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Handbuch Produktion
Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

Fraktale Organisation
Ein Beitrag von Rainer Kämpf und Helmuth Gienke

Thema des Monats April 2001

Stand: 02.07.2008

Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1

1 Was ist eine Fraktale Organisation?

Die Organisation unserer Fabriken ist durch vertikale, hierarchische Strukturen gekennzeichnet. Produktionsaufgabe und Geschäftsprozesse sind hingegen horizontal orientiert. Dies führt in der Regel zu Zeit- und Informationsverlusten sowie zu mangelnder Zuständigkeit. Schon seit langem versuchen wir, dieser Problematik durch Projektmanagement Herr zu werden. Das Konzept der Fraktalen Organisation kann man auch als den Ansatz bezeichnen, nicht vertikale, sondern horizontale Strukturen und Abläufe als den Normalfall im Sinne einer Bildung von Geschäfts- und Prozesseinheiten zu betrachten. Jedes Fraktal ist im größeren wie im kleineren Umfang eine solche horizontale Einheit, die markt- und produktorientiert oder technologiegesteuert zu gestalten ist. So sollen möglichst kleine und schnelle Regelkreise entstehen, wobei die zur Lösung der Aufgaben notwendige Kommunikation direkt in den jeweils betroffenen Fraktalen abgewickelt wird, da die erforderlichen Funktionen in Form von Mitarbeitern und Betriebsmitteln den Fraktalen direkt zugeordnet sind.

Die Einführung der Fraktalen Organisation hat umfassende Auswirkungen auf alle Unternehmensbereiche. Dazu gehören die Unternehmensstrategie, die Aufbau- und Ablauforganisation, die Technologieentwicklung, die Menschenführung und nicht zuletzt auch die Weiterbildung. Die Fraktale Organisation bietet die Chance, die Stärken der deutschen Industrie - Ausbildung, Fachkompetenz, den Wunsch zur Selbstentfaltung und Individualität - zu vereinen und die dadurch bedingten Nachteile des Ressort- und Kostendenkens zu überwinden Die Konzeption der Fraktalen Organisation verfolgt nicht den Grundgedanken, gänzlich neue Organisationsformen zu schaffen. Dies wäre kurzfristig auch gar nicht möglich. Der neue Ansatz besteht darin, Erkenntnisse, Erfahrungen und bestehende Lösungen in einem größeren Zusammenhang nutzbar zu machen und sie in einer langfristigen Vision umzusetzen.

Der Begriff "Fraktal" stammt aus der mathematisch-geometrischen Beschreibung natürlicher Strukturen bei lebenden Organismen und von Materie. Kennzeichen dieser Fraktale (von lat. fractus = gebrochen, fragmentiert) ist die Selbstähnlichkeit, d.h. jedes Bruchstück (Fraktal) eines "Ganzen" enthält wiederum die Gesamtstruktur des Ganzen. Die Verwendung dieses Begriffes im Rahmen der Unternehmensgestaltung verdeutlicht die Selbstähnlichkeit von Unternehmen und einzelnen Fraktalen: alle Fraktale des Unternehmens (Bereiche, Teams, Mitarbeiter) sind selbständige und eigenverantwortliche Unternehmenseinheiten, in denen die Unternehmensziele und unternehmerisches Denken und Handeln gelebt werden. Fraktale sind Unternehmen im Unternehmen. Jedes Fraktal verfolgt im kleinen die Ziele des Gesamtsystems und betreibt weitgehend Selbstorganisation und Selbstoptimierung. Die Merkmale Selbstorganisation, Selbstähnlichkeit und Dynamik haben deshalb auch im Fraktalen Unternehmen eine zentrale Bedeutung.

