VertiefenMotive und Ziele
Was ist KAN BAN
Informations-
technik zur Unterstützung für KANBAN
Gesamtbeitrag
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KANBAN
Ein Beitrag von Helmuth Gienke
Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
Motive und Ziele:
Nach der Niederlage im pazifischen Krieg stand Japan
unter dem Eindruck, daß es ein Land mit knappen Ressourcen sei und deshalb Verschwendung
vermeiden müsse. Eine durch EDV gestützte Steuerung des Materialflusses gab es damals
noch nicht. Unter diesem Aspekt ist KANBAN von Toyota entwickelt worden und 1962
eingeführt, um den Materialfluß in der Automontage bei möglichst geringer Nutzung der
Ressourcen sicherzustellen. In der Folge hat es sich als ein hervorragendes Instrument
erwiesen, Verschwendung von Ressourcen zu verringern.
Die Motive zur Beschäftigung mit dem Thema KANBAN
sind vielfältig. Es gibt sachbezogene und emotionelle Kriterien. Man kann die Motive nach
diesen Kriterien klassifizieren, wenn man die Ziele definiert und feststellt, daß einem
Motiv keine Ziele entsprechen. Motive sind z.B.
- Zwang zur Rationalisierung
- Vereinfachte Steuerung für viele Anwendungen
- Abhängigkeiten werden dem Zulieferer klarer gezeigt
- KANBAN ist modern
- KANBAN senkt die Lagerbestände
- Bedarf, Schwachstellen im Materialfluß zu entdecken
Nach der Entscheidung, wir beschäftigen uns mit
KANBAN, müssen die Ziele definiert (im eigentlichen Sinne aus den Unternehmenszielen
abgeleitet) werden, die mit dieser Aktivität erreicht werden sollen. Diese Definition ist
unter anderem erforderlich, um zu entscheiden, ob Maßnahmen zur Verbesserung der Abläufe
sinnvoll sind oder nicht. Ziele müssen quantifiziert und die Zielgrößen meßbar sein:
- Reduzierung der Durchlaufzeiten (z.B. auf x Tage)
- Bestandssenkung (z.B. auf x DM Lagerbestand)
- Verminderung von Ausschuß und Abfällen ( z.B. um x %)
- Vereinfachung der Organisation (z.B. Arbeitsschritte um x % senken)
- Steigerung der Flexibilität (z.B. Produktion innerhalb x Tage nach
Bestellung)
Das Verfahren:
KANBAN unterscheidet sich in wesentlichen Elementen
von der allgemein üblichen zentralen Produktionsplanung und -steuerung, die in einem
tayloristisch geprägten Umfeld entstanden ist. In der zentral organisierten
Produktionsplanung und -steuerung werden alle planerischen und steuernden Aufgaben durch
zentrale Stellen übernommen. Es gibt Ansichten, daß KANBAN kein Instrument zur
Fertigungsplanung ist, sondern ein System zur Aufdeckung von Schwächen im Materialfluß.

Die Planung von der zentralen PPS-Stelle erfolgt oft
auf der Basis von Absatzprognosen. Ein wichtiges Ziel dabei ist eine hohe
Kapazitätsauslastung der Produktionsmittel zu erreichen. Das wiederum führt zu großen
Losgrößen und langen Durchlaufzeiten. Hinzu kommt, daß durch die Trennung von Planung
und Durchführung die Ergebnisse der PPS Entscheidungen oft nicht mit den betrieblichen
Realitäten bzw. mit dem Kundenanforderungen übereinstimmen und es zu Fehlplanungen
kommt. Den ausführenden Stellen wird die Möglichkeit zur eigenverantwortlichen
Ausführung ihrer Tätigkeiten genommen, da sie diese nicht selbständig planen und
steuern können. Die komplexen Wechselbeziehungen zwischen den Elementen der PPS führen
zu einem gewaltigen Koordinationsaufwand, der durch zentrale Funktionen i.d.R. nicht mehr
zu handhaben ist.

