KANBAN
Ein Beitrag von Helmuth Gienke
Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
Motive und Ziele.
Nach der Niederlage im pazifischen Krieg stand Japan unter dem
Eindruck, daß es ein Land mit knappen Ressourcen sei und deshalb Verschwendung vermeiden
müsse. Eine durch EDV gestützte Steuerung des Materialflusses gab es damals noch nicht.
Unter diesem Aspekt ist KANBAN von Toyota entwickelt worden und 1962 eingeführt, um den
Materialfluß in der Automontage bei möglichst geringer Nutzung der Ressourcen
sicherzustellen. In der Folge hat es sich als ein hervorragendes Instrument erwiesen,
Verschwendung von Ressourcen zu verringern.
Die Motive zur Beschäftigung mit dem Thema KANBAN sind vielfältig. Es
gibt sachbezogene und emotionelle Kriterien. Man kann die Motive nach diesen Kriterien
klassifizieren, wenn man die Ziele definiert und feststellt, daß einem Motiv keine Ziele
entsprechen. Motive sind z.B.
- Zwang zur Rationalisierung
- Vereinfachte Steuerung für viele Anwendungen
- Abhängigkeiten werden dem Zulieferer klarer gezeigt
- KANBAN ist modern
- KANBAN senkt die Lagerbestände
- Bedarf, Schwachstellen im Materialfluß zu entdecken
Nach der Entscheidung, wir beschäftigen uns mit KANBAN, müssen die
Ziele definiert (im eigentlichen Sinne aus den Unternehmenszielen abgeleitet) werden, die
mit dieser Aktivität erreicht werden sollen. Diese Definition ist unter anderem
erforderlich, um zu entscheiden, ob Maßnahmen zur Verbesserung der Abläufe sinnvoll sind
oder nicht. Ziele müssen quantifiziert und die Zielgrößen meßbar sein:
- Reduzierung der Durchlaufzeiten (z.B. auf x Tage)
- Bestandssenkung (z.B. auf x DM Lagerbestand)
- Verminderung von Ausschuß und Abfällen ( z.B. um x %)
- Vereinfachung der Organisation (z.B. Arbeitsschritte um x % senken)
- Steigerung der Flexibilität (z.B. Produktion innerhalb x Tage nach Bestellung)
Das Verfahren
KANBAN unterscheidet sich in wesentlichen Elementen von der allgemein
üblichen zentralen Produktionsplanung und -steuerung, die in einem tayloristisch
geprägten Umfeld entstanden ist. In der zentral organisierten Produktionsplanung und
-steuerung werden alle planerischen und steuernden Aufgaben durch zentrale Stellen
übernommen. Es gibt Ansichten, daß KANBAN kein Instrument zur Fertigungsplanung ist,
sondern ein System zur Aufdeckung von Schwächen im Materialfluß.

Die Planung von der zentralen PPS-Stelle erfolgt oft auf der Basis von
Absatzprognosen. Ein wichtiges Ziel dabei ist eine hohe Kapazitätsauslastung der
Produktionsmittel zu erreichen. Das wiederum führt zu großen Losgrößen und langen
Durchlaufzeiten. Hinzu kommt, daß durch die Trennung von Planung und Durchführung die
Ergebnisse der PPS Entscheidungen oft nicht mit den betrieblichen Realitäten bzw. mit dem
Kundenanforderungen übereinstimmen und es zu Fehlplanungen kommt. Den ausführenden
Stellen wird die Möglichkeit zur eigenverantwortlichen Ausführung ihrer Tätigkeiten
genommen, da sie diese nicht selbständig planen und steuern können. Die komplexen
Wechselbeziehungen zwischen den Elementen der PPS führen zu einem gewaltigen
Koordinationsaufwand, der durch zentrale Funktionen i.d.R. nicht mehr zu handhaben ist.

