Stand: 02.07.2008
Die zunehmende Globalisierung und der damit zusammenhängende verstärkte Wettbewerb
stellen an die Unternehmen neben dem verschärften Preis- und Zeitwettbewerb durch
veränderte Kundenwünsche und die Übergange zu regional unterschiedlichen Märkten
heterogene Anforderungen, die von herkömmlichen Unternehmensgebilden nur schwer
erfüllbar sind. Große und international tätige Firmen mögen noch gewisse Chancen
haben, diesen Anforderungen zu genügen. Mittlere und kleine Firmen sind hingegen von
dieser Situation überfordert. Für die Wertschöpfung, die zur Kundenleistung führt,
bedeutet dies das Zurückgreifen auf Wertschöpfungspartner durch den Aufbau von
strategischen Kooperationen.
Erfolgreiche Unternehmen werden sich durch situatives, vorteilwahrendes und
strategisches Handeln gegenüber ihren Mitbewerbern abgrenzen müssen. Nicht mehr die
finanzielle Macht eines Betriebes wird den Markt beherrschen, sondern zeitlich
begrenzte Kooperations- oder Leistungsverbünde, die in den schnellebigen Märkten
ebenso schnell entstehen, wie sie auch wieder zerfallen können, ohne dass für einen
einzelnen Wertschöpfungsprozess Iangfristige Investitionen getätigt werden müssen.
Diese Unternehmen sind nicht mehr materielle Einheiten, sondern virtuelle Einheiten. Sie
bilden gegenüber dem Kunden eine Unternehmenskooperation, die ihm den Eindruck
vermittelt, die Leistung aus einer Hand, d. h. von einem Unternehmen, zu beziehen. ,,Ziele
der virtuellen Organisation sind die Überwindung räumlicher und zeitlicher Begrenzungen
sowie des Widerspruchs von Zentralisierung und Dezentralisierung und damit die
Erschließung der Vorteile verteilten Operierens, dezentral verteilten Wissens und lokaler
Präsenz".
Picot verwendet eine Matrix aus Marktunsicherheit und Produktkomplexität, um
die virtuellen Organsation von anderen Formen der Organisation abzugrenzen. Die virtuelle
Organisation erweist sich, bei hoher Produktkomplexität sowie hoher Marktunsicherheit als
vorteilhafteste Organisationsform.
Virtuelle Organisationen lassen sich als fluide, temporär begrenzte Netzwerke
rechtlich selbständiger Unternehmen, Institutionen und/oder Einzelpersonen auffassen, die
sich vorrangig mit ihren Kernkompetenzen an einer Leistungserstellung gegenüber einem
Dritten beteiligen. Da die Identität einer Organisation durch ihre Grenzen bestimmt wird,
werden die Identitäten bei flexibler Grenzziehung unschärfer. Gleichzeitig wird der
Aktionsradius erheblich erweitert und die Unvorhersagbarkeit des Verhaltens von
Organisationen erhöht.
Der physische Standort einer unternehmerischen Wertschöpfung verliert immer mehr an
Bedeutung, was zu erheblichen Zeiteinsparungspotentialen durch starke Verkürzung der
Entwicklungszeiten führt. Virtuelle Netze erfordern eine hohe Flexibilität im Rahmen von
integrierten Datenverarbeitungssystemen, die Hilfsmittel wie elektronische
Produktkataloge, kooperative Informationssysteme, elektronische Organisationshandbücher,
Groupware, Führungsinformationssysteme und computergestützte Organisationstools zur
Verfügung stellen. Insbesondere für virtuelle Unternehmen ist das Konzept der
Multiagenten-Systeme interessant, die nicht auf verteilte, sondern auf übergreifende
Problemlösungen durch Nutzung bestehender Systeme setzen.
Rodler charakterisiert eine virtuelle Organisation durch die folgenden Punkte:
- verfolgt mehr als nur ein Geschäftsziel und besteht aus drei oder mehr Partnern.
- kein gemeinsamer juristischer oder hierarchischer Überbau (GmbH, AG, Hierarchieplan
für das Gesamtsystem etc.), in dem einer der Partner zugleich Mehrheitsgesellschafter mit
Alleinentscheidungsbefugnis ist, außer zur Erreichung eines spezifischen, definierten und
projektierten (im Sinne von Ressourcen und Budget bzw. Forecast) Ziels.