Mit der zentralen PPS wird auch das Push-Prinzip
verbunden. Dies bedeutet, daß ein Auftrag zentral in Teilaufträge zerlegt wird, um diese
anschließend durch den Produktentstehungsprozeß zu schieben. Die Aufnahme einer
Tätigkeit geschieht also nicht selbständig durch das Erkennen eines Bedarfes in einer
nachfolgenden Produktionsstufe, sondern durch die Vorgabe einer Produktionsplanung von
außen.
| Kennzeichen
traditioneller PPS |
Auswirkungen |
- Zentralisierung
- Trennung von Planung und Durchführung
- Kapazitätsorientiert
- Rückmeldeorientiert (BDE)
- Funktionsorientierung mit großer Schnittstellenzahl
- Hohe Komplexität
- Hoher Steuerungsaufwand
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- Hohe Bestände (Produktion auf Lager)
- Lange Durchlaufzeiten und große Losgrößen
- Geringe Lieferfähigkeit
- Verschwendung in Produktion und Ablauf
- Mangelnde Kundenorientierung
- Mangelnde Flexibilität
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Der Grundsatz des KANBAN Systems ist einfach: ein
System, das, im Gegensatz zur traditionelle Methode, wo Material an nachfolgende
Arbeitsgänge weitergeleitet wird, den Transfer in umgekehrter Richtung durchführt. Der
nachgelagerte Arbeitsgang entnimmt dabei bei einem vorgelagerten nur das gerade benötigte
Teil in der benötigten Menge und zum benötigten Zeitpunkt (Just-in-Time Prinzip). Die
Voraussetzung war eine Vereinfachung der Kommunikation durch eindeutige Bezeichnung, was
in welcher Menge benötigt würde.
 
Wenn Material gebraucht wird (z.B. weil ein
Mindestbestand unterschritten wird), und nur dann, wird der Zulieferer aufgefordert neues
Material anzuliefern. Diese Aufforderung wir durch einen KANBAN (jap. Karte, Zettel)
erteilt, der grundsätzlich mit der Ware mit jedem Los transportiert wird und z.B. bei
Anbruch des Loses zur neuen Anlieferung zurückgegeben wird. Es gelten strenge Regeln für
die Fertigung, besonders der Grundsatz, daß nur gefertigt werden darf, wenn ein KANBAN
zur Fertigung vorliegt und daß nur einwandfreie Teile angeliefert werden dürfen. Damit
wird die terminorientierte Steuerung herkömmlicher Methoden durch die bedarfssorientierte
Steuerung ersetzt.