Mit der zentralen PPS wird auch das Push-Prinzip verbunden. Dies
bedeutet, daß ein Auftrag zentral in Teilaufträge zerlegt wird, um diese anschließend
durch den Produktentstehungsprozeß zu schieben. Die Aufnahme einer Tätigkeit geschieht
also nicht selbständig durch das Erkennen eines Bedarfes in einer nachfolgenden
Produktionsstufe, sondern durch die Vorgabe einer Produktionsplanung von außen.
| Kennzeichen
traditioneller PPS |
Auswirkungen |
- Zentralisierung
- Trennung von Planung und Durchführung
- Kapazitätsorientiert
- Rückmeldeorientiert (BDE)
- Funktionsorientierung mit großer Schnittstellenzahl
- Hohe Komplexität
- Hoher Steuerungsaufwand
|
- Hohe Bestände (Produktion auf Lager)
- Lange Durchlaufzeiten und große Losgrößen
- Geringe Lieferfähigkeit
- Verschwendung in Produktion und Ablauf
- Mangelnde Kundenorientierung
- Mangelnde Flexibilität
|
Der Grundsatz des KANBAN Systems ist einfach: ein
System, das, im Gegensatz zur traditionelle Methode, wo Material an nachfolgende
Arbeitsgänge weitergeleitet wird, den Transfer in umgekehrter Richtung durchführt. Der
nachgelagerte Arbeitsgang entnimmt dabei bei einem vorgelagerten nur das gerade benötigte
Teil in der benötigten Menge und zum benötigten Zeitpunkt (Just-in-Time Prinzip). Die
Voraussetzung war eine Vereinfachung der Kommunikation durch eindeutige Bezeichnung, was
in welcher Menge benötigt würde.
 
Wenn Material gebraucht wird (z.B. weil ein
Mindestbestand unterschritten wird), und nur dann, wird der Zulieferer aufgefordert neues
Material anzuliefern. Diese Aufforderung wir durch einen KANBAN (jap. Karte, Zettel)
erteilt, der grundsätzlich mit der Ware mit jedem Los transportiert wird und z.B. bei
Anbruch des Loses zur neuen Anlieferung zurückgegeben wird. Es gelten strenge Regeln für
die Fertigung, besonders der Grundsatz, daß nur gefertigt werden darf, wenn ein KANBAN
zur Fertigung vorliegt und daß nur einwandfreie Teile angeliefert werden dürfen. Damit
wird die terminorientierte Steuerung herkömmlicher Methoden durch die bedarfssorientierte
Steuerung ersetzt.

Variationen aller Art sind möglich, weil das Verfahren den jeweiligen
Umständen angepaßt werden soll. Im Laufe der Anpassung an neue Anforderungen und der
kontinuierlichen Verbesserung des Systems entstanden unterschiedliche KANBAN-Klassen.
Bereits 1980 unterschied man in Japan den
Material KANBAN (SHIKAKE KANBAN) zur Herstellung und Bereitstellung von
Material, der nach Anbruch eines Gebindes zurückgegeben wird
Signal KANBAN (SHINGO KANBAN) als Material KANBAN, der aber erst
zurückgegeben wird, wenn vom Gebinde eine bestimmte Menge verbraucht ist.
Transport KANBAN (HIKITORI KANBAN), als Aufforderung, ein bestimmtes
Material von einem Lagerplatz auf einen Bereitstellungsplatz zu bringen.
Begrenzter KANBAN (GENTEI KANBAN), als Material KANBAN der nach einer
bestimmten Fertigungsmenge ungültig ist.
In der Zwischenzeit gibt es je nach Philosophie eine Unzahl von
Variationen. Eine wesentliche Ergänzung sind Stecktafeln, die eine weitere Komponente des
Toyota Produktionssystems (auch Lean Production genannt) unterstützen, nämlich das
Management by View. Die KANBAN werden mit einer definierten Anordnung in Laschen auf einer
Tafel gesteckt, daß man einen Überblick über den Materialfluß bekommt und drohende
Probleme schnell erkennt. Zur Reihenfolgebildung bei unüberwindlichen Rüstproblemen (zum
Beispiel Gewebekalander in der Kautschuk- und Kunststoffindustrie) sind ähnliche Tafeln
eingeführt. Auch ohne Papier wird das KANBAN-Verfahren eingesetzt, wenn man zum Beispiel
den Behälter selbst als KANBAN nutzen kann. Definierte Stellplätze für die
Transportbehälter und ähnliche Maßnahmen des Management by View ermöglichen es, ohne
großen Aufwand den Überblick über den Materialfluß zu erhalten.
