1 Einleitung
Unter einen Wertstrom versteht man alle Aktivitäten (sowohl
wertschöpfend als auch nicht-wertschöpfend), die notwendig sind, um ein Produkt durch
die Hauptflüsse zu bringen, die für jedes Produkt entscheidend sind:
- den Fertigungsstrom vom Rohmaterial bis in die Hände des Kunden und
- den Entwicklungsstrom vom Produktkonzept bis zum Produktionsstart.
Eines der wichtigsten Ziele neuer Produktionssysteme ist es, alle
Prozesse im Wertstrom so miteinander zu verknüpfen, dass ein Fluss entsteht. Durch eine
enge Verkettung der Prozesse im Wertstrom werden die Durchlaufzeiten verkürzt und
gleichzeitig Fehler und Ausschuss verringert. Hierbei wird die Aufgabe der Steuerung
einzelner Prozesse auf die Steuerung eines gesamten, effizienten und kundenorientierten
Flusses verlagert. Eine Wertstromperspektive einzunehmen bedeutet aber zusätzlich am
Gesamtbild zu arbeiten, nicht nur an einzelnen Fertigungsprozessen. Betrachtet man den Weg
vom Rohstoff bis in die Hände des Endkunden, dann wird man den Wertstrom eines Produkts
über viele Firmen und noch mehr Produktionsstätten hinweg verfolgen müssen.
Die im folgenden vorgestellte Methode des Wertstromdesigns nach
Rother und Shook basiert zunächst darauf , den heutigen Fluss der Wertschöpfung von
Wareneingang bis zum Versand eines Unternehmens schnell auf einer A3-Seite anschaulich
abzubilden, einen verbesserten Sollzustand zu designen und auf Basis dieses Plans
wesentlich rationeller einzugreifen als nur mit einzelnen, letztendlich nicht miteinander
verbundenen Prozessverbesserungen. Einen Plan für den gesamten Wertstrom zu entwerfen,
ist ein fehlendes Glied in vielen Verbesserungsbemühungen. Zielsetzung muss es sein,
einen Fluss mit einem hohen Grad an Wertschöpfung und kurzen Durchlaufzeiten aufzubauen.
Dazu benötigt man eine Vision, wie dieser Fluss aussehen könnte. Die Methode des
Wertstromdesigns unterstützt den Planer, diese Vision zu entwickeln und sich somit auf
einen idealen oder zumindest verbesserten Zustand zu konzentrieren.
2 Durchführung des Wertstromdesigns
Nach der Festlegung auf eine Produktfamilie fängt man damit an,
den Ist-Zustand anhand von Informationen, die man persönlich im Werk sammelt,
darzustellen. Daraus gewinnt man die notwendigen Informationen zur Erstellung eines
ersten, vielleicht noch etwas provisorischen Soll-Zustands. Der weitere Schritt besteht in
der Vorbereitung und Durchführung eines Umsetzungsplans, der beschreibt, wie der
Soll-Zustand erreicht werden soll.
Zu beachten ist, dass sich diese Aktivitäten überlappen. Während
man den Ist-Zustand skizziert, entstehen vielleicht Ideen zum Soll-Zustand. Umgekehrt kann
man beim Skizzieren der ersten Version des Soll-Zustandes auch auf Ist-Informationen
stoßen, die bisher unberücksichtigt geblieben sind. Der Soll-Zustand wird sicher auch
später, nachdem die Umsetzung begonnen hat, noch im Detail weiter verfeinert werden
müssen.

Das Wertstromdesign für eine Produktfamilie sollte vor
Umsetzungsbeginn nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Nach den ersten Erfahrungen mit
der Wertstromdesign-Methode sollte nach etwa zwei oder drei Tagen ein Soll-Zustand soweit
gediehen sein, dass an irgendeinem Punkt im Wertstrom mit der Umsetzung begonnen werden
kann. Die Feinabstimmung des Soll-Zustandes sollte mit fortschreitender
Umsetzungserfahrung in Iterationszyklen gemacht werden. Wichtig ist auch, mit einem
Soll-Zustand nicht zu weit in die Zukunft zu greifen. Bei einem Sollzustand, der nur in
einigen Jahren zu erreichen wäre, verschwindet das Bestreben zu einer schnellstmöglichen
Umsetzung.
