Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
1 Einleitung
Wissen bestimmt zunehmend den Unternehmenswert. Der
US-Managment-Professor J. B. Quinn erklärt, dass häufig drei Viertel des generierten
Mehrwerts auf spezifisches Wissen zurückgeführt werden kann. Skandia publiziert
Wissensbilanzen, die den goodwill in Wissen, Fähigkeiten, Reputation, etc. aufzuspalten,
um das intellektuelle Kapital des Unternehmens transparent zu machen.

"Wissen als Wettbewerbsfaktor hat schlagartig den Sprung in
die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse geschafft". Wissensmanagement-Arbeitsgruppen
werden gegründet, Vorstandsvorsitzende beschäftigen sich damit und Workshops
werden angeboten. Unternehmen wie Herlitz, Siemens, 3M, Hewlett-Packard, Ernst &
Young und Skandia haben das Wissen zum Kernelement der Unternehmenskultur- und strategie
gemacht.
Die wachsende Bedeutung von Wissen als Wettbewerbsvorteil kann
durch drei Faktoren begründet werden: In der heutigen Wissensgesellschaft werden anstelle
von arbeits- und kapitalintensiven jetzt zunehmend wissensintensive Produkte bzw.
Dienstleistungen verkauft. Im Zuge der Globalisierung sind die "Wissensnationen"
und nicht mehr die Industrienationen führend. Physische Arbeiten wandern in Schwellen-
und Entwicklungsländer. Strukturwandel und Globalisierung werden von den Entwicklungen
der letzten Jahre in der Informations- und Kommunikationstechnologie angetrieben. Riesige
Datenmengen könnten gespeichert, ausgetauscht und "global" und interaktiv
bearbeitet werden. Eine weltweite Informationstransparenz wurde geschaffen, was sich in
schnellen Marktveränderungen und höheren Innovationsgeschwindigkeiten auswirkt.
Letztlich ist eine Wissensgesellschaft entstanden, in der Wissen über Innovations- und
Wettbewerbsfähigkeit entscheidet.
Wissen stellt somit eine Herausforderung dar, die jedoch durch
Wissensmanagement (im Folgenden: WM) bewältigt werden kann. Um in das WM einsteigen zu
können, muss erst geklärt werden, was Wissen überhaupt ist.
2 Wissen
Wissen kann wie in folgender Wissenstreppe von North
definiert werden. Wissen ist hierbei "der Prozess der zweckdienlichen Vernetzung von
Informationen". D. h. Wissen ist das Resultat aus der Anwendung von Informationen bei
einem bestimmten Problem. Es bietet dadurch eine Handlungsorientierung, die zu Aktionen
führt. Erst bei der Umformung in Handlungen erhält Wissen einen Wert.

Wissen umfasst sowohl Fakten, als auch individuelles
Erfahrungswissen. Wissen ist nicht beliebig übertragbar, da es immer an Personen gebunden
ist, in einer bestimmten Situation entstand, d. h. kontextspezifisch ist, und von
individuellen Erfahrungen geprägt ist. Daher kann keine "Wissensdatenbank"
existieren. Es gibt nur "Datenbanken, die Teilbereiche von Wissen als Informationen
ablegen", da Wissen die Gesamtheit der Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die
Personen zur Problemlösung einsetzen, darstellt.
Wissen ist heute entscheidender Wettbewerbsfaktor. Somit müssen die
klassischen Produktionsfaktoren der Volks- und Betriebswirtschaftslehre um den
Produktionsfaktor Wissen erweitert werden. Wissen besitzt hierbei die Besonderheit, dass
es durch Gebrauch wertvoller wird.
3 Wissensmanagement
3.1 Aufgaben
Jedes Unternehmen "besitzt" Wissen, das jedoch meist
nicht optimal genutzt wird. Dies belegt folgende Aussage von interviewten
Führungskräften:
"Wenn wir wüssten, was unser Unternehmen weiß, dann könnten
wir Kundenwünsche besser erfüllen, innovative Produkte früher anbieten, schneller auf
Marktveränderungen regieren und unsere Produktivität steigern. Kurz gesagt wir könnten
schneller besser werden."