Die angestrebte Vermeidung von Verschwendung wird indirekt dadurch
erreicht, daß mit KANBAN der Materialbestand fest bestimmt und dem jeweiligen Bedarf
angepaßt werden kann. Damit hat man unter anderem ein Instrument, durch Senkung des
Bestandes Störungen im Materialfluß aufzuzeigen. Wenn man dann vorübergehend den
Bestand wieder erhöht, die Ursache für die Störung beseitigt und den Bestand wieder
senkt, schafft man eine kontinuierliche Verbesserung des Materialflusses. Es gibt eine
Menge von Störungsursachen, wie zum Beispiel:
lange Rüstzeiten,
fehlerhafte Produktion,
ungleichmäßige Fertigungsgeschwindigkeit,
hoher Bearbeitungsaufwand,
geringe Kapazität,
unübersichtliche Reihenfolge
usw.
Im Einzelnen ist abzuwägen, wie wirtschaftlich es ist, die Ursache zu
beheben. Dabei hat sich gezeigt, daß erkannte Ursachen häufig mit verblüffend einfachen
Maßnahmen beseitigt werden können.
Wird nicht eingegriffen steuert sich die Fertigung durch den
KANBAN-Kreislauf selbst. Durch diese Eigenschaften hat sich KANBAN auch in den Zeiten
aufwendiger Enterprise Resource Management Systeme bewährt und wird als Ergänzung, in
besonderen Fällen sogar als einziges System angewandt. Das Verfahren wird sowohl inner-
als auch zwischenbetrieblich eingesetzt.

Voraussetzungen
Über die Voraussetzungen zum Einsatz von KANBAN gibt es
unterschiedliche Ansichten, die sich von den unterschiedlichen Zielen herleiten.
Weitgehende Übereinstimmung herrscht darüber, daß es für eine Serienfertigung sehr
geeignet ist. Über die Anwendbarkeit bei Variantenfertigung gibt es dagegen schon
unterschiedliche Ansichten. Aber selbst bei Kleinlosen wird es sinnvoll genutzt, wenn man
bereit ist, zur Verbesserung des Materialflusses Maßnahmen zu ergreifen. Man kann die
Voraussetzungen für KANBAN als statisch betrachten (vorhanden oder nicht vorhanden ) oder
mit Einführung den Zwang herstellen, die Voraussetzungen zu schaffen um zu bewirken, daß
durch die erforderlichen Maßnahmen ein Fortschritt in den Fertigungsabläufen, also eine
Annäherung an die Ziele erreicht wird.
Aus der wirtschaftlichen Anwendung von KANBAN ergeben sich
zwangsläufige Folgeforderungen aufgrund der geänderten Abläufe. Die Erfüllung der
Forderungen kann, wie bemerkt, ein Ziel des KAN BAN Einsatzes sein oder die Ziele
unterstützen. Einigkeit besteht, daß
Flexible Produktionsmittel,
Kurze Rüstzeiten,
Fehlerfreie Lieferung,
Akzeptanz von Leerlauf bei Mitarbeitern und Anlagen,
Disziplin,
Ursachenanalyse bei Störungen, danach schnelle Beseitigung der Störungen,
Management by View,
Pragmatismus,
für den erfolgreichen Einsatz des KANBAN sinnvoll sind.
Außerdem sind Absprachen intern zwischen den einzelnen
Fertigungsstufen und besonders mit externen Zulieferern nützlich, auch wenn sie sich im
Grenzfall auf die Aussage konzentrieren kann, daß innerhalb einer bestimmten Frist das
angeforderte Produkt in genau der bestellten Menge und einwandfreier Qualität auf einen
definierten Platz zu stellen ist.
Einführung des Kanbanverfahren:
Sind im Unternehmen keine
Erfahrungen mit KANBAN vorhanden, empfiehlt es sich, mit einem Pilotprojekt zu beginnen.
Dies sollte einen Fertigungsbereich betreffen, der möglichst abgeschlossen ist, eine
möglichst gleichmäßige Fertigungsauslastung hat, mindestens drei Fertigungsstufen
umfaßt und wenig unterschiedliche Zulieferer hat. In diesem Bereich geht man in folgenden
Schritten vor:
- Überprüfung der Losgrößen,
- Überprüfung der Behälter und Transporteinrichtungen,
- Bestimmung der Bestände zwischen den Arbeitsplätzen,
- Aufbau des Modells.