Schritt 1: Auswahl einer Produktfamilie
Alle Produktflüsse in einem Unternehmen zu erfassen, ist für
die Erstellung einer groben Ist-Analyse zu umfangreich, deshalb beschränkt man sich
zunächst auf eine repräsentative Produktfamilie für die alle Prozessschritte
(Materialfluss und Informationsfluss) vom Wareneingang bis zum Versand im Unternehmen
erfasst werden. Eine Produktfamilie ist eine Gruppe von Produkten, die ähnliche
Verarbeitungsschritte und Maschinenausrüstungen im kunden- und produktspezifischen Teil
des Wertstroms durchlaufen. In diesem Wertstromsegment werden normalerweise die Produkte
für den externen Kunden fertiggestellt. Im Allgemeinen sollten man nicht versuchen,
Produktfamilien nach Herstellungsschritten zu unterteilen, welche für viele
Produktfamilien gleichermaßen zutreffen können (mehrfach verwendete Baugruppen und
Halbfabrikate).
Festzuhalten ist welche Produktfamilie ausgewählt wurde, welche
Produkte zu dieser Familie gehören, welche Kunden wieviele dieser Produkte benötigen und
wieoft sowie welche Nachfrageschwankungen zu erwarten sind.
Schritt 2: Ernennung des "Wertstrom-Managers"
Da Unternehmen meist nach Abteilungen und Funktionen aufgebaut
sind, anstatt nach dem Fluss der wertschöpfenden Schritte, ist oftmals niemand für den
gesamten Wertstrom verantwortlich ist. Deshalb ist es auch schwierig im Unternehmen eine
einzelne Person zu finden, die über den vollständigen Material- und Informationsfluss
einer Produktfamilie (sämtliche Prozesse einschließlich der Produktionsplanung) Bescheid
weiß. Ohne dieses Wissen bleiben Teile des Flusses jedoch dem Zufall überlassen. Das
heißt, einzelne Fertigungsbereiche funktionieren zwar aus ihrer Sicht rationell und
effizient, nicht aber aus Sicht des gesamten Wertstroms.
Um von dieser isolierten Betrachtungsweise wegzukommen, ist es
notwendig einer Person die Hauptverantwortung für das Verständnis des Wertstroms und
dessen Verbesserung zu übertragen. Rother und Shook nennen diese Person einen
,,Wertstrom-Manager" und schlagen vor, ihn (oder sie) in dieser Rolle an die oberste
Führungskraft im Unternehmen berichten zu lassen. Damit erhält diese Person die
erforderlichen Befugnisse, um Veränderung auch wirklich umsetzen zu können.
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- Berichtet an die ranghöchste Person im Werk über den
Fortschritt bei der Einführung des Soll-Zustandes
- Person aus der Linie mit der Fähigkeit, Änderungen über
Funktions- und Abteilungsgrenzen hinweg durchzusetzen
- Leitet die Aufnahme des Ist-Zustands, die Planung des
Sollzustands und die Erstellung eines Umsetzungsplans
- Überwacht alle Aspekte der Umsetzung
- Geht persönlich durch alle Bereiche, die vom Wertstrom
durchlaufen werden und prüft täglich oder wöchentlich den Fluss
- Gibt der Umsetzung höchste Priorität
- Überwacht die Einhaltung des Umsetzungsplans und
führt regelmäßig Aktualisierungen des Soll-Zustandes durch
(Fortlaufende Verfeinerung des Soll-Zustandes basierend auf den Erfahrungen der Umsetzung)
- Kommt aus der Praxis und ist ergebnisorientiert.