WM bietet eine Lösung des oben geschilderten Problems, indem es
Möglichkeiten bietet, auf die Wissensbasis des Unternehmens Einfluss zu nehmen. Die
Wissensbasis umfasst alle Daten, Informationen, Fähigkeiten und alles Wissen zur
Bewältigung der Unternehmens-aufgaben. Die Aufgaben des WM sind lt. von Krogh und Venzin
(1995) wie folgt:
- Wissenserschließung für alle Mitarbeiter, die dieses Wissen benötigen
- Wissensbereitstellung am Ort und zur Zeit der Entscheidung
- Erleichterung der Wissensentwicklung
- Schaffung von Wissenstransparenz, so dass jeder Mitarbeiter Wissen leicht finden kann
- Umsetzung obiger Kompetenzen in neue Produkte bzw.
Dienstleistungen
Wie jedoch WM "gestaltet wird, welche Strategien und welche
Methoden verfolgt werden, ist dabei für jede Organisation unterschiedlich und muss
individuell ermittelt werden."
3.2 Ganzheitlicher Ansatz
Oft werden mit WM einzelne Informations- und Kommunikationstechnologien
verbunden, wie auch in nebenstehendem Bild gezeigt wird. Dies ist falsch. WM ist ein
ganzheitlicher Ansatz, der sich nicht nur auf Technologie beschränkt. Dieser wird anhand
des 3 Säulen-Modells skizziert.

Abb. 3: Bedeutungsvielfalt von Wissensmanagement (vgl. GartnerGroup)
WM schließt nicht nur die Technologie, sondern auch die Menschen und
die Organisation ein. WM ist daher als wissensorientiertes Konzept zu verstehen, das sich
im gesamten Unternehmen auswirkt. Denk- und Verhaltensweisen müssen in die
Unternehmenskultur aufgenommen werden und als Kernbestandteil der Unternehmensphilosphie
akzeptiert werden.
Wissen kann durch fehlende Integration des WM-Konzeptes in die
Unternehmenskultur verloren gehen. Wenn bspw. aufgrund einer "Wissen ist
Macht-Einstellung" oder einer "Was bringt es mir, anderen mein Wissen
mitzuteilen-Einstellung" Mitarbeiter sich weigern, ihr Wissen zur Verfügung zu
stellen, kann WM nicht erfolgreich betrieben werden. Somit muss WM Mitarbeiter zum
gegenseitigem Lernen und aktiven Wissensaustausch ermutigen und dies belohnen bzw.
anerkennen (bspw. im Bonus). "The cultural dimensions of KM will overshadow
technology in most firms."

Abb. 4: Die kulturelle Dimension von Wissensmanagements (vgl.
GartnerGroup)
Nachdem Aufgaben und Ansatz diskutiert wurden, ergibt sich für das
Wissensmanagment folgende Definition:
"Wissensmanagement ist eine formale, strukturierte
Vorgehensweise zur Verbesserung der Generierung, Verteilung und Nutzung von Wissen in
einer Organisation. Es ist ein formaler Prozess, in dem das Wissen eines Unternehmens den
Wert des Unternehmens vergrößert."
3.3 Bausteine des Wissensmanagements
In der Vergangenheit wurden verschiedenste WM-Konzepte entwickelt.
Beispielhaft seien hier angeführt:
- "Knowledge Cycle" des Research-Unternehmens Gartner Group,
- "APQC/Andersen-Rahmenkonzept" vom American Productivity and Quality Center und
der Unternehmensberatung Arthur Andersen oder
- das Konzept von Probst et al. "Bausteine des Wissensmanagements"
Das letzte der genannten Konzepte von Probst et al. soll an dieser
Stelle näher erläutert werden. Es hilft bei der Analyse, deutet auf Problemfelder hin
und strukturiert mögliche WM-Aktivitäten. Es unterscheidet einen "inneren und
äußeren Kreislauf". Der äußere Kreislauf bildet die klassischen, strategischen
Management-Komponenten Zielsetzung, Umsetzung und Bewertung ab. Der innere Kreislauf
beschäftigt sich mit der Umsetzung bzw. der Problemlösung. Der Problembereich wird in
die Komponenten Wissensidentifikation, -entwicklung, -verteilung, -bewahrung und
nutzung untergliedert, welche ein in der Praxis übliches Modell zur
WM-Durchführung bzw. Identifikation von WM-Problemen stellen. Sie müssen immer abhängig
voneinander und nicht isoliert betrachtet werden.

Abb. 5: Bausteine des Wissensmanagements (vgl. Probst et al.)
Wissensziele müssen klar und konkret vom Management festgelegt
werden, laufend überprüft und ggfs. veränderten Rahmenbedingungen angepasst werden.
