Industriebetriebe
haben fast durchgängig klare Zielsetzung, die teilweise mit Kennzahlen, wie Umsatz oder
Mitarbeiterentwicklung quantifiziert ist. Diese Ziele werden mit einer mehr oder minder
intuitiv verfolgten Strategie von der Unternehmensführung angestrebt. Häufig, besonders
im Mittelstand, ist sie nicht artikuliert sondern nur als nonverbale Vorstellung des
Geschäftsführers existent. Aber selbst wenn die Strategie artikuliert, ist sie nur im
kleinen Kreis der Führungskräfte und zentraler Stabsfunktionen bekannt.
Diese Strategie führt nicht zum gewünschten Erfolg, wenn die
umfassende Umsetzung in das Tagesgeschäft ausbleibt. Wenn das Mittel Anweisungen sind,
die von den Mitarbeitern ohne Kenntnis tieferer Zusammenhänge ausgeführt werden, haben
wir den jetzigen, unbefriedigenden Zustand. Die Mitarbeiter sind bestrebt, die ihnen
aufgegebenen Arbeiten möglichst optimal auszuführen, reagieren aber auf Abweichungen vom
Ziel, sei es durch Mißverständnisse oder durch geänderte Bedingungen, nahezu gar nicht,
weil sie diese nicht erkennen. Die optimale und durchgreifende Umsetzung erfordert
zielgerichtetes, strategiekonformes Handeln aller Mitarbeiter. Basis sind eine
entsprechende Produktionsstruktur und Zielfindungs- und Zielverfolgungsmechanismen im
Betrieb. Außerdem müssen sich die Mitarbeiter mit den Elementen der
Unternehmensstrategie vertraut gemacht haben.
Die Teams können eigene Strategien entwickeln, um die für sie
heruntergebrochenen Ziele zu erreichen. Da diese Ziele aber von den Unternehmenszielen
abgeleitet werden und die Mitarbeiter durch Anreizsysteme und Zielverfolgungssysteme
motiviert sind, sich auf die Erfüllung dieser Ziele zu konzentrieren, werden diese
Strategien auch der Unternehmensstrategie entsprechen. Sind sie schlechter geeignet,
werden sie durch eigene Erkenntnisse schnell modifiziert, ist eine Strategie besser
geeignet, wird sie auf gleichem Weg vom Unternehmen adaptiert. Der Wettbewerb unterstützt
also auch hier die Suche nach dem Optimum.
Die Ebene Strategie umfaßt neun Parameter, was ein Indiz für die
Bedeutung dieser Ebene ist.
Zieldefinition:
Wie bereits mehrfach erwähnt, werden Ziele in der modernen Fabrik
vereinbart und sind das wesentliche Element, eine Strategie als Teil der
Unternehmenskultur. Durch die Ableitung von den Unternehmenszielen sind sie einander
selbstähnlich. Die Zielvereinbarungsmethoden dienen dazu, die Ziele akzeptiert und
allgemein bekannt zu machen als Voraussetzung für die Zusammenfassung aller Kräfte zur
optimalen Umsetzung der Strategie des Unternehmens.
Diese Ziele müssen klar definiert werden und quantifizierbar sein, um
ihren Erfüllungsgrad verfolgen und darstellen zu können. Dieses dient im Wesentlichen
dem Anreiz der Mitarbeiter und weniger der Fremdkontrolle durch die Vorgesetzten. Wenn der
Erfüllungsgrad der Ziele nicht verfolgt werden kann, fehlt ein wesentliches Motiv, sich
zu engagieren. Die Ziele müssen realistisch und erreichbar sein, also den vorhandenen
Ressourcen und Rahmenbedingungen, beispielsweise des Marktes, angepasst sein.
Werden die Ziele in diesem Kontext erarbeitet und formuliert, sind sie
zwangsläufig in direkte Aufgabenerfüllung umsetzbar. Die Mitarbeiter sind außerdem
motiviert, sie umzusetzen, denn die Teams sollten ausschließlich an der Erfüllung dieser
Ziele gemessen werden und nicht an tradierten Nebenzielen.
