Einführung von PPS-Systemen
Ein Beitrag von Rainer Kämpf und Helmuth Gienke
1 Vorbereitung
Die wichtigste Maßnahme für die Einführung eines
PPS-Systems ist, zu definieren, welche Ziele man erreichen will und wie das zukünftige
PPS-System diese Ziele unterstützen soll. Dieser banale Satz wird leider häufig nicht
beachtet. Wir haben in Umfragen bewußt nach der Priorität des Zieles
"Transparenz" gefragt und eine überraschend hohe Priorität dieses Pseudozieles
gefunden. Realistische Ziele sind Kostensenkung, Termintreue und Senkung der
Durchlaufzeiten, die mit dem Hilfsmittel Transparenz erreicht werden sollen. An diesen
Zielen muß sich die Auswahl orientieren, deshalb müssen sie auch von allen Beteiligten
akzeptiert werden.

Abb. 1: Ziele für ein PPS-System
Wenn das System über die Funktionen eines
Planungssystems hinaus für die Steuerung genutzt werden soll, muß es den Benutzern die
erforderlichen Auskünfte jederzeit korrekt zur Verfügung stellen, denn im
Produktionsprozeß sind kurzfristige Entscheidungen erforderlich, die schnell verfügbare
Informationen verlangen. Liegen diese Informationen nicht vor oder sind sie nicht richtig,
besteht die Gefahr, daß falsch entschieden wird und damit unnötig Ressourcen verbraucht
werden.
Das neue PPS-System soll die Situation in der
Werkstatt möglichst genau und schritthaltend abbilden. Fertigungssteuerung ist ein
Prozeß und damit müssen Grundsätze eines Prozeßsteuerungssystems im PPS-System
realisiert werden. Fast immer ist aber die Reaktion im Mehr-Minuten-Bereich schnell genug.
Entscheidend ist, daß die richtigen Informationen im Dialog zur Verfügung gestellt
werden, und das bedeutet, daß sie online verarbeitet werden.
Ein gewichtiges Augenmerk sollte auf die
Möglichkeit, über definierte Schnittstellen das PPS um zusätzliche Komponenten zu
erweitern, gelegt werden. Das Ziel aller Aktivitäten ist ein rechnerintegriertes System
und die naheliegenden Funktionen sind z. B. der Anschluß maschineller
Betriebsdatenerfassung, eines Werkzeugverwaltungssystems, von DNC-Systemen, von
Stücklisten- und Arbeitsplangeneratoren usw.
Die Auswahl eines PPS-Systems ist eine langfristige
Entscheidung, die häufig zehn bis fünfzehn Jahre das Unternehmen festlegt. In dieser
Zeit wird sich ein Betrieb in seiner Struktur und seiner Produktionsart radikal ändern.
Das PPS-System muß darum verbesserungsfähig sein und mit geringem Aufwand an den
jeweiligen Bedarf angepaßt werden können, weil sonst die Gefahr besteht, daß
Entwicklungen gebremst werden, weil "das PPS das nicht zuläßt".
Die Belastung eventuell vorhandener Rechnersysteme
wird häufig übertrieben. Die Erfahrung zeigt, daß die hauptsächlichen Kosten nicht
durch die Hardware und Software entstehen, sondern durch Mitarbeiteraufwand und durch
entgangene Gewinne bei einem unzureichenden System. Es ist richtig, hier zugunsten
besserer Wirkung des Systems einen höheren Aufwand zu akzeptieren, denn ein schlecht
geeignetes System verursacht wesentlich höhere Kosten im Nutzerbereich als eventuelle
Mehrkosten des besser entsprechenden Produktes. Hier gilt natürlich auch die alte
Qualitätsweisheit, daß das gerade geeignete und die Anforderungen erfüllende System das
richtige System ist, und daß die Übererfüllung der Anforderungen genau so ein
Qualitätsmangel ist wie Untererfüllung.
Die Kriterien für einen Anforderungskatalog müssen
ausgewogen bewertet werden. Der Anforderungskatalog wird sinnvollerweise zwei Ebenen
haben,
- eine grobe Aufstellung von wichtigen
Anforderungen, die eine Vorauswahl zulassen,
- eine feinere Gliederung zur Bewertung der Funktionalität für die endgültige Auswahl.