Des weiteren muss Wissen im Unternehmen selbst und im Wissensumfeld
analysiert und identifiziert und beschrieben werden. In der heutigen Informationsflut muss
ein Überblick durch Schaffung einer angemessenen Transparenz ermöglicht werden.
Dabei ist eine "Kontextualisierung" nötig, d. h. die
Strukturierung nach Schlüsselwörtern, die ein späteres Auffinden erleichtert. Da (s.
Kapitel 13.2.5.2) Wissen personengebunden und kontextspezifisch ist, kann eine reine
Technologielösung nicht zur gewollten Wissenstransparenz führen. Zur #Unternehmenskultur
unterstützt die Bereitstellung von Wissen#
Wissensidentifikation wird zusätzlich der Mensch benötigt
werden, der sein Wissen z. B. im persönlichen Gespräch zur Verfügung stellt. Das
Gesprächs muss jedoch zuvor durch eine Plattform bzw. eine Unternehmenskultur ermöglicht
werden.
Es folgt der Wissenserwerb. Dies ist die Einführung von
externem Wissen. Dies kann durch Rekrutierung qualifizierter Mitarbeiter, Kooperation bzw.
Übernahme anderer Unternehmen und durch Erwerb von Stakeholderwissen geschehen. Außerdem
kann Wissen direkt in Form von Datenbanken, Lernsoftware, Patenten und Lizenzen gekauft
werden. Zur Identifikation des jeweiligen Bedarfs hat sich die Benchmarking-Methode
etabliert. Beim Benchmarking werden Prozesse, Dienstleistungen, Produkte, Strategien, etc.
des eigenen Unternehmens mit denen der besten Mitbewerber verglichen. Dabei werden
"best practices" identifiziert und auf das eigene Unternehmen angepasst.
Andersen verfügt bspw. über einen Katalog von "best practices" unter dem Namen
"Global Best Practices".
Der "Schritt" Wissensentwicklung ergänzt den
Wissenserwerb. Hierbei wird intern die Entwicklung neuer Fähigkeiten und Produkte und
besserer Ideen und Prozesse gefördert. Dabei soll vom Management im Rahmen eines
WM-Konzeptes Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter geschaffen werden, die diese
motivieren, neues Wissen zu entwickeln. Dies kann durch eine Entlastung und Gewährung
größerer Freiräume, eine fehlertolerante Unternehmenskultur und eine Zuteilung von
Aufgaben entsprechend der Interessensgebiete der Mitarbeiter geschehen. Eine weitere
Methode ist, Teamarbeit zu fördern, wobei bei der Zusammensetzung des Teams auf
verschiedene, sich ergänzende Persönlichkeiten und Fertigkeiten (Sachkenntnis,
Fähigkeiten der Lösung von Problemen und des Umgangs mit-einander) mit einem
Grundkonsens geachtet werden muss. Es muss unbedingt eine offene Atmosphäre und ein
vielfacher Austausch von Ideen vorliegen. Besonders wichtig ist, am Ende
Projekterfahrungen festzuhalten und zukünftigen Teams bereitzustellen. Dies kann in Form
von bei Projektende vorgeschriebenen "Debriefings" geschehen. Diese sollen
Erfolgsfaktoren, Schwierigkeiten und Lerninhalte in Form von "lessons learned"
festhalten.
Beim WM ist die Wissens(ver)teilung, also die Kommunikation bzw.
Verbreitung von Wissen, zentral. Erfahrungen sollen ver-/geteilt werden, indem sie
möglichst schnell auf Personen oder Systeme verteilt werden, so dass sie für alle
nutzbar sind und eine Multiplikation von Wissen möglich ist. Der gleichzeitige Austausch
von Wissen soll zu neuem Wissen führen. Wissen kann bspw. durch Technologie oder
Job-Rotation übertragen werden. "Knowledge that doesnt flow doesnt
grow and eventually ages and becomes obsolete and useless".
