Unterstützung von KANBAN durch ERP-Systeme
Ein Beitrag von Ute Mussbach-Winter (Fraunhofer IPA,
Stuttgart) und Helmuth Gienke
1 Ausgangssituation
Einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit von
Produktionsunternehmen stellt neben dem Angebot marktgerechter Produkte eine schlanke
Produktionslogistik dar. Ziel einer schlanken, effizienten Produktionslogistik ist es, mit
geringstem Aufwand die Güter bereit zu stellen, die der Kunde / Markt wünscht. Erreicht
werden kann dies u. a. mit der Ausrichtung der Produktionsorganisation an den
Grundgedanken des Toyota Produktionssystems /OHNO 1998/ und des Lean Thinking /WOMACK
1996/ mit seiner konsequenten Identifikation und Eliminierung von nicht wertschöpfenden
Aktivitäten im Leistungserstellungsprozess (vgl. Bild 1).

Bild 1: Prinzipien des Lean Thinking
Stellt man sich die Frage wie sich die Prinzipien des Lean Thinking in
Produktionsunternehmen umsetzen lassen, so stößt man sehr schnell auf Begriffe wie z. B.
Kanban und JIT. Bei Kanban wird das Material nicht mittels einer übergeordneten Planung
durch die Fertigung geschoben, sondern jeweils von der verwendenden Fertigungsstufe
abgerufen, wenn es gebraucht wird. Wesentliches Merkmal von Kanban ist damit die
Holpflicht durch den Verbraucher. Dazu gibt dieser mittels sog. Kanbans ein Signal an die
produzierende Stelle welche Teile in welcher Menge zu welchem Zeitpunkt von ihm benötigt
werden (Pull-Prinzip). Trifft ein Kanban bei einem Produzenten ein, beginnt die
angeforderten Teile zu produzieren, um sie genau in der geforderten Menge zu liefern.
Damit wird bei Kanban vom Grundsatz her nur dann gefertigt, wenn ein wirklicher Bedarf
vorliegt. Der Regelkreis zwischen Verbraucher und Produzent unterliegt dabei einer totalen
Selbststeuerung und benötigt vom Prinzip her keinerlei EDV-Unterstützung für die
Steuerung. Durch die direkte Ausrichtung der Produktion am "Kundenbedarf" sowie
den einfachen Mechanismus zur Bedarfsauslösung mittels Kanbans lassen sich einerseits die
Bestände kunden- und lieferantenseitig gering halten sowie der Planungs- und
Steuerungsaufwand für den gesamten Auftragsabwicklungsprozess minimieren. Die Einführung
von Kanban innerhalb eines Unternehmens oder auch in unternehmensübergreifenden
Lieferbeziehungen trägt somit in hohem Maße zur Aufdeckung und Vermeidung von
Verschwendung und damit zur Kostenreduzierung im Auftragsabwicklungsprozess bei.
Zur Nutzung des genannten Rationalisierungspotenzials haben in den letzten Jahren
zahlreiche Unternehmen bereits erfolgreich Kanban-Kreisläufe eingerichtet bzw. prüfen
weitere Einsatzbereiche für Kanban. Die wenigsten Unternehmen befinden sich jedoch in der
komfortablen Lage ihr gesamtes Produktspektrum nach dem Kanban-Prinzip produzieren zu
können. Somit finden sich innerhalb eines Produktionsbereiches oftmals unterschiedliche
Organisationsprinzipien, die es zu koordinieren gilt. Für die Fertigungssteuerung steht
dann z. B. vor der Herausforderung klassische, MRP-geplante Fertigungsaufträge und
Kanban-Aufträge, die um die gleichen Betriebsmittel konkurrieren, so einzuplanen, dass
beider Terminforderungen erfüllt sind.
Des Weiteren fordern die in den Unternehmen zur Unterstützung der
Auftragsabwicklungsprozesse eingesetzten ERP-Lösungen die Durchführung von Transaktionen
z. B. bzgl. Materialdisposition, Fertigungsauftragsauslösung sowie Bestandsinformationen.
Diese Anforderungen sind unternehmensspezifisch unter Einbeziehung der von der jeweils
eingesetzten ERP-Lösung bereitgestellten Funktionen zu erfüllen.
2 Vorbereitende Maßnahmen zur Einführung von Kanban-Prozessen
Die Einführung von Kanban-Prozessen erfordert in einem Unternehmen eine Reihe
vorbereitender Maßnahmen. Hierzu gehören u.a. die
- Auswahl der für Kanban-Fertigung geeigneten Teile
Kanban empfiehlt sich in erster Linie für Teile, die einen gleichmäßigen bis leicht
schwankenden Verbrauch sowie einen relativ hohen Wert aufweisen (zu ermitteln anhand einer
ABC- und XYZ-Analyse). Darüber hinaus sollten diverse Anforderungen z. B. hinsichtlich
der Stabilität des Produktionsprozesses erfüllt sein /HERING 2004/.