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Abb.1: Merkmale der Fraktalen Organisation

Das Fraktale Unternehmen ist definiert als ein offenes System» das aus selbständig agierenden und in ihrer Zielausrichtung selbstähnlichen Einheiten - den Fraktalen - besteht. Durch die Dynamik der Fraktale bildet das Fraktale Unternehmen im Ganzen einen vitalen Organismus. Ein Fraktal setzt sich jeweils aus einer Gruppe von Beschäftigten zusammen, die eine umfassende, ganzheitliche Aufgabe innerhalb einer internen oder externen Kunden-Lieferanten-Kette übernimmt. Eigenverantwortlich verfolgt ein Fraktal relevante Unternehmensziele für seinen Tätigkeitsbereich. Dem Mitarbeiter werden großzügige Gestaltungsspielräume eingeräumt, die sich nicht nur auf einzelne Arbeitsplätze beziehen, sondern ebenso auf die Strukturen innerhalb der Fraktale und auf die Beziehungen zwischen den Fraktalen.

Für jedes Fraktal müssen Ziele definiert und bereitgestellt werden. Um die Kundenorientierung im gesamten Unternehmen zu verinnerlichen, müssen diese Ziele bestimmte Anforderungen erfüllen. Sie müssen

  • im Einklang mit den Unternehmenszielen stehen,
  • mit den vor- und nachgelagerten Einheiten abgestimmt sein,
  • an Prozessen und nicht an Strukturen orientiert sowie
  • machbar und überschaubar sein

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Abb. 2: Merkmale von Fraktalen

2 Vorteile und Auswirkungen der Einführung des Fraktalen Unternehmens

Das Fraktale Unternehmen ist ein integrierender Ansatz, der neben den Dimensionen Technik und Organisation besonders die Dimension Mensch als Unternehmenspotential berücksichtigt. Ausgangspunkt aller Überlegungen des Fraktalen Unternehmens sind die Mitarbeiter. Sie sind Hoffnungsträger und Potentiale des Unternehmens. Bedeutende Leistungsfaktoren sind die Qualifikation und die Motivation der Mitarbeiter. Ausgehend vom Menschen als Mittelpunkt des Unternehmens müssen neue Werte und Leitbilder geschaffen werden, die diese Betrachtungsweise unterstützen. Häufig stehen sie den bisher vorherrschenden tayloristischen Denkweisen diametral gegenüber.

Ein Fraktal ist verantwortlich für einen Geschäftsprozeß mit definierten Ein- und Ausgangsgrößen. Es integriert verschiedene Funktionen, die zur Lösung der Aufgaben erforderlich sind. Es optimiert sich, indem es die am besten passenden Methoden zur Lösung der jeweiligen Aufgabe anwendet. Daraus ergeben sich Vorteile, für die hier nur einige Beispiele aufgeführt werden können:

  • Förderung und Nutzung aller Kreativitätspotentiale
  • interdisziplinäre Zusammenarbeit
  • ständiger Lernprozeß
  • kurze und schnelle Kommunikation
  • bessere betriebswirtschaftliche Erfassung der Prozesse und Produkte
  • bessere Zuordnung der Kosten
  • Koppelung von Einkommensverbesserungen an die Leistung des Fraktals

Die Identifikation der Prozesse geht vor allem vom Beziehungsgeflecht zwischen den Fraktalen aus. Beziehungen bedeuten in diesem Fall den Fluß von Material, Informationen sowie personelle Kontakte. Jedes Unternehmen muß für sich selbst, ausgehend von seinen (dynamischen) Zielsystemen, die wesentlichen Fraktale im Unternehmen identifizieren und gestalten, damit unternehmensspezifische Erfolgspotentiale zur Geltung kommen. Das Ziel dieser Produktionsstruktur liegt in der Fähigkeit zu unternehmerischem Denken und Handeln aller Bereiche und aller Mitarbeiter. Jedes Fraktal, also letztendlich jeder Arbeitsplatz, ist als eigenständiges Unternehmen zu betrachten. Eine bestimmte Leistung ist komplett zu erbringen und eine Aufgabenlösung selbständig einzuleiten. Die Aspekte Qualität, sparsamer Umgang mit Ressourcen, Zuverlässigkeit, Geschwindigkeit, Termintreue etc. spielen bedeutende Rollen. Treten Probleme (z.B. Kapazitätsengpässe) bei der Erfüllung von Anforderungen an das Fraktal auf, so kann kurzfristig von außen Unterstützung von zentralen Dienstleistungsbereichen oder anderen Fraktalen gefordert werden.

