Wieviel
KanBan braucht man ?
Ein Beitrag von Helmuth Gienke
Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch
Produktion
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1
Die KanBan Steuerung ist Bestandteil des Toyota
Production System und daher ohne theoretische Basis als pragmatische Anwendung konzipiert.
Trotzdem gibt es in diesem Ideengerüst eine Zielvorstellung. Der Grundgedanke ist, daß
alles, was verbraucht wird, so schnell wie möglich ersetzt wird, um die Produktion
sicherzustellen. Daß daneben noch die Forderung besteht, den Bestand in der Produktion
und im Lager so gering wie möglich zu halten, ist nur scheinbar ein Widerspruch, da
KanBan die Möglichkeit bietet, die Ursachen für einen hohen Bestand sichtbar zu machen.
Die Anforderung zum schnellem Ersatz verbrauchten Materials wird
dadurch ausgelöst, daß der Verbraucher, also der weiterbearbeitende Arbeitsplatz, bei
Anbruch eines Loses eine Nachricht an den Zulieferer gibt, daß ein bestimmtes Teil zu
produzieren und bereitzustellen ist. Im Regelfall wird diese Nachricht als Zettel (jap.
Kan Ban) weitergegeben, aber es ist durchaus möglich, auch eine elektronische Nachricht,
in der klassischen Nachrichtentechnik als Telegramm bezeichnet, zu senden. Die Bandbreite
geht so weit, daß sogar auf Rollbahnen Kugeln laufen, die durch ihre Größe definiert,
bestimmte Arbeitsplätze ansteuern, und durch die Farbe aussagen, welches Produkt zu
liefern ist, also ein Ersatz des Zettels durch eine Kugel. Diese Methode ist aber nur
sinnvoll, wenn man auf wenigen Arbeitsplätzen und wenige Teile fertigt.
Eine wichtige Frage die sich stellt wenn man KanBan einführt ist,
wieviel KanBan für die einzelnen Produkte bereitzustellen sind.
Die Anzahl ist wichtig, denn mit diesen KanBan bestimmt man nach der
Formel
Bestand = Anzahl KanBan * Menge für einen KanBan
den Bestand an Teilen in der Fertigung.

Die Zielsetzung ist eindeutig:
man will einen einzelnen KanBan mit der Menge 1.
Es ist fraglich, ob ein Betrieb (außer im Anlagenbau)
dieses Ziel jemals erreicht, auf keinen Fall jedoch bei Start einer KanBan-Anwendung. Da
liegt es nahe, den umgekehrten Weg zu gehen:
Anzahl KanBan = Bestand bei der Einführung dividiert
durch die Menge für einen KanBan
Die Menge für einen KanBan ist zweckmäßig die Menge,
die in einen Behälter paßt, vorausgesetzt, die Losgröße zur Anlieferung an dem
empfangenden Arbeitsplatz, also nicht unbedingt das Produktionslos, ist größer als das
Fassungsvermögen der Behälter. Diese Erkenntnis hat häufig dazu geführt, daß dem mehr
oder minder zufälligen Fassungsvermögen der Behälter eine besondere Bedeutung
zugemessen wurde. Das ist aber nicht der Fall, weil eine Änderung der Behälterart auch
die Menge der KanBan beeinflußt, ohne daß wesentliche Veränderungen im Verhalten
auftreten.
Um das Ziel "ein KanBan" zu erreichen, kann man nun nach
und nach die Zahl der KanBan verringern bis eine Störung eintritt. Man sucht die Ursache,
erhöht die Zahl der KanBan wieder, beseitigt die Ursache und fährt fort, die KanBan-Zahl
zu reduzieren. Irgendwann erreicht man den optimalen Zustand unter den bestehenden
Verhältnissen.
Dieses pragmatische Verfahren ist für einen systematisch und
theoriebasiert vorgehenden Mitteleuropäer äußerst unbefriedigend, aber genau die
Methode, mit der man in der japanischen Industrie die Teilebestände in Produktion und
Lager auf das niedrige Niveau gesenkt hat. Die Anzahl der KanBan und deren Entwicklung ist
ein wichtiges Beurteilungskriterium für eine nach dem Toyota Production System und dessen
Derivaten organisierten Einheit.
Nach wie vor ist aber der Ausgangspunkt, nämlich die Aussage des
Bestandes und damit die Anzahl der KanBan bei der Einführung, eine offene Frage, denn der
zufällige Bestand an Teilen aufgrund einer nach ganz anderen Kriterien gesteuerten
Fertigung ist nicht der optimale unter anderen Bedingungen der Steuerung.
Einer der wesentlichen Gründe für einen zu hohem Lagerbestand ist
die Angst oder besser Vorsicht vor Materialmangel. Jedem Leiter einer Fertigungseinheit
graust vor Materialmangel ("Chef, wir haben ein Problem, ich kann den Fußboden
sehen"). Eine weitere Ursachen sind zu hohe Losgrößen bei der Produktion, entweder
zur Reduzierung von Rüstvorgängen oder aus technologischen Bedingungen die hohe Menge zu
produzieren. Diese Gründe führen zu einem mehr oder minder, meist unerwünscht hohem
aktuellen Bestand. Es muß also nach einer geeigneten Methode gesucht werden, die Anzahl
der KanBan bereits bei der Einführung besser zu bestimmen. An Angeboten für Formeln gibt
es keinen Mangel.