- keine gemeinsame Finanzierung, Bilanzierug, außer zur Erreichung eines spezifischen,
definierten und projektierten (im Sinne von Ressourcen und Budget bzw. Forecast) Ziels.
- keine Mehrheitsgesellschafter mit Alleinentscheidungsbefugnis in einer gemeinsam
gegründeten (Projekt-) Gesellschaft (z.B. einer externen Network Management und / oder
Marketing Organisation).
- wechelseitigen Nutzung von Logo und Markenzeichen im Rahmen einer Marketingvereinbarung,
- Kommunikation und Information innerhalb der eigenen Organisation über die Beteiligung
an der virtuellen Organsiation und Benennung interner Ansprechpartner.
- Einordnung in eine Vertical Value Chain mit synergetischen oder komplementären
Komponente, die bei der Erreichung eines Ziels von einem Partner alleine nicht
gewährleistet wäre, oder wenn ja, dann nur unter großen Aufwendungen.
- gemeinsame Strategie, die als letzte Konsequenz profit-sensitive ist, also die Umsatz-
und Gewinnsteigerung eines jeden Partners als Ziel hat.
- keine Marktkonzentration, obgleich eine virtuelle Organsiation als Vorstufe (test our
partner) zu "festeren" Bindungen wie Strategische Allianzen etc. fungieren
können.
- Schriftliche Bestätigung aller Partner, daß keine Akquisitionsabsichten gegenüber
anderen Partnern (auch nicht von Konzerntöchtern oder -müttern) bestehen bzw. sofortige
Meldung derartiger Absichten an alle Partner.
- gemeinsam erarbeitete "policies". Nur durch Ratifizierung werden neue Partner
aufgenommen. Mindeststandards sind neben Marketing Agreements, Aufbau und Nutzung eines
gemeinsamen Workgroup Informationssystems, die Pflicht zur Anmeldung (und digitalen)
Dokumentation aller innerhalb der oder über die virtuelle Organisation aquirierten
Projekte, das Vetorecht jeden Mitglieds bei der Aufnahme neuer Mitglieder und der
Ausschluß existierender Mitglieder bei Zuwiderhandlungen gegen das Basis-Regelwerk.
Virtuelle Unternehmen
Die Probleme der Unternehmen haben sich auch nach den Restrukturierungsmaßnahmen
von "Lean", "Reengineering", "Prozeßorientierung" oder
"TQM" noch nicht nachhaltig verbessert. Grund hierfür ist die starke
Fokussierung dieser Restrukturierungsansätze auf das "Cost Reengineering". Die
Unternehmen konzentrierten sich darauf, das bestehende Leistungsangebot auf die
Kernleistungen zu reduzieren und deren Erbringung mit immer weniger Ressourcen und
besserer Qualität zu perfektionieren. Vernachlässigt wurde hierbei die Frage, wie mit
den vorhandenen Ressourcen strategische Wettbewerbsvorteile zu erreichen sind. Es werden
Strategien benötigt, um
- neue Märkte
zu schaffen,
- neue Produkte
(Systemlösungen) anzubieten und
Flexibilität in der Reaktion auf Markterfordernisse zu besitzen.
Insbesondere kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlt es an den notwendigen
Ressourcen, um alleine allen drei Herausforderungen zu begegnen. Erforderlich sind
Organisationskonzepte, die es erlauben, eine für die Erweiterung der verfügbaren
Ressourcenpotentiale notwendige (virtuelle) Größe zu erreichen, ohne der oft mit Größe
assoziierten Unflexibilität zu unterliegen. Ein Lösungsansatz zur Erfüllung dieser
Anforderung liegt in der Kooperation von Unternehmen. Bekannte Beispiele sind
Kooperationen, wie Joint Ventures oder Strategische Allianzen, die vertraglich fixiert
sind. Ein Vorteil der vertraglichen Fixierung von Kooperationen ist eine Begrenzung der
Transaktionskosten, nachteilig ist aber die unbefriedigende dynamische
Rekonfigurierbarkeit in der Reaktion auf kurzfristig auftretende Markterfordernisse. In
virtuellen Unternehmen wird dieser Nachteil vermieden, da dort die Kopplung der
Unternehmen lose ist. Die in der Regel mit der Kooperation unabhängiger Unternehmen
verbundenen steigenden Transaktionskosten werden in virtuellen Unternehmen u.a. durch den
Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) im Rahmen gehalten. Als
Transaktionskosten bezeichnet man diejenigen Kosten, welche zur Koordination
wirtschaftlicher Aktivitäten notwendig sind. Es handelt sich um Kosten der Information
und
Kommunikation, die zur Vorbereitung, Durchführung und Überwachung von Arbeitsteilung
und Tausch erforderlich sind.
