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Handbuch Produktion
Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

Manufacturing on Demand in Produktionsnetzwerken
Ein Beitrag von Rainer Kämpf
Thema des Monats August 2007
Stand: 02.07.2008
Ausgangssituation für Unternehmen

In den vergangenen Jahren hat sich die Lage für die Unternehmen auf den Märkten zunehmend erschwert. Die Marktsituation, die Anforderungen an die Produkte und auch die Kunden haben sich verändert. Darüber hinaus haben Unternehmen vor allem in Deutschland mit der Fixkostenbelastung zu kämpfen.

  • Veränderung der Marktsituation

Die marktseitigen Einflüsse auf die Unternehmen sind heutzutage turbulent. Diese Turbulenz zeigt sich besonders im Verlauf der Auftragseingänge. Aufgrund kurzfristiger Schwankungen und Zyklen in der Nachfrage ist diese für Unternehmen kaum verlässlich prognostizierbar. Teilweise gibt es Schwankungen im Auftragseingang von mehr als 50%. Problematisch für Unternehmen können auch starke Schwankungen der Nachfrage zwischen den einzelnen Produktgruppen sein.

Durch den Druck des internationalen Wettbewerbs verfällt oftmals der Preis für Produkte. Zudem sind technisches Know-how und neue Technologien durch die schnelle Kommunikation heute in kürzester Zeit weltweit verfügbar. Das hat zur Folge, dass technologische Neuerungen alleine keine dauerhaften Vorteile mehr bieten.

  • Veränderung der Anforderung an Produkte

Produkte werden aufgrund von steigenden Markt- und Umweltanfor-derungen sowie zunehmendem Funktionsumfang immer komplexer. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Qualität und Zuverlässigkeit unaufhaltsam. Die Produktlebenszyklen werden zunehmend kürzer, das heißt, dass "alte" Produkte immer schneller vom Markt verdrängt werden. Aufgrund der immer kürzeren Produktlebensdauern verfällt auch der Preis für die Produkte immer schneller. Die Unternehmen stehen unter dem Druck, immer schneller neue, noch bessere Produkte auf den Markt zu werfen bzw. vorhandene Produkte zu verbessern ("permanentes Upgrading"). Während die Stückzahlen pro Produkt sinken, steigt die Variantenvielfalt. Darüber hinaus steigt die Anzahl an kundenspezifischen Produkten.

  • Veränderungen der Kunden

Die Kunden verlangen zunehmend kundenspezifische Produkte oder ganze, speziell auf sie zugeschnittene Problemlösungspakete. Gleichzeitig werden die akzeptierten Lieferzeiten immer kürzer und das Qualitätsbe-wusstsein der Kunden steigt. Dies hat höhere Anforderungen an Sicherheit und Zuverlässigkeit der Produktion, sowie der gesamten Supply Chain zur Folge.

  • Fixkostenbelastung

In Deutschland haben die Unternehmen mit sehr hohen Fixkosten zu kämpfen, die vor allem von den hohen Personalkosten verursacht werden. Diese lassen sich kurzfristig nicht verändern. Das hat zur Folge, dass die Unternehmen gezwungen sind, immer an der oberen Kapazitätsgrenze zu produzieren, um ihre Kosten zu decken und einen Erlös zu erwirtschaften. Die Unternehmen können sich folglich nicht konsequent auf die geforderte, immer stärker auftragsorientierte Produktion einstellen und ihre Flexibilität an die Schwankungen des Markts anpassen.

 

Manufacturing on Demand – ein Lösungsansatz

Mit starren Strukturen, wie sie heute noch in sehr vielen Unternehmen üblich sind, lassen sich die heutigen Anforderungen an Unternehmen nicht mehr bewältigen. Es muss neue Konzepte geben, die dynamisch auf Veränderungen reagieren können. Die Kapazitäten müssen sich kurzfristig verändern lassen, Qualität, Menge, Kosten und Liefertermin den spezifischen Kundennachfragen entsprechen. Kurzfristige Produktwechsel in der Produktion erfordern eine drastische Reduzierung der Planungs- und Umrüstzeiten. Es werden Strukturen benötigt, die jeweils nur die Elemente in die Produktion einbinden, die aktuell notwendig sind. Es muss also in offenen Netzwerken produziert werden.

