Six Sigma: Eine Methode aus dem Qualitätsmanagement zum Vorteil
für alle
Ein Beitrag von Helmuth Gienke und Wolfgang Dreher
Six Sigma (Sechs Sigma, 6 Sigma, 6 s) gewinnt in den USA und auch in
Deutschland immer mehr Aufmerksamkeit. Die Erfolge von Motorola seit 1985 und von General
Electric in den 90er Jahren führten zuerst in den USA und dann in Europa zu einer
Verbreitung dieser Methode.
In einer Befragung von Rigby und Bilodeau in 2005 wurden ca. 1000
Unternehmen weltweit zu Six Sigma befragt. Die Ergebnisse zeigen, 49% der größeren
Unternehmen verwenden bereits schon Six Sigma.
Die positive Resonanz lässt sich zum Teil durch die sehr guten
Ergebnisse bekannter und großer Unternehmen erklären, zum Teil beruht sie jedoch auf der
gelungenen Verknüpfung bekannter Methoden wie z.B. klassische Methoden des
Qualitätsmanagements, Reengineering und Business-Transformation. Die Botschaft, mit
vielen und überschaubaren Verbesserungsprojekten einen Durchbruch bei der Qualität- und
Kostensituation zu erzielen, ist allzu verlockend. Entsprechend hat sich eine Nachfrage
nach dieser Methode boomartig entwickelt.
Der gute Ruf von Six Sigma hat eine breite und solide Basis.
Auch bei kleineren Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern
zeigte eine britische Studie von Antony, Kumar und Madu schon eine voranschreitende
Verbreitung von Six Sigma. Demnach hatten bereits 27% der befragten mittleren Unternehmen
mit Six Sigma zu tun. Dies resultiert auch zum Teil aus dem Druck der Großindustrie auf
diese Unternehmen:
Es sollen die Preise reduziert, die Lieferqualität und
zuverlässlichkeit erhöht werden.
Einige große Unternehmen legen ihren Lieferanten sogar nahe, Six
Sigma einzuführen (Schmieder,FH Köln, QZ 5/2006.
Die amerikanische Gesellschaft für Qualität (ASQ) untersucht
regelmäßig, welche Methoden bei kleineren und größeren Unternehmen sich bewähren
(z.B. FMEA, Processmapping / Wertstromanalyse, Ishikawa,
..) und fasst diese in dem
Six Sigma-Methoden-Katalog zusammen. ). Somit bietet Six Sigma auch für kleinere
Unternehmen zweckmäßige Methoden zur Prozessverbesserung und Fehlerreduzierung an
Grundprinzipien
Die Grundphilosophie von Six Sigma drückt sich in wenigen, aber
immer wieder zitierten Erfolgsfaktoren von Six Sigma Programmen aus:
- Six Sigma ist ein vom Management Top Down getriebene
Aktivitätenfolge mit einer Vielzahl von Projekten zur Verbesserung der Prozessqualität,
die gute Produktqualität und Unternehmenserfolge hervorbringen
- Six Sigma verlangt nach professionellen Problemlösern, die die
leistungsfähigen Instrumente und Methoden beherrschen (Black Belt / Green Belt)
- Six Sigma unterliegt einer stringenten Erfolgskontrolle in allen
Phasen eines Projektes durch den Auftraggeber und dem Programmleiter (Master Black Belt)
- Six Sigma arbeitet mit präzisen und belegbaren Zahlen, Daten und
Fakten
- Das Management beauftragt Experten (Black Belts / Green Belts) mit
Six Sigma schwierige Probleme zu lösen
- Verantwortlich für den Projekterfolg ist das Management
(Champion)
Die Verpflichtung zu einem vom Management getrieben Programm zur
Verbesserung der Prozessqualität unterstützt die Forderungen einer ISO9000 /TS16949, die
eine regelmäßige Überprüfung der Prozesse und der Prozessqualität vorsieht.
Aber diese Six Sigma-Methoden sind offensichtlich nur mit speziell
trainierten und hochqualifizierten Experten und Mitarbeitern einsetzbar. Woher kommen nun
diese Experten, die Titel wie Greenbelt und Blackbelt tragen?
Six Sigma Institute bieten entsprechende
Qualifizierungsmaßnahmen an. Die Qualifizierungsmaßnahmen sind sehr kostspielig, aber
bei den angekündigten Erlösen stellen sie für viele Unternehmen eine gute Investition
dar.
Somit bildet man mehr und mehr Six Sigma Experten aus. Diese
Experten und deren Ausbildung rechnen sich aber nur dann, wenn entsprechende Themen bzw.
Aufträge gefunden werden, bei denen sich nicht nur die Ausbildung sondern auch die
Projektarbeit lohnt. Ein typisches Six Sigma-Projekt dauert ca 3 Monate ( und z.T. auch
wesentlich länger) und bindet nicht nur den Six Sigma-Experten sondern auch Kollegen, die
aus dem zu optimierenden Bereich kommen.