- Anpassung der Materialflussstrukturen mit
Festlegen der Kanban-Losgrößen mit Auswahl passender Transportbehälter sowie Festlegen
der Kanban-Pufferbestände und entsprechender Bereitstellflächen.
- Festlegung angepasster Planungs- und Steuerungsstrukturen sowohl für die Kanban-Teile
als auch für Fertigungsauftragsteile
Die Einführung von Kanban wirkt sich sowohl auf die Arbeit der Materialdisposition aus
als auch auf die Termin- und Kapazitätsplanung bzw. -steuerung im Unternehmen.
Auswirkungen auf die Termin- und Kapazitätsplanung entstehen insbesondere dann, wenn
Kanban- und Fertigungsauftragsteile die gleichen Kapazitäten nutzen.
Hier empfiehlt es sich zu prüfen, inwieweit es der Kapazitätsbedarf sowie die
Leistungsprofile der verfügbaren Betriebsmittel zulassen für die Kanban-Teile einen
abgegrenzten Fertigungsbereich mit einem flexiblen Kapazitätsangebot und gerichtetem
Materialfluss zu installieren. Eine solche Entflechtung (Segmentierung) bietet die Chance
den Kanban-Prozess gemäß seiner ursprünglichen Philosophie, d. h. als selbststeuernden
Regelkreis ohne EDV-Unterstützung aufzubauen. Lässt sich aufgrund der Struktur des
Kapazitätsbedarfs eine solche Segmentierung nicht einrichten und müssen in der Folge
Kanban-Teile und klassische Fertigungsaufträge (mit Eckterminen, Rüstreihenfolgen etc.)
auf den gleichen Kapazitäten bearbeitet werden, so ist es erforderlich Spielregeln bzgl.
Einlastreihenfolgen, Auftragsprioritäten und Fertigungsrückmeldeinformationen
festzulegen /LICKEFETT 2006/.
- Die Anpassung der betrieblichen ERP-Lösung an die Anforderungen der Kanban-Prozesse
Die Anpassungen der betrieblichen ERP-Lösung an die neuen Anforderungen betreffen
einerseits die Einstellungen in den Materialstammdaten der zukünftigen Kanban-Teile sowie
andererseits Einstellungen an der Systemkonfiguration. Bei Kanban-Prozessen ist es aus
Aufwands- und Aktualitätsgründen zweckmäßig verschiedene Transaktionen, die in
konventionellen Auftragsabwicklungsprozessen zyklisch und manuell durchgeführt werden,
ereignisgesteuert automatisch durchzuführen. Hierzu gehören z. B. das Auslösen von
Fertigungsaufträgen sowie die Durchführung von Wareneingangsbuchungen.
Die Intensität der informationstechnischen Vernetzung zwischen Kanban-Prozessen und der
betrieblichen ERP-Lösung wird geprägt durch den Umfang der Verflechtung von
Kanban-Teilen und klassischen Fertigungsaufträgen sowie den betriebsspezifisch
festgelegten Auftrags- bzw. Ressourcenüberwachungsmodalitäten.
3 Anforderungen einer Kanban-Fertigung an das betriebliche ERP-System
Im obigen Kapitel wurden verschiedene Maßnahmen beschrieben, die in Vorbereitung
einer Umstellung auf Kanban-Prozesse durchzuführen sind. Viele der hierbei getroffenen
Festlegungen müssen, wie bereits erwähnt, in den Stammdaten des betrieblichen
ERP-Systems durch Anpassen / Ergänzen der entsprechenden Merkmalsausprägungen
dokumentiert werden. So gilt es z. B. für die als Kanban-Teile ausgewählten
Materialnummern das Dispositionsverfahren anzupassen, die ermittelte Kanban-Losgröße,
die Anzahl notwendiger Kanban-Karten sowie die jeweils einzusetzenden
Transportbehältertypen in den Materialstammdaten zu dokumentieren. Dafür müssen in der
betrieblichen ERP-Lösung geeignete Datenfelder zur Verfügung stehen.
