Reengineering des Leanmanagement mit Six Sigma auf Basis der
TQM-Philosophie im Bereich des Supply-Chain-Management
Ein Beitrag von Lothar Aldinger
Einleitung
Was für eine Überschrift! Alles was Rang und Namen hat unter den Management-Methoden
ist vereint in einem Paket zur Steigerung der Qualität und Effizienz zum Nutzen der
Kunden, Shareholder und Mitarbeiter.
Handelt es sich hierbei um die Quadratur des Kreises?
Sicher ist, dass die oben aufgeführten Management-Methoden in einer weltweiten
Befragung in 2004 von 1220 Managern als die wichtigsten Methoden fürs Management genannt
wurden.
Jede dieser Methoden hat ihre leidenschaftlichen Verfechter, aber auch ihre vehementen
Kritiker. Somit gibt es in jeder Methode einen guten Kern und ein paar ungeeignete
Stachel.
Wäre es nun möglich diese Kernbestandteile herauszunehmen und zu einer neuen,
bahnbrechenden Management-Methode zu kombinieren? Ich glaube dieser Ansatz ist zu
oberflächlich. Wir müssen uns auf die wesentlichen Aufgaben des Managements
konzentrieren und uns fragen, wie können die obigen Ideen und Konzepte die
Managementarbeit verbessern.
Nach Fredmund Malik von St.Gallen ist das Management ein zu erlernender
Aufgabenkomplex, der eine Reihe von Aufgaben und Disziplinen beinhaltet:
- Strategie
- Unternehmenspolitik
- Struktur
- Kultur
- Führungskräfte: Für Ziele sorgen; Organisieren; Entscheiden; Kontrollieren, Messen
und Beurteilen; Fördern von Menschen
Im kurzfristigen und im langfristigen Bereich sind diese Disziplinen unterschiedlich
ausgeprägt.
- Im langfristigen Bereich zielen die Überlegungen darauf ab, wie entwickle ich das
Unternehmen, seine Mitarabieter und Ressourcen.
- Im kurzfristigen Bereich stellt sich die Frage, wie setze ich die Ressourcen ein, wie
kontrolliere ich den Einsatz und die Erfolge.
Die Planung, Entwicklung, Einsatz und Kontrolle der Ressourcen basieren auf
Überlegungen, welche Business Prozesse benötigt man und wie stellt man die Effizienz und
Effektivität der Prozesse sicher.
Beschreibung der Methoden und deren Eignung für die Erfüllung der
Managementaufgaben
Total Quality Management (TQM)
bezeichnet die durchgängige und alle Bereiche eines Unternehmens mit der
Zeilsetzung, die Qualität
dauerhaft und günstig dem Kunden garantieren möchte. TQM ist ein vom Management Top-Down
getriebener Ansatz, der aber die Unterstützung aller Mitarbeiter in allen
Unternehmensbereichen benötigt.
Wichtige Denkansätze des TQM sind:
- Qualität orientiert sich am Kunden, è Strategie
- Qualität wird mit Mitarbeitern aller Bereiche und Ebenen erzielt, è Kultur, Führ.
- Qualität umfasst die Unternehmens-, Prozess- u. Produktqualität è
Struktru, Führ
- Qualität bezieht sich nicht nur auf Produkte und Produktionsprozesse, sondern auch auf
Dienstleistungen, è Politik, Kult.
Mit dem TQM-Konzept hat sich in Europa das EFQM-Modell ( European
Foundation for Quality Management) verbreitet. Dieses Modell hat einen ganzheitlichen
Ansatz über die Betrachtung der unternehmerischen Stellhebel und den erreichten
Ergbnissen die Beurteilung eines Unternehmens und seines Management vornehmen zu können.
Das Modell umfasst neun Kriterien:
- Führung
- Politik
und Strategie
- Mitarbeitereinbindung
- Partnerschaft
und Ressourcen
- Prozesse
- Ergebnisse bezogen auf Mitarbeiter
- Ergebnisse bezogen auf Kunden
- Ergebnisse bezogen auf Gesellschaft
- Schlüsselergebnisse
Damit kann Total Quality Management als alle Aspekte des Management umfassende Methode
zur Führung eines Unternehmens gesehen werden. Vom Kunden über die eigenen Mitarbeiter
bis hin zu den Lieferanten werden alle Bereiche erfasst. Dieses Management-Modell deckt
die Forderungen von Malik weitgehend ab.
Lean-Management
Das Lean-Management baut zur Reduzierung der Kosten und Verbesserung der Qualität
auf die Ausnutzung der bestehenden technischen und menschlichen Möglichkeiten auf. Die
höhere Produktivität resultiert nicht aus modernen Produktionsanlagen, sondern aus einer
optimalen Abstimmung der eingesetzten Technik mit dem Mitarbeiterpotential. Das
Hauptanliegen des "Schlankheitsdenkens" besteht in der Vermeidung von
Verschwendung und der Konzentration auf das "Wertsteigernde".