Es ist notwendig, immer neue Erfolgsfaktoren für das Unternehmen zu finden mit dem Ziel, eine selbständige Strukturierung der Fraktale zu gewährleisten. Fraktale sollen sich ohne äußeren Zwang selbständig gruppieren, um dem Ganzen zu dienen. Mit einer internen Selbstorganisation der Fraktale wird die Durchsetzung von Ideen durch selbständiges Verbessern unterstützt, egal woher die Ideen kommen. Aus diesem Grund müssen bei Weiterbildungsmaßnahmen nicht nur fachliche Inhalte vermittelt werden, sondern z.B. auch soziale Aspekte (z.B. Konfliktbewältigung) berücksichtigt werden. Führungsstile von Vorgesetzten müssen den Mitarbeitern die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten geben. Verantwortung und Kompetenz müssen delegiert und alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit - vor allem Zusammenarbeit - der Mitarbeiter von seiten des Vorgesetzten geschaffen werden.

Als wichtigster Motivationsbereich werden nach wie vor monetäre Anreize gesehen. Für Unternehmen ist es entscheidend, den richtigen Beurteilungsmaßstab für ihre Mitarbeiter zu finden. In einem Fraktal sind alle an der Zielerreichung beteiligt. Damit betrifft die Leistungsbewertung jeden in gleicher Weise. Im Konzept des Fraktalen Unternehmens wird Kritik an Individualbewertungssystemen geübt, weil dafür ein hoher Kosten- und Verwaltungsaufwand nötig wird, der nicht durch das Ergebnis gerechtfertigt ist Deshalb wird eine leistungsbezogene Entlohnung angestrebt, welche die Leistung des Fraktals als Grundlage hat.

Die Selbstorganisation im Fraktalen Unternehmen ist mehr als Gruppenarbeit. Eine gesamtheitliche, gemeinsam zu bearbeitende Aufgabenstellung muß verbunden sein mit der Schaffung erforderlicher Freiräume und - nicht zuletzt - der Verantwortlichkeit für das Ergebnis. Beispiele aus der Praxis zeigen, wie Unternehmen und Mitarbeiter hiervon profitieren:

  • Die Gestaltung der Arbeitssysteme orientiert sich an den tatsächlichen Erfordernissen.
  • Ressourcen werden optimal genutzt.
  • Verbesserungsmöglichkeiten und notwendige Veränderungen werden unmittelbar sichtbar gemacht und auch umgesetzt.
  • Die Planungstiefe wird optimiert; in vielen Fallen sinkt sie erheblich.
  • Die Kundenorientierung des Unternehmens kann ohne nennenswerten Aufwand deutlich gesteigert werden.
  • Der Wunsch des Mitarbeiters nach Selbstverwirklichung am Arbeitsplatz wird erfüllt.

Bei alledem ist eine ganzheitliche Orientierung erforderlich:

  • Dezentrale Entscheidungen erfordern entsprechende Informationen. Für ihre Aufbereitung und Verbreitung sorgen Navigationssysteme - beispielsweise durch die kontinuierliche Darstellung relevanter Zielgroßen.
  • Das Zielsystem des Unternehmens ist selbstähnlich. Jede Einheit hat ihre eigene, konsistente Aufgabenstellung, die sich widerspruchsfrei dem globalen Unternehmensziel unterordnet.
  • Jede Einheit wird in einem iterativen Prozeß abgesteckt, an dem "Oben" und "Unten" gleichermaßen beteiligt sind.

Das ambitionierteste Merkmal der Fraktalen Fabrik ist ihre Dynamik. Der schnelle Wandel im Umfeld des Unternehmens, insbesondere der Märkte, wird nicht als Problem oder Störgröße angesehen, sondern als Wettbewerbschance:

  • Eine absatzgesteuerte Produktion paßt ihre Kapazitäten kurzfristig dem Bedarf an.
  • Das Unternehmen entwickelt sich kontinuierlich weiter, ohne daß hierzu Weisungen oder Projekte nötig sind.
  • Nicht mehr sinnvolle Strukturen werden aufgelöst.
  • Neue Aufgaben führen auch zu neuen Strukturen.