"Ein virtuelles Unternehmen ist eine Kooperationsform rechtlich unabhängiger
Unternehmen, Institutionen und/oder Einzelpersonen, die eine Leistung auf der Basis eines
gemeinsamen Geschäftsverständnisses erbringen. Die kooperierenden Einheiten beteiligen
sich an der Zusammenarbeit vorrangig mit ihren Kernkompetenzen und wirken bei der
Leistungserstellung gegenüber Dritten wie ein Unternehmen. Dabei wird auf die
Institutionalisierung zentraler Managementfunktionen zur Gestaltung, Lenkung und
Entwicklung des virtuellen Unternehmens durch die Nutzung geeigneter Informations- und
Kommunikationstechnologien weitgehend verzichtet." [Fischer 1996]
Merkmale eines virtuellen Unternehmens
(1) Konstituierende Charakteristika :
- einheitliches Auftreten gegenüber dem Kunden
- Gesamtoptimierung der ganzen Wertschöpfungskette
(2) fehlende physikalische Attribute :
- kein gemeinsames juristisches Dach
- keine gemeinsame Verwaltung/Zentrale
(3) spezielle Zusatzspezifikationen :
- ausgereifte Informationstechnologie
- absolutes gegenseitiges Vertrauen
- Vorhandensein von individuellen Kernkompetenzen
- keine Konkurrenzsituation
(4) Nutzeneffekte :
- Flexibilität und Anpassungsfähigkeit
- Nutzung eines gemeinsamen Synergiepotentials
Die Organisationsform der virtuellen Unternehmung hat gegenüber anderen Formen den
Vorteil, dass sich die Kooperation nicht auf einzelne Bereiche wie zum Beispiel
Entwicklung, Vertrieb oder Netzwerkwartung beschränkt, sondern in der Regel die
Produktion mit einschliesst und dadurch wesentliche Skaleneffekte erst ermöglicht. Reiss
weist auf die Kosteneffizienz virtueller Unternehmen hin: "Diese wird möglich, weil
virtuelle Gebilde weitestgehend nach dem Prinzip der verteilten Systeme funktionieren: Im
Zentrum wird bestenfalls ein Koordinator in Form eines ´Maklers´ gebraucht, der das Netz
konfiguriert und bestimmte Aussenbeziehungen des Netzes zu Auftraggebern unterhält. Alle
restlichen Service-Arbeiten für den Netzbetrieb übernehmen die dezentralen Einheiten als
Kompetenzzentren".
Die Aufteilung von Markterschliessungskosten auf die Mitgliedsunternehmungen des
virtuellen Unternehmens senkt für die einzelnen Mitglieder die Markteintrittsbarrieren.
Kleineren Unternehmen wird durch den Verbund mit Partner-Unternehmen oftmals erst der
Markteintritt ermöglicht. Eine Unternehmung kann damit, obwohl sie relativ klein bleibt,
eine erhebliche virtuelle Grösse erreichen. Zudem ist eine virtuelle Organisation weniger
durch "politische" Organisationseinheiten belastet - sie ist primär missions-
und nicht politikgetrieben und kommt daher mit einem kleineren Verwaltungs-Overhead aus.
Dadurch, und durch die Tatsache, dass sich jedes Unternehmen auf seine Kernkompetenz
konzentriert, entstehen Zeitersparnisse, weil verschiedene Fragestellungen wie
Produktedesign, Vertrieb, Werbung etc. für das einzelne Partnerunternehmen nicht
anfallen. Virtuelle Unternehmen ermöglichen den Mitgliedsunternehmen einen einfacheren
Zugang zu schwer transferierbaren Ressourcen und ermöglichen damit deren effiziente
Nutzung. Durch virtuelle Unternehmen werden u.a. die Ressourcen Entwicklungskapazität,
Produktionskapazität und Zugang zu den Distributionskanälen zusammengeführt, um
Entwicklungs- und Lieferzeiten sowie Markteintrittsbarrieren zu senken und so schnell auf
technologischen Wandel oder sich ändernde Kundenbedürfnisse reagieren zu können.