Die Wissensbewahrung gehört zu den wichtigsten WM-Aufgaben
und ist in drei Schritte untergliedert. Der erste die Selektion trennt nicht
aufbewahrungswürdiges von wertschöpfendem Wissen. Unter wertschöpfend versteht man das
Wissen, welches zukünftig im Unternehmen relevant bzw. nötig ist. Im zweiten Schritt
wird Wissen im Gedächtnis der Menschen (individuell oder kollektiv, bspw. in
Projektteams) oder in elektronischer Form gespeichert. Schließlich muss gespeichertes
Wissen aktualisiert werden, da Wissen permanent erweitert bzw. durch neues Wissen ersetzt
wird. Zusätzliche Aufgabe des WM ist auftretende Probleme folgender Gestalt zu lösen:
Besonders "höhere" Mitarbeiter haben wenig Zeit, um Wissen zu erfassen und
Wissen kann verloren gehen, bspw. endgültig durch Kündigungen, pensionierte Mitarbeiter,
Outsourcing, Teamwechsel, Systemabstürze etc. oder vorübergehend durch Krankheit,
Sabotage, Systemüberlastungen, etc.
Sobald Wissen erkannt und kommuniziert wird, sollen durch Wissensnutzung
neue Produkte bzw. Dienstleistungen angeboten werden können. Dabei soll WM durch eine
besonders nutzerfreundliche (schnelle, übersichtliche, jederzeit und überall
verfügbare) Wissensinfrastruktur den produktiven Einsatz des Wissens für das Unternehmen
gewährleisten. Nicht die alleinige Identifikation und Verteilung, sondern nur eine
erfolgreiche Wissensanwendung stellt einen wertschöpfenden Prozess dar. Dabei müssen
Probleme wie Nutzungsbarrieren (bspw. Ansehensverlust bei Verwendung fremden Wissens)
gelöst werden.
Schließlich muss in Form einer Wissensbewertung der
Wissensbestand gemessen und bzgl. der Erfüllung der anfangs gestellten Ziele bewertet
werden. Dies ist nötig, um die Effizienz des WM zu überprüfen und Probleme bei der
Umsetzung von WM-Konzepten lösen zu können. Dabei sollte man zur Übersichtlichkeit vier
Indikatorenklassen einführen (Balanced Scorecard-Ansatz). Nach Bewertung der Wissensbasis
kann schließlich dieser Wert evtl. eine besonders hohe Börsenkapitalisierung
rechtfertigen.
4 Zusammenfassung
WM schafft, erfasst, selektiert, aktualisiert und strukturiert
Wissen, macht es zugänglich (zur Verfügung Stellung bzw. Vermittlung von
Wissensträgern) und fördert die Nutzung. WM ist nicht der Einsatz einer IT-Lösung,
sondern ein Management-Konzept, das sich im gesamten Unternehmen auswirkt, kontinuierlich
anhand zuvor definierter Ziele bewertet werden muss und für ein "Überleben" in
der heutigen Wissensgesellschaft entscheidend ist.
"Viele Unternehmen vernachlässigen zunächst den Prozessaspekt
des WM. Ein Projekt wird initiiert [...] Zeit und Arbeit in den Aufbau der Wissensbasis
und begleitende Maßnahmen investiert. Wie aber nach Ende der Projektphase die Pflege der
Wissensbasis und deren Ausbau sichergestellt wird, ist häufig ungeklärt. Wichtig wäre
dabei das Verständnis von erfolgreichem WM als einem kontinuierlichen Prozess, der
von der Wissensgenerierung über das Evaluieren und Filtern von Wissen, dem Speichern und
Katalogisieren bis hin zur Verteilung und Nutzung und wiederum Schaffung von neuem Wissen
reicht."
Literatur
Bach, V.; Volgler, P.; Österle, H. (Hrsg.): Business
Knowledge Management: Prasixerfahrungen mit Intranet-basierten Lösungen, Springer, 1999.
Davenport, T. H.; De Long, D. W.; Beers, M.: Successful
Knowledge Management Projects, In: Sloan Management Review, Winter 1998.
GartnerGroup (Harris, K.; Austin, T.; Fenn, J; Hayward, S.; Cushman,
A.): Strategic Analysis Report: The Impact of Knowledge Management on Enterprise
Architecture, RAS Services, R-09-6188, 25. Oktober 1999.
North, K.: Wissensorientierte Unternehmensführung:
Wertschöpfung durch Wissen, Gabler, Wiesbaden, 1998.
Probst, G., Raub, S.; Romhardt, K.: Wissen managen: Wie
Unternehmen ihre wertvollste Ressource optimal nutzen, Gabler, Wiesbaden, 1997.
Schönherr, M.: Wissensmanagement im Unternehmen, in: Krallmann,
Hermann; Frank, Helmut; Gronau, Norbert: Systemanalyse im Unternehmen, Oldenburg, 1999. |