IT Unterstützung durch Kanban
Informationssysteme
Ein Beitrag von Helmuth Gienke
Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Handbuch Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
Durch den Einsatz selbststeuernder Regelkreise kommt die Kanban Steuerung prinzipiell
ohne den Einsatz von EDV Systemen aus. Ein solches Kanban System wird auch "manuelles
Kanban" genannt. In einfachen Kanban Umgebungen ist entsprechend der Aufwand für die
Pflege der Kanbanschleife gering und das Gesamtsystem ist einfach überschaubar. Bei einer
steigenden Anzahl der Kanbanschleifen und Variationen wird irgendwann eine Komplexität
erreicht, wo das Gesamtsystem unüberschaubar wird, die manuelle Pflege schwierig und die
Kanban Transparenz abnimmt.
Folgende Gründe sprechen dann für eine IT Unterstützung:
Pflege des manuellen Kanbansystems
Eine grundlegende Funktion eines Kanban Software System ist selbstverständlich der
Zugriff und die Pflege der Grunddaten wie z. B. Produktionseinheiten, Lagerplätze,
Containertypen und Teile. Mit Hilfe dieser Daten werden die physikalischen Kanbanschleifen
im System abgebildet. Kartendruck und Berichtswesen, wie etwa das automatische Versenden
von Bestandsübersichten an externe Lieferanten per Fax, können dann aus dem EDV System
generiert werden und reduzieren so manuelle Handlungsabläufe erheblich.
Monitoring aktueller Materialverfügbarkeit und Aufträge
Der Kanbanverantwortliche benötigt eine schnelle und vollständige Übersicht über
den Materialbestand und den Auftragsbestand. Ein EDV System kann hier über die Anzeige
der verschiedenen Containerzustände (z.B. voll, leer, abgeholt) mit entsprechenden
Auswahlfiltern gezielt diese Verfügbarkeit anzeigen ("Monitoring"). Dadurch
wird eine hohe Transparenz des "Work in Process" (WIP) erreicht. Ist diese
Transparenz nicht vorhanden, wird oft ein erheblich höherer Sicherheitsbestand verwendet
als eigentliche notwendig wäre.
Kontrolle über Liefervereinbarungen
Bei der Dimensionierung des Kanban Systems spielt die Wiederbeschaffungszeit (WBZ)
eine wichtige Rolle. Sie fließt als Parameter bei der Berechnung der Kartenanzahl mit
ein. Somit ist der Sicherheitsbestand von der WBZ abhängig. Um nun die Zuverlässigkeit
der Liefervereinbarung sicherzustellen, muß die WBZ gemessen werden. Dies sollte in 2
Varianten möglich sein: Die Güte der WBZ über einen längeren historischen Zeitraum,
sowie die WBZ bezüglich aktueller Lieferungen. Damit wird dann auch unter dem Aspekt der
Liefertreue eine Lieferantenbewertung möglich.
Frühwarnsystem für kritische Bestände und späte Lieferungen
Das Ziel die Bestände so weit wie möglich zu senken bewirkt, daß bei Störungen im
Gesamtprozeß Materialengpässe drohen. Um dem vorzubeugen wird ein Frühwarnsystem
benötigt, das kritische Situationen pro-aktiv visualisiert und somit den Verantwortlichen
rechtzeitig erlaubt, Maßnahmen zu ergreifen bzw. Prioritäten zu verändern.
Bestandsengpässe und späte Lieferungen werden so erkannt.
Integration in bestehende Systemumgebungen
Die Integration in vorhandene PPS Systeme spielt eine wichtige Rolle beim Einsatz von
Kanban Software Modulen. Ein entsprechendes System muß Datenredundanz vermeiden und den
Rückfluß von z.B. Buchungen aus dem elektronischen Kanbansystem unterstützen. Dies ist
notwendig um Abbuchungen bei Lieferantenverträgen zu ermöglichen oder um Bestandsdaten
für die Weiterverarbeitung im PPS bzw. Warenwirtschaftssystem zu aktualisieren.
Nachführen der Kanban-Dimensionierung bei Bedarfsschwankungen
Bei schwankenden Bedarfen wird es notwendig die Anzahl der Kanban Karten dynamisch
nachzuführen. Bei manuellen Systemen erfolgt dies oft durch einen hohen
Sicherheitsbestand, der quasi auf Bedarfsspitzen ausgelegt ist. Dies widerspricht jedoch
dem Grundsatz der Vermeidung von Verschwendung. Ein EDV System könnte über eine
entsprechende Schittstelle zum PPS System diese Schwankungen für die Berechung der
Kartenanzahl berücksichtigen. Dabei sollte das EDV System ebenfalls die Ein- und
Ausphasung der Karten in den Gesamtprozeß unterstützen um manuelle Handlungsabläufe so
weit wie möglich zu reduzieren.
Entscheidungsunterstützung durch Visualisierung von Aufträgen
Bei zu starker Dezentralisierung besteht die Gefahr, daß der Überblick über die
übergeordneten Interessen verloren gehen kann. Beispielsweise erreicht ein Meister durch
eine Optimierung der Kapazitätsauslastung lediglich ein Suboptimum, da diese
Vorgehensweise u.U. nicht im ganzheitlichen Interesse eines Kundenauftrages steht,
insbesondere bei Engpaßmaschinen. Hier kann eine elektronische Kanbantafel, welche den
Auftragsbestand visualisiert, abhelfen. Die Anzeige von Prioritäten, einer
Auftragsreihenfolge, unterstützt weiterhin den Arbeiter in der Fertigung bei der
Entscheidung welche Aufträge als nächstes bearbeitet werden sollten. Die Anpassung von
Prioritäten aufgrund einer übergeordneten Interessenlage kann dann wiederum von
zentraler Stelle vorgenommen werden.
Auswertung von Kanban Kennzahlen
Die Auswertung der Logistikperformance sowie der Bestandsentwicklung kann maßgeblich
zur Identifizierung von Problemen, Trends und vorallem von Verbesserungspotentialen
beitragen. Eine IT Unterstützung sollte die automatische Generierung von sog. Watchlisten
erlauben, die direkt auf Abweichungen im Gesamtprozess hinweisen wie zum Beispiel die
stetige Nichteinhaltung von Wiederbeschaffungszeiten oder einen konstant hohen
Lagerbestand.
Verbesserung des Informationsflusses
Zur Verbesserung von Wiederbeschaffungszeiten kann ein EDV System beitragen in dem es
aktuelle Produktionsereignisse wie Leermeldungen oder Kanbanberichte direkt an die
Lieferanten schickt. Dies könnte per Fax oder E-Mail erfolgen. Hohes Potential liegt auch
hier im Einsatz von Internet Technologien, die auch den externen Zugriff auf
Produktionsdaten realisieren könnte.
Integrated Kanban System (IKS)
Ein Software System, das diese Anforderungen weitgehend erfüllt, wird von
der Orthogon
GmbH aus Stuttgart angeboten. Das Integrated Kanban System IKS ist auf die Unterstützung
von manuelle Kanbanumgebungen spezialisiert, kann als Stand-alone System betrieben oder in
eine bestehende IT Infrastruktur (PPS) integriert werden.

Das System basiert auf der Erfassung von Containerbewegungen, die mittels verschiedener
Softwaremodule visualisiert und ausgewertet werden können.
Das System wird u. a. bei Magneti Marelli (Italien), Sunrise Medical (Deutschland) und bei Pirelli Ltd. (England) eingesetzt.

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