Eine Produktionsweise, die alle oben genannten Punkte erfüllt, wird auch als Manufacturing on Demand bezeichnet werden.

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Abb.1: Manufacturing on Demand - Produktion im dynamischen Umfeld

Das Manufacturing on Demand verändert die Unternehmensstrukturen nachhaltig. Es hebt ab auf eine Produktion nur im Kundenauftrag und setzt sehr flexible Leistungseinheiten voraus. Der Auftragsdurchlauf vom Kunden zum Kunden wird extrem, beschleunigt. In dieser Art der Produktion besteht die Gefahr, dass der mittel- und langfristigen Orientierung zu wenig Beachtung geschenkt wird. Es ist deshalb erforderlich, diese Organisation in ein globales System zu integrieren. Komponentenfertigung und Montage werden darin in ein Netzwerk als autonome Leistungseinheit integriert. Das Auftragsmanagement geschieht kundenspezifisch und wird auf bestimmte Marktsegmente ausgerichtet. Zur temporären Adaption der Kapazitäten an der Nachfrage werden externe Leistungseinheiten bei Bedarf als virtuelle Elemente zugeschaltet. Schon frühzeitig müssen Unternehmen deshalb klären, welche Leistungseinheiten oder Zulieferer netzwerkfähig sind. Im Rahmen eines strategischen Beschaffungsmarketings lässt sich anhand von Kompetenzkriterien heraus finden, wer die notwendige Qualifikation besitzt. Zugang zu diesem Netzwerk haben nur Leistungseinheiten, die den Bedingungen des Netzwerkes hinsichtlich Kompetenz, Funktion, informationstechnischer Schnittstellen und Qualität genügen.

 

Leistungsmerkmale des Manufacturing on Demand

Die Leistungsmerkmale des Manufacturing on Demand sind im Einzelnen:

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Abb.2: Leistungsmerkmale des Manufacturing on Demand

  • Produktion nur im Kundenauftrag

Das charakteristischste Leistungsmerkmal des Manufacturing on Demand ist die Produktion nur im Kundenauftrag. Es wird nicht mehr wie bisher in optimierten Losen gearbeitet, sondern jedes Teil wird individuell gefertigt ("One-Piece-Flow"). Voraussetzung hierfür ist die Möglichkeit, jeden Kundenauftrag individuell zu verfolgen. Mittels "Customizing" wird versucht, jedem Kunden das "optimale, direkt auf ihn zugeschnittene Produkt" herzustellen.

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Abb.3: Modularisierung der Produkte

Die Kunden haben die Auswahl zwischen verschiedenen Modulen (Antriebsmodule, Getriebemodulen, Cockpit…), sowie einem breiten Spektrum von Komponenten (Außenspiegel, Halogen-Beleuchtung...) oft in vielen verschiedenen Varianten. Die Möglichkeiten hierbei sind beinahe unerschöpflich. Module bilden geschlossene Funktionseinheiten (eines so genannten "modularen Produkts") und sind mit anderen Modulen austauschbar. Die Schnittstellen zwischen den Modulen sind klar definiert, so dass sich die verschiedenen Module problemlos zusammenstellen lassen. Alle Module sind standardisiert und werden (nur noch) kundenspezifisch konfiguriert.

Damit steht die Produktion von modularen Produkten im Gegensatz zur Einzelfertigung der konventionellen Technik. Bei der konventionellen Einzelfertigung wird auch kundenspezifisch produziert, jedoch gibt es hier keine standardisierten Elemente und kaum vorgefertigte Produkte. Alle Teile werden einzeln in der Reihenfolge angefertigt, in der sie benötigt werden, und individuell angepasst. Erst nachdem die Teilefertigung abgeschlossen ist, kommt es zur Montage. Bei der modularen Fertigung werden Einzelteile und Komponenten angeliefert und daraus gleichzeitig die verschiedenen Module gefertigt. Verschiedene Abteilungen sind jeweils für verschiedene Module verantwortlich. Am Ende werden dann die einzelnen Module zusammengesetzt.