Know-how ist eine weitere, bedeutende Ressource, mit der die virtuelle Unternehmung
vorteilhaft umgeht: Durch die Zusammenführung von Unternehmungen, die ihre
Kernkompetenzen verfügbar machen, kann benötigtes Know-how gezielt und schnell beschafft
und eingesetzt werden.
Aufgrund der Nutzung meist vorhandener Kapazitäten der Mitgliederunternehmungen ist
der Kapitalbedarf zum Aufbau einer virtuellen Unternehmung sowie das Risiko gegenüber dem
Aufbau einer vergleichbaren, konventionellen Unternehmung sehr gering, weshalb auch
Liquidität eine Ressource ist, mit der die virtuelle Unternehmung vorteilhaft umgeht.
Als besonders gravierend an der Auflösung konventioneller Unternehmensstrukturen stuft
Reiss die Auflösung des klassischen Arbeitsverhältnisses ein. An die Stelle der
engen Bindung, wie dies speziell in Europa lange Zeit Tradition war, treten lockere Formen
der Personalüberlassung und auch der freien Mitarbeit. Virtuelle Strukturen vermitteln
ihren Mitgliedern kein ausgeprägtes Gefühl der Zugehörigkeit und damit der sozialen
Sicherheit. Die Symbole der Zugehörigkeit (eigener Schreibtisch, gleichbleibender
Kollegenkreis etc.) fehlen. Auch Vorgesetzte verfügen nicht mehr über "ihre
persönlichen" Mitarbeiter.
Auch hinsichtlich der extrem hohen Flexibilität, besonders der
Anpassungsgeschwindigkeit von Mitarbeitern, sind Zweifel anzumelden. Die Erfahrung lehrt,
dass "Menschen nicht so hochgradig umstellungsfähig sind wie Maschinen und deshalb
Übergangszeiten benötigen für geistige Umrüstaktivitäten" (Reiss).
Netzwerkorganisationen vermitteln ihren Mitgliedern kaum materielle oder soziale
Sicherheit. In diesem Zusammenhang ist die Forderung von Mitarbeitern bzw. Gewerkschaften
nach festen, starren Arbeitsregeln zu sehen; allerdings schränken diese Forderungen die
Reaktionsmöglichkeiten eines Unternehmens auf Veränderungen am Markt zusätzlich ein.
Als weiteres Problem führt Reiss an, dass projektförmig angelegte, temporäre
Netze gar nicht die Zeit zur Entfaltung einer eigenen Kultur haben - virtuelle Unternehmen
müssen daher, wie bereits dargestellt, auf einer Vertrauenskultur basieren, was in der
Praxis häufig Probleme mit sich bringt. Schräder weist darauf hin, dass den
Chancen der Zusammenarbeit in einer virtuellen Unternehmung die Gefahr des Kontroll- und
Know-how-Verlustes über Tätigkeiten, die nicht zu den Kernkompetenzen einer Unternehmung
gehören, gegenübersteht. "Für die Mitgliederunternehmungen ist die
Vernachlässigung des Aufbaus und der Pflege von (neuen) Kernkompetenzen eine ernsthafte
Gefahr, da diese Kompetenzen durch Kooperation in virtuellen Unternehmungen leicht
beschafft werden können. Virtuelle Unternehmungen sollten deshalb von
Mitgliederunternehmungen nicht als Chance betrachtet werden, den Rekonfigurationsdruck des
Marktes auf die Unternehmung abzuschwächen, da dies direkt die Flexibilität des
Mitglieds mindert.