Die Umgestaltung von Unternehmen muß nicht durch einen einmaligen Kraftakt erfolgen, zumal hier die Gefahren des Widerstandes und damit des Scheiterns groß sind. Zweckmäßiger erscheint ein Vorgehen in überschaubaren Schritten, die nicht unbedingt in der hier skizzierten Reihenfolge gegangen werden müssen. Je nach den herrschenden Bedingungen können die einzelnen Schritte mehr oder weniger schnell ausgeführt werden. Pausen zwischen den Schritten sind notwendig, damit Führungskräfte lernen, die neue Organisation mit Leben zu erfüllen, und damit sich alle Mitarbeiter an die neuen Bedingungen gewöhnen können. Außerdem muß die Unternehmensführung noch Zeit für andere wesentliche Tätigkeiten, insbesondere für die strategische Ausrichtung des Unternehmens, haben. Für ein allmähliches Voranschreiten sind jedoch rechtzeitiges Beginnen und Einsehen in die Notwendigkeit einer organisationalen Transformation erforderlich. Einmalige Kraftakte, auch im Sinne von "Feuerwehraktionen", erfordern dagegen spürbaren Leidensdruck, der alle Motive des Widerstands bedeutungslos macht.

3 Die Betriebliche Navigation

Das Umfeld von Produktionsbetrieben ist von einer zunehmenden Dynamik gekennzeichnet. Wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Bedingungen ändern sich mit hoher Geschwindigkeit. Ganze Produktionsbereiche drohen in nahegelegene Billiglohnländer verlagert zu werden. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Forderung nach Aktivierung sämtlicher innerbetrieblicher Potentiale ein zusätzliches Gewicht. Ziel ist ein vitales Unternehmen. Vitalität bezeichnet die Fähigkeit des Unternehmens zum Wandel aus eigener Kraft mit dem Ziel der permanenten Harmonisierung von Umfeldanforderungen und Unternehmensleistung. Die Harmonisierung bedeutet dabei einerseits die Anpassung an die Anforderungen des Umfelds und andererseits die aktive Gestaltung des Umfelds. Dabei steht das Ideen- und Kreativitätspotential der Mitarbeiter im Mittelpunkt. Hauptforderung ist, Organisationsformen und Instrumente zu realisieren, um die Potentiale der Mitarbeiter für die kontinuierliche Unternehmensentwicklung nutzen zu können. Dazu wurde die Betriebliche Navigation als ein Verfahren zur Steuerung der kontinuierlichen Unternehmensentwicklung in teilautonom strukturierten Unternehmen entwickelt. Unter Navigation wird in diesem Zusammenhang die Koordination der Bewegungen der Fraktale im Zielraum verstanden, da diese sich durch eine Verschiebung des Zielsystems notwendigerweise umgestalten und verändern müssen. Die Navigation wird von den Fraktalen selbständig vorgenommen und nur in Ausnahmefällen durch eine der zentralen Stellen koordiniert. Mit Methoden der Navigation kann eine strategische Ausrichtung des Unternehmens stattfinden.

Dieser Begriff ist der Nautik entlehnt und umfaßt dort die Bestimmung des Standorts, die Ermittlung der Abweichung von der Soll-Position und die zielorientierte Vorgabe für den weiteren Kurs. Übertragen auf den betriebs- und produktionswirtschaftlichen Bereich wird das Betriebliche Navigationssystem definiert als ein dezentrales, prozeßorientiertes Managementinformationssystem, basierend auf einem mehrdimensionalen Zielsystem für teilautonom strukturierte Unternehmen.

Adäquat der Struktur des kybernetischen Regelkreises (Zielvorgabe, Rückmeldung der Ist-Werte und Abweichungsanalyse) lassen sich für das Informationskonzept der Betrieblichen Navigation folgende Aufgaben ableiten:

  • Ziele definieren/bereitstellen,
  • Informationen rückmelden,
  • Auswertungen erstellen und Abweichungen analysieren.

Aus Anwendersicht sind die bestimmenden Merkmale des Betrieblichen Navigationssystems Teamorientierung, Zielorientierung, Ergebnisrückführung und Visualisierung.