Die ideale Losgröße ist eins. In der Realität
haben sich höhere Losgrößen durchgesetzt. Die Losgrößenbestimmung nach Andler liefert
fast immer einen Wert, der wesentlich höher liegt, als die tatsächlich wirtschaftliche
Losgröße, da er unter anderem nicht berücksichtigt, daß es mehrere unterschiedliche
Teile gibt, deren Reihenfolge den Rüstvorgang bestimmen und für jede Produktvariante ein
Puffer vorgehalten werden muß. So erzielt man beim Einsatz des Andlerschen Verfahrens
lediglich ein Suboptimum des betrachteten Auftrages, allerdings kein Optimum im gesamten
Auftragsdurchlauf. Es gibt Verfahren, die das erwartete Teilespektrum berücksichtigen.
Die einfachste, pragmatische Lösung bei der Einführung von Kanban ist, die bestehenden
Losgrößen zu übernehmen und nach und nach zu reduzieren. Das gleiche gilt für die
Transportbehälter und die Pufferbestände.
Zur Abschätzung der notwendigen Sicherheitsbestände ist die
Wiederbeschaffungszeit zu ermitteln. Diese Wiederbeschaffungszeit wird um die Reaktions-
und gegebenenfalls um die Transportzeit erweitert. Die Transportzeit sollte die wirkliche
Dauer der Transporte berücksichtigen und nicht die klassische Übergangszeit zwischen den
Arbeitsplätzen, die den Arbeitsvorrat mit umfaßt.
Zur Gewährleistung einer optimalen Liefersicherheit ist als zweiter
Schritt der Bedarf zu ermitteln, der während der Wiederbeschaffungszeit auftritt. Dieser
Bedarf entspricht dem zur Überbrückung der Wiederbeschaffungszeit benötigten
Sicherheitsbestand, eventuell erweitert um Zuschläge für unvorhergesehene Ereignisse.
Der erforderliche Bestand, dem die Zahl der Kanban zugrunde gelegt wird, ergibt sich
schließlich aus der Losgröße und dem Sicherheitsbestand.
Es gibt noch weitere Verfahren zur Ermittlung des erforderlichen
Bestandes, z.B.
Bestand = Bedarf [Stck./Std] * (Abnahmeintervall [Std./Los] +
Transportzeit [Std.] + Fertigungszeit [Std. / Los]) * Sicherheitszuschlag,
wobei der Sicherheitszuschlag für eine gute Konfiguration gegen eins
geht.
Das Ziel ist meist, diesen Bestand zu senken. Dieses kann man dadurch
erreichen, daß die Zahl der Kanban im Verlauf der Nutzung des Verfahrens gesenkt wird.
Entsprechend sollte man die Genauigkeit der Abschätzung dieser Parameter beurteilen.
Zur Ermittlung der Kanbanzahl gilt eine einfache Formel:
Anzahl = Erforderlicher Bestand / ( Menge / Behälter)
Diese Formel führt häufig zu der fehlerhaften Annahme, daß der
Behältergröße eine besondere Bedeutung zukommt.
Nachdem das Kanbansystem definiert ist, erfolgt die eigentliche
Einführung, die hier kurz geschildert wird. Der erste Schritt ist die Schulung der
Mitarbeiter und die Definition eines Verantwortlichen für den Betrieb des Systems. Das
Ziel dieser Schulung ist nicht nur die Beherrschung der Kanbanabläufe, sondern ebenso die
aktive Einbindung der Mitarbeiter in den Entscheidungs- und Ideenfindungsprozeß. Diese
betrifft auch die Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern weitgehende Vollmachten
überlassen müssen. Der ideale Vorgesetzte hat nach diesem Modell beratende und nicht
anweisende Funktion.
Danach sind die Schnittstellen zu anderen Bereichen und zu den
bestehenden Informationssystemen einzurichten. Als nächster Schritt erfolgt die
Gestaltung des Layout, die umfaßt Fahrwege, Stellplätze und Regalplätze, die
Beschaffung der Sachmittel wie Behälter, Vorrichtungen zum Anbringen der Kanban sowie die
Kanbangestaltung. Wenn alles soweit vorbereitet ist, muß die Abwicklung des Altsystems
abgewartet und anschließend müssen die noch bestehenden Bestände umgepackt werden.