Aus einem übersetzten Bericht, der anläßlich der
Veröffentlichung des Toyota Production System auf der 4. Internationalen Konferenz für
Produktionsforschung 1978 in Tokyo gehalten wurde, stammt die Formel:
y = (D * (TW+Tp) * (1+K)) / a
mit y = Anzahl der Kanban-Karten
D = Bedarf pro Zeiteinheit
Tw = Wartezeit der Kanban-Karte = Zeit zwischen Abgabe
des Kanban und Beginn der Produktion für diesen Kanban
Tp = Produktionszeit
a = Fassungsvermögen des Transportbehälters (nicht mehr als 10 %
des täglichen Bedarfs)
K = Entscheidungsvariable (nicht über 10 %)
Der Bestand Bp in der Produktion ist hierbei
Bp = (D * (TW+Tp) * (1+K))
Diese Formel wurde mir auch von einem anderen Betrieb genannt, wobei
der Leiter des Industrial Engineering Department ausdrücklich sagte, daß diese Formel
nur für die westlichen Besucher gilt, "weil die immer eine Formel haben
wollen". Auf das Problem der Zeit zwischen Abgabe des Kanban und Beginn der
Produktion für diesen Kanban werden wir später eingehen. Interessant ist, daß in dieser
Formel die Losgröße nur indirekt eingeht, nämlich in der Wartezeit verborgen als tw
=Losgröße [Stck] / Bedarf [Stück/ Zeiteinheit]. Die Wiederbeschaffungszeit ist in die
Komponenten Wartezeit und Produktionszeit aufgegliedert. Diese Formel wird in leicht
abgewandelter Form auch in der "Hütte" angegeben.
Eine andere Formel, die ebenfalls von einem japanischen Unternehmen
genannt wurde lautet:
y = ((Produktion je Zeiteinheit / wirtschaftliche
Wechselvorgangszeit) + Menge / Tag * Sicherheitskoeffizient)/ Behälterinhalt
Bp ist hierbei
((Produktion je Zeiteinheit / wirtschaftliche Wechselvorgangszeit) +
Menge / Tag * Sicherheitskoeffizient)
Diese Formel ist bestimmend für Vorgänge, bei denen nicht so sehr
die Losgröße im Vordergrund steht, sondern Rüstzeiten, die so dominierend sind, daß
man bei einer nach Aufwand wirtschaftlichen Rüstzeit unangemessene Lieferzeiten hat. Ein
Beispiel sind Gewebekalander in der Kautschukindustrie.
Eine dritte Formel lautet
y = Menge je KanBan [Stück] + (Bedarf / Zeiteinheit
[Stück / h]*
Wiederbeschaffungszeit [ h ] + Sicherheitszuschlag [Stück]) / Behälterinhalt [Stück]
Bp ist hierbei
Menge je KanBan [Stück] + (Bedarf / Zeiteinheit [Stück / h]) *
Wiederbeschaffungszeit [h] + Sicherheitszuschlag [Stück])
Für diese Formel sind neben dem Sicherheitszuschlag zwei direkt
beeinflußbare Werte bestimmend, nämlich die Losgröße und, als meist entscheidende
Größe, die Wiederbeschaffungszeit. Die Formel wird in leicht abgewandelter Form auch von
Wildemann angegeben.
Allen Formeln ist gemeinsam, daß sie im Grundsatz nach
verschiedenen Verfahren einen erforderlichen Bestand in der Produktion definieren und dann
mit dem Fassungsvermögen der Behälter die Behälterzahl ermitteln, die diesen Bestand
aufnehmen können. Die bestimmende Größe ist aber immer der für erforderlich gehaltene
Bestand. Ein einfache Berechnung diese Bestandes ist nur selten möglich, weil hier ein
komplexes Umfeld von Möglichkeiten und Anforderungen und die individuellen Ansichten der
Bedarfsträger entscheidend sind. KanBan gibt aber den Anreiz, die Umstände durch
zielgerichtete Maßnahmen zu verbessern. Eine wesentliche Maßnahme ist die Rüstzeiten zu
reduzieren und durch gezielte Abstimmung zwischen Aufträgen und Arbeitsplätzen den
Auftragsmix zu optimieren.
In diesem Sinn ist KanBan ein wichtiges Instrument zur Verbesserung
des Materialflusses.
Literatur:
W.Eversheim, G.Schuh: Hütte: Taschenbuch für Betriebsingenieure
(Betriebshütte)
Springer Verlag Berlin 1996
H. Wildemann: KANBAN- Produktionssteuerung,
TCW Transferzentrum Verlag, München 1998
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