Das bedeutet, dass ein Unternehmen mit einem minimalen Einsatz von Personal, Zeit und
Investitionen ein vorgegebenes Ergebnis (Kundenvorgabe), bzw. bei gegebenem Einsatz ein
maximales Ergebnis (ein optimales Produkt für den Kunden) erzielt.
Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Komplexitätsreduktion. Dabei stehen sowohl die
Produktkomplexität als auch die organisatorische sowie administrative Komplexität im
Fokus.
14 Prinzipien für schlanke Unternehmensführung
In der Fachliteratur finden sich mehr oder weniger lange Listen, die mit
unterschiedlicher Gewichtung wiederkehrende Punkte auflisten, welche zu "Lean"
führen sollen. Folgende Aufzählung soll den Inhalt der Lean-Prinzipien verdeutlichen:
Ausrichtung aller Tätigkeiten auf den Kunden (Kundenorientierung)
- langfristige Strategie è Strategie
- Konzentration auf die eigenen Stärken è Kultur
- Optimierung von Geschäftsprozessen
im Sinne von kontinuierlich fließenden Prozessen è
Struktur
- Pull-System , KANBAN und JIT è Struktur
- ausgeglichene Belastung / Kapazitätsausnutzung
- standardisierte Prozesse / Arbeitschritte als Grundlage für KVP
- Visualisierung / Visuelle Kontrollen
- Ständige Verbesserung der Qualität (Kontinuierlicher
Verbesserungsprozess, KVP)
- nur zuverlässige und gründlich getestete Technologie einsetzen
- Interne Kundenorientierung als Leitprinzip
è Kultur
- Eigenverantwortung, Empowerment,
Mitarbeiterentwicklung u. Teamarbeit
è Kultur
- Führen ist Service am
Mitarbeiter è Kultur /FK
- Offene Information
und Feed-back-Prozesse
- Einstellungs- und Kulturwandel im Unternehmen.
Das Lean-Konzept hat einen starken
Fokus auf das operative Geschehen. Es wird immer versucht, unnötige Kosten zu
identifizieren und zu vermeiden (Verschwendung, Waste, Muda). Im Gegensatz zu dem
TQM-Ansatz werden kulturelle Aspekte, Strategien weniger explizit angesprochen, sondern
werden als bestehende Basis vorausgesetzt.
Six Sigma
Six Sigma (6s) ist eine Methode des Qualitätsmanagements,
die versucht, Produkte, Prozesse und Dienstleistungen zu stabilisieren und möglichst von
Fehlern zu befreien.
Um Six-Sigma in einem
Unternehmen durchzuführen, werden standardisierte Schulungen angeboten, die die
Mitarbeiter und Führungskräfte entsprechend ihrer jeweiligen Rolle qualifizieren.
Mit dieser Ausbildung wird der hohe Anspruch an Präzision und Professionalität zur
Prozessverbesserung und Fehlerabstellung deutlich. Im Wesentlichen gibt es zwei
Ausbildungsniveaus:
- Der Green Belt leitet kleinere Six-Sigma Projekte .Green Belts arbeiten parallel
zu ihrem "Tagesgeschäft" zu 20%-50% in Six Sigma-Projekten.
- Der Black Belt leitet größere Six-Sigma Projekte mit hohem statistischem
Anspruch. Die Einsparungen dieser Projekte liegt bei 100 TEUR oder mehr. Ein Black Belt
steht häufig als Projektmanager
zu 100% Six Sigma-Projekten zur Verfügung. Black Belts sind Methodenspezialisten mit
besonderen methodischen und statistischen Kenntnissen.
Bei einer Problemstellung geht man davon aus, ein rein sachliches Problem zu haben. Die
Fehler, die Fehlerursachen bzw. deren Einfluss und die Prozessfähigkeit als auch deren
Verbesserung lassen sich mathematisch beschreiben.
Das schränkt in der Praxis die 6s dann ein, wenn Geschdftsprozesse
strukturell eng mit sozialen und psychischen Systemen gekoppelt sind.
In aller Regel kommt es deshalb bei
den Problemstellungen darauf an, die Probleme und Konflikte zu "versachlichen"
und so bei Prozessen die nicht gewollte Varianz in den Prozessergebnissen
und oft auch die Mittelwerten zu verbessern. Six Sigma versucht durch eine Vielzahl von
Werkzeugen die Ursachen für die unerwünschte Varianz und Mittelwertlage zu ermitteln.
Daraus resultiert ein tiefreichendes und umfassendes Verständnis für den Prozess, das es
ermöglicht, nachhaltige Prozessverbesserungen und Fehlerbeseitigungen zu erzielen. Auf
dieser Basis des erlernten Prozessverständnisses werden sehr oft enorme
Wertschöpfungszuwächsen erreicht.
Dieser Ansatz erfüllt nur zu einem Teil die
Forderungen von Malik. Six Sigma bewirkt durch die Schulungen und die Vorgehensweise bei
der Problem- und Konfliktbearbeitung einen indirekten Kulturwandel. Die Führungskräfte
müssen ebenfalls qualifiziert werden. Six Sigma hat keine Strategie, kann aber Teil einer
Strategie sein, die darauf abzielt, höchste Zuverlässlichkeit zu erreichen. Hiermit
können Kosten reduziert und Kunden besser zufrieden gestellt werden.