Danach kann die Steuerung mit Kanban erfolgen. Dazu gehören die Beseitigung der mittels
Kanban erkannten Schwachstellen im Materialfluß.
Besonderheiten
KAN BAN bewirkt, wenn es nutzbringend angewandt wird, Änderungen im
Verhalten der Menschen und in den Abläufen.
Der Informationsfluß ändert sich gegenüber herkömmlichen Verfahren
zur Fertigungssteuerung radikal. Es ist nicht mehr interessant detailliert zu wissen, wann
der Zulieferer das Vorprodukt bereitstellen wird, weil ein sehr kontinuierlicher
Materialnachschub gewährleistet ist. Interessant ist vielmehr, wann der Abnehmer das von
einem selbst gefertigte Teil benötigt. Damit wird das Bewußtsein geschärft, daß alle
Aktivitäten auf den Kunden ausgerichtet sind. Ohne eine integrierte Datenerfassung hat
die Bereichsleitung aber auch keinen Überblick, wie zuverlässig der einzelne Lieferant
arbeitet, es sei denn, die Unterstützung durch ein ausgefeiltes Management by View
ermöglicht das.
Betriebsaufträge mit Ressourcenbelegung und geplanten Terminen
entfallen oder haben eine untergeordnete Bedeutung. Diese Eigenschaft unterstützt das
erforderliche Umdenken. Nicht mehr der Ausstoß des Arbeitsplatzes ist Schwerpunkt der
Aktivitäten, mit der Konsequenz, daß die Maschine nicht stehen darf, sondern
ausschließlich die Bedarfsdeckung. Damit wird auch der Schwerpunkt der Lagerhaltung vom
Fertigprodukt auf das Rohmaterial verschoben.
Zum Anfang der Einführung gibt es sicherlich Probleme mit den
Rüstzeiten, die zu lang sind, mit Störungen, die den Materialfluß bremsen und durch
andere Eigenschaften, die nicht vorhergesehen sind. In dieser Phase besteht die Gefahr,
resigniert das Projekt vorzeitig abzubrechen. Diese Phase erfordert erhöhte Aktivitäten
und kann durch sorgfältige Planung reduziert werden, allerdings auch mit der Gefahr, daß
dann die Vorteile des Kanban nicht optimal ausgeschöpft werden, weil man einen stabilen
Zustand erreicht hat.
Beim Anlauf und Auslauf von Produkten gibt es weitere Einzelheiten zu
beachten. Mit einer hohen Fertigungstiefe ist eine lange Durchlaufzeit der Kanbankette
verbunden, bevor mit der Fertigung des ersten Teiles begonnen werden kann. Diese Phase
sollte ebenso sorgfältig geplant werden. Andererseits besteht beim Auslauf eines
Produktes die Gefahr, daß in allen Fertigungsstufen Restbestände in Höhe der
Kanbanmenge bleiben, die nicht mehr benötigt werden. Auch hier ist erforderlich,
geeignete Maßnahmen vorzusehen.
Für diese und ähnliche Erscheinungen, die mit dem Kanbansystem
verbunden sind, ist es sinnvoll ein eigenes Controlling einzurichten, daß aus einem Team
von Mitarbeitern besteht, die für den Kanbanbetrieb verantwortlich sind. Sie überwachen
unter anderem, ob die Kanbanregelen eingehalten werden, wie Produktion nur für den
Kanban, Abstellen der Transportbehälter an definierten Stellen usw. Außerdem haben sie
die Aufgabe, Schwachstellen zu erkennen und deren Ursachen zu beseitigen, Bestände,
Durchlaufzeiten und Fehlmengen zu überwachen und gegebenenfalls zu korrigieren, sowie
kontinuierliche Verbesserungsmaßnahmen zu initiieren und zu unterstützen. Für diese
Aufgaben ist ein geeignetes Informationssystem zu entwickeln oder anzupassen. Moderne
KANBAN-Informationssysteme haben diese Funktionen bereits integriert.
Die Fertigung kleiner Mengen eines Produktes ist grundsätzlich
möglich, bedingt aber den Einsatz gesonderter Organisationshilfen, beispielsweise den
begrenzten Kanban, der nur solange bedient wird, bis eine definierte Menge produziert ist.