Abb. 2: Anforderungsprofil an einen
Wertstrommanager (nach Rother, Schock) |
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Schritt 3: Erfassen des Ist-Zustandes
Zielsetzung der Analyse des Ist-Zustandes ist es, ein über
Funktionen und Abteilungen abgestimmtes und allgemein anerkanntes Abbild der aktuellen
Situation des betrachteten Werkes bezogen auf die ausgewählte Produktfamilie zu erhalten.
Dazu werden die Material- und Informationsflüsse für die betrachtete Produktfamilie
skizziert. Mit Hilfe einer Reihe von Symbolen, die in Abbildung 3 aufgelistet sind, werden
Prozesse und Flüsse dargestellt. Sobald der Gesamtfluss durch sichtbar wird, kann der
Vergrößerungsfaktor erhöhen werden, bis jeder Einzelschritt innerhalb einer
Prozesskategorie dargestellt ist, oder man verkleinert ihn, um den Wertstrom auch
außerhalb des betrachteten Werkes über die Supply Chain zu erfassen.

Für die Durchführung geben Rother und Shook folgende Tipps:
- Sammeln Sie stets Informationen zum Ist-Zustand, während Sie selbst
die Wege von Material- und Informationsfluss zu Fuß verfolgen.
- Beginnen Sie mit einem Schnelldurchgang durch den vollständigen
Wertstrom von Wareneingang bis zum Versand,
um eine Vorstellung vom Fluss und der
Abfolge der Prozesse zu bekommen. Nach dem ersten Schnelldurchgang gehen Sie zurück, um
an jedem Prozess Informationen zu sammeln.
- Beginnen Sie beim Versand und gehen Sie flussaufwärts vor,
anstatt
bei der Anlieferung zu starten und flussabwärts zu gehen. Auf diese Weise beginnen Sie
mit den Prozessen, die den Kunden direkt betreffen und auch als ,,Schrittmacher" für
die weiter flussaufwärts liegenden Prozesse dienen.
- Nehmen Sie eine Stoppuhr und verlassen Sie sich nicht auf
Standardzeiten oder Informationen, die Sie nicht persönlich beschafft haben.
Zahlen
in einer Datei entsprechen selten der aktuellen Wirklichkeit. Daten in einer Datei geben
einen Zustand wieder, als alles reibungslos funktionierte, z.B. die erste dreiminütige
Umrüstung einer Gussform in diesem Jahr oder die erste Woche seit Produktionsbeginn, als
kein Zeitdruck herrschte. Ihre Fähigkeit, sich einen Soll-Zustand vorstellen zu können,
hängt davon ab, ob Sie selbst am Ort des Geschehens sind und inwieweit Abläufe
nachvollziehbar bleiben. (Mögliche Ausnahmen von dieser Regel sind Daten über
Maschinenzuverlässigkeit, Ausschuss- und Nacharbeitsraten und Rüstzeiten.)
- Skizzieren Sie den gesamten Wertstrom selbst,
auch wenn mehrere
Personen am Wertstromdesign beteiligt sind. Beim ersten Schritt des Wertstromdesigns geht
es vor allem darum, den gesamten Fluss zu verstehen. Wenn verschiedene Fertigungssegmente
von verschiedenen Personen skizziert werden, wird niemand das Ganze verstehen.
- Zeichnen Sie immer von Hand mit Bleistift.
Machen Sie sich schon
während des Werkdurchgangs eine grobe Skizze des Ist-Zustands und überarbeiten Sie diese
später am selben Tag noch einmal - wieder von Hand und mit einem Bleistift. Geben Sie
nicht der Versuchung nach, einen Computer zu benutzen. Das Zeichnen von Hand bedeutet,
dass Sie es selbst machen können. Dieser Vorgang ist entscheidend für das Verständnis
von Material- und Informationsfluss. Außerdem können Sie sich auf das Verstehen des
Flusses konzentrieren, anstatt sich mit der Bedienung des Computers zu beschäftigen. Beim
Wertstromdesign ist nicht die Skizze wichtig, sondern das Verstehen von Informations- und
Materialfluss. Durch das wiederholte Überarbeiten Ihrer Zeichnungen von Hand verbessert
sich Ihre Wertstromdesignfähigkeit. Halten Sie einen Radiergummi bereit.