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Abb.4: Modularisierung der Produktion

  • Verkürzte robuste Prozessketten

Um eine schnelle Reaktion auf den Kundenauftrag zu ermöglichen, müssen die zu seiner Erfüllung notwendigen Prozessketten kurz und gegenüber möglichen Turbulenzen störungsresistent sein. Man unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Prozessketten.

      • Prozesskette Produktidee – Marktreife Produkte

Bei dieser Prozesskette muss beachtet werden, dass es regional unterschiedliche Funktions-, Qualitäts- und Leistungsanforderungen gibt. Produkte, die sich auf einem regionalen Markt bewährt haben, sind nicht automatisch global erfolgreich.

Darüber hinaus hängt der Markterfolg zunehmend auch davon ab, ob regionale Beiträge zur Produktion und Fertigung geleistet werden. Beispiele für regionale Beiträge können Kooperationen, Bezug von Komponenten aus dem jeweiligen Land oder die Nutzung der vorhandenen Infrastruktur sein.

Um erfolgreich zu sein benötigt das Manufacturing on Demand Instrumente, um schneller mit marktreifen Produkten auf dem Markt erscheinen und regionale Ressourcen optimal nutzen zu können. Absatz- und Beschaffungsmärkte müssen konsequent und global beobachtet werden.

      • Prozesskette Angebot – Auftrag – Fertigung – Lieferung

Bei dieser Prozesskette geht in den Unternehmen heute sehr viel Zeit verloren. Würden schon die Angebote direkt auf den jeweiligen Kunden zugeschnitten, könnte dadurch wertvolle Zeit eingespart werden. Weitere Möglichkeiten, Zeit einzusparen bieten Netzwerke. Über Netzwerke können Angebot und Spezifikationen direkt mit dem Kunden verhandelt werden. Bedarfe und Bedarfsänderungen lassen sich über Netzwerke erfassen und in die Auftragssteuerung integrieren. Diese und andere Maßnahmen verkürzen die Prozesskette.

  • Wandlungsfähige Produktionskonzepte

Beim Manufacturing on Demand steht die Erfüllung von Kundenanforderungen in Bezug auf die Individualität des zu liefernden Produktes und seiner Qualität im Mittelpunkt. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, müssen die Produktionssysteme so gestaltet sein, dass sie häufige Produktwechsel in der Produktionsreihenfolge und Generationenfolge reibungsfrei überstehen. Nicht nur das Produktionssystem als ganzes, sondern alle Teilsysteme müssen entsprechend dem Kapazitätsbedarf kurzfristig veränderbar sein. Dies ist auf unterschiedliche Arten möglich:

  • durch den Einsatz universeller und sich ersetzender Maschinen,
  • durch das so genannte "soft-tooling", worunter der Austausch von Programmen zu verstehen ist,
  • durch das so genannte "hard-tooling" bzw. den Austausch von Werkzeugen und Maschinenkomponenten
  • durch den Austausch von Maschinen
  • durch Variation des Layouts und der Logistik.

Neben der Erfüllung von Kundenanforderungen in Bezug auf Individualität des zu liefernden Produktes und seiner Qualität hat beim Manufacturing on Demand die Terminzusage höchste Priorität. Die auf die Kunden zugeschnittenen Produkte müssen schnellstmöglich lieferbar sein. Durchlaufzeiten müssen so weit wie möglich gekürzt werden.

Hierzu liefert das Konzept des "fraktalen Unternehmens" interessante Lösungsansätze. Beim "fraktalen Unternehmen" wird versucht, durch Dezentralisierung, Eigenverantwortung und Selbstorganisation mehr Dynamik und dadurch schnellere und bessere Reaktionsfähigkeit auf sich ergebende Nachfrageschwankungen zu erreichen. Das Unternehmen wird also in verschiedene dezentrale Bereich oder Organisationseinheiten eingeteilt, die zwar in ein Kommunikationsnetz eingebunden, ansonsten aber weitgehend autonom sind und einen abgeschlossenen Aufgaben- und Verantwortungsbereich haben. Die Organisationseinheiten organisieren und optimieren sich selbst nach vorgegebenen und vereinbarten Zielen. Je nach Aufgabenstellung müssen sie sich neu anpassen, werden in die Prozesskette miteinbezogen oder bleiben draußen. Nur wenn es zur Verkürzung der Prozesskette und zur wirtschaftlichen Fertigung unbedingt notwendig ist, wird an einem Ort zusammengearbeitet. Durch diese Art der Organisation wird viel Zeit eingespart.