Variationen aller Art sind möglich, weil das
Verfahren den jeweiligen Umständen angepaßt werden soll. Im Laufe der Anpassung an neue
Anforderungen und der kontinuierlichen Verbesserung des Systems entstanden
unterschiedliche KANBAN-Klassen. Bereits 1980 unterschied man in Japan den
Material KANBAN (SHIKAKE KANBAN) zur Herstellung und
Bereitstellung von Material, der nach Anbruch eines Gebindes zurückgegeben wird
Signal KANBAN (SHINGO KANBAN) als Material KANBAN,
der aber erst zurückgegeben wird, wenn vom Gebinde eine bestimmte Menge verbraucht ist.
Transport KANBAN (HIKITORI KANBAN), als
Aufforderung, ein bestimmtes Material von einem Lagerplatz auf einen Bereitstellungsplatz
zu bringen.
Begrenzter KANBAN (GENTEI KANBAN), als Material
KANBAN der nach einer bestimmten Fertigungsmenge ungültig ist.
In der Zwischenzeit gibt es je nach Philosophie eine
Unzahl von Variationen. Eine wesentliche Ergänzung sind Stecktafeln, die eine weitere
Komponente des Toyota Produktionssystems (auch Lean Production genannt) unterstützen,
nämlich das Management by View. Die KANBAN werden mit einer definierten Anordnung in
Laschen auf einer Tafel gesteckt, daß man einen Überblick über den Materialfluß
bekommt und drohende Probleme schnell erkennt. Zur Reihenfolgebildung bei
unüberwindlichen Rüstproblemen (zum Beispiel Gewebekalander in der Kautschuk- und
Kunststoffindustrie) sind ähnliche Tafeln eingeführt. Auch ohne Papier wird das
KANBAN-Verfahren eingesetzt, wenn man zum Beispiel den Behälter selbst als KANBAN nutzen
kann. Definierte Stellplätze für die Transportbehälter und ähnliche Maßnahmen des
Management by View ermöglichen es, ohne großen Aufwand den Überblick über den
Materialfluß zu erhalten.
Die angestrebte Vermeidung von Verschwendung wird
indirekt dadurch erreicht, daß mit KANBAN der Materialbestand fest bestimmt und dem
jeweiligen Bedarf angepaßt werden kann. Damit hat man unter anderem ein Instrument, durch
Senkung des Bestandes Störungen im Materialfluß aufzuzeigen. Wenn man dann
vorübergehend den Bestand wieder erhöht, die Ursache für die Störung beseitigt und den
Bestand wieder senkt, schafft man eine kontinuierliche Verbesserung des Materialflusses.
Es gibt eine Menge von Störungsursachen, wie zum Beispiel:
lange Rüstzeiten,
fehlerhafte Produktion,
ungleichmäßige Fertigungsgeschwindigkeit,
hoher Bearbeitungsaufwand,
geringe Kapazität,
unübersichtliche Reihenfolge
usw.
Im Einzelnen ist abzuwägen, wie wirtschaftlich es
ist, die Ursache zu beheben. Dabei hat sich gezeigt, daß erkannte Ursachen häufig mit
verblüffend einfachen Maßnahmen beseitigt werden können.
Wird nicht eingegriffen steuert sich die Fertigung durch den
KANBAN-Kreislauf selbst. Durch diese Eigenschaften hat sich KANBAN auch in den Zeiten
aufwendiger Enterprise Resource Management Systeme bewährt und wird als Ergänzung, in
besonderen Fällen sogar als einziges System angewandt. Das Verfahren wird sowohl inner-
als auch zwischenbetrieblich eingesetzt.

Voraussetzungen
Über die Voraussetzungen zum Einsatz von
KANBAN gibt es unterschiedliche Ansichten, die sich von den unterschiedlichen Zielen
herleiten. Weitgehende Übereinstimmung herrscht darüber, daß es für eine
Serienfertigung sehr geeignet ist. Über die Anwendbarkeit bei Variantenfertigung gibt es
dagegen schon unterschiedliche Ansichten. Aber selbst bei Kleinlosen wird es sinnvoll
genutzt, wenn man bereit ist, zur Verbesserung des Materialflusses Maßnahmen zu
ergreifen. Man kann die Voraussetzungen für KANBAN als statisch betrachten (vorhanden
oder nicht vorhanden ) oder mit Einführung den Zwang herstellen, die Voraussetzungen zu
schaffen um zu bewirken, daß durch die erforderlichen Maßnahmen ein Fortschritt in den
Fertigungsabläufen, also eine Annäherung an die Ziele erreicht wird.
Aus der wirtschaftlichen Anwendung von KANBAN
ergeben sich zwangsläufige Folgeforderungen aufgrund der geänderten Abläufe. Die
Erfüllung der Forderungen kann, wie bemerkt, ein Ziel des KAN BAN Einsatzes sein oder die
Ziele unterstützen. Einigkeit besteht, daß
Flexible Produktionsmittel,
Kurze Rüstzeiten,
Fehlerfreie Lieferung,
Akzeptanz von Leerlauf bei Mitarbeitern und Anlagen,
Disziplin,
Ursachenanalyse bei Störungen, danach schnelle Beseitigung der Störungen,
Management by View,
Pragmatismus,
für den erfolgreichen Einsatz des KANBAN sinnvoll sind.
Außerdem sind Absprachen intern zwischen den
einzelnen Fertigungsstufen und besonders mit externen Zulieferern nützlich, auch wenn sie
sich im Grenzfall auf die Aussage konzentrieren kann, daß innerhalb einer bestimmten
Frist das angeforderte Produkt in genau der bestellten Menge und einwandfreier Qualität
auf einen definierten Platz zu stellen ist. |