Wertstromdesign beginnt immer mit dem Endkunden und seinen
Anforderungen. Deshalb wird der Kunde in Abbildung 4 rechts oben mit einem Fabriksymbol
(siehe Abbildung 3) dargestellt. Seine Anforderungen z.B. hinsichtlich täglicher
Abrufmengen werden in einem darunter gezeichneten Datenkasten gesammelt.
Der nächste Schritt besteht darin, die grundlegenden
Produktionsprozesse abzubilden. Zur Darstellung eines Prozesses verwenden man einen Prozesskasten.
Als Faustregel für die Darstellung von Wareneingang zu Versand gilt, dass ein
Prozesskasten einen Prozess beschreibt, in dem Material fließt. Da die Ist-Zeichnung
schnell unübersichtlich wird, wenn für jeden einzelnen Prozess-Schritt ein Prozesskasten
gezeichnet wird, verwenden man den Prozesskasten, um einen ganzen Bereich des
Matenalflusses zu beschreiben, idealerweise einen zusammenhängenden Fluss. Der Prozesskasten
hört dort auf, wo Prozesse voneinander abgeschlossen sind und der Materialfluss zum
Stehen kommt. Beispielsweise würden man einen Montageprozess mit mehreren angeschlossenen
Arbeitsstationen als einen einzelnen Prozesskasten zeichnen, auch wenn sich
zwischen den einzelnen Stationen einiges an Bestand befinden würde. Wenn jedoch ein
Fertigungsprozess unabhängig vom nächsten Prozess flussabwärts durchgeführt wird, mit
der Anhäufung von Bestand und der Materialweitergabe in Losen, dann würden man dafür
zwei Prozesskästen verwenden.
Anlagen- oder prozessspezifische Daten aus der Ist-Anlyse werden in Datenkästen
gesammelt, die direkt unter das zugehörende Prozesskasten-Symbol gezeichnet
werden. Solche Prozessgrößen können beispielsweise sein:
- Zykluszeit
- Rüstzeit
- Maschinenzuverlässigkeit
- Losgröße
- Zahl der Mitarbeiter
- Zahl der Produktvarianten
- Behältergröße
- Verfügbare Arbeitszeit
- Ausschuss-/Nacharbeitsrate
Dem Materialfluss des Produkts folgend, werden immer wieder Stellen
vorkommen, an denen sich Bestand ansammelt. Es ist wichtig, dass diese Punkte in
die Ist-Darstellung einzutragen, da man daran erkennen kann, wo der Fluss zum Stillstand
kommt. Das hierzu verwendete Bestands-Symbol in Form eines Dreiecks markiert diese
Stellen und hält die aktuellen Bestandsmengen fest.
Zur Darstellung des Materialflusses werden breite Pfeile und
Symbole für das jeweilige Transportmittel (z.B. LKW) verwendet. Ergänzt wird
jeweils noch die Transportfrequenz.
Für den Informationsfluss verwendet man einen schmalen Pfeil. Diese
Linie kann auch mit einem Blitz versehen sein, wenn die Informationen nicht auf Papier,
sondern auf elektronischem Wege fließen. Die einzelnen Informationsflüsse werden jeweils
mit einer kleinen Box beschrieben. Der Informationsfluss wird in der oberen Hälfte der
Darstellung von rechts nach links eingezeichnet. Bitte achten Sie darauf, dass
Bedarfsvorschau und erfolgte Bestellungen durch zwei separate Linien dargestellt werden,
da es sich um verschiedene Informationsflüsse handelt.