In der Lean Production sind die Ziele nur undeutlich und informal
formuliert. Die Ursache ist die unbewußte Abneigung der Japaner, genaue Vorschriften zu
machen. Diese Abneigung wurzelt im kulturellen Umfeld, auch wenn sie die japanische
Gesellschaft nicht vollkommen durchzieht. Die Ziele werden von der Unternehmensleitung
vorgegeben, wobei sie zur Definition den Konsens mit der nächsten Führungsebene sucht.
Die Absicht des Unternehmens wird den Mitarbeitern durch mündliche und plakative
Kommunikation vermittelt, ohne die erforderliche klare Formulierung. Diese Vermittlung
erfolgt in sehr langsamen Verfahren, die dazu noch iterativ wiederholt werden, wenn die
Absicht nicht entsprechend den Anforderungen akzeptiert wird. Das dieses Verfahren zum
Erfolg führt, liegt im Bestreben, nach allen Seiten einen Konsens zu finden, um die
Harmonie in der Familie zu bewahren.
In der klassischen Gruppenarbeit werden die Ziele von den Vorgesetzten
definiert und der Gruppe vorgegeben. Da aber in der Zwischenzeit allgemein bewußt ist,
daß die Beteiligung der Betroffenen ein gutes Hilfsmittel zur Durchsetzung ist, hat sich
dieses Verhalten gewandelt und die Ziele werden im Normalfall mit den Mitarbeitern
definiert, allerdings unter starker Dominanz der Vorgesetzten.
Marktausrichtung:
Die Ausrichtung der Aktivitäten auf die Anforderungen des Marktes
kann mit dem Zielsystem erreicht werden. Dabei muß im Rahmen der Unternehmensstrategie
der Aspekt der Marktorientierung als Mittel zur Erreichung der Unternehmensziele
herausgearbeitet und müssen entsprechende abgeleitete Ziele definiert werden. Die Ziele
werden mit dem üblichen Zielmechanismus durchgesetzt. Dabei ist interessant, daß die
Marktausrichtung nicht unbedingt ein Ziel der Fabrik sein muß, wenn sie es auch im
Allgemeinen sein wird. Für Forschungsprojekte kann das aber durchaus anders sein.
Die Lean Production ist streng marktorientiert, wobei die Mitarbeiter
gehalten sind, ständig Verbesserungen zu suchen, die die Marktakzeptanz der Produkte
verbessern. Aus der internationalen Ausrichtung des japanischen Marktes mit
unterschiedlichen Gütern resultiert außerdem die Erkenntnis, daß jeder Markt seine
eigenen Eigenschaften hat, an die man sich anpassen muß.
Die klassische Gruppenarbeit kennt keine Marktorientierung. Die
Marktorientierung wirkt sich nur im Nachhinein durch den Absatz der Produkte und die
daraus resultierende Beschäftigungslage aus.
Kundenausrichtung:
Analog zur Marktausrichtung kann im Unternehmen die
Kundenausrichtung durch entsprechende Ziele als Bestandteil der Unternehmensstrategie
durchgesetzt werden. Dieses ist besonders in der auftragsbezogenen Fertigung wichtig, in
der ausschließlich der Einzelkunde angesprochen wird. Aber auch in der Lagerfertigung
spielt dieser Aspekt bei Liefertermintreue und der Auslieferung der Ware eine wesentliche
Rolle, wofür der Einzelhandel das Wort Bedienen benutzt. Die optimale Erfüllung der
Kundenwünsche ist ein wesentliches Hilfsmittel für den Unternehmenserfolg.
Die Lean Production ist streng kundenorientiert. Mit dem KAN BAN
Verfahren wird genau für den Bedarf des Kunden produziert, wobei die Mitarbeiter gehalten
sind, ständig Verbesserungen zu suchen, die die Akzeptanz der Produkte durch den Kunden
verbessern. Ein wesentliches Element japanischer Unternehmen ist die pragmatische
Erkenntnis, daß der Kunde das Geld für den Unterhalt der Mitarbeiter liefert.
Die klassische Gruppenarbeit kennt keine Kundenorientierung. Die
Kundenwünsche wirken sich nur im Nachhinein durch den Absatz der Produkte und die daraus
resultierende Beschäftigungslage aus.
