In Deutschland arbeiten ca. 85% aller Arbeitnehmer in irgendeiner Form der flexiblen
Arbeitszeit. Diese erstaunlich hohe Ziffer verdeutlicht die Bedeutung und den Erfolg
flexibler Arbeitszeitgestaltung. Die Umsetzung dieser flexiblen Arbeitszeitsysteme
wirdfast ausnahmslos über sogenannte Arbeitszeitkonten ermöglicht. 1 Arbeitszeitkonten
Arbeitszeitkonten per se sind kein Arbeitszeitmodell. Sie bilden
vielmehr die Grundlage zur Anrechnung und Verwaltung der von den Mitarbeitern gesammelten
Arbeitsstunden. Unter welchen Umständen, in welchem Umfang und innerhalb welcher Grenzen
Stunden gesammelt und abgebaut werden können, wird dabei nicht von dem Konto sondern von
der begleitenden Vereinbarung - dem eigentlichen Arbeitszeitmodell - festgelegt. Das
zugrundeliegende Konto gibt allerdings oft einen Rahmen für zu wählende Modelle vor. So
kann eine Unterscheidung der Kontenarten im Bezug auf die Laufzeit vorgenommen werden. Zu
nennen sind hierbei Jahresarbeitszeitkonten, Langzeitarbeitskonten oder sogar
Lebensarbeitszeitkonten. Es ist offensichtlich, dass die Flexibilität der Konten mit
längerer Laufzeit zunimmt, da bei kurzfristigen Arbeitszeitkonten zumindest einmal in der
Abrechnungsperiode ein Ausgleich herbeigeführt werden muss. Üblicherweise ist damit der
Zeitraum für das Ansammeln von Stunden für Sabbaticals, Kinderpausen oder Vorruhestand
nicht gegeben. Ein weiterer Unterschied sind geld- oder zeitgeführte Arbeitszeitkonten.
Hierbei wird zwischen der "Währung" und damit auch der Nutzung angesammelter
Arbeitszeit unterschieden. Auch die Verfügungsmöglichkeiten variiereren. So gibt es
häufig Modelle, die dem Mitarbeiter nur eine beschränkte Autonomie innerhalb gewisser
Grenzwerte einräumen. Bei Ampelmodellen zum Beispiel werden drei Phasen unterschieden. In
Abhängigkeit von der Anzahl gesammelter Stunden kann der Mitarbeiter entweder frei oder
in Abstimmung mit dem Vorgesetzten über den Auf- und Abbau von Stunden entscheiden. Nur
in Extremfällen wird der Vorgesetzte von seiner Weisungsbefugnis gebrauch machen. Diese
Auflistung macht deutlich, dass Arbeitzeitkonten sowohl restriktiv, als auch sehr flexibel
gehandhabt werden können.
2 Im Trend und doch ungeeignet
Einige Möglichkeiten des Arbeitszeiteinsatzes sind zwar
relativ populär und modern aber dennoch vollkommen ungeeignet für eine Einführung im
fraktalen Unternehmen. Besonders aufgrund der von Arbeitgebern als einengend empfundenen
Gesetzgebung ist eine Zunahme der Zeitarbeit zu verzeichnen. In weiten Teilen der
Arbeitszeitdiskussion wird der Einsatz von Zeitarbeit als Möglichkeit propagiert, die
Kapazitätsauslastung zu verbessern. Dabei ist jedoch zu beachten, dass Zeitarbeiter
aufgrund der häufig wechselnden Positionen keinesfalls die für ein fraktales Unternehmen
erforderliche Identifikation mit einer Firma zeigen. Fraglich ist auch, ob die für ein
fraktales Unternehmen so wichtige Unternehmenskultur in beschränkter Zeit vermittelt
werden kann. Auch KAPOVAZ (kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit) kann unter diesem
Aspekt als unpassend eingestuft werden. Auch wenn man hiermit dem Ziel einer verbesserten
Engpassvorbeugung näher kommt, ist die Arbeitszeitsouveränität des Mitarbeiters gleich
null. Beide Modelle sprechen zudem vergleichsweise niedrig qualifizierte Kräfte an und
stehen damit dem Bedarf an hochqualifizierten Mitarbeitern in einer fraktalen Umgebung
diametral entgegen.