Die Produktionsplanung und Steuerung wird durch einen Prozesskasten
dargestellt, z.B. mit der Anmerkung, dass ein computergestütztes
Produktionsplanungssystem (PPS) benutzt wird, um die Fertigungsprozesse im Werk zu
steuern. Die Produktionsplanung und Steuerung sammelt Informationen vom Kunden und der
Produktion, konsolidiert und verarbeitet diese und gibt für jeden Fertigungsprozess einen
Wochenplan weiter, der darauf hinweist, was produziert werden soll und wann. Außerdem
sendet die Produktionsplanung und Steuerung täglich einen Lieferplan an die
Versandabteilung.
Das Skizzieren des Informationsflusses kann unter Umständen
schwierig sein. Beispielsweise zählen in vielen Unternehmen die Produktionsleiter den
Bestand und ändern dementsprechend die Termine. Solche Planungsverfahren werden im Rahmen
des Wertstromdesign-Prozesses als ,,Go see"-Planung bezeichnet und durch das Brillen-Symbol
dargestellt.
Es gibt Materialbewegungen, die vom Hersteller ("Push"),
oder vom Kunden ("Pull") ausgehen. ,,Push" bedeutet, dass ein Prozess ohne
Rücksicht auf den tatsächlichen Bedarf des nachgeordneten Kundenprozesses etwas
produziert und dieses Material vorausschiebt. Dieses Planungsverfahren ergibt sich
normalerweise dann, wenn man nach einem festgelegten Produktionsplan fertigt, der auf
Prognosen beruht, was der nächste Prozess in Zukunft brauchen wird. Es ist leider fast
unmöglich, dies konsequent durchzuhalten, da sich Pläne ändern und die
Produktion selten genau nach Plan verläuft. Wenn jeder Prozess seinen eigenen Plan hat,
arbeitet er als ,,isolierte Insel", abgekoppelt von jeglichen nachgeordneten Kunden.
Jeder Prozess kann für sich optimale Losgrößen bestimmen und nach einem Rhythmus
produzieren, der aus seiner Perspektive sinnvoll erscheint, ohne dabei aber den
Gesamtwertstrom zu berücksichtigen. In dieser Situation tendieren die liefernden Prozesse
dazu, Teile zu produzieren, die vom Kundenprozess zu diesem Zeitpunkt noch nicht benötigt
werden, und diese Teile müssen gelagert werden. Diese Art von
,,Los-und-Push"-Fertigung macht die Einhaltung eines von Prozess zu Prozess
gleichmäßig verlaufenden Arbeitsflusses - ein Kennzeichen für die effiziente Produktion
-fast unmöglich. Das Symbol für eine Push-Bewegung von Material ist ein gestreifter
Pfeil.
Betrachtet man Abbildung 4 insgesamt so ist das Grundmuster der
Wertstromanalyse zu erkennen. Der physische Fluss läuft in der unteren Hälfte der
Darstellung von links nach rechts, während der Informationsfluss in der oberen Hälfte
der Darstellung von rechts nach links orientiert ist. Durch Wertstromdesign wird der Wust
von Ereignissen und Informationen, die normalerweise mit dem Werkslayout verbunden sind,
plötzlich aus der Perspektive des produkteigenen Wertstroms und dessen Kunden
verständlich. Mit den aus der Beobachtung gewonnenen und in der Zeichnung dokumentierten
Daten, kann der Ist-Zustand des Wertstroms zusammengefasst werden. Um daraus die
Durchlaufzeit abzuleiten, wird unter den Prozesskästen und Bestandsdreiecken eine Zeitlinie
gezeichnet. Sie beschreibt die Zeit, die ein Teil benötigt, um den Wertstrom vom Erhalt
des Rohmaterials bis zur Lieferung an den Kunden zu durchlaufen.
Schritt 4: Erstellen des Sollzustandes
Der Zweck des Wertstromdesigns ist es, Ursachen von
Verschwendung aufzuzeigen und sie durch Umsetzung eines Soll-Zustandes zu eliminieren. Die
folgenschwerste Ursache für Verschwendung in einem Unternehmen ist die Überproduktion,
d.h. mehr, früher oder schneller zu produzieren als es der nächste Prozess benötigt.
