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Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-41025-1
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Flexibilitätskennzahlen in der Zulieferindustrie
Ein Beitrag von Dietmar Lohr |
Thema des Monats Dezember 2004
Stand: 02.07.2008 |
Die Einführung von ERP-Systemen in der Zulieferbranche erfüllt
in wenigen Fällen die Erwartungen der Anwender. Ist es die fehlende Funktionalität im
Softwaresystem, die den Benutzer verzweifeln läßt? Das kann zwar ein Grund sein, aber
häufig liegt es schlicht an der falschen Funktionsauswahl, mit der die einzelnen
Geschäftsprozesse gesteuert werden.
Zulieferunternehmen sind auf der einen Seite gezwungen, flexibel
auf die Anforderungen der Kunden zu reagieren. Das heißt, sie müssen sich jederzeit auf
die Abrufschwankungen der Abnehmer einstellen. Auf der anderen Seite sind sie gezwungen
Produktionsaufgaben an Fremdfertiger und Lieferanten zu vergeben, da sie selbst gar nicht
in der Lage sind, die entsprechenden Arbeiten auszuführen. In diesem turbulenten Umfeld
wird oftmals auf das Hilfsmittel ERP-System zurückgegriffen. Zumindest die Anfangsphase
der Softwareeinführung ist dadurch gekennzeichnet, daß in der Euphorie alle möglichen - und unmöglichen - Aufgaben gesammelt und ganz detailliert in der Software nachgebildet werden.
Ob dieser Aufwand wirklich gerechtfertigt ist oder dadurch die gewünschte Flexibilität
im Unternehmen verloren geht, wird oft erst nach der Einführung bemerkt.
Die Basis sind charakteristische Geschäftsvorfälle
Das sprichwörtliche "Schießen mit Kanonen auf
Spatzen" läßt sich dadurch vermeiden, daß zuerst einmal die Kernprozesse aus der
Aufgabenvielfalt herausgefiltert werden. Jeder dieser Leistungsprozesse wird im ersten
Schritt über einen charakteristischen Geschäftsvorfall dokumentiert. Der
Geschäftsvorfall ist dadurch gekennzeichnet, daß alle Informationen zu einem Endprodukt
zusammengestellt werden, und zwar von den einzelnen Abrufen in der Disposition, über die
bestehenden Arbeitsanweisungen in der Fertigung und die Einkaufsunterlagen für die
Zukaufsteile bzw. Rohstoffe, bis hin zu den Versandanweisungen. Anhand der Daten kann der
Gesamtprozeß für dieses charakteristische Teil dargestellt und analysiert werden.
Welcher Steuerungsansatz dann zukünftig auf einer Prozeßstufe
zum Einsatz kommt, hängt einerseits von den Anforderungen und andererseits von den
organisatorischen bzw. technischen Gegebenheiten ab. Konkret bedeutet das: Die Sachzwänge
entscheiden, ob z.B. eine Steuerung nach MRP (material requirement planning), Kanban oder
Fortschrittszahlen verwendet wird. Und genau diese Sachzwänge gilt es anhand der
charakteristischen Geschäftsvorfälle zu messen.
Bedarfsschwankungen legen die geforderte Flexibilität fest
Aus den Anforderungen, die auf ein Zulieferunternehmen und
im Detail auf jede einzelne Prozeßstufe wirken, kann die Häufigkeit der
Bedarfsschwankungen herausgehoben werden. Dieses Maß legt die geforderte Flexibilität an
den Planungsalgorithmus fest. Die notwendigen Kennzahlen werden dabei aus den einzelnen
Abrufeinteilungen gewonnen. Die Abrufe gilt es über einen längeren Zeitraum zu sammeln
und auszuwerten, um dadurch längerfristige Tendenzen zu erkennen.

Abb.1: Meßpunkte für Bedarfsschwankungen
Die Kennzahlen sind im einzelnen:
- Festschreibungsspanne
Gemessen wird die Differenz der Zeitpunkte (in Zeiteinheiten), an denen zwei aufeinander
folgende Abrufe im Unternehmen eingehen.
- Bedarfserhaltungshorizont
Der erste Zeitpunkt, an dem die Bedarfsanforderungen des neuen Abrufs vom bisher gültigen
Abruf abweichen, legt das Ende des Bedarfserhaltungshorizonts fest.
-Zeitspanne des Bedarfserhaltungshorizonts
-Höhe der ersten Abweichung zweier Abrufe (z.B. in Prozent)
- Abrufzeitraum
Über den Gesamtzeitraum eines einzelnen Abrufs können einerseits Auswertungen über den
Bedarfsverlauf innerhalb des Abrufs und andererseits Informationen über die
Gesamtveränderungen zwischen verschiedenen Abrufen durchgeführt werden.
Aus der Reihe der einzelnen Abrufeinteilungen werden jeweils die
aufeinanderfolgenden Abrufe miteinander verglichen, und die so gewonnenen Kennzahlen über
statistische Maßzahlen zueinander in Beziehung gesetzt werden. Der arithmetischen
Mittelwert legt beispielsweise die mittlere Zeitspanne des Bedarfserhaltungshorizonts
fest. Ob dieser Wert jedoch brauchbar ist bzw. ob mit diesem Wert vorausschauend
gearbeitet werden kann, muß zusätzlich betrachtet werden. Dazu dient die Varianz: Sie
beschreibt die Streuung der Einzelwerte. Das heißt, je größer die Varianz, desto
ungenauer wird ein berechneter Mittelwert. Und das bedeutet für die Steuerung, daß sie
bei einer großen Varianz sehr flexibel sein muß. Ist dies unmöglich, so gilt es die
Schwankungen durch Lagerbestand auszugleichen.