3 Gleitzeit
Einfache Gleitzeit ermöglicht den Beginn und das Ende der täglichen
Arbeitszeit frei zu wählen. Bei qualifizierter Gleitzeit kann der Mitarbeiter auch über
die Dauer der täglichen Arbeitszeit frei entscheiden. Meistens wird die Gleitzeit um eine
Kernarbeitszeit gelegt. Dieses Modell deutet Grundzüge der zeitlichen Selbstbestimmung
an. Es ist allerdings weiterhin stark zeitorientiert und bietet darüber hinaus keinen
echten Abstimmungsrahmen mit anderen Teammitgliedern. Die Kernarbeitszeiten zeigen, dass
echte Zeitsouveränität in diesem Zusammenhang keine Bedeutung hat. Andererseits
eröffnet Gleitzeit die Chance ein Arbeitszeitbewusstsein einzuführen und bedeutet oft
den ersten Schritt hin zu einer flexibleren Arbeitszeitgestaltung. Problematisch ist
allerdings die weite Definition des Begriffes. Im Endeffekt kann so gut wie jede
zeitorientierte Arbeitszeitregelung mit flexiblen Elementen als Gleitzeit bezeichnet
werden. Trotz allem ist die Urform aller flexiblen Arbeitszeitmodelle für den Einsatz in
fraktalen Fabriken nicht flexibel genug.
4 Servicezeiten
Servicezeiten werden oft auch als Funktions- oder Ansprechzeiten
bezeichnet. In diesem Modell stellen entweder einzelne Mitarbeiter oder komplette Teams
die Anwesenheit in einem bestimmten Zeitraum eigenverantwortlich sicher. Da die
Fokussierung auf interne oder externe Kunden das zentrale Element dieses Systems
darstellt, ist offensichtlich, dass die Servicezeit primär und ursprünglich für den
Dienstleistungsbereich konzipiert wurde. Dennoch weist das Modell eine Reihe von Punkten
auf, die seinen Einsatz auch im Produktionsbereich sinnvoll erscheinen lassen. So ist bei
der Servicezeit eine eindeutige Ausrichtung auf die Kundenbedürfnisse und nicht mehr auf
den klassischen Arbeitszeitrahmen feststellbar. Die mit der Einführung der Servicezeit
einhergehende Abschaffung von Kernarbeitszeiten drücken eine weitreichende Zeitautonomie
aus. Auch die Absprache mit Kollegen ist unabdingbar, um eine gleichmäßige Versorgung
der Kunden sicherzustellen. Nach der Einführung können fast überall Motivationsschübe
beobachtet werden. Die Servicezeit kann sicherlich wenn auch in beschränktem Maße
eine Grundlage für einzelne Gruppen in einem fraktal organisierten Umfeld
darstellen. Problematisch könnte sich hingegen auswirken, dass die Kundenorientierung der
Servicezeit in einem Produktionsprozess an ihre Grenzen stoßen wird. Es ist davon
auszugehen, dass der "Kunde" (sprich die Einheit, der zugearbeitet wird) einem
bestimmten Takt folgt oder dass sich bestimmte Vorgänge in einer Produktion nur innerhalb
gewisser Zeitrahmen darstellen lassen.