Überproduktion verursacht alle möglichen Arten der Verschwendung, nicht nur in Form
hoher Bestände und damit gebundenen Kapitals. Es sind zusätzliche Lagerflächen
bereitzustellen, die Anzahl der Transporte erhöht sich, wozu Personal und Transportmittel
notwendig sind. Überproduktion führt letztlich zu einer Mangelsituation, da die Prozesse
damit beschäftigt sind, falsche Teile herzustellen. Ebenso verlängert sich die gesamte
Durchlaufzeit, wodurch die Reaktionsfähigkeit auf geänderte Kundenanforderungen stark
herabgesetzt wird. Bei der Konzeption des Sollzustand sollte deshalb - unter anderem
darauf geachtet werden, dass ein Prozess nur das herstellt, was der nächste
Prozess benötigt und erst dann, wenn er es benötigt.. Man versucht alle Prozesse vom
Endkunden zurück zum Rohmaterial im Verbund zu sehen, in einem gleichmäßigen Fluss ohne
Umwege, mit niedrigsten Durchlaufzeiten und Kosten sowie höchster Qualität. Dazu geben
Rother und Shook folgende Handlungsleitlinien:
- Montage nach der Taktzeit
Die Taktzeit gibt den Zeitraum an, in dem ein Produkt
entsprechend den Verkaufszahlen fertiggestellt werden soll. Mit der Taktzeit soll versucht
werden, die Geschwindigkeit des Montageprozesses mit der Verbrauchsgeschwindigkeit des
Kunden zu synchronisieren. Montage nach Takt klingt einfach, erfordert aber zielgerichtete
Anstrengungen, um
- schnelle Reaktionszeiten (inerhalb des Taktes) bei Problemen zu
gewährleisten
- Ursachen ungeplanter Stillstandszeiten zu eliminieren
- Die Rüstdauer bei Montageprozessen zu reduzieren.
- Entwicklung einer möglichst kontinuierlicher Fliessfertigung
Im Idealfall bedeutet kontinuierliche Fliessfertigung, dass ein
Teil produziert wird und direkt zum nächsten Prozessschritt geht. Das Symbol für eine
Fliessfertigung ist der Prozesskasten, er beschreibt aber in diesem Fall nicht einen
einzelnen Fertigungsschritt, sondern ein in Fliessfertigung organisiertes
Wertstromsegment. Durch Überführung von Einzelprozessen aus dem Ist-Zustand in
Fliessfertigungssegmente wachsen deshalb separate Prozesskastensymbole zu einem
gemeinsamen Symbol zusammen.
- Supermarkt-Pull-Systeme zur Produktionssteuerung, wo Fliessfertigung
nicht möglich
Dort, wo eine Produktion in Losgrößen (ohne Fliessfertigung)
notwendig ist, erfolgt die Steuerung nicht mit Hilfe unabhängiger
Produktionsplanungsverfahren, sondern durch die Verknüpfung des Prozesses mit seinem
nachgelagerten Kunden durch ein Supermarkt-basiertes Pull-System.

Der Hauptzweck bei einem Pull-System zwischen zwei
Wertstromsegmenten besteht in der Abgabe genauer Produktionsanweisungen an den
vorgelagerten Prozess, ohne dabei einen Bedarf prognostizieren zu müssen. Es werden nur
Verbrauche ersetzt, die aus einem direkten Kundenauftrag und der damit verbundenen
Entnahme von Teilen resultieren.
- Produktionsplanung nur möglichst wenigen Stellen im Wertstrom
Planungspunkte markieren den Anfang eines
"Schrittmacher-Prozesses", der den Rhythmus aller vorgelagerten Prozesse
bestimmt und außerdem festlegt, welche Elemente des Wertstroms Bestandteil der
Durchlaufzeit vom Kundenauftrag bis zum Versand sind. Im Soll-Zustand ist der
Schrittmacher-Prozess der produktionsprozess, der durch die externen Kundenaufträge
gesteuert wird.
