| Die Implementierung des Konzepts des virtuellen Unternehmens bedeutet neue
Herausforderungen an das Management. Neben der klassischen Managementaufgabe in einem
Unternehmen bekommt im virtuellen Unternehmen das Informationsmanagement eine überragende
Bedeutung. Ohne ein geeignetes Informationssystem mit entsprechender informations- und
kommunikationstechnologischer Infrastruktur ist insbesondere ein wirkungsvolles
Koordinations- und Kooperationsmanagement in virtuellen Unternehmen kaum erreichbar.
Zusätzlich sind im virtuellen Unternehmen generell zwei Management-Ebenen zu
unterschieden: das Management des ganzen virtuellen Unternehmens und das Management eines
einzelnen beteiligten Partnerunternehmens: 1) Allgemeines
Management in virtuellen Unternehmen
1a) Management in Partnerunternehmen
Ein Einzelunternehmen ist nicht automatisch für die
gewinnbringende und dauerhafte Teilnahme an virtuellen Unternehmen qualifiziert. Dem
Unternehmen entstehen die Anforderungen, es unter Einhaltung der eigenen Ziele passend
für die Unternehmenskultur und Unternehmenspolitik des virtuellen Unternehmens zu
gestalten oder zu erhalten. Zu den wichtigsten Anforderungen gehört die Entwicklung bzw.
der Erhalt einer oder mehrerer herausragenden Kernkompetenzen auf der Basis einzigartiger
Ressourcen (z.B. Know-how), um im wachsenden Wettbewerb bestehen zu können. Dabei sollte
zum Erhalt der wirtschaftlichen Eigenständigkeit darauf geachtet werden, nicht zu viele
Aufgabenbereiche zu externalisieren. In einer engen Zusammenarbeit von Unternehmen droht
auch die Gefahr des Verlustes der Einzigartigkeit der eigenen Ressource. Dem kann begegnet
werden, indem versucht wird nicht die Ressource selbst, sondern die daraus resultierende
Leistung zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig sollten die zwischenbetrieblichen
Beziehungen besonders gepflegt werden, da der Wert der eigenen erbrachten Leistung bei
einem externen Kunden zunehmend erst in der Zusammenarbeit mit den Partnern entsteht.
Eine weitere wichtige Managementaufgabe ist die ständige
Überwachung von Risiken und Chancen des Unternehmens. Ein virtuelles Unternehmen sichert
nicht automatisch die Existenz des Einzelunternehmens. So muß das Einzelunternehmen
darauf reagieren, wenn es durch das virtuelle Unternehmens neue Erfolgspotentiale erkennt.
Genauso muß es allerdings auch frühzeitig möglichen Bedrohungen der eigenen
Marktposition durch das virtuelle Unternehmen begegnen.
1b) Management in virtuellen Unternehmen
Es existieren drei Hauptaufgaben des Managements virtueller
Unternehmen:
- die Pflege einer Unternehmenskultur,
- die Entwicklung grundlegender Regeln der Zusammenarbeit sowie
- die Lokomotion der Kooperation.
Virtuelle Unternehmen verzichten weitestgehend auf die
Institutionalisierung zentraler Funktionen, um größtmögliche Flexibilität und
Kreativität zu ermöglichen. Als Kompensation zu den fehlenden zentralen Funktionen
bedarf es des Aufbaus einer besonderen Kultur innerhalb des virtuellen Unternehmens, die
insbesondere auf Vertrauen, Verantwortung, gemeinsamer Werte und Offenheit beruht. Aber
auch eine ausgezeichnete Unternehmenskultur kann das Zusammenwirken der Partner nicht
ausreichend regeln. Hierfür werden zumindest einige grundlegende explizite Regeln bzw.
Standards benötigt für deren evolutive Entwicklung das Management zu sorgen hat.
Kooperationen, in denen Menschen eingebunden sind, ausschließlich auf die
eigenmotivierten und freiwilligen Beiträge der Partner zu stützen steht im Konflikt mit
einigen menschlichen Eigenschaften. Zur Beseitigung dieses Konflikts ist eine ständige
Lokomotion der Kooperation, die auch eine Überwachung der Kooperationsprämissen
beinhaltet, sinnvoll. Voraussetzung zur Lokomotion ist die Schaffung geeigneter
Rahmenbedingungen, die die Kooperation inklusive der Vermittlung von Vertrauen und
gemeinsamen Werten und die Einhaltung von Regeln ermöglicht bzw. erleichtert. Moderne IKT
können hier einen Beitrag leisten.
2) Informationsmanagement in virtuellen Unternehmen
Das Informationsmanagement ist für den Informationsfluß im
Unternehmen zuständig. Hierzu nimmt es die Aufgaben der Gestaltung des betrieblichen
Informationssystems und des Betriebs der informations- und kommunikationstechnischen
Infrastruktur wahr.