5 "Time Care" Modell
Der Time-Care Ansatz stammte ursprünglich aus dem Klinikbereich,
mittlerweile wird er aber in abgewandelter Form auch in der Produktion verwendet. Es
handelt sich hierbei um ein vollständig computergestütztes Modell, was keine Schichten
sondern nur noch einzelne Stunden kennt. Time Care fungiert dabei als Stundenbaukasten,
den sich jeder Mitarbeiter nach Bedarf konfigurieren
kann. Berechnungszeitraum ist nicht automatisch ein Jahr, sondern die vom Unternehmen
benötigte Zeit oder Periode für eine Aufgabe oder ein Projekt. Das Unternehmen
entwickelt dafür ein Anforderungsmodell, welches keine festgeschriebene Besetzung mit
bestimmten Mitarbeitern vorsieht, sondern gibt nur noch Bandbreiten und
Mitarbeiteranforderungen vor. Der Mitarbeiter kann dann seine Stundenwünsche vor Beginn
der Aufgabe erfassen. Es folgt eine elektronische Abstimmung mit dem durch die
Unternehmensleitung erstellten Anforderungsprofil. Sollte eine Deckung von Anforderungen
und Angebot nicht gegeben sein, fordert der Computer zur Abgabe weiterer Angebote oder
Neubenennungen auf. Mit der Einbeziehung von Fähigkeitsparametern lassen sich so auch
komplexere Aufgaben unter mehreren Mitarbeitern aufteilen. Problematisch ist auch hier
wieder die auf Anwesenheit basierende Zielorientierung aus dem Servicebereich. Ein
weiterer Punkt ist die strenge Ausrichtung auf die Arbeitsdauer der sehr hohen
Autonomie im Bezug auf Arbeitszeit steht eine strikte Vorgabe der Arbeitsdauer gegenüber.
Auch die Flexibilität ist eingeschränkt, da der Mitarbeiter sich zu Beginn des Projektes
über seine Arbeitszeitwünsche im Klaren sein und sich verbindlich für diese Stunden
eintragen muss. Inwieweit eine gruppeninterne Entscheidung ermöglicht oder gefördert
wird ist nicht klar. So kann die computerisierte Entscheidungsfindung zu einem Verkümmern
der Gruppenkommunikation führen oder nur bewirken, dass die in der Gruppe getroffene
Entscheidung formal im Computer erfasst wird und somit den Verhandlungsvorgang nicht
außer Kraft setzt. Auf der anderen Seite ist das Modell außerordentlich fair (da die
Software die Entscheidungen übernimmt) und stellt eine neuartige Flexibilität in
Bereichen vor, in der Anwesenheitsbedarf herrscht. Im Produktionsbereich ist hierbei vor
allem an großindustrielle Anlagen zu denken. Da eine vollständige Loslösung von der
Zeitorientierung in diesen Bereichen nicht denkbar ist, kann ein solches Modell auch im
fraktalen Unternehmen eine brauchbare Möglichkeit darstellen, um den Mitarbeitern
Freiheit und Selbstbestimmung näher zu bringen.
6 Job-Sharing
Es ist sicherlich falsch, Job-Sharing als Arbeitszeitmodell zu
bezeichnen aber die mit den verschiedenen Arten des Job-Sharing verbundenen Freiheiten und
Pflichten der Arbeitnehmer sind in vielerlei Hinsicht wegweisend und könnten zumindest
teilweise gute Chancen auf Umsetzung in einem fraktalen Unternehmen haben. Im Normalfall
obliegt es zwei Arbeitnehmern, einen Arbeitsplatz zu besetzen und ein geplantes
Arbeitspensum zu erfüllen. Oft haben dabei die Beteiligten die volle Verantwortung
bezüglich der Aufteilung der Arbeit und der Anwesenheit am Arbeitsplatz. Dazu bedarf es
nicht nur einer sehr guten Koordination sondern auch eines hohen
Verantwortungsbewusstseins. Unterschieden wird bei dieser Arbeitsforum unter anderem
Job-Splitting, Job-Pairing und Split-Level-Sharing. Job-Splitting bezeichnet das Teilen
eines Arbeitsplatzes unter mehreren Arbeitnehmern, Job-Pairing das Zusammenlegen von
Arbeitsplatzinhalten unter gleichzeitiger Übertragung der Verantwortung für die
Erledigung des Arbeitspensums unter den Betroffenen Mitarbeitern und Split-Level-Sharing
beschreibt eine funktionale Arbeitsplatzteilung bei der die Arbeit nach den
Arbeitsinhalten aufgeteilt wird. Die Chancen auf einen erfolgreichen Einsatz im fraktalen
Unternehmen sehe ich aufgrund der hochintegrierten und selbständigen
Mitarbeiterkoordination. Es ist davon auszugehen, dass die Motivation nicht nur im
Hinblick auf die neugewonnene Verantwortlichkeit steigt, sondern auch durch die
hinzugewonnene Selbständigkeit. Weiterhin ist es möglich, dass die Mitarbeiter,
Fehlzeiten Einzelner (z.B. Fortbildungsmaßnahmen, Krankheit, ...) überbrücken aber auch
längere Abwesenheitszeiträume (Schwangerschaft, Erziehungszeiten, ...) anpassungsfähig
zu organisieren. Eine Ergebnisorientierung ist deutlich erkennbar.