Die Anwendung der Organsiationsform des virtuellen Unternehmens kann in erster
Näherung durch folgende Grundanforderungen beschrieben werden:
- sorgfaltige Planung von Produkt (z.B. durch modulare Konzeptionen oder Teilsysteme) und
Prozess (d.h. Berücksichtigung der Produktnutzungsdauer beim Kunden), ggf. mit
Simulation,
- produkt- und leistungsgerechte Integration von Zulieferbetrieben,
- eindeutige vertragliche Festlegung während des gesamten Produktionszyklus von Produkt-
und Prozessspezifikationen,
- detaillierte Organisation der kompletten Leistungserstellung durch Integration des Know
hows aller an der Wertschöpfungskette Beteiligten und
- prozessübergreifende, permanente Kommunikation zwischen allen Beteiligten unter
Zuhilfenahme innovativer und angepasster IuK-Technik.
Aus institutioneller Sicht ist ein virtuelles Unternehmen in der Innensicht eine
Kombination von "best-of-class" Kernkompetenzen kooperierender rechtlich
selbständiger Unternehmen. Sie werden für die Dauer der Erreichung eines bestimmten
Geschäftszwecks ohne Rücksicht auf Unternehmens- und ggf. auch Staatsgrenzen mit Hilfe
moderner IKT lose gekoppelt. Dabei wird weitgehend auf die Institutionalisierung von
Leitungs- und Kontrollmechanismen verzichtet, sondern vielmehr auf gegenseitigem Vertrauen
gebaut, das durch die Existenz einer "win-win Situation" unterstützt wird.
Jedes Mitglied hat prinzipiell Zugriff auf die im gesamten Netzwerk vorhandenen
Ressourcen. Das Risiko, gerade in größeren Projekten, wird mit den Partnern geteilt.
Für den Kunden, also aus Außensicht eines virtuellen Unternehmens, ist die Virtualität
des Unternehmens bzw. der vorgelagerten Wertschöpfungskette nicht sichtbar. Er erhält
nach wie vor ein Produkt aus einer Hand (one face to the customer), kann allerdings mit
niedrigeren Preisen, einem größeren Angebot und steigendem Service rechnen.
Die Folge der Etablierung dieser Organisationsform ist die Entwicklung eines neuen
Selbstverständnisses eines Unternehmens. Nicht mehr Unternehmensgrenzen, sondern einzelne
durch Geschäftsprozesse realisierte Kernkompetenzen und Leistungen übernehmen
identitätsbildende Funktionen.
Merkmale aus institutioneller Sicht: |
Merkmale aus funktionaler Sicht: |
- rechtlich unabhängige Einheiten
- komplementäre "best-of-class" Kernkompetenzen
- zeitlich begrenzt
- Ressourcen-, Knowledge-, Risk-Sharing
- Einsatz von IKT
- keine Konkurrenz / gemeinsamer Geschäftszweck
- keine Leitung, Kontrolle / basierend auf Vertrauen
|
- unabhängig von Gesellschaftsform
- Koordination und Lenkung von Kernkompetenzen
- lernende und adaptive Orientierung
- überlegene Informationsverarbeitungs-Fähigkeiten
- "value-adding" Geschäftsprozesse
|
Abb.: Merkmale virtueller Unternehmen
Die Organisation des Wertschöpfungsprozesses in einem virtuellen Unternehmen ist
gekennzeichnet durch den temporären Charakter. Voraussetzung für eine Zusammenarbeit in
zeitlich begrenzten Verbünden ist Vertrauen. Dieses Vertrauen umfaßt sowohl die Partner
innerhalb eines Teilunternehmens des gesamten virtuellen Unternehmens, als auch die
Verhältnisse zwischen den einzelnen Betrieben dieser strategischen Allianz Dieses
Vertrauen ist Grundbedingung, da aufgrund der kurzen Produktlebenszyklen und
Investitionszyklen die Zeit nicht ausreicht, dieses Vertrauen parallel zu einer sich
entwickelnden Arbeits- und Wirtschaftsbeziehung aufzubauen.
Vertrauen ist innerhalb eines virtuellen Unternehmens genauso wie bel den Interaktionen
auf den Markten von erheblicher Bedeutung. Man denke nur an Güter, die - anders als
kurzlebige Wegwerfartikel - längere Zeit im Einsatz sind. Wichtig für die Kunden ist
hier die Sicherstellung von Ersatzteildiensten. Gerade diese Versorgung aber wird
virtuellen Unternehmen nicht ausreichend zugetraut, während herkömmlichen Betrieben, die
schon heute mit diesem Teil des Kundendienstes erheblich in Bedrängnis kommen, eben
dieses Vertrauen entgegengebracht wird.