Ein weiterer Vorteil der Einteilung in verschiedene Organisationseinheiten oder Bereiche liegt in der erhöhten Transparenz. Dadurch, dass einzelne Prozesse in dezentrale Bereiche eingeteilt werden (die für die Planung, Durchführung und Kontrolle "ihrer" Prozesse verantwortlich sind), wird die Komplexität innerhalb der Produktion als ganzes reduziert. Planung und Steuerung werden so erleichtert. Zudem stehen die Organisationseinheiten im Wettbewerb zueinander. Dadurch, dass sie weitgehend autonom arbeiten, ist ihre Leistung leichter bewert- und vergleichbar. Wenn das Unternehmen mit der Leistung einer Organisationseinheit nicht zufrieden ist, besteht die Möglichkeit des Leistungszukaufs.

  • Produktion in offenen Netzwerken

Um die extreme Kapazitätsflexibilität und kürzeste Lieferzeiten, die vom Manufacturing on Demand gefordert werden, zu bewältigen, ist es notwendig, in offenen Netzwerken zu produzieren. An der Spitze eines solchen offenen Netzwerkes steht das Unternehmen, welches das gesamte System, d.h. Produkt und Produktion im Netzwerk beherrscht. Dieses Unternehmen, auch Systemführer genannt, muss sich bei (verschiedenen) Komponentenherstellern (=Zulieferern) mit Teilen versorgen. Die Komponentenhersteller wiederum beziehen ihre Teile von verschiedenen Teileherstellern. Systemführer, Komponenten- und Teilehersteller sind alle autonome Leistungseinheiten und bilden ein offenes Netzwerk. Zugang zu diesem Netzwerk haben nur die Unternehmen und Zulieferer, deren Produkte und Komponenten bestimmte Kriterien erfüllen. Heute suchen Unternehmen verstärkt weltweit nach Zulieferern, von denen sie Produkte und Komponenten zu niedrigen Kosten und mit ausreichender Kapazität beziehen können ("global sourcing"). Lieferanten können im offenen Netzwerk je nach Bedarf zugeschaltet, gewechselt oder aufgegeben werden. Die Lieferanten werden auch als "virtuelle Elemente im offenen Netzwerk" bezeichnet, wobei der Begriff "virtuelle Elemente" von der Bezeichnung "virtuelles Unternehmen" abgeleitet ist.

Beim Manufacturing on Demand kommt es sehr häufig zu großen Bedarfsschwankungen und damit zu unterschiedlichen Auslastungen der Kapazität. Daraus resultiert die Notwendigkeit, bei hoher Nachfrage vorübergehend externe Leistungseinheiten als virtuelle Elemente zuzuschalten. Je nach Kapazitätsauslastung und abhängig von dem, was produziert wird, kann sich so die Struktur des Unternehmens ändern.

  • Integriertes Auftragsmanagement

Beim Manufacturing on Demand muss der Weg vom Kunden zum Kunden (Auftrag – Lieferung) durchgängig organisiert sein. Sobald ein Auftrag vom Kunden kommt, wird dieser in einen bestimmten Produktionsauftrag umgesetzt. Dies geschieht durch durchgängige Informationssysteme, die stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort die notwendigen Aktivitäten auslösen.

