1 Die traditionelle Untermehmensorganisation
1.1 Adam Smith und Frederick W. Taylor
1776 veröffentlichte der amerikanische Ökonom
und Philosoph Adam Smith sein berühmtes Buch "Der Wohlstand der Nationen".
Smith beschrieb darin welche noch nie dagewesenen Chancen sich dem produzierenden Gewerbe
durch die industrielle Revolution eröffneten. Er zeigte auf, wie durch den Übergang zur
maschinellen Herstellung in Großbetrieben die Produktivität der Arbeitskräfte um
Größenordnungen gesteigert und damit die Warenkosten um ein Vielfaches gesenkt werden
konnten. Adam Smith begründete damit den Grundsatz der Arbeitsteilung.
Seine Ergebnisse basierten auf Beobachtungen, nach
denen er feststellte, daß eine bestimmte Anzahl auf einen einzigen Arbeitsschritt
spezialisierter Arbeiter mehr Produkte fertigen können, als die gleiche Anzahl
Generalisten, die alle Arbeitsschritte ausführten. Dabei lag die Produktivität der
spezialisierten Arbeiter um einen Faktor von mehreren Hundert über der der Generalisten.
Das Erfolgsrezept von Adam Smith hieß also:
höchstmögliche Fragmentierung der Arbeit und Einsetzung von Spezialisten in
Arbeitsteilung. Diese Ideen wurden später von Frederick W Taylor weiterentwickelt.
1.2 Entstehung der Bürokratie
Eine weitere Neuerung in der Arbeitswelt kam
durch die immer mehr an Bedeutung gewinnenden Eisenbahngesellschaften auf. Um den
Zugverkehr auf dem wachsenden Streckennetz zu koordinieren und zu planen, und um
dementsprechend Zugzusammenstöße auf eingleisigen Strecken zu verhindern, wurden
spezielle Betriebsabläufe und die dazugehörigen Strukturen und Mechanismen geschaffen.
Alle erdenklichen Betriebsabläufe wurden durch vorgeschriebene Handlungsabläufe
geregelt, denn die Führungskräfte wußten, daß der Eisenbahnbetrieb nur durch eine
starke Reglementierung und Standardisierung, und durch klar abgesteckte Kompetenz- und
Berichtsstrukturen vorhersagbar, zuverlässig und sicher funktionieren konnte. Die
Arbeiter sollten nur innerhalb der bestehenden Regeln funktionieren. Die Vorteile einer
strengen Bürokratie erkannten bald auch die Leiter anderer Unternehmen, und übertrugen
sie auf ihre Fabriken.
1.3 Henry Ford und Alfred Sloan auf dem Weg zur Massenfertigung
Henry Ford und Alfred Sloan entwickelten am
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts weitere bahnbrechende Neuerungen. Henry Ford
maximierte in seiner Autofabrik die Arbeitsteilung, indem er die kleinsten möglichen,
sich wiederholenden Arbeitsschritte festlegte. Zum fließenderen Arbeitsablauf entwickelte
er ein Montageband, das die Werkstücke von einem Arbeitsplatz zu dem des nächsten
Arbeiters transportierte.
Dadurch wurde zwar die Arbeit einfacher, sie mußte
jedoch aufwendiger koordiniert und kontrolliert werden, da den Arbeitern der Einblick in
den Gesamtzusammenhang des Arbeitsprozesses verloren ging.
Um dieses Problem zu lösen erdachte sich Alfred
Sloan, derzeitiger Chef von General Motors, ein erstes Managementsystem. Er schuf
dezentralisierte Unternehmensbereiche, die von der Konzernspitze durch bloße
Kennzahlenkontrolle geleitet wurden. Dabei teilte er die komplexe Autofertigung in viele
Bereiche, die jeweils einer Automarke entsprach (Chevrolet, Pontiac, Buick, usw.). Dadurch
wurde die Unternehmung übersichtlicher und die Produktionssteuerung leichter.