Änderungen des Produktes oder der Fertigungsverfahren erfordern bei
Kanban ohne gesonderte Unterstützung erheblichen Pflegeaufwand und gesonderte
Überwachung des Kanbankreislaufes. Auch dies Arbeiten können durch ein
KANBAN-Informationssystem vereinfacht werden.
Die Integration bestehender Informationssysteme, wie
Betriebsdatenerfasssung, Lohndatenerfassung, Bestandsführung, Qualitätswesen,
Technisches Controlling und ähnlicher auf Datenerfassung beruhender Systeme kann ohne
KANBAN-Informationssysteme ebenfalls Probleme bringen, weil die Zwangsläufigkeit der
Datenerfassung reduziert ist. Ebenso sind Kennzahlen nicht verfügbar, wenn man nicht
Datenerfassungssysteme einführt, die mit dem Kanbansystem gekoppelt sind.
IT Unterstützung durch Kanban Informationssysteme
Durch den Einsatz selbststeuernder Regelkreise kommt die Kanban Steuerung prinzipiell
ohne den Einsatz von EDV Systemen aus. Ein solches Kanban System wird auch "manuelles
Kanban" genannt. In einfachen Kanban Umgebungen ist entsprechend der Aufwand für die
Pflege der Kanbanschleife gering und das Gesamtsystem ist einfach überschaubar. Bei einer
steigenden Anzahl der Kanbanschleifen und Variationen wird irgendwann eine Komplexität
erreicht, wo das Gesamtsystem unüberschaubar wird, die manuelle Pflege schwierig und die
Kanban Transparenz abnimmt.
Folgende Gründe sprechen dann für eine IT Unterstützung:
Pflege des manuellen Kanbansystems
Eine grundlegende Funktion eines Kanban Software System ist selbstverständlich der
Zugriff und die Pflege der Grunddaten wie z. B. Produktionseinheiten, Lagerplätze,
Containertypen und Teile. Mit Hilfe dieser Daten werden die physikalischen Kanbanschleifen
im System abgebildet. Kartendruck und Berichtswesen, wie etwa das automatische Versenden
von Bestandsübersichten an externe Lieferanten per Fax, können dann aus dem EDV System
generiert werden und reduzieren so manuelle Handlungsabläufe erheblich.
Monitoring aktueller Materialverfügbarkeit und Aufträge
Der Kanbanverantwortliche benötigt eine schnelle und vollständige Übersicht über den
Materialbestand und den Auftragsbestand. Ein EDV System kann hier über die Anzeige der
verschiedenen Containerzustände (z.B. voll, leer, abgeholt) mit entsprechenden
Auswahlfiltern gezielt diese Verfügbarkeit anzeigen ("Monitoring"). Dadurch
wird eine hohe Transparenz des "Work in Process" (WIP) erreicht. Ist diese
Transparenz nicht vorhanden, wird oft ein erheblich höherer Sicherheitsbestand verwendet
als eigentliche notwendig wäre.
Kontrolle über Liefervereinbarungen
Bei der Dimensionierung des Kanban Systems spielt die Wiederbeschaffungszeit (WBZ) eine
wichtige Rolle. Sie fließt als Parameter bei der Berechnung der Kartenanzahl mit ein.
Somit ist der Sicherheitsbestand von der WBZ abhängig. Um nun die Zuverlässigkeit der
Liefervereinbarung sicherzustellen, muß die WBZ gemessen werden. Dies sollte in 2
Varianten möglich sein: Die Güte der WBZ über einen längeren historischen Zeitraum,
sowie die WBZ bezüglich aktueller Lieferungen. Damit wird dann auch unter dem Aspekt der
Liefertreue eine Lieferantenbewertung möglich.
Frühwarnsystem für kritische Bestände und späte Lieferungen
Das Ziel die Bestände so weit wie möglich zu senken bewirkt, daß bei Störungen im
Gesamtprozeß Materialengpässe drohen. Um dem vorzubeugen wird ein Frühwarnsystem
benötigt, das kritische Situationen pro-aktiv visualisiert und somit den Verantwortlichen
rechtzeitig erlaubt, Maßnahmen zu ergreifen bzw. Prioritäten zu verändern.