Im Anlagenbau gibt es aus alten Zeiten das Kennwort
oder die Baunummer. Prioritäten kann man setzen, indem man das Kennwort mit einer hohen
Dringlichkeit belegt. Eine häufige Forderung an PPS-Systeme im Anlagenbau ist
folgerichtig auch, daß das Kennwort mitgeschleift wird, obwohl die Funktion hier absolut
keinen Sinn hat. Man darf nicht wie bisher Prioritäten für alle Arbeitsgänge eines
Auftrages pauschal setzen, denn terminbestimmend sind die Arbeitsgänge, die auf dem
jeweiligen kritischen Pfad liegen und die man mit konventionellen Mitteln nicht erkennt.
Solche Beispiele für Relikte aus der Vergangenheit findet man in allen Branchen, hier ist
nur ein einziges aufgeführt. Der Anforderungskatalog an ein neues PPS-System sollte frei
sein von derartigen traditionsbedingten Forderungen.
2 Projektstart
Bei einem Projekt zur Einführung eines neuen
Systems sollten alle Betroffenen beteiligt werden. Hierzu gibt es mehrere Ebenen, die von
einer ständigen oder zeitweisen Mitarbeit am Projekt über Teilnahme an
Entscheidungsgremien bis zur einfachen Information reichen. Wichtig ist, daß die
Beteiligten Gelegenheit zur Aussprache haben und auch auf deren Probleme, und sei es in
einem werksinternen Rundschreiben, eingegangen wird.
Eine weitere Notwendigkeit für die Einführung ist,
daß die Basisdaten wie Stücklisten und Arbeitspläne den neuen Anforderungen
entsprechen. Häufig werden Daten aus alten Systemen wie z. B. Kalkulation oder alten
PPS-Systemen, übernommen. Diese Daten sind fast immer unzureichend. Wenn ein neues System
eingeführt wird mit höheren Anforderungen an die Genauigkeit, an die Aussagefähigkeit
und an die Zuverlässigkeit, dann müssen die Daten den neuen Anforderungen entsprechen.
Wenn man jetzt die vorhandenen Daten nur einer flüchtigen Kontrolle unterzieht, werden
erhebliche Verzögerungen bei der Einführung die Folge sein oder das System sogar
scheitern, weil die ungenauen Daten zu falschen Ergebnissen führen. Vereinfacht gesagt,
wenn Sie ein neues System haben wollen, wollen Sie auch neue Funktionen nutzen und dafür
sind bessere Daten erforderlich als bisher für die einfacheren Funktionen.

Abb.2: Kreislauf fehlerhafter Daten
3 Ablauforganisation
Die Aufgaben der Fertigungssteuerung waren auch
früher zu lösen, aber mit anderen Hilfsmitteln und dadurch auch mit einer anderen
Organisation. Zur Lösung der Aufgaben wurden im Zusammenspiel mit der vorhandenen
Aufbauorganisation Hilfsmittel entwickelt, die in einem dauernden Entwicklungsprozeß auch
zu einer angepaßten Aufbauorganisation führten. Diese berücksichtigt den Aufwand durch
die bisherigen Methoden und die Verteilung des Aufwandes auf die Organisationseinheiten.
Mit neuen Methoden und neuen Informationen sind geänderte Aufgaben und Abläufe
erforderlich und damit ändert sich auch der Arbeitsanfall. Darum ist es sinnvoll, die
Funktionen neu aufzuteilen.

Abb. 3: Anpassung der Ablauforganisation
Es hat sich bewährt, die Verantwortung für die
Termintreue so nahe wie möglich an die produzierenden Stellen zu delegieren, wenn man
dafür sorgt, daß die entsprechenden Informationen dort bereitgestellt werden. Dem
Meister sollte nicht nur die Verantwortung für die Qualität und die
Kapazitätsausnutzung überlassen werden, sondern ebenso die Verantwortung für die
Termintreue, wobei entsprechende Maßnahmen zu ergreifen sind, damit Ziele sich nicht
stören.
Zur Termintreue gehören realistische Termine.
Häufig werden, um die Auswirkung von Terminüberschreitungen zu mindern, falsche, das
sind zu frühe Termine, in die Fertigung gegeben. Da der Fertigung das natürlich bekannt
ist, werden diese Termine ignoriert und entsprechende Überschreitungen gleich eingeplant.
Diese in der bisherigen Praxis übliche Methode führt aber bei einem modernen
Informationssystem zu Fehlern. Die Auslastung der Arbeitsplätze stimmt nicht, der
Materialfluß ist falsch abgebildet und die unrealistischen Produktionsdaten und Termine
führen dazu, daß den Daten des Systems nicht geglaubt wird und damit das System
ignoriert wird. Ein Informationssystem mit falschen Informationen ist wertlos und eine
Fehlinvestition.