7 Vertrauensarbeitszeit
In ihrer optimalen Form verzichtet die Vertrauensarbeitszeit auf
jegliche Zeitkontrolle durch den Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer handelt vollständig
eigenverantwortlich und orientiert sich ausschließlich an dem Ergebnis seiner Arbeit
die Zeit ist nicht mehr maßgeblicher Faktor. Die weitreichenden Freiheiten, die
Mitarbeiter in dieser Arbeitszeitform gewährt werden schließen Restriktionen wie
Kernarbeitszeiten oder eine starr vorgegebene Arbeitsdauer aus. Die Vertrauensgleitzeit
ist theoretisch die einzige Arbeitszeitform, bei der eine vollkommene und durchgängige
Ergebnisorientierung möglich ist. In diesem Sinne erscheint der Ausdruck
"Arbeitszeitmodell" nicht mehr angebracht. Daher ist der Einsatz von
Arbeitszeitkonten zumindest konzeptuell nicht mehr notwendig.
Vertrauensarbeitszeit lässt sich ausgesprochen gut in Teams integrieren und schafft somit
eine optimale Basis für aufeinander abgestimmtes Handeln mit Kollegen. Die dem einzelnen
übertragene Verantwortung geht insofern auf das gesamte Team über, als jedes
Teammitglied nur im Rahmen der von seiner Gruppe gesetzten Grenzen frei über seine
Arbeitszeit entscheiden kann. Dieses Modell stellt extrem hohe Anforderungen an die Kultur
eines Unternehmens und kann nur zu Erfolg führen, wenn bereits ein hoher Grad an
Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Führungskräften besteht. Aufgrund der genannten
Faktoren bietet sich dieses Modell als Ideallösung für ein fraktales Unternehmen an. Es
stellt sicher, dass der Mitarbeiter in bisher unbekanntem Ausmaß frei über seine
Arbeitszeit verfügen kann und garantiert parallel dazu dem Unternehmen die Ausführung zu
erledigender Aufgaben ohne großen administrativen Aufwand. Insgesamt kann jedoch davon
ausgegangen werden, dass eine vollständige Umsetzung des theoretischen Modells nicht
funktionieren wird. Selbst wenn das Unternehmen bereit wäre, auf Arbeitszeitkontrollen zu
verzichten, muss es gesetzlichen und tariflichen Anforderungen gerecht werden, was eine
Kontrolle der Arbeitszeit als Grundlage der Entlohnung unabdingbar macht. Hinzu kommt,
dass die Vertrauensarbeitszeit einen hohen Grad an Selbstorganisation bei allen
beteiligten Mitarbeitern voraussetzt. Dadurch, dass das Unternehmen auf das Überwachen
von Arbeitszeiten verzichtet, kann es in Extremfällen nicht mehr regelnd eingreifen.
8 Baukastenmodell
Das Baukastenmodell sieht nichts anderes als die Einführung
unterschiedlicher Arbeitszeitmodelle in verschiedenen Unternehmensbereichen vor. Es ist
damit kein eigenes Konzept, führt aber vor Augen, dass es "das eine" Konzept
für ein Unternehmen nicht geben kann.
