Auf der
4.Internationalen Konferenz für Produktionsforschung 1978 in Tokyo hat der Bereich
"Produktionssteuerung" bei Toyota das hauseigene Toyota Produktionssystem
vorgestellt. In der Folgezeit setze eine wahre Völkerwanderung aus den atlantischen
Ländern nach Japan ein, was bei Toyota zu der internen Meinung beitrug, daß die
Führungskräfte deswegen so genannt werden, weil sie ständig Fremde durch die Produktion
führen müssen. Der Beitrag hat in der deutschen Übersetzung den Untertitel
"Fertigung zum Bedarfszeitpunkt und Humanisierung", die im Folgenden als die
bedeutenden charakteristischen Merkmale für das TPS herausgestellt werden. Die Autoren
arbeiteten dann heraus, daß der Auslöser für das neue System die Erkenntnis gewesen
sei, daß "die japanische Industrie alles in ihrer Macht stehende unternehmen müsse,
um qualitativ bessere Waren mit einem höheren Veredlungsgrad und geringeren
Herstellkosten als vergleichbare Länder zu produzieren". Damit ist das Ziel des
Toyota Produktionssystem und gleichzeitig das aller Produktionssysteme definiert und
herausgestellt, das die beiden wesentlichen Merkmale den Weg zur Zielerreichung markieren.
Es fällt auf, daß die als kennzeichnend für das TPS angesehene Forderung nach
Vermeidung von Verschwendung bisher nur implizit erwähnt wurde. Tatsächlich ist die
"Vermeidung von Verschwendung" die wesentliche Grundlage für die Zielerreichung
und die herausgestellten Merkmale sind nur Mittel, die Verschwendung zu reduzieren.
Verschwendung ist im strengen Sinne jede Nutzung von Ressourcen, die nicht der
Wertsteigerung der erzeugten Güter dienen. Um eventuellen Einwänden vorzubeugen:
selbstverständlich handelt es sich hier um einen merkantilen und nicht um einen ethischen
Wert. Das einzige Ziel eines Betriebes ist, Leistungen zu bringen, deren merkantiler Werte
höher ist als die Kosten.
Verschwendung gibt es zum Beispiel durch unwirtschaftliche Nutzung von Maschinen und
Anlagen, Material, Arbeitskräften, Werkzeugen und Vorrichtungen, aber auch durch
unnötige Lagerung von Produkten.
Eine wesentliche Erkenntnis ist, daß diese Ziele nur erreicht werden können, wenn
alle Mitarbeiter den Sinn dieser Aktivitäten einsehen und auch tätig sind, ihr Wissen
und ihre gestaltenden Fähigkeiten für die Vermeidung zu nutzen, woraus sich die
Forderung nach Humanisierung der Arbeitswelt ableitet. Sie schlägt sich nieder in der
Beteiligung der Mitarbeiter an der Gestaltung der Arbeitsabläufe, der
Arbeitsplatzgestaltung, der Automatisierung langweiliger, ermüdender und schmutziger
Arbeitsschritte und nicht zuletzt in der ständigen Forderung nach
Verbesserungsvorschlägen.
Eine weitere Folge aus der Forderung nach Vermeidung von Verschwendung ist die Senkung
des Lagerbestandes. Diese steht traditionsgemäß im Gegensatz zu der Forderung nach hoher
Lieferfähigkeit. Es folgt also die Forderung nach Produktion zum Bedarfszeitpunkt oder
Just in Time. Das bedingt aber hohe Zuverlässigkeit der Produktion, also hohe Qualität
und schnelle Reaktion. Aus der Forderung nach schneller Reaktion leitet sich die Forderung
nach kurzen Rüstzeiten ab, die nur durch die in Arbeitskreisen zusammengefaßten
Erfahrungen mehrerer Mitarbeiter zu realisieren sind. Die kürzeren Rüstzeiten (machbar
sind häufig Verkürzungen auf weniger als 20% des bisherigen Aufwandes) bringen eine
bessere Auslastung der Anlagen.