Solche lohnenden Aufträge werden sicherlich in den
Produktionsbereichen und dort vor allem in der Teilefertigung gefunden. Nach Schätzung
der Six Sigma-Experten arbeiten die meisten Unternehmen mit Prozessen, die ca 20-25% mehr
Kosten verursachen als die Prozesse, die eine Six Sigma Optimierung erfahren haben.
Die Praxis beweist:
Die Einsparpotentiale durch Six Sigma sind oft höher als auf den
ersten Blick erkennbar.
Laut Rehbehn/ Yurdakul ( Mit Six Sigma zu Business Excellence) sind
diese Kosten in unseren Buchhaltungs- und Finanzsystemen nur zu einem Drittel sichtbar.
Eine Six Sigma Optimierung bedeutet, dass die Prozesse weniger als 4 Fehler bei einer
Million Fehler-Möglichkeiten aufweisen und die Fehlleistungskosten weniger als 1% des
Umsatzes ausmachen.
Diese Erfolge in der Produktion haben auch für die
Dienstleistungsbereiche Signalwirkung. In einer Fachzeitschrift für Finanzexperten (
FIN.KOM-Magazin für Finacial Innovation) wurde in 2005 ein Artikel mit der Überschrift
" Six Sigma auf dem Siegeszug- Ein Konzept erobert die Finanzwelt"
veröffentlicht. Moormann, Professor für Bankbetriebslehre an der Hochschule für
Bankwirtschaft (hfb) behauptet, Finanzdienstleister, die international eine Rolle spielen
wollen, kommen an Six Sigma nicht vorbei. Finanzdienstleister haben keine andere Wahl, als
die industriellen Konzepte zur Produktivitätssteigerung anzuwenden.
Die Vielzahl der Praxisbeispiele belegt:
Six Sigma Projekte lohnen sich in Produktions- und
Dienstleistungsbereichen
Wenn in Produktionsbereichen und in Finanzbereichen Six Sigma
Anwendung findet, so ist offensichtlich, dass einer flächendeckenden Anwendung von Six
Sigma in allen Unternehmensbereichen nichts im Wege steht.
Six Sigma ist mehr als die Summe vieler Methoden:
In der Six Sigma-Welt ist der Regelkreis feiner gegliedert als
sonst in der QM üblich. Der Regelkreis heißt auch DMAIC-Regelkreis. Hierbei bedeutet
D= Define,
M= Measure,
A=Analyse,
I=Implement und
C= Controll.
Der DMAIC-Regelkreis ist somit stärker auf den
Problemlösungsprozess fokusiert als der sonst in der QM übliche PDCA, der eher die
operative Überwachung und Kontrolle eines Prozesses beschreibt. Beide Betrachtungsweisen
können alternativ Anwendung finden. In einem Six Sigma-Projekt wird jedoch der
DMAIC-Ansatz unterstellt.
Der DMAIC-Ansatz spiegelt auch den besonderen Augenmerk auf die
sorgfältige Vorbereitung von Problemlösungen und die nachhaltige Abstellung von
Problemen wieder. Konkret bedeutet dies, dass die Phasen Define, Measure und Analyse sich
sehr stark mit Zahlen, Daten und Fakten beschäftigen. In diesen Phasen wird das
Datenmaterial eingehend untersucht und bewertet. Hierzu sind die statistischen Methoden
von großer Hilfe. Six Sigma legt großen Wert auf zuverlässiges und belastbares
Datenmaterial. Die Statistik ist das Instrumentatrium, mit dem man die
Qualität von Daten und Aussagen gut überprüfen kann.
Nachdem der Umgang mit Statistik gelernt worden ist, erkennen die
Black Belts auch ganz schnell wie häufig so genannte harte Zahlen, Daten und Fakten in
Wirklichkeit eher Schätzungen und Meinungen darstellen.
Six Sigma Projekte sind dann erst wirklich abgeschlossen, wenn
nicht nur der Prozess verbessert ist, sondern erst dann, wenn ein Controlling
implementiert ist, das erkennt, wann der Prozess eine erneute Korrektur braucht oder
beginnt instabil zu werden. Deshalb hat die letzte Phase des Controll eine besondere
Bedeutung. Es werden hier also Themen diskutiert, die zu einer laufenden
Projektüberwachung der Prozesse führen.
Methodik
Die Methodik von Six Sigma beinhaltet viele der bekanntesten
Methoden zur Problemlösung. Dennoch unterscheidet sich ein Six Sigma Projekt dadurch,
dass es nicht immer nur eine der bekannten Methoden anwendet, sondern durch seine
stringente Vorgehensweise immer mehrere der bekannten Methoden benutzt.
Das bedeutet, dass sich viele im Qualitätsmanagement bekannten
Methoden in Six Sigma Projekte wieder finden. Durch ihre Kombination erhalten sie aber in
Summe mehr Bedeutung und Nutzwirkung.
Wenn nun die Kombination der Methoden eine Leistungssteigerung
bedeutet, liegt der Schluss nahe, alle Probleme mit dieser effektiveren Methode anzugehen.