Führung:
Durch die Zielfindungsmechanismen und die Autonomie der Mitarbeiter
im modernen Unternehmen sind klare Kompetenzen definiert. Das Team oder der einzelne
Mitarbeiter hat durch die Erfüllung der abgeleiteten Ziele seinen Beitrag zum
Unternehmenserfolg zu leisten und sollte vorwiegend dadurch geführt werden.
Wenn das Team nicht agiert wie erwartet, können zum Beispiel die Ziele
falsch definiert oder die Zielanreize unterdimensioniert sein. In diesem Fall findet kein
Eingriff durch Anweisungen sondern durch Änderung des Zielsystems statt.
Die moderne Fabrik will die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter durch
eine hohe Motivation steigern. Bei dem hohen Individualisierungsgrad der
mitteleuropäischen Gesellschaft sind hierzu Selbststeuerung und Erfolgserlebnisse
Voraussetzung, die durch den hohen Grad an Autonomie und die Leistungsanreize des
Zielsystems erreicht werden.
Das Führungsprinzip der Lean Production ist intensiv durch das
kulturelle Umfeld geprägt. Vereinfacht kann festgestellt werden, daß der Vorgesetzte als
Senior zwar hohen Respekt genießt, aber von seiner Machtfülle nur selten Gebrauch macht
und die Entscheidung weitgehend seinen Mitarbeitern überläßt. Die schlechte
Reaktionsfähigkeit dieses Verfahrens wird weitgehend durch das hohe Engagement der
Mitarbeiter ausgeglichen. Die Mitarbeiter fühlen sich als Bestandteil einer Familie, auf
die sie sich verlassen können, für die sie aber im Ausgleich optimale Leistung bringen
müssen. Im Gegenzug erfolgt die Anerkennung durch eine hohe Beteiligung an den
materiellen und immateriellen Erfolgen des Unternehmens. Meist sind mehr als 40% der
Einkünfte abhängig vom Unternehmenserfolg.
In der Gruppenarbeit hat der Mitarbeiter zwar innerhalb der Gruppe
relativ hohe Freiheit. Er muß aber die Ergebnisse liefern, die ihm vorgegeben werden.
Innerhalb der Gruppe bildet sich die Hierarchie durch gruppendynamische Prozesse heraus.
man versprach sich durch die relative Freiheit einen Motivationsschub, der aber meist nur
kurzfristig eintrat. Die Mitarbeiter erkannten schnell, daß man ihre Vorstellungen nicht
wirklich ernst nahm.
Zeitrahmen:
Ein wesentliches Element der modernen Fabrik ist der
dimensionierbare Zeitrahmen. Ist ein kurzer Zeitrahmen erforderlich, können die Ziele
schnell geändert werden. Erfordert dagegen die Strategie längerfristige Entwicklungen,
können die Ziele lange beibehalten oder kontinuierlich angepaßt werden.
Die Lean Production ist auf langfristige Erfolge ausgelegt. Wenn sich
ein Verfahren bewährt hat, wird es nur zögernd geändert. Auch werden durch wesentliche
Änderungen keine schnellen Erfolge erwartet. Das System ist auf kontinuierliche
Entwicklung und nicht auf revolutionäre Innovationen ausgelegt.
Die klassische Gruppenarbeit kennt keinen eigenen Zeitrahmen sondern
unterliegt den Vorgaben von außen.
Innovation:
Ein modernes Unternehmen hat durch die Autonomie und
Leistungsanreize optimale Voraussetzungen für Innovationen. Durch gesonderte Zielsetzung,
zum Beispiel das Ziel neue Produkte zu entwickeln, kann eine innovative Einstellung noch
stärker herausgefordert werden.
Die Lean Production hat das Ziel, die Fertigung stetig und optimal zu
gestalten. Die größten Erfolge hat dieses Verfahren in der Serienfertigung gehabt, ist
aber für Innovationen nicht gut geeignet. Innovative Produkte kommen meist von außen.
Durch die permanente Verbesserung wird das einmal ausgewählte Produkt oder Verfahren aber
zur Perfektion entwickelt.
Der Innovationsrahmen der klassischen Gruppenarbeit ist sehr eng
gezogen und durch die Aufgaben der Gruppe begrenzt. Da Innovationen erst am Erfolg
gemessen werden, besteht wenig Anreiz zu innovativer Einstellung.