Auch Nacharbeit ist Verschwendung. Nacharbeit vermeidet man, wenn alle Fehler so früh
wie möglich entdeckt werden und die Konstruktion und Montage des Produktes so gestaltet
wird, daß menschliche Fehler und die Montage fehlerhafter Teile weitgehend vermieden
werden. Auch dieses wird am ehesten erreicht, wenn
- die Qualität der Produkte und der Lieferungen einen hohen Standard hat, die Nacharbeit
erspart,
- die Mitarbeiter aktiv an der Gestaltung der Konstruktion, der Montage beteiligt sind, um
ihr Wissen über Ursachen der Nacharbeit und Wege zur Vermeidung einzubringen
- schnelle Nachlieferung zum Ersatz fehlerhafter Teile möglich ist, um fehlerhafte Teile
ohne Verzug zu ersetzen
Das Ziel, den Arbeitsaufwand im ganzen Betrieb, also auch für die Verwaltung und
Steuerung, zu verringern, ist aber durch die oben erwähnten Arten der Verschwendung nicht
vollständig erreicht. Ein wesentliches Element ist, alle Tätigkeiten zu vermeiden, die
nicht für die Erstellung der Produkte erforderlich sind. Dazu gehören Statistiken, die
nicht der Leistungssteuerung und dem Leistungsanreiz dienen, Steuerungsmaßnahmen, die von
den Mitarbeiten am Arbeitsplatz einfacher durchgeführt werden können usw.
Um dieses Ziel optimal zu erreichen, ist es sinnvoll, das Wissen der Mitarbeiter zu
nutzen. Dazu müssen die Mitarbeiter aber das Gefühl haben, daß ihre Einbringung auch
als Leistung anerkannt wird und sicher sein, daß ihnen aus der Verringerung des Aufwandes
keine Nachteile sondern Vorteile entstehen. Die Anerkennung des Mitarbeiters als
wesentlichen Teil des Unternehmens, wenn er seine Arbeit in den Dienst des Betriebes
stellt, ist ein wichtiges Merkmal des Toyota Produktions Systems.
Eigenschaft des TPS ist nach Aussage vieler Vertreter der Schule, zum optimalen Einsatz
der Mitarbeiter Vorgänge zu automatisieren, die häufig wiederholt werden, die schmutzig
oder anstrengend sind. Damit sollen die Anstrengungen der Mitarbeiter zur Verbesserung der
Abläufe verstärkt werden. Dieses ist aber eigentlich nur eine Methode.
Alle diese Ziele greifen ineinander und bilden durch die Voraussetzungen zu ihrer
Erreichung ein Netzwerk von Einflußgrößen, die zu berücksichtigen ein wesentliche
Forderung des TPS ist. Auch wenn man nur einige Ziele durch TPS erreichen will, muß man
diese Zusammenhänge erarbeiten und berücksichtigen.
Allgemein herrscht die Ansicht vor, daß man die im Rahmen des TPS entwickelten Methoden
anwendet und dann das Toyota Production System hat. Tatsächlich sind auch mehrere
Methoden mit dem TPS entwickelt worden. Die bekanntesten sind
- KAN BAN
- VV-Wesen,
- Management by View,
- Qualitätszirkel,
- Poka Yoke,
- Jidoka
- etc.
Die Anwendung dieser Methoden ist aber keine Voraussetzung für das Toyota Production
System. Entscheidend ist vielmehr, daß Verschwendung im weitesten Sinne reduziert werden
soll. Dazu kann man häufig die bekannten Methoden nutzen, aber auch eigene, eventuell
sogar wirksamere Methoden. Besonders, wenn TPS in einem Betrieb eingeführt werden soll,
der nicht zum Bereich Automotive gehört, empfiehlt es sich, sehr kritisch die bekannten
Methoden auf ihre Anwendungsmöglichkeit im eigenen Betrieb zu prüfen.
Selbstverständlich können Qualitätszirkel, Management by View und Poka Yoke in nahezu
jedem Betrieb angewandt werden, aber bei KAN BAN wird es sehr fraglich.
Zusammengefaßt kann festgestellt werden, daß nicht die Methoden das Toyota Production
System bilden, sondern die Vernetzung der Aktivitäten um das Hauptziel, die Vermeidung
von Verschwendung, zu erreichen oder sich ihm so weit wie möglich zu nähern.