  • Lernfähigkeit zur Selbstoptimierung

Auf turbulenten Märkten, auf denen sich Einflussgrößen und Faktoren ständig ändern, ist es notwendig, dass die Unternehmen ihre Produktion ständig verbessern. Nur ein lernfähiges Unternehmen kann zur Selbstoptimierung gelangen. Diese Optimierung muss beim Manufacturing on Demand lokal und selbständig stattfinden, damit die notwendige Lernintensität und -geschwindigkeit erreicht wird. Nur durch eine hohe Lernintensität und -geschwindigkeit zahlt sich die hohe Flexibilität des Manufacturing on Demand auch finanziell aus.

In der Industrie wird der ständige Verbesserungsprozess auch als industrielles Lernen bezeichnet. Zielsetzungen und Inhalte des industriellen Lernens sind beispielsweise:

      • Die Produktivität eines Unternehmens lässt sich durch die Konzentration auf die Wertschöpfung steigern. Durch die Konzentration auf die Wertschöpfung wird Verschwendung im Betrieb vermieden.
      • Flexibilität und Qualität lassen sich dadurch erhöhen, dass Prozesse sicherer gestaltet werden. Je sicherer die Prozesse in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen betrieben werden, umso geringer sind die Nutzungsverluste in der Produktion. Fehler und Störungen in der Produktion lassen sich durch eine präventive Qualitätssicherung und konsequente Anwendung der Methoden des Qualitätsmanagements reduzieren.
      • Die Rentabilität lässt sich durch moderne Maschinen steigern. Mit Hilfe moderner Maschinen lassen sich Prozesse sicher betreiben, die sich früher im Grenzbereich von Qualität und Leistung befanden. Durch neue Höchstleistungstechnologien, Sensoren, Prozessüberwachungssysteme, usw. werden Maschinen zunehmend zu autonomen Fertigungszellen und -systemen.
      • Die Umweltverträglichkeit der Produktion kann durch den Einsatz lernfähiger/evolutionärer Produktionssysteme erhöht werden.

Mass Customization – eine spezielle Ausprägung des Manufacturing on Demand

Mass Customization bedeutet auf Deutsch soviel wie "kundenindividuelle Massenproduktion" und setzt sich aus den beiden eigentlich gegensätzlichen Begriffen "Mass Production" (Massenproduktion) und "Customization" (Kundenindividuelle Aufmachung) zusammen.

Der Begriff Mass Customization tauchte erstmals im Jahre 1987 auf. Ausgangspunkt war die zunehmende Individualisierung der Nachfrage. Alte Massenmärkte begannen, allmählich zu zerfallen und teilten sich in immer kleinere Marktsegmente. Immer mehr Unternehmen waren gezwungen, zusätzliche Produktvarianten anzubieten, um die Wünsche der Kunden zu erfüllen. Die Kosten für die Unternehmen stiegen durch die Entwicklung immer neuer Produktvarianten drastisch an, trotzdem konnten die Unternehmen die notwendige Flexibilität auf Kundenwünsche nicht liefern.

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Abb.5: Mass Customization – Definition

Die Strategie des Mass Customization ist es, einem relativ großen Absatzmarkt individualisierte, den Kundenwünschen angepasste Produkte oder Dienstleistungen (sog. "customized products") anzubieten, ohne auf die Effizienz der industriellen Massenfertigung zu verzichten. Dabei sollen die Kosten ungefähr denen einer massenhaften Fertigung vergleichbarer Standardgüter entsprechen. Durch die Informationen, die im Zuge des Individualisierungsprozesses erhoben werden, soll eine dauerhafte, individuelle Beziehung zu jedem Abnehmer aufgebaut werden.

Möglich ist Mass Customization vor allem dank moderner Produktionstechnologien wie dem Electronic Commerce. In vielen Fällen wurde erst durch das E-Commerce eine effiziente Individualisierung der Leistungserstellung erlaubt.

Im Allgemeinen wird zwischen drei Arten des Mass Customization unterschieden:

  • Bei der Style Customization sind die Individualisierungsmöglichkeiten für den Kunden eingeschränkt. Er kann sich nur für bestimmte optische Varianten entscheiden, z.B. Farben, Stoffe, …
  • Beim Best (Matched) Fit wird aus verschiedenen bestehenden Produktteilen das Produkt erstellt, das den Wünschen des Kunden am ehesten entspricht.
  • Beim Custom Fit werden bestimmte Produktteile speziell für den Kunden gefertigt. Aus den speziell für den Kunden gefertigten und standardisierten Teilen wird das individualisierte Endprodukt hergestellt.