9 Erfahrungen
Berichte über die Einführung von innovativen Arbeitszeitmodellen
zeigen, dass keines dieser Modelle ohne weitreichende Anpassungen übernommen werden kann.
Weiterhin ist Arbeitszeitmanagement nur sinnvoll, wenn es in ein umfassendes
Beschäftigungsmanagement eingebettet ist, was finanzielle sowie kulturelle Aspekte
beinhaltet. Diese Maßnahmen müssen im Sinne der Unternehmensstrategie schlüssig in ein
Gesamtkonzept integriert sein, was in der Praxis nur selten der Fall ist. Es gibt
genügend Anzeichen in der Praxis, die von einer weitgehenden Geringschätzung der
Arbeitszeitgestaltung durch das Management zeugen und zeigen, dass dieser Punkt keineswegs
als strategisches Instrument verstanden wird. Dabei ist erwiesen, dass sich die Effizienz
des Faktors Personal als zentralem Bestandteil der Wertschöpfungskette durch den Einsatz
des richtigen Arbeitszeitmodells erheblich steigern lässt. Von wesentlicher Bedeutung
sind hierbei die Faktoren Motivation und Verantwortlichkeit. Nicht zu verkennen ist der
Einfluss flexibler Arbeitszeitgestaltung auf die Weiterentwicklung der
Organisationsstrukturen. Meistens gehen mit der Einführung von innovativen
Arbeitszeitmodellen organisatorische Veränderungen einher, die automatisch eine
optimierte Ressourcenplanung mit sich bringen. Alle erfolgreichen Modelle haben durch
einen gelenkten Beteiligungsprozess während der Einführung jeden Betroffenen
miteinbezogen. Da Innovationen von den Mitarbeitern getragen werden müssen dürfen
Konzepte solcher Tragweite nicht isoliert entwickelt und umgesetzt werden. Ein
professionelles Projektmanagement ist erforderlich, um die Einbindung aller Beteiligten
sicherzustellen.
Unter vorgenannten Aspekten verwundert es nicht, dass die Erfahrungen
mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und besonders mit vertrauensbasierten Modellen sehr
stark differieren. Gemäß einer Studie von KPMG gibt es keine Anhaltspunkte für
entscheidende Leistungsunterschiede durch vertrauensbasierte Modelle. Hierbei wurden
allerdings weder die Art der Einführung, noch das Umfeld, in dem das Modell zum Einsatz
kam erforscht. Auch die Messmethoden werden nicht erläutert und es bleibt unklar, ob die
Umfrage repräsentativ ist. Weitere Erfahrungen geben Aufschluss über die Haltung des
Management zur Vertrauensarbeitszeit : So konnte nachgewiesen werden, dass diese Art der
Arbeitszeitgestaltung vor allem dort erfolgreich implementiert wird, wo Spitzenkräfte
sich gegenseitig ein hohes Maß an Vertrauen entgegenbringen. So ist auch zu erklären,
dass in manchen Unternehmen die Zeitrationalisierung durch Eigenregie nicht nur auf
Mitarbeiterebene sondern auch in der Führungsetage auf großen Widerstand stößt,
während in anderen Unternehmen das genaue Gegenteil beobachtet werden kann. Interessant
ist auch, dass in Betrieben, in denen eine erfolgreiche Implementierung in einem Bereich
stattgefunden hat, ein "Dominoeffekt" einsetzt und normalerweise zu einem
breiten Interesse innerhalb des gesamten Unternehmen führt.