Diese Erkenntnis kann nicht klar genug
herausgestellt werden: wenn man in einem modernen PPS-System mit falschen Zahlen arbeitet,
sollte man den ganzen Aufwand lieber sparen, denn dann kann man das System nicht zur
Fertigungssteuerung nutzen, sondern bestenfalls zur Planung, deren Ergebnisse von den
ausführenden Stellen korrigiert werden müssen.
4 Einführung
Die Strategie zur Einführung eines PPS-Systems muß
sorgfältig geplant werden. Dazu gehören Maßnahmen zur Änderung der Organisation und
zur Schaffung der personellen Voraussetzungen. Diese Maßnahmen sind in einem Stufenplan
sowohl als Reihenfolge der funktionalen Einführung als auch als Reihenfolge der
betroffenen Abteilungen festzulegen. Man sollte nicht den Fehler machen, auf einen Schlag
die Steuerung der gesamten Produktion umzustellen, denn dann setzen sich Fehler, die
während der Einführung auftreten (sie treten garantiert auf), sofort bis zur
Lieferfähigkeit fort.
Die funktionale Einführung legt fest, in welcher
Reihenfolge die einzelnen Anwendungen des PPS-Systems einzuführen sind. Dieser Satz
klingt banal, der Teufelsfuß ist aber, daß
- die Produktion nach der herkömmlichen Weise für
die offenen Funktionen weitergesteuert werden muß,
- man nicht zu viel parallel laufen lassen darf,
denn das verzögert den Drang zur Ablösung des alten Systems und kostet Aufwand,
- die jeweiligen Schnittstellen zwischen dem alten
und dem neuen System sorgfältig entworfen werden müssen,
- die Bedienung der Schnittstellen Aufwand
erfordert.
Man erkennt, daß hier leicht der Weg des geringeren
Widerstandes gegangen wird und dann die optimale Vorgehensweise - weil man den Aufwand
scheut - verlassen wird. Die Konsequenz ist , daß die Einführung länger dauert und mehr
Aufwand erfordert.
Die zweite Abstufung, nämlich die abteilungsweise
Einführung, leuchtet eher ein, nur sind mittlerweile die Produktionsabläufe so verzahnt,
daß auch dieses Verfahren nicht einfach ist. Trotzdem ist diese gesamte stufenweise
Einführung der richtige Weg, wenn man nicht wesentliche Funktionen des Unternehmens
lahmlegen will. Es war oben ausgesagt, daß Fehler bei der Einführung auftreten. Diese
Fehler treten auch bei sorgfältiger Vorbereitung im laufenden Betrieb auf, weil die
Anforderungen, die zum Beispiel an Hochsicherheitssysteme gestellt werden, hier
unwirtschaftlich hohe Analyse- und Testkosten verursachen. Mit vielen Fehlern kann man
sicherlich leben, aber es gibt noch ausreichend davon, die ein Auffangsystem erfordern.
Dieses Auffangsystem soll nun natürlich nicht so einfach sein, daß der Druck zur
Fehlerbehebung fehlt. Es gehört aber einfach in eine Einführungsstrategie, wobei man
berücksichtigen soll, daß Fehler, deren Möglichkeit man erkannt hat, auch schon im Test
gefunden und beseitigt werden.
Es ist also sicherlich nicht ausreichend, wenn man
von vorgedachten Fehlern aus die Sicherheitsmaßnahmen definiert, sondern man muß von den
Anforderungen der Ablauforganisation ausgehen und für die einzelnen Funktionen
Ausweichsysteme definieren, unabhängig davon, ob man dort mit Fehlern rechnet oder nicht.
Selbstverständlich gehört auch die Definition des Testverfahrens für die installierten
und einzuführenden Systeme in diese Strategie. Diese Systeme sind dabei in ihrer
Gesamtheit, also Software, Hardware, deren Einsatz und die Ablauforganisation zu testen.
5 Ausbildung
Der Ausbildung wird leider viel zu wenig
Bedeutung beigemessen. Unsere Erfahrung zeigt, daß nicht nur die Bedienung des Systems
trainiert werden muß, sondern viel intensiver die neue Methodik der Fertigungssteuerung
mit einem neuen Verfahren. Die neuen Informationen und die neuen Abläufe widersprechen
teilweise dem bisherigen Erfahrungsschatz, der durch langjährige Nutzung des bisherigen
Verfahrens mit seinen Schwächen und Ungenauigkeiten entwickelt wurde. Der Mitarbeiter
erhält Informationen einer anderen Qualität, mit denen er anders reagieren muß und zu
denen er ein höheres Vertrauen haben kann als zu den bisher verfügbaren. Dazu gehört
aber auch, daß sie verstehen, wie die Informationen entstehen und welche Möglichkeiten
sie bieten.
