VertiefenMotive und Ziele
Was ist KAN BAN
Informations-
technik zur Unterstützung für KANBAN
Gesamtbeitrag
|
Was ist
KANBAN?
Thema des Monats Mai 2000
Stand: 02. Juli 2008
Teil 2
Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch
Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
KANBAN unterscheidet sich in wesentlichen Elementen von der allgemein
üblichen zentralen Produktionsplanung und -steuerung, die in einem tayloristisch
geprägten Umfeld entstanden ist. In der zentral organisierten Produktionsplanung und
-steuerung werden alle planerischen und steuernden Aufgaben durch zentrale Stellen
übernommen. Es gibt Ansichten, daß KANBAN kein Instrument zur Fertigungsplanung ist,
sondern ein System zur Aufdeckung von Schwächen im Materialfluß.

Die Planung von der zentralen PPS-Stelle erfolgt oft auf der Basis von
Absatzprognosen. Ein wichtiges Ziel dabei ist eine hohe Kapazitätsauslastung der
Produktionsmittel zu erreichen. Das wiederum führt zu großen Losgrößen und langen
Durchlaufzeiten. Hinzu kommt, daß durch die Trennung von Planung und Durchführung die
Ergebnisse der PPS Entscheidungen oft nicht mit den betrieblichen Realitäten bzw. mit dem
Kundenanforderungen übereinstimmen und es zu Fehlplanungen kommt. Den ausführenden
Stellen wird die Möglichkeit zur eigenverantwortlichen Ausführung ihrer Tätigkeiten
genommen, da sie diese nicht selbständig planen und steuern können. Die komplexen
Wechselbeziehungen zwischen den Elementen der PPS führen zu einem gewaltigen
Koordinationsaufwand, der durch zentrale Funktionen i.d.R. nicht mehr zu handhaben ist.

Mit der zentralen PPS wird auch das Push-Prinzip verbunden. Dies
bedeutet, daß ein Auftrag zentral in Teilaufträge zerlegt wird, um diese anschließend
durch den Produktentstehungsprozeß zu schieben. Die Aufnahme einer Tätigkeit geschieht
also nicht selbständig durch das Erkennen eines Bedarfes in einer nachfolgenden
Produktionsstufe, sondern durch die Vorgabe einer Produktionsplanung von außen.
| Kennzeichen traditioneller
PPS |
Auswirkungen |
- Zentralisierung
- Trennung von Planung und Durchführung
- Kapazitätsorientiert
- Rückmeldeorientiert (BDE)
- Funktionsorientierung mit großer Schnittstellenzahl
- Hohe Komplexität
- Hoher Steuerungsaufwand
|
- Hohe Bestände (Produktion auf Lager)
- Lange Durchlaufzeiten und große Losgrößen
- Geringe Lieferfähigkeit
- Verschwendung in Produktion und Ablauf
- Mangelnde Kundenorientierung
- Mangelnde Flexibilität
|
Der Grundsatz des KANBAN Systems ist einfach: ein System, das, im
Gegensatz zur traditionelle Methode, wo Material an nachfolgende Arbeitsgänge
weitergeleitet wird, den Transfer in umgekehrter Richtung durchführt. Der nachgelagerte
Arbeitsgang entnimmt dabei bei einem vorgelagerten nur das gerade benötigte Teil in der
benötigten Menge und zum benötigten Zeitpunkt (Just-in-Time Prinzip). Die Voraussetzung
war eine Vereinfachung der Kommunikation durch eindeutige Bezeichnung, was in welcher
Menge benötigt würde.
 
Wenn Material gebraucht wird (z.B. weil ein Mindestbestand
unterschritten wird), und nur dann, wird der Zulieferer aufgefordert neues Material
anzuliefern. Diese Aufforderung wir durch einen KANBAN (jap. Karte, Zettel) erteilt, der
grundsätzlich mit der Ware mit jedem Los transportiert wird und z.B. bei Anbruch des
Loses zur neuen Anlieferung zurückgegeben wird. Es gelten strenge Regeln für die
Fertigung, besonders der Grundsatz, daß nur gefertigt werden darf, wenn ein KANBAN zur
Fertigung vorliegt und daß nur einwandfreie Teile angeliefert werden dürfen. Damit wird
die terminorientierte Steuerung herkömmlicher Methoden durch die bedarfssorientierte
Steuerung ersetzt.