Die Auflösung und Neustrukturierung der bestehenden Verhältnisse beschränkt sich im
virtuellen Unternehmen nicht nur in den Außenkontakten. Auch die Einbindung der
Arbeitnehmer in den Wertschöpfungsprozess wird anders verlaufen. Der Ersatz der bekannten
hierarchischen Organisations- und Führungsstrukturen vor allem mittlerer und großer
Unternehmen wird in einem solchen Konzept die Bedeutung und Wirkungsmöglichkeit des
Individuums wesentlich steigern. Auch hier sind ,,Qualifizierte und motivierte Mitarbeiter
... ein Schlüsselfaktor zur Umsetzung strategischer, technischer und organisatorischer
Innovationen" .
Stärker noch als die anderen besprochenen Unternehmensstrategien erfordert das
virtuelle Unternehmen von den Mitarbeitern eine Selbständigkeit in der Entscheidung und
die Fähigkeit, neue, bisher unbekannte Situationen zu strukturieren. Dies betrifft sowohl
die neuen, konkreten Arbeitsaufgaben, als auch die Gestaltung der Arbeitsumgebung und die
rechtliche Form der Zusammenarbeit. Outsourcing und Cost- bzw. Profit-Center-Strukturen,
wie wir sie heute bereits kennen, werden in stärkerem Umfange als bisher die
Zusammenarbeit innerhalb der Betriebe und vor allem auch in virtuellen Unternehmen
prägen. Die einzelnen Wertschöpfungsketten stellen dann eine Aneinanderreihung der zum
Prozess erforderlichen Kompetenzen dar.
| Potentiale |
Risiken |
Erhöhte Flexibilität
Möglichkeiten zur Kostensenkung
Eröffnung neuer Marktchancen
Realisierung von Zeitvorteilen
Veränderte Situation der Mitarbeiter
Zugang zu "fremden" Ressourcen
Interorganisationales Lernen
Kundenvorteile |
Kompetenz-Verlust
Verlust der Marktnähe
Infrastruktur-Kosten
Fehlende Unternehmenskultur
Unterschiedliche Zielsetzungen der
Beteiligten
Gesamtwirtschaftliche Kosten
(z.B. Arbeitslosigkeit)
Fehlende Akzeptanz durch die Kunden |
Abb.: Erfolgspotentiale und Risiken eines virtuellen
Unternehmens (Zmija 1997)
Ein Virtuelles Unternehmen ist somit eine zeitlich befristete, zwischenbetriebliche
Kooperation mehrerer rechtlich unabhängiger Unternehmen in einem informationstechnisch
unterstützten Wertschöpfungsnetzwerk das:
- innerhalb kürzester Zeit für einen einheitsbildenden Auftrag entsteht (Faktor kurze
Reaktionszeit),
- dem Kunden durch die Integration der Kernkompetenzen einzelner Unternehmen
individualisierte Produkte und Dienstleistungen erstellt (Faktor: Synergie,
Leistungssteigerung, Kundnennähe), wobei das Netzwerk ohne physische und juristische
Körperschaften (Aufbau- und Ablauforganisation, Abteilungen, Regelwerke, rechtliche
Körperschaft) auskommt, die durch eine schlanke Koordinationsstelle ersetzt wird (Lean
Organization).
Einige wichtige Leitfragen sollten vor dem Aufbau von virtuellen Unternehmen bedacht
werden:
- Sind für ein neues Produkt die infrastrukturellen Ressourcen, Forschung und
Entwicklung, Kosten und Risiken sinnvoll teilbar ?
- Können Produktentwicklungsmöglichkeiten durch die Verknüpfung eigener mit fremden
Kernkompetenzen verbessert werden ?
- Kann durch die Integration von verteiltem Wissen quer über das Unternehmen der
Produktentwicklungsprozess verkürzt werden ?
- Kann durch die gebildeten Partnerschaften Zutritt zu neuen Märkten geschaffen werden
und eröffnen sich dadurch Möglichkeiten, das Vertrauen neuer Kunden zu gewinnen ?
- Unterstützt die virtuelle Organsiation den eigenen Veränderungsprozess weg vom
Produktverkäufer hin zum Problemlöser ?
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