Bestandsengpässe und späte Lieferungen werden so erkannt.
Integration in bestehende Systemumgebungen
Die Integration in vorhandene PPS Systeme spielt eine wichtige Rolle beim Einsatz von
Kanban Software Modulen. Ein entsprechendes System muß Datenredundanz vermeiden und den
Rückfluß von z.B. Buchungen aus dem elektronischen Kanbansystem unterstützen. Dies ist
notwendig um Abbuchungen bei Lieferantenverträgen zu ermöglichen oder um Bestandsdaten
für die Weiterverarbeitung im PPS bzw. Warenwirtschaftssystem zu aktualisieren.
Nachführen der Kanban-Dimensionierung bei Bedarfsschwankungen
Bei schwankenden Bedarfen wird es notwendig die Anzahl der Kanban Karten dynamisch
nachzuführen. Bei manuellen Systemen erfolgt dies oft durch einen hohen
Sicherheitsbestand, der quasi auf Bedarfsspitzen ausgelegt ist. Dies widerspricht jedoch
dem Grundsatz der Vermeidung von Verschwendung. Ein EDV System könnte über eine
entsprechende Schittstelle zum PPS System diese Schwankungen für die Berechung der
Kartenanzahl berücksichtigen. Dabei sollte das EDV System ebenfalls die Ein- und
Ausphasung der Karten in den Gesamtprozeß unterstützen um manuelle Handlungsabläufe so
weit wie möglich zu reduzieren.
Entscheidungsunterstützung durch Visualisierung von Aufträgen
Bei zu starker Dezentralisierung besteht die Gefahr, daß der Überblick über die
übergeordneten Interessen verloren gehen kann. Beispielsweise erreicht ein Meister durch
eine Optimierung der Kapazitätsauslastung lediglich ein Suboptimum, da diese
Vorgehensweise u.U. nicht im ganzheitlichen Interesse eines Kundenauftrages steht,
insbesondere bei Engpaßmaschinen. Hier kann eine elektronische Kanbantafel, welche den
Auftragsbestand visualisiert, abhelfen. Die Anzeige von Prioritäten, einer
Auftragsreihenfolge, unterstützt weiterhin den Arbeiter in der Fertigung bei der
Entscheidung welche Aufträge als nächstes bearbeitet werden sollten. Die Anpassung von
Prioritäten aufgrund einer übergeordneten Interessenlage kann dann wiederum von
zentraler Stelle vorgenommen werden.
Auswertung von Kanban Kennzahlen
Die Auswertung der Logistikperformance sowie der Bestandsentwicklung kann maßgeblich zur
Identifizierung von Problemen, Trends und vorallem von Verbesserungspotentialen beitragen.
Eine IT Unterstützung sollte die automatische Generierung von sog. Watchlisten erlauben,
die direkt auf Abweichungen im Gesamtprozess hinweisen wie zum Beispiel die stetige
Nichteinhaltung von Wiederbeschaffungszeiten oder einen konstant hohen Lagerbestand.
Verbesserung des Informationsflusses
Zur Verbesserung von Wiederbeschaffungszeiten kann ein EDV System beitragen in dem es
aktuelle Produktionsereignisse wie Leermeldungen oder Kanbanberichte direkt an die
Lieferanten schickt. Dies könnte per Fax oder E-Mail erfolgen. Hohes Potential liegt auch
hier im Einsatz von Internet Technologien, die auch den externen Zugriff auf
Produktionsdaten realisieren könnte.
I
Integrated Kanban System (IKS)
Ein Software System, das diese Anforderungen weitgehend
erfüllt, wird von der Orthogon
GmbH aus Stuttgart angeboten. Das Integrated Kanban System IKS ist auf die Unterstützung
von manuelle Kanbanumgebungen spezialisiert, kann als Stand-alone System betrieben oder in
eine bestehende IT Infrastruktur (PPS) integriert werden.

Das System basiert auf der Erfassung von Containerbewegungen, die mittels verschiedener
Softwaremodule visualisiert und ausgewertet werden können.
Das System wird u. a. bei Magneti Marelli (Italien), Sunrise Medical (Deutschland) und bei Pirelli Ltd. (England) eingesetzt.

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