Charakteristisch für Mass Customization sind folgende Aspekte:

  • Einbindung des Kunden in den Leistungserstellungsprozess

Um flexible, kundenindividuelle Produkte und Dienstleistungen herstellen zu können, müssen die Kunden in den Leistungserstellungsprozess integriert werden. Vor der Fertigung des kundenindividuellen Produktes müssen die Kunden genaue Informationen über die von ihnen gewünschten Produktmerkmale bereitstellen. Dieser Prozess wird beim Mass Customization als Individualisierungsinformation bezeichnet. Optimalerweise läuft der Vorgang der Erhebung der Individualisierungsinformation so einfach wie möglich ab. Für den Kunden (und für das Unternehmen) soll der Vorgang möglichst wenig komplex und mühelos sein.

  • Modulare Produkt- und Leistungsarchitektur

Grundlage der Produktentwicklung im Mass Customization ist eine modulare Produkt- und Leistungsarchitektur. Alle kundenspezifischen Produkte bestehen aus einer begrenzten Anzahl standardisierter und individualisierter modularer Komponenten (inklusive begleitender Dienstleistungen), die untereinander kompatibel sind und aus denen eine kundenspezifische Endleistung erbracht wird.

  • Differenzierung durch Varietät

Mass Customization hebt sich insbesondere durch die hohe Anzahl an Varianten von der Konkurrenz ab. Produkte werden in so vielen Varianten angeboten, dass die Wünsche jedes relevanten Kunden erfüllt werden. Die Differenzierung ist jedoch nicht nur über die Varietät möglich. Die Erstellung kundenbezogener Dienstleistungen, ein besonderes Produktimage oder ein hoher Lieferservicegrad können ebenso Differenzierungsoptionen sein.

  • Preis eines vergleichbaren Standardgutes

Charakteristisch für das Mass Customization ist, dass die kundenspezifischen Produkte zu einem Preis angeboten werden, der in etwa dem Preis für ein vergleichbares Standardgut entspricht, bzw. zu einem Preis, den die Käufer vergleichbarer Standardgüter bereit sind zu zahlen. Diese Preise sollen durch die Effizienzvorteile einer kundenindividuellen Massenproduktion erreicht werden und nicht durch Kreuzsubventionierungen innerhalb des Unternehmens. Eine kundenindividuelle Massenproduktion bringt mit sich, dass immer erst auf Bestellung produziert wird. Dadurch können Unternehmen besser planen, sparen Lagerhaltungskosten und können das "Moderisiko" minimieren (vor allem in der Bekleidungsindustrie ist das "Moderisiko" ein großes Problem, da sich Kleidung, sobald sie aus der Mode gekommen ist, nur sehr schwer und mit großen Preisreduktionen verkaufen lässt).

  • Großer Absatzmarkt

Im Gegensatz zum klassischen Manufacturing on Demand zielt das Mass Customization auf einen großen Absatzmarkt. Es werden Güter und Dienstleistungen produziert, für die es eine große Käuferschaft gibt. Dabei kann der relevante Markt viele Millionen Menschen umfassen (z. B. in der Bekleidungsindustrie), bei anderen Produkten (wie z. B. bei Fertighäusern) kann schon ein Markt von einigen hundert Abnehmern ein großer Massenmarkt sein. Die einzelnen Kunden unterscheiden sich bezüglich ihrer Wünsche an bestimmte Eigenschaften des jeweiligen Produktes.

  • Aufbau einer dauerhaften Kundenbeziehung

Die Unternehmen, die das Konzept des Mass Customization umsetzen, haben die Möglichkeit, die aus der Interaktion mit den Kunden gewonnenen Informationen zum Aufbau einer dauerhaften Kundenbeziehung zu nutzen. Durch solche dauerhaften Kundenbeziehungen können Unternehmen sich einen bedeutsamen Wettbewerbsvorteil sichern.