Die Gewährung der Gestaltungsspielräume kommt durch die konsequente Dezentralisierung von Entscheidungen zum Ausdruck. Hierzu müssen Management- und Controllingaufgaben verstärkt auf die Mitarbeiter übertragen und mit Wertschöpfungsaufgaben auf der Ausführungsebene integriert werden. Dieses Konzept der Verlagerung von Controllingtätigkeiten in den Wertschöpfungsprozeß steht im Einklang mit dem derzeit viel diskutierten Begriff des Selbstcontrollings. Jeder Mitarbeiter wird dabei Teilfunktionen eines Controllers ausüben.

Das Controlling im herkömmlichen Sinne, als Lieferant entscheidungsrelevanter Informationen für die Unternehmensführung, ist nur bedingt als Steuerungsinstrument der Fraktale geeignet. Die durch das Controlling generierten Informationen sind zunächst einmal Kennzahlen aus dem Bereich der Kostenrechnung und der Finanzwirtschaft. Größen aus diesen beiden Bereichen sind allerdings zur Steuerung eines Fraktalen Unternehmens nicht ausreichend. Insbesondere der Qualitäts- und Zeitwettbewerb haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Deshalb muß ein Steuerungssystem im Fraktalen Unternehmen über ein multiples Zielsystem verfügen.

Während das traditionelle Controlling darauf ausgerichtet ist, entscheidungsrelevante Informationen für die Unternehmensführung zu liefern, ist diese Zielgruppe als Adressat von Informationen im Rahmen eines Fraktalen Unternehmens zu eng gefaßt. Ein kontinuierlicher Verbesserungsprozeß im Fraktalen Unternehmen kann nur stattfinden, wenn die Mitglieder eines Fraktals imstande sind, einen Verbesserungsbedarf zu erkennen. Daher ist ausgehend vom Zielsystem der Unternehmung, ein geeignetes Kennzahlensystem zur Messung der Zielerreichung zu installieren und kontinuierlich weiter zu entwickeln. Dieses Kennzahlensystem ist bis zur operativen Ebene herunterzubrechen. Kennzahlen sind derart zu formulieren, daß diese für ein Fraktal meßbar und durch dieses beeinflußbar sind.

Entscheidungsrelevante Informationen liefert das traditionelle Controlling in der Regel erst nach Ablauf einer bestimmten Abrechnungsperiode. Diese Zeiträume haben sich zur Steuerung von Fraktalen als zu lang und zu undifferenziert erwiesen. Die im Wertschöpfungsprozeß angesiedelten Fraktale benötigen Informationen über auftretende Störungen innerhalb einer angemessenen Frist, um entsprechend handeln zu können. Abhängig vom Inhalt der Kennzahl müssen der Aktualisierungszyklus und die Informationsbereitstellung unterschiedlich sein. Während eine Kennzahl wie der Nacharbeitsanteil ständig kontrolliert werden sollte und damit täglich zur Verfügung stehen muß, reicht es aus, die Umschlagshäufigkeit nur einer monatlichen Überprüfung zu unterziehen. Um ein Optimum für das gesamte Unternehmen zu erreichen und ein Ausscheren einzelner Fraktale zu verhindern, muß sich die dezentrale Entscheidungsfindung an übergeordneten Orientierungspunkten ausrichten. Vor diesem Hintergrund wurde zur Steuerung der kontinuierlichen Unternehmensentwicklung die Betriebliche Navigation entwickelt mit dem Ziel, die Mitarbeiterpotentiale im Hinblick auf die Unternehmensentwicklung zu aktivieren und mit der Kundenorientierung zu verknüpfen.

Eine gezielte Nutzung der gewährten Planungs-, Entscheidungs- und Handlungsspielräume ist nur dann möglich, wenn die einzelnen Fraktale auf allen Unternehmensebenen für sie relevante Impulse zur Verbesserung bekommen. Diese Impulse setzen genaue Vorstellungen bei den Mitarbeitern voraus, welche Aufgaben und damit verbundenen Wettbewerbsanforderungen sie in ihrer Arbeit verwirklichen müssen. Unter diesem Blickwinkel stellen die Lösungsansätze aus dem Bereich des Benchmarking eine Grundlage dar.