In seinem Managementsystem wandte Sloan auch auf
Managerebene das Prinzip der Arbeitsteilung an. Dadurch wurden Spezialistenabteilungen mit
Augenmerk auf zum Beispiel Technik, Fertigung, Lagerbestände, Finanzen oder Absatzmarkt
geschaffen.
Sloans Gesamtsystem wird heute gemeinhin als
klassische Massenproduktion bezeichnet.
1.4 Planung und Controlling
Der letzte Schritt in der klassischen
Unternehmensentwicklung zeichnete sich von 1945 bis zu den 60er Jahren ab. Jetzt wurden
hochentwickelte Planungsmodelle eingeführt, die der Konzernleitung Informationen über
die Situation des Unternehmens, die freien finanziellen Mittel, den Abteilungsbudgets, und
über die zu erwartenden Ergebnisse und Erfolge der Unternehmensbereiche geben sollten. Zu
diesem Zwecke stellten die Unternehmen eine Vielzahl an Managern als Controller, Planer
und Revisoren ein, wodurch sowohl die Anzahl der indirekten Mitarbeiter erhöht als auch
die Bürokratie erweitert wurde.
1.5 Die Grenzen der traditionellen Organisation
Die Organisationsentwicklung lief bis in
die letzten Jahre linear. Die geschaffenen Strukturen waren auch vor dem Hintergrund der
bis dahin herrschenden Marktsituation sehr vorteilhaft. Bis zu diesem Zeitpunkt herrschte
eine konstante Güterknappheit auf den Märkten. Das heißt, die Unternehmen konnten
beinahe produzieren was und wieviel sie wollten. Der Markt nahm alles ab. Es herrschte
also ein klassischer Verkäufermarkt, die Unternehmen konnten als
"Bureaucracy/Productout Company" bezeichnet werden. Ein Unternehmen
konnte sich am wirkungsvollsten durch einen Technologie- und Know-How-Vorsprung von seinen
Wettbewerbern absetzen, weil es dadurch qualitativ bessere oder preiswertere Produkte
anbieten konnte. Die Gewinnsituation wurde hauptsächlich durch einen Faktor beeinflußt:
Kapazität. Und gerade hier war die bestehende Organisationsform wieder von Vorteil. Es
konnten leicht weitere Kapazitäten in die vorhandene Organisation eingebaut werden, es
mußte nur gleichzeitig das Kontroll- und Koordinationsmanagement ausgeweitet werden.
Mit zunehmender Sättigung des Marktes entwickelten
sich die Unternehmen Mitte der 70er zunehmend zu "Marketing/Product-in
Companies". Sie verlagerten ihren Schwerpunkt also Richtung Marketing, das heißt,
sie orientierten sich bei der Produktfindung und der Produktion am Markt, also an den
Bedürfnissen der Abnehmer.
Die immer komplexer werdenden
"Marketing/Product-in Companies" stießen allmählich an die Grenzen der
funktionellen Smith/Taylorlschen Organisation. Die Unternehmen waren bei der Lösung der
zahlreichen Probleme mit herkömmlicher Arbeitsweise überfordert. Um Abhilfe zu schaffen,
und die Koordination zu stärken, wurden abteilungsübergreifende Komitees eingerichtet,
sowie zunehmendermaßen Besprechungen auf die Tagesordnung der Manager gesetzt. Die
Notwendigkeit funktionsübergreifender Arbeit brachte Erscheinungen wie Teamarbeit, job
enlargement, job enrichment oder job rotation zu Tage. Obwohl die über hundert Jahre
alten Strukturen nun nicht mehr allen Anforderungen gerecht wurden, wurde nicht an den
Grundfesten gerüttelt, also an der Ursache operiert, sondern nur an den Symptomen
gearbeitet.
Erst Ende der 80er Jahre wurde nach dem Eintritt
einer allgemeinen Marktsättigung die Notwendigkeit einer völligen Überdenkung der
Organisationsstruktur der Unternehmen zunehmend erkannt. Die Umwelt und die Märkte hatten
sich so gravierend geändert, daß eine Reaktion überlebensnotwendig wurde.