 

Abgrenzung des Begriffes Mass Customization

  • Mass Customization = Einzelfertigung?

Obwohl beim Mass Customization individualisierte, kundenspezifische Produkte und Dienstleistungen hergestellt werden, darf das Mass Customization nicht mit Einzelfertigung gleichgesetzt werden. Während die Kunden bei der klassischen Einzelfertigung von Grund auf neue Produkte kreieren können, ist dies beim Mass Customization nicht möglich. Beim Mass Customization sind die Möglichkeiten zur Individualisierung von Produkten von vornherein eingeschränkt. Individualisiert werden die Produkte nur an einigen, für den Kunden relevanten Komponenten.

  • Mass Customization = Variantenfertigung?

Mass Customization ist deutlich von einer Variantenfertigung zu unterscheiden. Bei der Variantenfertigung kommt es zu keiner Kommunikation mit dem Kunden. Über den Handel wird den Kunden, die dem Unternehmen nicht einzeln bekannt sind, eine so große Auswahl unter verschiedenen ähnlichen Produkten angeboten, dass sie ein Produkt finden, das ihren Wünschen ungefähr entspricht. Die Produkte werden aufgrund einer Absatzprognose, also quasi "auf Verdacht", vorgefertigt und nicht erst produziert, nachdem eine Bestellung eingegangen ist.

  • Worin unterscheidet sich das Mass Customizing vom klassischen Manufacturing on Demand?

Sowohl beim Mass Customization als auch beim Manufacturing on Demand wird nur im Kundenauftrag produziert. Der Hauptunterschied zwischen Mass Customization und dem klassischen Manufacturing on Demand liegt darin, dass es sich beim Mass Customization um eine Form der Massenfertigung handelt. Mass Customization zielt immer auf einen großen Absatzmarkt. Dadurch werden beim Mass Customization vor allem Produkte gefertigt, für die es eine große Zahl von Käufern gibt, z.B. Bekleidung, Schuhe, … Beim klassischen Manufacturing on Demand ist die Losgröße viel kleiner und die Produkte sind viel spezieller und komplexer, z.B. Schiffe, Maschinen, Kraftwerke, ….

Literaturempfehlung

Aupperle, G.: Optimized Capacity Adjustment for a cast effective fulfilment of customer requirements under a Manufacturing on Demand Stragegy. Quelle: Intelligent Manufacturing, Automation & Networking 1998 – Vol. 1 (1998), S.213-214.

Bischoff, J.: Wandlungsfähige Fabrik. Quelle: Produkte mit technischer Intelligenz entwickeln, herstellen und betreiben (1999), S.28-36.

Eversheim, W.; Schellberg, O.; Terhaag, O.: Gestaltung und Betrieb von Produktionsnetzwerken, In: Produktions- und Logistikmanagement in virtuellen Unternehmen und Unternehmensnetzwerken, Berlin Heidelberg, New York, 2000.

Picot, A.: Neuburger, R..: Grundzüge eines Produktionsmanagements in vernetzten Organisationen, In: Produktions- und Logistikmanagement in virtuellen Unternehmen und Unternehmensnetzwerken, Berlin Heidelberg, New York, 2000.

Piller, F.T.: Mass Customization – Ein wettbewerbsstrategisches Konzept im Informationszeitalter. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag, 2003.

Sihn, W.: Manufacturing on Demand – Anpassung der Fertigungssteuerung an die moderne Produktion. Quelle: Flexible Fertigungssteuerung für eine auftragsgerechte Produktion und termingetreue Lieferung (1998) Getr. Z.

Westkämper, E.: Fabriken der neuen Generation, 5. Stuttgarter Innovationsforum, Stuttgart 1997.

Westkämper, E.: Wandlungsfähige Unternehmensstrukturen – Manufacturing on Demand. Quelle: Kundenorientierte Planung der Produktion – Methoden und Instrumente effektiver Grobplanung (1997), S.9-19.

Westkämper, E.: Manufacturing on Demand in Production Networks. Quelle:CIRP Annals Manufacturing Technology 46 (1997), Nr. 1, S.329-334.