Die Aufgaben und Wettbewerbsanforderungen müssen transparent gemacht und auf allen Unternehmensebenen und in allen Fraktalen in ebenen- und fraktalspezifischer Weise repräsentiert sein. Die Gestaltungsspielräume und die Wettbewerbsanforderungen sind so zu vermitteln» daß für die Mitarbeiter verwertbare Informationen im Sinne einer optimalen Initiierung von Verbesserungsprozessen bereitgestellt werden.

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Abb.3 : Merkmale der Betrieblichen Navigationssysteme

Neben der dauerhaften Initiierung von Verbesserungsprozessen kommt der Koordination dieser Verbesserungsprozesse eine zentrale Bedeutung zu. Die Lösungen zur Harmonisierung der Schnittstellen wurden vor dem Hintergrund einer teilautonomen Unternehmensstrukturierung neu überdacht. Die Lieferbeziehungen zwischen den Fraktalen dienen als Basis für die horizontale Vereinbarung von Zielen. Die Ziele von Fraktalen werden so auf der Wertschöpfungsebene durch die internen Kunden beeinflußt. Dies stützt das prozeßorientierte Denken und Handeln. Die einzelnen Fraktale sind über die Zielvereinbarungen zu einem ganzheitlichen System integriert. Hierzu werden im Unternehmen durch einen Übersetzungsprozeß mehrdimensionale Zielsysteme aus den Zielen des Gesamtunternehmens abgeleitet. Die Transparenz der Ziele im Betrieblichen Navigationssystem wird für alle Fraktale durch eine standardisierte Darstellung gewährleistet.

Als Grundlage zur Koordination der verschiedenen Fraktale mit den verschiedenen Verbesserungsprozessen dient der Lösungsansatz des Management-by-Objectives. Die einzelnen Fraktale mit ihren Mitarbeitern orientieren sich an einem Zielsystem. Klar definierte, fraktalspezifische Ziele dienen zur Ausrichtung und Fokussierung der unternehmerischen Dynamik.

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Abb. 4: Anforderungen an ein Zielsystem

Darüber hinaus müssen die einzelnen Fraktale wissen, durch welche Arbeitshandlungen und -strategien sie zur Aufgabenerfüllung und Zielerreichung beitragen können. Der Erwerb dieses Wissens setzt wiederum voraus, daß die Fraktale kontinuierlich Rückmeldungen über die Ergebnisse ihres Arbeitsverhaltens einholen oder erhalten. Diese Rückmeldungen erlauben dann eine Selbst- und Fremdbewertung des Ausmaßes der tatsächlichen Aufgabenerfüllung und Zielerreichung. Zielabweichungen können so ermittelt und in einem fortlaufenden Optimierungsprozeß in selbstorganisierter Weise reduziert werden.

Um die relevanten Informationen den Mitarbeitern zu vermitteln, kommt der Aufbereitung eine zentrale Rolle zu. Die grafische Visualisierung wurde im Betrieblichen Navigationssystem als Lösungsansatz herangezogen und bestimmt die Oberfläche und Handhabung des Navigationssystems.

Selbstorganisation und -optimierung der Fraktale setzen sowohl eine klare Zielorientierung und Rückmeldungen über den Fortschritt der Zielerreichung als auch eine erweiterte Kompetenz der Mitarbeiter voraus. Die Ziele und damit verbunden die Rückmeldungen müssen hierbei dynamisch sein.

Literatur:

Bullinger,Warnecke: Neue Organisationsformen im Unternehmen, Springer,1996.

Warnecke: Die Fraktale Fabrik, Springer 1992.

Warnecke: Aufbruch zum Fraktalen Unternehmen, Springer 1995.

Kämpf: Fraktale Fabrik, in: Kämpf (Hrsg),Gruppenarbeit im Fertigungsbetrieb, Kognos, Stadtbergen,1996.

Kühnle,Schnauffer,Brehmer: Kooperation nach fraktalen Prinzipien, Zeitschrift für wirtschaftlichen Fabrikbetrieb ZWF, 1999

Kühnle, Spiewack, Markfort: Erfolgreich produzieren in turbulenten Märkten, Zeitschrift für wirtschaftlichen Fabrikbetrieb ZWF, 2000