10 Beispiele
Beispiele für die erfolgreiche Umsetzung von flexibler wie auch
vertrauensbasierter Arbeitszeit gibt es viele. Auffällig ist hierbei, dass die
Unternehmensgröße keine gravierende Rolle spielt. Es scheint, als habe die flexible
Arbeitszeit mit dem Einsatz in Großkonzernen wie DaimlerChrysler und Volkswagen einen
Durchbruch erringen können. Während bei DaimlerChrysler Langzeitarbeitszeitkonten für
hochqualifizierte Arbeitskräfte eingeführt werden, eröffnet Volkswagen mit dem
5000x5000 Projekt die Möglichkeit eigenverantwortliches und ergebnisorientiertes Arbeiten
auf breiter Ebene in Industriebetrieben einzuführen. Mittelständler können, wie der
holzverarbeitende Betrieb Hasenfuss zeigt, erfolgreich eigene Modelle entwickeln und
anwenden. In diesem Fall konnten nicht nur bestehende Kapazitäten massiv besser genutzt
werden, sondern der Krankenstand ging deutlich zurück und neue Produkte konnten
entwickelt werden. Auch BMW kann auf gute Resultate mit neuartigen Arbeitszeitverfahren
verweisen. Bei Einführung eines neuen Arbeitszeitmodells in den BMW Motorradwerken galt
als Zielvorgabe die Verkürzung der Lieferzeit um 50%. Die Leitung gibt bei diesem
Verfahren einen Rahmen vor, die Teams organisieren sich innerhalb dieses Zeitrahmens
selber. Ergebnis sind variierende Schichtlängen und Wochenarbeitszeiten : Während 70%
der Jahresproduktion von Januar bis Juli produziert wird (was bedeutet, dass auch an 7
Samstagen gearbeitet wird), gilt von August bis Dezember die 4 Tage Woche. Am Beispiel von
Siemens wird deutlich, dass die erfolgreiche Einführung von Vertrauensarbeitszeit in
einem Unternehmensbereich zu derart positiven Erfahrungen führen kann, dass eine
Kettenreaktion ausgelöst wird. Nachdem am Standort München erste Testläufe
außerordentlich gutes Feedback unter Mitarbeitern und Vorgesetzten hervorriefen, wird
diese Methodik jetzt konzernweit eingesetzt. Als positives Beispiel für den Einsatz
flexibler Standardarbeitszeiten im Verbund mit Vertrauensarbeitszeit kann die
Hoesch-Rasselstein GmbH dienen. Die Orientierung des Modells am Arbeitsanfall führt zu
einer eigenständigen Absprache der Mitarbeiter untereinander. Das Modell offeriert den
Mitarbeitern weitreichende Unabhängigkeit und überträgt zum Beispiel die
Personaleinsatzplanung sowie das Kapazitätsmanagement den Mitarbeitern selbst. Das
Problembewusstsein für andere Teams wurde durch den Personalaustausch zwischen den
Gruppen erhöht. Diese Kenntnisse ermöglichen eine systematische
"Nachbarschaftshilfe" mit anderen Teams sowie eine übergreifende
Kompetenzentwicklung. Der Erfolg dieses Modells basiert auch darauf, dass den Mitarbeitern
passende Werkzeuge zur Arbeitsanalyse an die Hand gegeben wurden und die Konzeption unter
Einbeziehung derjenigen stattfand, die das Modell später nutzten. Die Firma Webasto
beabsichtigt noch einen Schritt weiter zu gehen. Anstatt eines üblichen Arbeitsvertrages
,"der dem Arbeitnehmer die Zeit abkauft" plant man einen Funktionsvertrag, der
einen Mitarbeiter nur noch zur Erfüllung einer bestimmten Aufgabe bis zu einem bestimmten
Zeitpunkt verpflichtet.