Bedingt durch die direkt verbrauchsgesteuert ausgelöste Produktion (leere Behälter
als Impulsgeber für Nachfertigung) und relativ kleiner Losgrößen (Behälterfüllmengen)
existieren in einer Kanban-gesteuerten Produktion zahlreiche Produktionslose i.S. von
Steuerungsobjekten. Aufgrund der selbststeuernden Regelkreise in Kanban-Kreisläufen
verursacht die Vielzahl von Steuerungsobjekten jedoch nur minimalen Steuerungsaufwand. Als
aufwandsintensiver können sich jedoch die Organisation der Materialbereitstellung am
Eingang zur Kanban-Produktion sowie die Erfassung und Verbuchung der fertigen Kanban-Lose
(-Behälter) herausstellen. Je nach Abgrenzung der Fertigungsaufträge, z. B.
Fertigungsauftragsmenge = Kanban-Los oder Fertigungsauftragsmenge >> Kanban-Los
verändert sich dieser Aufwand merklich. Wird Kanban-Los = Fertigungsauftrag gesetzt, so
lässt sich bei Eingang eines Kanban-Signals (z. B. Eintreffen eines leeren Behälters)
automatisch ein Fertigungsauftrag generieren, eröffnen und freigeben. Bei Rückmeldung
des gefüllten Behälters wird der Fertigungsauftrag ebenfalls automatisch abgeschlossen.
Dieses Verfahren ist zwar von seiner Logik her einfach, führt aber bei einer hohen Anzahl
zu umlaufender Behälter pro Tag bzw. Schicht zu einer Vielzahl von Fertigungsaufträgen
und damit zu einem großen Datenvolumen. Eine Alternative dieses Datenvolumen geringer zu
halten ist die Generierung von Fertigungsaufträgen in Höhe von z. B. tagesbezogenen
Lieferabrufen. Diese Vorgehensweise ist z. B. bei Teilen mit hinreichend stabilen
Liefereinteilungen anwendbar. Die Abbildung von Kanban-Prozessen in der betrieblichen
ERP-Lösung wird erleichtert, wenn die vorhandene ERP-Lösung über die Möglichkeit
verfügt verschiedene Strategien zur Erzeugung von Fertigungsaufträgen einzustellen.
4 Unterstützung von Kanban-Prozessen in marktgängigen ERP-Systemen
Die Eignung eines ERP-Systems zur Unterstützung von Kanban-Prozessen basiert auf
der Verfügbarkeit einer Reihe von Datenfeldern und Funktionen im Bereich der
Artikelstammdatenverwaltung, der Materialdisposition, des Rückmeldewesens sowie ggf. des
standortübergreifenden Supplychainmanagements.
Im Artikelstamm bzw. in Bezug dazu stehenden Tabellen werden Felder zur Dokumentation
folgender Daten benötigt:: - Kanban-Losgröße
- Anzahl Kanban-Karten
- Kanban-Pufferbestand.
Vergleicht man die marktgängigen ERP-Systeme im Hinblick auf die Verfügbarkeit dieser
Datenfelder, dann zeigt sich, dass ca.45 % der Systeme über ein eigenes Datenfeld zur
"Kanban-Losgröße" verfügen /TROVARIT AG 2006/. Datenfelder zur Speicherung
des "Kanban-Pufferbestandes" finden sich allerdings nur bei gut 30 % und Felder
für die "Anzahl Kanban-Karten" nur noch bei ca. 25% der betrachteten Systeme.
Bzgl. der Materialdisposition sind z. B. folgende Funktionen notwendig bzw. hilfreich:
- Berechnung von Fertigungsauftragsmengen auf Basis fester Losgrößen
(-> Kanban-Losgrößen)
- Lagerauffüllung mit Kanban-Steuerung
(Methoden zur innerbetrieblichen Nachschubsteuerung)
- Unterstützung bei der Auslegung von Kanbanstrecken durch systemseitige
Vorschläge zu Kanbananzahl und Kanbanlosgröße auf Basis von
Verbrauchsstatistiken
Die automatische Auslösung von Kanbanaufträgen bei Fertigmeldung eines gefüllten
Behälters stellt eine nützliche Funktion im Bereich des Rückmeldewesens dar. Sie wird
heute allerdings nur von ca. 1/3 der angebotenen ERP-Lösungen unterstützt.
Fasst man die obigen Einzelauswertungen zusammen, dann zeigt sich, dass max. 1/3 der
angebotenen ERP-Systeme Kanban-Prozesse unterstützen. Bei diesen Systemen handelt es sich
vor allem um ERP-Systeme, die schon länger am Markt sind (meist < 15 Jahre) und ihren
Einsatzschwerpunkt im Maschinenbau, der Automobilzulieferindustrie bzw. der Mess-, Steuer-
und Regelungstechnik haben.