Die Firmen fanden sich in einem "Umfeld in dem
nichts konstant oder vorhersagbar" war, indem weder Konjunktur, Marktwachstum,
Produktlebenszyklus, Kundennachfrage oder das Tempo des technischen Fortschrittes planbare
Größen waren wieder. Die Zeiten des Massenmarktes waren endgültig vorbei. Anstelle
"des Kunden" traten Individuen, die aufgeklärt und - vom Unternehmenswettbewerb
verwöhnt anspruchsvoll geworden sind. Sie forderten Produkte oder
Dienstleistungen, die auf ihre individuellen Bedürfnisse ausgerichtet waren, und keine
standardisierten Massenlösungen. Durch eine Vielzahl von Angeboten und durch die Mittel
moderner Informationsgewinnung konnte sich der Kunde emanzipieren, und als dominante
Größe einen Käufermarkt schaffen.
Die zunehmende Fragmentierung der Arbeit, und der
damit einhergehende Aufwand an Verwaltung, Administration und Management führten dazu,
daß ein nie dagewesenes Phänomen auftauchte: die "diseconomies of scale"!
Damit ist der Größennachteil gemeint, der durch die zusätzlichen Gemeinkosten, die bei
der Kapazitätserweiterung durch die Erweiterung des mittleren Managements und der
zusätzlichen Bürokratie entsteht.
Ein anderes Problem das der Arbeitsfragmentierung
anhaftet, ist die durch den großen dafür nötigen Management-Apparat angewachsene
beträchtliche Entfernung des Top-Managements zum Kunden. Für Unternehmensleiter bestand
der Kunde oft nur noch aus Zahlen. Daß dies problematisch ist, liegt wiederum nicht
zuletzt an der bereits angesprochenen Individualisierung der Kunden.
Zudem kommt, daß in einem Unternehmen, das von
vertikalen Strukturen geprägt ist, keine Prozeßverantwortung existiert. Es gibt zum
Beispiel kein klassisches Vorstandsmitglied, das für die Auftragsabwicklung zuständig
ist. Wer ist also für Probleme und Verbesserungen in diesem Bereich zuständig? Aus dem
Sport weiß man, daß eine Mannschaft nur so stark ist, wie ihr schwächster Spieler. So
verhält es sich auch mit einem Prozeß und den beteiligten funktionalen Abteilungen. Kann
also eine Verbesserung der Prozeduren innerhalb einer Abteilung (z.B. des Warenlagers)
wirklich große Prozeßverbesserungen (z.B. bei der Auftragsabwicklung) bringen?
Den Mitarbeitern ist oft der Gesamtprozeß nicht
einmal bewußt, wodurch das übergeordnete Ziel der Arbeit aus den Augen verloren wird.
Die Auswirkungen auf die Effektivität der Arbeit müssen hier nicht erwähnt werden. Doch
selbst wenn die Arbeitsgänge innerhalb der Abteilungen die in einen Prozeß involviert
sind einwandfrei ablaufen, ist das für den Kunden bedeutungslos, wenn das Gesamtergebnis
des Prozesses nicht zufriedenstellend ist. Grund hierfür ist zum Beispiel, daß viele
Aufgaben in einem Unternehmen nicht erledigt werden, um Kundenbedürfnisse zu erfüllen,
sondern um interne organisatorische und bürokratische Anforderungen zu erfüllen.
Des weiteren wurde die Dringlichkeit einer Reaktion
auf die veränderte Lage in den westlichen Marktwirtschaften mit dem Auftreten von
asiatischen Produzenten auf den westlichen Märkten verstärkt. Allen voran die Japaner,
warteten sie mit einem Produktangebot auf, das qualitativ hochwertig, trotzdem
preisgünstig und zudem mit gutem Service verbunden war. Es war "Massenproduktion plus
Qualität, Preis, Service und Auswahl", wie M. Hammer und J. Champy es
beschreiben.
Es war also endgültig die Zeit gekommen sich
Gedanken über eine Neuorganisation zu machen, um die Wettbewerbsfähigkeit sowohl auf dem
Heimmarkt, als auch auf den internationalen Märkten weder herzustellen. |