeldungen des Bearbeitungsstandes über die Betriebsdatenerfassung. Werden Aufträge durch unvorhergesehene Ereignisse früher bzw. später fertiggestellt, wird die Maschinenbelegung im Rahmen der kurzfristigen Termin- und Kapazitätssteuerung optimiert.

Aus Gründen der Auslastung wird die kurzfristige Belegung meist direkt auf Maschinen- und Anlagenebene durchgeführt. Sie sorgt beispielsweise bei Eil- und Sonderaufträgen für die notwendige Fertigungsflexibilität.

Werden neue Aufträge eingeplant, so wird bei Auftragsfreigabe in der Regel geprüft, ob das benötigte Material vorhanden und die Betriebsmittel verfügbar sind. Aufgabe der Materialbereitstellung ist es, die Versorgung der laufenden Produktion mit Hilfe produktionsnaher Lager- und Pufferbestände zu sichern.

Zur Produktionsdurchführung gehört die Instandhaltung, das Einrichten, Rüsten und die Störungsbehebung. Durch vorbeugende Instandhaltung wird versucht, Störungen sowie Stillstands- und Liegezeiten zu minimieren. Zur Erhöhung der Fertigungsflexibilität und Prozesssicherheit werden Aufgaben wie die maschinennahe Materialversorgung und -bereitstellung, Ersatzteildisposition oder Störungsmanagement in Produktionscenter übertragen.

Nach der Auftragsfertigstellung gelangen Waren üblicherweise über die Warenausgangskontrolle und Verpackung in den Versand. Dort schließt sich der Distributionsprozess mit der Lieferung zum Kunden an.

Im Produktionsprozess werden die Querschnittaufgaben Qualitätssicherung sowie Änderungsmanagement durchgeführt, hauptsächlich bezogen auf Mengen und Termine.

VI) Distributions- und Entsorgungsprozess

Der Distributions- und Entsorgungsprozess stellt im Produktlebenszyklus die Marktabdeckung mit produzierten Waren und Gütern sowie deren Rücknahme und stoffliche Wiederverwertung sicher. Hauptziel im Distributionsprozess ist die anforderungsgerechte Marktabdeckung, die unter Zeit-, Raum- und Mengengesichtspunkten durchgeführt wird. Als wichtiges Ziel der Distribution ist üblicherweise eine hohe Lieferzuverlässigkeit zu erreichen.

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Abb. 6: Distributions- und Entsorgungsprozess (vgl. Thaler)

Neben der "kundenseitigen" Distribution wird auch teilweise die unternehmensinterne Materialbereitstellung mit dem Begriff Materialdistribution bezeichnet.

Im Entsorgungsprozess steht die Abfallvermeidung und -wiederverwertung im Vordergrund. Hierzu gehört u.a. das Sammeln, Selektieren, Erfassen und Verwerten von Rückständen. Die Rücknahme und stoffliche Wiederverwertung von Produkten gewinnt dabei an Bedeutung.

Produzierte Waren gelangen über den Produktionsprozess von der Warenverteilung – mit Hilfe der Transportlogistik und ggfs. mit Zwischenlagerung – über die Warenlieferung zum Besteller (Abnehmer). Die Warenverteilung und Lagerung ist zur Entkoppelung von Zeit, Raum und Warenmenge notwendig. Zur Warenlieferung wird eine spezifische Lagerhaltungs- und Transportstrategie erstellt.

Als strategische Aufgabe im Distributions- und Entsorgungsprozess wird die umweltgerechte Ver- und Entsorgung angesehen. Querschnittsaufgaben sind wie in anderen Prozessen das Beherrschen von Änderungen, hier insbesondere von Störungen sowie die durchgängige Qualitätssicherung.