Ein prozeßorientiertes PPS-System zeigt den
aktuellen Zustand an und liefert die Informationen, den weiteren Verlauf des
Fertigungsprozesses so zu beeinflussen, daß die Auswirkungen von Störungen möglichst
gering gehalten werden. Das ist gegenüber der häufig praktizierten Terminjagd ein
völlig anderes Steuerungskonzept. Diese Änderung zieht sich durch alle Führungsebenen,
weil jetzt auch der Werker erkennen kann, welche Auswirkungen Störungen haben.
Die Ausbildung muß bewirken, daß eine andere
Verhaltensweise praktiziert wird, eine wichtige Maßnahme bei der Einführung eines
PPS-Systems. Den Mitarbeitern muß aufgezeigt werden, daß sie Arbeit mit höherer
Qualität und wichtigen Auswirkungen mit der Verarbeitung dieser Informationen leisten.
6 Fehlerbehebung
Bei der Einführung eines PPS-Systems kommen
Fehler zutage. Diese Fehler treten gleichsam in Schichten auf. Sie werden teilweise von
schwerwiegenderen Fehlern solange verdeckt, bis diese behoben sind. Dieses Phänomen
bewirkt, daß die Einführung meist länger dauert, als angenommen wird. Es ist aber
äußerst wichtig, daß man die Fehler so zügig beseitigt, wie sie erkannt werden.
Fehlerhafte Information demotivieren die Nutzer und sind eine starke Belastung.

Abb. 4: Fehler und deren Folgen
Früher waren die gravierendsten Fehler
Programmfehler und Rechnerausfälle. Diese Ausfälle sind heute bedeutungslos, denn die
Hardware ist sehr stabil und die Softwarehäuser haben erkannt, daß Qualitätsmängel
sehr kritisch beurteilt werden. Meist sind für die oberste Schicht der Störungen
fehlerhafte Stammdaten die Ursache. Die sicherste Methode, nach einer visuellen Kontrolle,
solche Fehler zu entdecken, ist der Vergleich mit den IST-Daten. Voraussetzung ist, daß
richtig zurückgemeldet wird. Das erreicht man auf Dauer nur, wenn man den Abweichungen
konsequent und schnell nachgeht und die Ursachen beseitigt. Je nach Aufwand, der hierfür
aufgebracht wird, kann die Einführung eines PPS-Systems vom Start des Projektes an zwei
bis fünf Jahre dauern, es wäre fahrlässig, diesen Aufwand zu unterschätzen. Unter
optimalen Bedingungen, zum Beispiel gute und korrekte Stammdaten, transparente
Produktionsabläufe und hohe Motivation der Beteiligten, kommt man auch auf etwa ein Jahr
Einführungsdauer, aber diese Situation ist sehr selten. Es gilt in jedem Fall, daß die
Motivation und die Befreiung der Mitarbeiter von der Angst vor den neuen Aufgaben
entscheidende Faktoren für eine erfolgreiche Einführung sind.
7. Ergebnisüberprüfung
Die erfolgreiche Einführung erkennt man daran,
daß die Ergebnisse akzeptiert und daraus richtige Schlüsse gezogen werden. Es gilt,
erkannte Fehler in den Basisdaten (falsche Zeitvorgaben, falsche Kapazitäts- und
Baugruppenstrukturen usw.) zu korrigieren, um die restlichen Unsicherheiten zu beseitigen.
Jetzt kann man mit Diagnosen feststellen, wo Kapazitätsengpässe (permanent auf dem
kritischen Pfad einzelner Aufträge) und wo Kapazitätsreserven sind. Mit dieser
Erkenntnis erhält man eine objektive Meßgröße für Überlegungen zur Umstrukturierung
der Produktion und der Marktaktivitäten und kann so weitere gezielte Anstrengungen zur
Verbesserung der Marktposition vornehmen. Mit einem guten PPS System und dessen
Integration in das betriebliche Umfeld erhält man
- verbindliche und schnelle Aussagen über
verläßliche Termine,
- Senkung der Produktionskosten durch bessere Nutzung der Kapazitäten
- Senkung der Durchlaufzeiten durch eine verläßliche Steuerung
- eine verbesserte Marktposition, die wichtig für den Wettbewerb auf dem
Weltmarkt aus einem Hochlohnland heraus ist und den Bestand Ihres Unternehmens sichert.
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