Qualität:
Analog zur Marktausrichtung wird ein erforderlicher
Qualitätsstandard in einer modernen Fabrik durch entsprechende Zielsysteme erreicht. Das
Team ist für die Qualität der Leistung verantwortlich. Es gibt keine anonymen
Kontrollinstanzen, der Verursacher von Qualitätsmängeln ist schnell identifizierbar.
Durch die angestrebte geringe Fertigungstiefe gibt es klare Verantwortung für die
Leistung und Anreiz, optimale Qualität abzuliefern. Die Anreizsysteme bringen neben dem
Ansehensgewinn durch optimale Qualität auch die entsprechende materielle Belohnung.
In der Lean Production ist Qualitätsstreben integrierter Bestandteil.
Einzelne Teilverfahren, wie zum Beispiel KAN BAN, arbeiten nur bei einem sehr hohen
Qualitätsstandard. In der Zeit vor der Entwicklung der Lean Production als Toyota
Produktions System galten die japanischen Produkte als minderwertig, aber billig. Das
Streben nach Qualität wurde erst realisiert, als dieses Problem bewußt wurde, was unter
anderem durch intensive Arbeit amerikanischer Wissenschaftler, wie Demming, bewirkt wurde.
In der klassischen Gruppenarbeit ist die Qualität in die allgemeine
Qualitätspolitik des Unternehmens eingebunden. Das mag zwar als hoher Integrationsgrad
gelten, jedoch kommen von der Gruppenarbeit keine zusätzlichen Anreize zur Qualität,
wenn sie nicht durch das Qualitätswesen eingerichtet werden.
Bestandspolitik:
Bestände sind Ausdruck der Furcht, nicht lieferfähig zu sein und
mangelndem Vertrauen zu den Zulieferern. Die Zielsysteme eines modernen Unternehmens geben
die Möglichkeiten, diese Bedenken zu reduzieren, indem die Zulieferer zur moralischen und
materiellen Verantwortung für Liefertreue und -qualität herangezogen werden. Damit kann
diese Komponente und deren Auswirkungen reduziert werden. Außerdem bewirkt die
angestrebte geringe Fertigungstiefe eine weitere Reduzierung der Bestände. Die
Bestandspolitik liegt damit in den Händen der Unternehmensführung und wird nicht durch
zweifelhafte Maßnahmen und Verschiebung der Verantwortung verwässert.
Die Lean Production hat als Philosophiebestandteil die Ansicht, daß
Bestände Verschwendung (MUDA) sind und abgebaut werden müssen. Sie gelten als Hindernis
für die Entdeckung wahrer Probleme. Ein wesentliches Hilfsmittel zum Bestandsabbau sind
die Grundsätze Management by View und KAN BAN. Bestände werden gezielt reduziert.
Die klassische Gruppenarbeit hat keine besondere Bestandspolitik.
Flexibilität:
Ein modernes Unternehmens zeichnet sich durch hohe Flexibilität
aus. Schnelle Vereinbarung akzeptierter und allgemein bekannter Ziele ermöglichen
schnelle Reaktionen der Produktion auf geänderte Rahmenbedingungen. Die relativ kleinen
Gruppen können sich intern schnell auf geänderte Bedingungen umstellen.
Die Lean Production ist hier zwiefältig: einerseits wirkt sich das
Bestreben nach stetiger Fertigung als Reduzierung der Flexibilität aus, dem aber
andererseits das allgemein bewußte Bestreben nach optimaler Kundenwunscherfüllung
gegenübersteht. Die Auswirkung ist, daß die japanischen Unternehmen zwar intern schnell
auf Kundenwünsche reagieren, soweit die Änderungen überschaubar sind, wesentliche
Umstellungen aber vom Management oder sogar durch äußere Einflüsse initiiert werden
müssen.
Die klassische Gruppenarbeit ist nur bedingt flexibel durch die
überschaubaren Gruppen. Zusätzliche Veränderungen müssen von außen durchgesetzt
werden, was sich häufig so darstellt, daß die bisherige Gruppe aufgelöst und neu
konfiguriert wird.