Reengineering
Re-Engineering (oder Reengineering) ist ein Konzept für die durchgreifende
Änderung von Geschäftsprozessen
in Unternehmen und Behörden. Das Resultat sind
Verbesserungen in entscheidenden messbaren Leistungsgrößen in den Bereichen Kosten, Qualität, Service und Zeit.
Re-Engineering bedeutet, altbekannte Vorgehensweisen aufzugeben und die Arbeit, die in
den Produkten und Dienstleistungen eines Unternehmens steckt, aus einem neuen Blickwinkel
zu betrachten, sowie dem Kunden einen neuen Wert zu bieten.
Im engeren Sinne bedeutet Re-Engineering die Umformung zu einem ganzheitlichen Arbeitsverfahren,
bei dem tayloristische
Elemente weitgehend verschwinden. So werden zum Beispiel die Materialbeschaffung, die
Produktion, das Marketing und der Versand zusammengefasst und nicht mehr in getrennten
Abteilungen oder Abläufen abgewickelt.
Das Konzept Re-Engineerings kam Mitte der 90er Jahre auf, als Michael
Hammer und James
Champy in einer Reihe von Aufsätzen und Büchern die Ideen propagierten. Sie
entwickelten darin das Argument, dass Unternehmen zu viel Zeit mit der Übergabe von
Aufgaben von einer Abteilung zu einer anderen verlieren, so dass man besser ganzheitliche
Abläufe installieren sollte. Ein Denken in Prozessen und eine prozessorientierte
Organisation sind anzustreben.
Re-Engineering hat in der letzten Zeit viele Veränderungen im Management
von Organisationen stimuliert, so zum Beispiel die Querschnittsorganisation,
die Zulieferkette
(Supply Chain) und die Kundenbeziehungen
(Customer Relationship Management).
Reengineering hat einen ähnlich starken Fokus auf Prozesse wie Six Sigma. Allerdings
wird hierbei mehr auf die Neugestaltung der Prozesse und einer angepassten Organisation
Wert gelegt.
Deshalb erscheint auch dieser Ansatz im Sinne von Malik nicht ausreichend.
Zusammenfassung:
Der Ansatz bzw. die Ideen des TQM decken am besten die Forderungen von Malik an ein
gutes Management ab. Jedoch bilden SixSigma und die Konzepte von Lean-Management gute
Ergänzungen bzw. Ausgestaltungen auf der operativen Ebene. Der Re-Engineering-Ansatz
zielt ergänzend auf die strategische Neuausrichtung von Prozessen und Organisationen ab.
Anwendung der Konzepte in Unternehmensbereichen wie z.b. Supply-chain-Management
Die Ideen des Supply-Chain sind z.B. in den Lieferketten der Automobilindustrie
stark ausgeprägt.Im Extremfall reicht die Supply Chain über mehrere Tiers von der Rohstoffgewinnung
bis zur Entsorgung der
Alt-Produkte.
Durch die Tendenz zur Konzentration auf Kernkompetenzen (Outsourcing, Reduzierung
der Arbeitsteilung und Fertigungstiefe entwickeln sich zunehmend differenziertere
(d. h. arbeitsteiligere) Supply-Chains.
Für die Gestaltung des für ein Unternehmens geeigneten Konzeptes für die
Suplly-Chain wird zuerst eine strategische Ausrichtung des Unternehmens notwendig sein.
Hier gilt es, Stärken und Schwächen sowohl auf der Seite des Unternehmens als auch
seiner Lieferanten zu untersuchen. Ein Assessment auf Basis des EFQM-Modells der
jeweiligen Unternehmenssituation kann Klarheit bzw. zumindest eine bessere Transparenz
über die aktuelle Situation verschaffen und Handlungsbedarfe eindeutig identifizieren.
Wenn es bei dieser Analyse klar wird, dass grundlegende Veränderungen notwendig sind,
so hilft ein Re-Engineering das Supply-Chain-Management grundlegend neu hinsichtlich
seiner Abläufe und Organisation aufzubauen.
Bestehen im Ansatz vernünftige Regelungen, so sollte anhand der Lean-Kriterien
überprüft werden, ob die erreichte Effizienz nicht deutliche Steigerungen zulässt.
Werden jedoch immer wieder Fehler im Supply-Chain festgestellt, so helfen die Methoden
von Six Sigma, die jeweiligen Prozesse zu verbessern und zu stabilisieren.
Resümee
Damit ist stark vereinfacht dargelegt worden, dass diese Methoden sich nicht
ausschließen, sondern sinnvoll ergänzen. Die Anwendung dieser Methoden kann innerhalb
eines Unternehmens erfolgen, aber auch unternehmensübergreifend angelegt sein. Der
Nachteil dieser Idee ist jedoch, dass das benötigte methodische Know-how auf Seiten der
Unternehmen nicht unerheblich ist. In Großunternehmen gibt hierzu sicherlich Ressourcen.
Bei Klein- und Mittel-Unternehmen werden wohl eher externe Dienstleister mit einbezogen
werden müssen. |