Reaktionszeiten sind das Trägheitsmoment
Alleine von den Bedarfsschwankungen läßt sich das
geeignete Planungsverfahren nicht ableiten, denn außer den Anforderungen spielt auch die
Reaktionsfähigkeit der eigenen Produktion bzw. der am Produktionsprozeß beteiligten
Partner eine wesentliche Rolle. Können Bedarfsschwankungen (z.B. 10%) überhaupt von der
Organisation und den technischen Gegebenheiten verkraftet werden? Um auf diese Frage eine
Antwort zu finden, ist es unabdingbar, daß der Gesamtprozeß in die einzelnen
Fertigungsstufen aufgeteilt wird. Mit den nachfolgenden Kenngrößen läßt sich dann die
Reaktionsfähigkeit messen:
- maximaler Ausstoß pro Tag
Anzahl der Teile, die an einem Tag gefertigt werden können. In diesem Erfahrungswert
werden Größen, wie Kapazitätsangebot, Kapazitätsbelastung und Werkzeugstandzeiten
erfaßt. Ein Anhaltspunkt geben dabei die Rückmeldungen aus der Vergangenheit.
- Durchlaufzeit pro Fertigungsstufe
Zeitdauer, die ein Teil vom Eingang der Unterteile bis zur endgültigen Weitergabe in der
Kapazitätseinheit verweilt. Wichtige Kenngrößen sind hier die Produktionszeit und die
technisch bedingten Liegezeiten (Trocknungs-, Aushärtungszeiten, etc.).
- Qualifikation der Mitarbeiter
Können die Mitarbeiter eines Produktionsbereiches logistische Aufgabenstellungen lösen?
- Abwicklungszeit im Wareneingang und -ausgang
Verweildauer von Teilen, die entweder versandt oder vereinnahmt werden. Hier gilt es auch
die Zeitspanne zu betrachten, in der die Teile einer Qualitätssicherung zugeführt
werden.
- Wiederbeschaffungsbedingungen
Werden Teile fremdgefertigt oder eingekauft, so gilt es die Reaktionsfähigkeit des
Partners zu erfassen. Welche Zeitspanne benötigt er, um auf Bedarfsveränderungen zu
reagieren? Können geringe Schwankungen (bis z.B. 10%) sofort bedient werden? Ist eine
Bestellung losgrößenabhängig?
- Wertschöpfung
Kosten, die das Teil in der Fertigungsstufe verursacht. Zusätzlich ist der Wert des
Teiles interessant, den es nach der Bearbeitung erreicht. Ein aufwendiges
Planungsverfahren für eine geringe Wertschöpfung ist fraglich, da unter Umständen ein
geeigneter Lagerbestand kostengünstiger ist.
- Lagerkapazitäten
Lagerplatz, der für die Teile verfügbar ist. Gerade bei großvolumigen Teilen kann die
Lagerkapazität Einfluß auf die Planung haben.
- Transportkapazitäten
Transportrestriktionen, z.B. Lieferung erfolgt nur bei Bestellung eines vollen LKWs
oder die Lieferung wird nur an bestimmten Tagen durchgeführt.
-
Obwohl diese Werte oftmals nur Näherungen des tatsächlichen
Geschehens darstellen, erkennt man schnell den Engpaß im Gesamtprozeß. Und genau dieser
ist der Ansatzpunkt für die geeignete Steuerung, denn die Planungsverfahren der einzelnen
- zumindest dieser und der
vorgelagerten - Fertigungsstufen
werden auf den Engpaß ausgerichtet.
Jeder Steuerungsansatz stellt seine Anforderungen an die
Organisation
Wird nun ein bestimmtes Planungsverfahren auf einer
Prozeßstufe eingesetzt, so stellt es außer den Möglichkeiten auch
Anforderungen an die Organisation und die Qualifikation der Mitarbeiter.

Abb. 2: Anforderungen an die Unternehmensorganisation
Zum Beispiel muß in Unternehmen, in denen vorwiegend eine
Steuerung nach MRP-Prinzipien installiert ist, die zentrale Fertigungssteuerung als
Planungs- und Steuerungsstelle erhalten bleiben. Kanban und Fortschrittszahlen arbeiten
hier flexibler, aber diese Planungsverfahren stellen auf der anderen Seite höhere
Anforderungen an die Qualifikation der Mitarbeiter in der Produktion. Hat ein Unternehmen
für einen Auftragsbestand nur begrenzte Kapazitäten zur Verfügung, so muß
eine vorausschauende Produktionsplanung durchgeführt werden. Und somit fällt Kanban für
die Steuerung aus, da es nur auf Basis des Jetzt steuert. Ist Selbstverantwortung in den
einzelnen dezentralen Produktionsbereichen bei gleichzeitig vorausschauender Planung als
Steuerungsform gefordert, so kommt der Fortschrittszahlenansatz in Frage. Spätestens zu
dem Zeitpunkt, an dem feste Reservierungen auf Vormaterialien getätigt werden, kann auf
eine MRP-Steuerung nicht verzichtet werden.
Zusammenfassend kann man festgehalten: Nicht nur die
ERP-Software entscheidet über den Einführungserfolg, sondern auch die richtige Auswahl
des Planungsalgorithmus. Daher können Flexibilitätskennzahlen eine entscheidende Hilfe
bei der Auswahl bieten.
Literatur:
W.Eversheim, G.Schuh: Betriebshütte, Produktion und Management,
7. Auflage, S.14.83 ff Springer Verlag, Berlin
D.Lohr: Komplexe Produkte einfach steuern, Das Konzept
Fortschrittszahlen, 1996, S.141 VDI-Verlag, Düsseldorf |
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