Die Organisation von Kanban-Prozessen mittels eines marktgängigen ERP-Systems wird
nachfolgend am Beispiel SAP beschrieben. SAP unterstützt die Produktionssteuerung nach
dem Kanban-Prinzip im Modul PP. Zur Nachschubsteuerung stehen unterschiedliche Strategien
zur Verfügung, die zum einen die Art der Wiederbeschaffung betreffen, d. h.
EIgenfertigung, externe Beschaffung oder Lagernachschub, und zum anderen die Art der
erzeugten Nachschubelemente betreffen. So kann z. B. bei externer Beschaffung als
Nachschubelement entweder eine Bestellung, ein Lieferplan oder ein Mengenabruf erzeugt
werden. Für die Eigenfertigung besteht die Auswahl zwischen manuellem Kanban,
Produktionseinteilungen und Fertigungsaufträgen. Bei einer Kanban-Abwicklung mit SAP
werden die Transportbehälter im System verwaltet und besitzen einen Status. Wird die
letzte Komponente aus einem Behälter entnommen, wird der Status des Behälters von
"voll" auf "leer" gesetzt. Diese Statusänderung (Kanban-Impuls) kann
auf verschiedene Weisen erfolgen. Gängige Verfahrenweisen sind das Lesen der
Behälteridentifikation des leeren behälters mittels eines Barcode-Lesegerätes, manuelle
Änderung des Behälterstatus auf einer Kanban-Tafel oder systemgestützte Auslösen des
Kanban-Impulses bei Unterschreiten einer definierten Restfüllmenge des Behälters. Die
Restfüllmenge wird z. B. mittels Betriebsdatenerfassung aus der entnommenen Menge
abgeleitet. Der Kanban-Impuls löst die Wiederbeschaffung aus und erzeugt in Abhängigkeit
von der Nachschubstrategie ein entsprechendes Nachschubelement (z. B. Fertigungsauftrag).
Dieses Nachschubelement wird vom "Lieferanten" ausgeführt und danach der
Behälterstatus wieder auf "voll" gesetzt (per Barcode oder auf der
Kanban-Tafel). Der Wechsel des Behälterstatus von "leer" auf "voll"
löst dann automatisch einen Wareneingang beim Empfänger aus.
5 Fazit
Die obigen Ausführungen geben einen kurzen Einblick in die aus der Einführung von
Kanban-Prozessen resultierenden Anforderungen an ERP-Systeme. Stellt man das
Funktionsangebot der marktgängigen ERP-Systeme dagegen, dann zeigt sich, dass nur ca. 1/3
der angebotenen Lösungen Funktionalitäten zur Unterstützung von Kanban-Prozessen
bietet. Unternehmen, deren eingesetzte ERP-Lösung im Standard keine oder unzureichende
Kanban-Funktionen anbieten, sind bei der Einführung von Kanban-Prozessen gezwungen
entweder durch Zusatzprogramme oder über "Hilfskonstrukte" die erforderlichen
Funktionen bereitzustellen.
Literatur:
/OHNO 1998/ Ohno, T.:
Toyota Production System Beyond Large Scale Production
New York: Productivity Press, 1996.
/WOMACK 1996/ Womack, J.; Jones, D.:
Lean Thinking
London: Touchstone Books, 1996.
/HERING 2004/ Hering, E.; Geiger, G.; Kummer, R.:
Kanban
in: Koether, R.: Taschenbuch der Logistik, S. 109 120.
Leipzig: Fachbuchverlag, 2004
/BRUNNER 2006/ Brunner, H.: Lean-Prinzipien in der Elektronikproduktion - Integration
von klassischer PPS und Lean-Produktion bei Siemens VDO
erschienen in: Stuttgart : FpF - Verein zur Förderung produktionstechnischer Forschung,
2006, 114 S., Fraunhofer IPA-Seminar, F 134.
/TROVARIT 2005/: Marktspiegel Business Software ERP/PPS 2005/2006 (3., überarb. Aufl.)
Anbieter, Systeme, Projekte
Beteiligt: Lassen, Svend (Mitarb.); Roesgen, Robert (Mitarb.); Meyer, Martin (Mitarb.);
Schmidt, Carsten (Mitarb.); Gautam, Deepa (Mitarb.); Schuh, Günther (Hrsg.); Stich,
Volker (Hrsg.); Forschungsinstitut für Rationalisierung <Aachen>; Trovarit AG
Erschienen: Aachen, 2005, 597 S.
/DICKERSBACH 2006/ Dickersbach, J. u.a.:
Produktionsplanung und -steuerung mit SAP
Bonn: Galileo Press, 2006.