- Produktmix über der verfügbaren Zeit ausgleichen
Ein ausgeglichenes Produktmix zu fertigen heißt, die Produktion
verschiedener Produkte gleichmäßig über einen bestimmten Zeitraum zu verteilen. Anstatt
alle Produkte eines Typs gleichzeitig herzustellen, werden kleinere Losgrößen der
verschiedenen Produkte abwechselnd hergestellt.
- Produktionsvolumen über der Zeit ausgleichen
De Aufbau eines gleichmäßigen Produktionsniveaus schafft einen
vorhersehbaren Produktionsfluss, der Probleme rechtzeitig aufzeigt und schnelle
Gegenmaßnahmen ermöglicht. Dazu werden in gleichmäßigen Arbeitszeitintervallen, die
von der Taktzeit und der Behältergröße bestimmt werden, entsprechende Fertigwarenmengen
entnommen (Beispielsweise alle 10 Minuten ein Behälter). Diese Menge wird dann neu
produziert, was in einem PULL-System, die Nachbelieferung der jeweils vorgelagerten
Prozesse auslöst. ("Taktgebundene Entnahme")

Berücksichtigt man diese Handlungsleitlinien, dann können daraus
resultierende Änderungen erst einmal mit Rotstift in die Darstellung des Ist-Zustandes
eingetragen werden. Sobald sich daraus die ersten Soll-Vorstellungen entwickelt haben,
kann mit der in Abbildung 3 dargestellten Symbolik ein Soll-Zustand gezeichnet werden.

Schritt 5: Umsetzung des Sollzustandes
Das Wertstromdesign berücksichtigt de gesamten Fluss durch das
Unternehmen. In den meisten Fällen wird es nicht möglich sein den gesamte Soll-Zustand
in einem Anlauf umzusetzen. Zu den Aufgaben des Wertstrom-Managers gehört in der
Umsetzungsphase also auch die Aufteilung der Umsetzung in einzelne Schritte, denen jeweils
ein Segment des Wertstromes ("Wertstrom-Schleife") zugeordnet wird. Die
Reihenfolge der Bearbeitung dieser Schritte, die damit zu erreichenden Ziele sowie klar
beschriebene Meilensteine, Termine und Verantwortlichkeiten werden in einem
"Wertstromplan" zusammengefasst. In den einzelnen Wertstromschleifen werden die
Verbesserung meist wie folgt angegangen:
- Entwickeln einer möglichst kontinuierlichen Fließfertigung
- Einrichten eines Supermarkt-Pull-Systems zur Produktionssteuerung und
Verknüpfung der Prozesse im Wertstrom.
- Einführen des Ausgleichs von Produktionsmix und/oder volumen
- Praktizieren von KAIZEN, um Verschwendung in der Schleife weiterhin
zu beseitigen und zu vermeiden (Losgrößen weiter reduzieren, Supermärkte verkleinern,
Umfang von kontinuierlicher Fließfertigung erhöhen).
Mann kann den Wertstromplan jährlich, vierteljährlich oder
monatlich als wichtige Methode der Leistungsbeurteilung einsetzen. Dazu werden
realistische Abschätzungen der aktuellen Fortschritte in den Wertstromplan eingetragen.
Abweichungen werden rigoros in Frage gestellt und nur akzeptiert, wenn sich der Plan als
nicht optimal herausstellt. Dadurch wird die notwendige Disziplin geschaffen, um
Verbesserungen zu erzielen, aber auch die Fähigkeit, während der Umsetzung dazuzulernen.
Literaturempfehlung
Rother,M; Shook, J.: Learning to See. erschienen
bei The Lean Enterprise
Institute, Bookline, Massachusetts, USA. ISBN 0-9667843-0-8
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