Variationen aller Art sind möglich, weil das Verfahren den jeweiligen
Umständen angepaßt werden soll. Im Laufe der Anpassung an neue Anforderungen und der
kontinuierlichen Verbesserung des Systems entstanden unterschiedliche KANBAN-Klassen.
Bereits 1980 unterschied man in Japan den
Material KANBAN (SHIKAKE KANBAN) zur Herstellung und Bereitstellung von
Material, der nach Anbruch eines Gebindes zurückgegeben wird
Signal KANBAN (SHINGO KANBAN) als Material KANBAN, der aber erst
zurückgegeben wird, wenn vom Gebinde eine bestimmte Menge verbraucht ist.
Transport KANBAN (HIKITORI KANBAN), als Aufforderung, ein bestimmtes
Material von einem Lagerplatz auf einen Bereitstellungsplatz zu bringen.
Begrenzter KANBAN (GENTEI KANBAN), als Material KANBAN der nach einer
bestimmten Fertigungsmenge ungültig ist.
In der Zwischenzeit gibt es je nach Philosophie eine Unzahl von
Variationen. Eine wesentliche Ergänzung sind Stecktafeln, die eine weitere Komponente des
Toyota Produktionssystems (auch Lean Production genannt) unterstützen, nämlich das
Management by View. Die KANBAN werden mit einer definierten Anordnung in Laschen auf einer
Tafel gesteckt, daß man einen Überblick über den Materialfluß bekommt und drohende
Probleme schnell erkennt. Zur Reihenfolgebildung bei unüberwindlichen Rüstproblemen (zum
Beispiel Gewebekalander in der Kautschuk- und Kunststoffindustrie) sind ähnliche Tafeln
eingeführt. Auch ohne Papier wird das KANBAN-Verfahren eingesetzt, wenn man zum Beispiel
den Behälter selbst als KANBAN nutzen kann. Definierte Stellplätze für die
Transportbehälter und ähnliche Maßnahmen des Management by View ermöglichen es, ohne
großen Aufwand den Überblick über den Materialfluß zu erhalten.
Die angestrebte Vermeidung von Verschwendung wird indirekt dadurch
erreicht, daß mit KANBAN der Materialbestand fest bestimmt und dem jeweiligen Bedarf
angepaßt werden kann. Damit hat man unter anderem ein Instrument, durch Senkung des
Bestandes Störungen im Materialfluß aufzuzeigen. Wenn man dann vorübergehend den
Bestand wieder erhöht, die Ursache für die Störung beseitigt und den Bestand wieder
senkt, schafft man eine kontinuierliche Verbesserung des Materialflusses. Es gibt eine
Menge von Störungsursachen, wie zum Beispiel:
lange Rüstzeiten,
fehlerhafte Produktion,
ungleichmäßige Fertigungsgeschwindigkeit,
hoher Bearbeitungsaufwand,
geringe Kapazität,
unübersichtliche Reihenfolge
usw.
Im Einzelnen ist abzuwägen, wie wirtschaftlich es ist, die Ursache zu
beheben. Dabei hat sich gezeigt, daß erkannte Ursachen häufig mit verblüffend einfachen
Maßnahmen beseitigt werden können.
Wird nicht eingegriffen steuert sich die Fertigung durch den KANBAN-Kreislauf selbst.
Durch diese Eigenschaften hat sich KANBAN auch in den Zeiten aufwendiger Enterprise
Resource Management Systeme bewährt und wird als Ergänzung, in besonderen Fällen sogar
als einziges System angewandt. Das Verfahren wird sowohl inner- als auch
zwischenbetrieblich eingesetzt.

Voraussetzungen
Über die Voraussetzungen zum Einsatz von KANBAN gibt es
unterschiedliche Ansichten, die sich von den unterschiedlichen Zielen herleiten.
Weitgehende Übereinstimmung herrscht darüber, daß es für eine Serienfertigung sehr
geeignet ist. Über die Anwendbarkeit bei Variantenfertigung gibt es dagegen schon
unterschiedliche Ansichten. Aber selbst bei Kleinlosen wird es sinnvoll genutzt, wenn man
bereit ist, zur Verbesserung des Materialflusses Maßnahmen zu ergreifen. Man kann die
Voraussetzungen für KANBAN als statisch betrachten (vorhanden oder nicht vorhanden ) oder
mit Einführung den Zwang herstellen, die Voraussetzungen zu schaffen um zu bewirken, daß
durch die erforderlichen Maßnahmen ein Fortschritt in den Fertigungsabläufen, also eine
Annäherung an die Ziele erreicht wird.
Aus der wirtschaftlichen Anwendung von KANBAN ergeben sich
zwangsläufige Folgeforderungen aufgrund der geänderten Abläufe. Die Erfüllung der
Forderungen kann, wie bemerkt, ein Ziel des KAN BAN Einsatzes sein oder die Ziele
unterstützen. Einigkeit besteht, daß
Flexible Produktionsmittel,
Kurze Rüstzeiten,
Fehlerfreie Lieferung,
Akzeptanz von Leerlauf bei Mitarbeitern und Anlagen,
Disziplin,
Ursachenanalyse bei Störungen, danach schnelle Beseitigung der Störungen,
Management by View,
Pragmatismus,
für den erfolgreichen Einsatz des KANBAN sinnvoll sind.
Außerdem sind Absprachen intern zwischen den einzelnen
Fertigungsstufen und besonders mit externen Zulieferern nützlich, auch wenn sie sich im
Grenzfall auf die Aussage konzentrieren kann, daß innerhalb einer bestimmten Frist das
angeforderte Produkt in genau der bestellten Menge und einwandfreier Qualität auf einen
definierten Platz zu stellen ist. |