2a) Informationsmanagement in Partnerunternehmen
Der temporäre Charakter virtueller Unternehmen erfordert von
den potentiellen Teilnehmern die Fähigkeit eines problemlosen an- und abkoppelns. Aus
informationstechnologischer Sicht stellt diese Forderung außerordentlich hohe
Anforderungen an das betriebliche Informationssystem. Das Informationsmanagement hat
hierbei die Aufgabe, das eigene Informationssystem für die Anforderungen der Teilnahme an
virtuellen Unternehmen fit zu machen. Ausgangspunkt hierzu ist die Analyse der Chancen und
Risiken moderner (überbetrieblicher) Informationssystem-Konzepte im Rahmen der
strategischen Unternehmensplanung. Hierzu gehört das Erkennen der Chance, auf der Basis
der Potentiale weltweiter Vernetzung über Kooperationen die nutzbaren Ressourcen, das
nutzbare Know-how und die Marktreichweite zu geringen Transaktionskosten z.T. erheblich zu
erweitern. Auf der anderen Seite muß erkannt werden, welche Gefahren ein Verpassen der
technologischen Entwicklung birgt. In der internen strategischen Analyse werden die
Stärken und Schwächen des eigenen Informationssystems in bezug auf die Eignung für die
Partizipation an virtuellen Unternehmen bestimmt. In der Verantwortung des
Informationsmanagements liegt nun die Entwicklung eines Generalbebauungsplans des
Informationssystems, der den Anforderungen einer informationstechnisch gestützten
Kooperation mit wechselnden Kooperationspartnern gerecht wird. Diese Flexibilität kann
unter Verwendung des objektorientierten Paradigmas erreicht werden. Das Informationssystem
wird als Menge lose gekoppelter Komponenten entwickelt, deren Innensicht verdeckt bleibt,
und die mit anderen Komponenten über nach außen fest definierte Schnittstellen
Nachrichten austauschen. Auf diese Weise wird die Kopplung mit anderen inner- oder
außerbetrieblichen Komponenten sehr flexibel. Voraussetzung hierfür ist die Schaffung
einer offenen informations- und kommunikationstechnischen Infrastruktur. Die Existenz
geeigneter Informations- und Kommunikationstechnologie allein reicht allerdings nicht aus,
sondern deren Nutzung muß auch zielgerichtet gelenkt werden, was auch zu den Aufgaben des
Informations-managements zählt.
2b) Informationsmanagement in virtuellen Unternehmen
Wie bereits beschrieben deutet das Adjektiv "virtuell"
auf das Fehlen einiger physikalischer Strukturmerkmale eines Unternehmens hin. Diese
"Virtualisierung eines Unternehmens" fällt sehr stark in den Aufgabenbereich
des Informationsmanagements, da sie über die Gestaltung des Informationssystems erreicht
wird.
Das strategische Informationsmanagement muß Chancen und Gefahren
insbesondere neuer Informations- und Kommunikationstechnik für das virtuelle Unternehmen
erkennen und abwägen. Virtuelle Unternehmen sind der Konkurrenz, gegenüber der es
Wettbewerbsvorteile zu erhalten gilt, und Risiken ausgesetzt. Auf der anderen Seite
existieren jedoch zahlreiche Chancen, z.B. in der Nutzung neuer Technologien zur
umfangreichen Ausschöpfung der im virtuellen Unternehmen vorhandenen Ressourcen und
Marktzugänge. Hierdurch können u.a. Preis-, Zeit-, und Kostenvorteile, die stärkere
Bindung von Kunden und Markteintrittsbarrieren für Mitbewerber geschaffen werden. Das
zwischenbetriebliche Informationssystem des virtuellen Unternehmens muß ständig den
neuen Möglichkeiten angepaßt werden. Das bedeutet die Bereitstellung einer geeigneten
offenen und flexiblen zwischen-betrieblichen informations- und kommunikationstechnischen
Infrastruktur und ggf. die Planung und Entwicklung spezifischer Anwendungssysteme für
virtuelle Unternehmen, möglichst auf der Basis von Standards. Das könnten z.B. Systeme
zur Koordination der zwischenbetrieblichen Geschäftsprozesse sein, wie
Workflow-Managementsysteme (WFMS), Scheduler oder Projektmanagementsysteme, ein
elektronisches Organisationshandbuch, in dem wichtige organisatorische Informationen allen
Partnern im virtuelle Unternehmen leicht zugänglich gemacht werden und so das navigieren
innerhalb des Netzwerkes vereinfachen, oder neuartige Kostenrechnungssysteme sein.
Literaturempfehlungen
Bullinger,H.-J.; Warnecke, H.-J.: Neue Organisationsformen im
Unternehmen, Berlin, Heidelberg, New York, 1996.
Well B.: Ressourcenmanagement in strategischen Netzwerken, in:
Hinterhuber H. et al (Hrsg.): Das Neue Strategische Management, Gabler, Wiesbaden 1996.
Picot A., Reichwald R., Wigand R.T.: Die grenzenlose Unternehmung,
Gabler, Wiesbaden, 1996.
Scholz C.: Die virtuelle Organisation als Strukturkonzept der
Zukunft? Arbeitsbericht Nr. 30, Universität Saarbrücken 1994.
Mertens P., Faisst W.: Virtuelle Unternehmen - eine
Organisationsstruktur für die Zukunft?, in technologie & management, 44. Jg., H.2,
1995.
Arnold, Faisst, Härtling, Sieber (1995): "Virtuelle
Unternehmen als Unternehmenstyp der Zufunft", in: HMD Nr.185.
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