Die Kombination von Methoden hat allerdings den Nachteil, dass die diese Vorgehensweise
auch einen höheren Kapazitätsbedarf. Die Methodenkombination wird dann auch nur noch von
einer beschränkten Anzahl von Six Sigma-Experten beherrscht, so dass spätestens hier
sich die Frage stellt, welche Themen aus der Vielzahl der offenen Probleme priorisiert und
für Six Sigma ausgewählt werden.
Als Faustformel gilt:
Umfangreiche Six Sigma Projeke sollen ein
Einsparungspotenzial von mindestens
100000.- haben.
Beispiele für Six Sigma-Methoden
Klarheit über den zu optimierenden Prozess ist unbedingt
notwendig. Deshalb wird zuerst eine detaillierte Prozessdarstellung gemacht (Prozessmapping).
Ziel dieser Aktivitäten ist es, Klarheit zu erhalten, wie der wirkliche Prozess aussieht.
Dabei ist es unwesentlich, wie der Soll-Prozess aussieht oder wie er sein sollte. Einzig
und allein zählt, was die aktuelle Ist-Analyse des Projektteams feststellt.
Als Dokumentationsmittel dienen Flussdiagramme mit eindeutigen
Symbolen zur graphischen Darstellung der Prozessaktivitäten, den Eingangs- und
Ausgangsgrößen.
Im zweiten Schritt steht die systematische Überprüfung der
Einflussgrößen auf die einzelnen Prozessschritte im Mittelpunkt. Hierbei gilt es, bei
jedem Prozessschritt zu ermitteln, welche Parameter einen Einfluss auf den Prozess haben
und welches die kritischen Parameter sind. Kritische Parameter sind diejenigen, die sich
sehr stark auf den Prozess auswirken. In den sogenannten Critical to- Matrizen
können diese Erkenntnis übersichtlich dargestellt werden.
Im dritten und vierten Schritt werden mögliche Fehler bzw.
fehlerhafte Ergebnisse der einzelnen Prozessschritte aufgezeigt und hinsichtlich der
möglichen Ursachen vertieft analysiert. Hier finden die Ursache-Wirkungs-Diagramme- oder
wie sie auch häufig den Namen Ishikawa-Diagramme erhalten haben-
Anwendung.
Als nächstes werden die ermittelten Fehlerursachen systematisch
bewertet. Diese systematische Bewertung hat zum Ziel, herauszufinden, welche mögliche
Fehlerursachen eine hohe Auftretenswahrscheinlichkeit haben, wie stark die Folge der
Fehler ist und wie leicht Fehler entdeckt und abgefangen werden. Hierzu stellt die Fehler-Möglichkeits-
und Einfluss-Analyse (FMEA) ein leistungsfähiges Instrument dar.
Bei den bis dahin abgelaufenen Aktivitäten stellt das Projektteam
häufig fest, dass kritische Einflussgrößen existieren und in der Vergangenheit aber
wenig Datenmaterial systematisch erfasst wurde. Deshalb legt in dieser Projektphase das
Projektteam fest, welche weiteren Prozessdaten nun zu erfassen und auszuwerten sind.
In dieser Projekt- Phase geht es vor allem darum, die gewonnenen
Erkenntnisse stringent auszuwerten. Die Vielzahl der Informationen muss hinsichtlich ihrer
Belastbarkeit und Bedeutung bzw. Signifikanz für die Prozessqualität untersucht werden.
An dieser Stelle zeigen jetzt die vielen statistischen Methoden ihre Vorteile.. Die
Statistik ersetzt die subjektiven Meinungen bzw. Empfindungen und ist für die
Datenanalyse zwingend notwendig. Beispiele für diese Methoden sind:
Korrelationsanalyse
Regressionsbetrachtungen
Betrachtung der Vertrauensbereiche
Ermittlung der Stichprobengröße
Ausreißertests
Mittelwert- und Streuungstests
Messmittelfähigkeitsanalysen
Multi-Vari-Analyse
Statistische Versuchsplanung (Design of Experiment)
Wenn dann die Problemursachen ermittelt worden sind, können
diese dann beseitigt werden. Sollte diese Eliminierung der Problemverursacher nicht so
einfach sein, dann gibt es weitere Methoden neue Lösungen zu finden. Meistens reicht es
jedoch aus, die Problemursache zu kennen und den Prozess oder das Produkt hier zu
verbessern.
Sehr wichtig ist aber nach erfolgreicher Beseitigung der
Problemursache den neuen Prozess zu überwachen und stabil zu halten. Hier sind nun die
Methoden der statistischen Prozesssteuuerung (SPC) gefragt.
Erfolg durch Six Sigma
Über Six Sigma und eine gewinnbringende Anwendung gibt es noch
viel zu berichten. Trotz manchmal auftretender Schwierigkeiten , die wenn man
ausreichend Erfahrung hat- leicht zu vermeiden sind, wird Six Sigma seinen Siegeszug auch
in Deutschland fortsetzen können und immer mehr Anhänger für diese Methodik und
Philosophie gewinnen. |