11. Fazit
Zwischen den Zielen des fraktalen Unternehmens und einigen
Arbeitszeitmodellen ist eine offensichtliche Zielkongruenz festzustellen. Allerdings sind
sowohl die fraktale Fabrik, als auch das ausschließlich auf Vertrauen basierte
Arbeitsmodell in der Praxis nur schwer vollständig umsetzbare Theorien. Es versteht sich
von selbst, dass in einem auf Selbständigkeit und Zielorientierung ausgerichteten
Unternehmen die Zeit als "Währung" und Grundlage für Anerkennung und
Entlohnung ausgedient haben sollte. Leider ist dies eine idealtypische Annahme, die sich
in Reinstform selten oder nie verwirklichen lässt. Umso erfreulicher ist es, dass
einzelne Elemente dieser beiden Theorien in der Praxis mit großem Erfolg umgesetzt werden
und zwar von Unternehmen unterschiedlichster Größe. Erwähnenswert ist auch, dass die
Definitionen der verschiedenen Arbeitszeitmodelle oft schwammig sind, was insofern
verständlich ist, dass im Prinzip jedes Unternehmen sein eigenes Arbeitszeitmodell unter
Einbindung aller Beteiligter konstruieren muss. Eine generelle Verallgemeinerung ist
unmöglich, da allen Modellen gemein ist, dass sie nur eine Grundlage für
teilweise umfassende Anpassungen auf das jeweilige Unternehmen sind. Die Parameter
sind hierbei die Zeitsouveränität des Einzelnen, die Ergebnisorientierung und die
Kontrolle der Arbeitszeit.
Es ist jedoch offensichtlich, dass der ausschlaggebende Dreh- und
Angelpunkt die Kultur des Unternehmens als solche ist. Faktoren, die sich dem Konzept der
fraktalen Fabrik widersetzen, werden auch versuchen, die Einführung innovativer
Arbeitszeitregelungen zu verhindern. Auf der anderen Seite ist davon auszugehen, dass der
Einsatz moderner Arbeitsmethoden in einem aufgeschlossenen Umfeld - wie es ein fraktales
Unternehmen per definitionem sein muss - auf keine großen Probleme stoßen dürfte. Auch
wenn es Methoden gibt, die in einer offenen Unternehmenskultur zu größeren
Produktivitätssteigerungen führen als andere Methoden, ist damit all den Betrieben nicht
geholfen, die noch in archaischen Formationen verharren. Die Mammutaufgabe dürfte die
erstmalige Einführung entweder einer neuen Arbeitszeitregelung oder einer unbekannten
Organisationsform sein die Suche nach dem zweckmäßigsten "Gegenstück"
ist bloß ein logischer und ergänzender Schritt.
Literaturverzeichnis :
- Warnecke, Hans-Jürgen: Revolution der Unternehmenskultur, Das fraktale Unternehmen,
Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg-New York, 1993
- Warnecke, Hans-Jürgen: Aufbruch zum fraktalen Unternehmen, Springer-Verlag,
Berlin-Heidelberg-New York, 1995
- Masaaki Imai, Kaizen, Ullstein Verlag, Frankfurt-Berlin, 1993
- Womack, James P., Die Zweite Revolution in der Autoindustrie, Campus Verlag,
Frankfurt-New York, 1992
- GeoWissen, Chaos und Kreativität, Gruner + Jahr AG, Hamburg, 1993
Artikelverzeichnis :
Handelsblatt, 8.11.2001; "DaimlerChrysler richtet Langzeitkonten ein"
Personalwirtschaft Nr. 10, 01.10.2001, Seite 6;
"Volkswagen AG Neue Abläufe in der Automobilproduktion"
VDI Nachrichten, Band 50, Heft 023, 07.06.1996, Seite 13;
"Arbeitszeiten Modelle aus der Praxis"
Personalwirtschaft Nr. 6, 01.06.2001, Seite 22; "Flexibles
Beschäftigungsmanagement"
Personalwirtschaft Nr. 6, 01.06.2001, Seite 28; "Wettbewerbsvorteile durch
Flexibilität"
Personalwirtschaft Nr. 6, 01.06.2001, Seite 38; "Von der Stechuhr zur
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Personal Nr. 11, 01.11.2001, Seite 644; "Innovative Arbeitszeitmodelle"
Personal Nr. 2, 01.02.2001, Seite 78; "Viele Wege zu flexibler Arbeitszeit"
Personal Nr. 2, 01.02.2001, Seite 84; "Vertrauensarbeitszeit auf dem
Vormarsch"
- Personal Nr. 10, 01.10.2001, Seite 550;
"Langzeit- und Lebensarbeitszeitkonto : Grundfragen und Entwicklungstrends"
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