Servicedenken
schlägt Kostensenken
Ein Betrag von Rainer Kämpf und Helmuth Gienke
Stand: 02.07.2008
PPS-Systeme sind in der Vergangenheit vorwiegend als
Kostsenkungssysteme angesehen worden. Ziele waren, die Materialbestände zu senken, die
Fertigungssteuerung mit weniger Aufwand durchzuführen und die Maschinenauslastung zu
verbessern.
In der letzten Zeit treten andere Aspekte in den Vordergrund,
nämlich durch bessere Information die Durchlaufzeiten und damit die Lieferzeiten zu
senken (was automatisch auch die Materialbestände reduziert) und zuverlässige
Liefertermine zu erhalten. Nicht mehr der Preis und die Produktqualität stehen im
Vordergrund, sondern die Erfüllung aller Kundenwünsche, als Basis des
Total-Quality-Management-Konzeptes.
Diese Strategie verlangt eine Flexibilität im Angebot und in der
Produktion, die nur mit modernen Informationssystemen erreicht werden kann. Dadurch
gewinnt die Komponente "Information" einen neuen Stellenwert.
Fünf Anforderungen an PPS-Systeme
Für den Aufbau zukünftiger Produktionssysteme lassen sich
daraus Anforderungen an das Informationssystem ableiten, die auf einer ablauforientierten
Betrachtungsweise aufbauen und die Integrationsmöglichkeit der Informationsverarbeitung
als Grundlage verstehen, um aufgabenbezogen die Verantwortung für die technischen
Probleme sowie Kosten und Termine in integrierte - heute noch funktionell getrennte -
Bereiche zu übertragen. Diese Anforderungen umfassen:
- bessere Synchronisation der Auftragsabwicklung, besonders in den der
Fertigung und Montage vorgelagerten Bereichen
- fortlaufende Ergänzung der Auftrags-, Technologie- und Betriebsdaten
während des Auftragsdurchlaufs und keine wiederholte Grunddatenerzeugung
- schnellen Zugriff auf alle erforderlichen Auftrags-, Geometrie-,
Technologie- und Betriebsdaten durch Verdichtung der Information auf das für den
jeweiligen Bereich notwendige Maß
- Aufhebung der starren Trennung der einzelnen Bereiche der
Auftragsabwicklung und Ermöglichung einer übergreifenden Arbeitsweise
- Verbesserung der Transparenz über den aktuellen Stand von Kosten und
Terminen im Vergleich zur Planung.
Wenn Information schadet
Information ist aber nur dann wertvoll, wenn sie zum richtigen
Zeitpunkt zur Verfügung steht und auch mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Diese
Forderung kann nur ein System erfüllen, das die eingehenden Meldungen schritthaltend
verarbeitet, die Konsequenzen für das Gesamtsystem ermittelt und die Ergebnisse on-line
zur Verfügung stellt, und zwar benutzerindividuell. Jedes Informationssystem, das diesen
Anforderungen nicht nachkommt, ist eine Fehlinvestition und richtet zusätzlich durch
fehlerhafte Information Schaden an, weil Anstrengungen unternommen werden, eine Situation
zu bereinigen, die in der dargestellten Form nicht existiert.
Logistische Zielkonflikte entschärfen
Die Forderungen des Marktes nach schneller Lieferfähigkeit
trotz niedriger Kosten und der schnelle Wandel der Produkte geben der Qualität der
Fertigungssteuerung in einem Industrieunternehmen eine neue Bedeutung. Sie wird ein
Instrument der Marktstellung und verschafft einem Unternehmen Wettbewerbsvorteile dadurch,
daß es schneller auf Kundenwünsche reagieren kann. Aus den Forderungen ergibt sich, wie
die Systeme gestaltet sein müssen, mit denen eine moderne Fertigungssteuerung arbeitet.
Sie müssen
- dafür sorgen, daß schnell auf die Kundenwünsche reagiert werden
kann. Diese Kundenwünsche können Änderungen eines bestehenden Auftrages, beispielsweise
ein anderes Produkt, einen anderen Liefertermin, betreffen, aber ebenso erweiterte
Funktionen, die vom Wettbewerb bereitgestellt werden.
- Den Materialbestand niedrig halten und damit Durchlaufzeiten
verkürzen. Die schnelle Reaktion auf Marktanforderungen ist heute ein wesentlicher
Wettbewerbsvorteil, der vom Abnehmer honoriert wird.
- Änderungen am Produkt durch die Konstruktion oder
Qualitätssicherung schnell umsetzen können. Eine kurzfristige Produktverbesserung muß
der Produktion schnell mitgeteilt werden können, um sicherzustellen, daß auch der
Abnehmer schnell davon profitiert.
- Die vorhandenen Kapazitäten kostenoptimal einsetzen.
Letzteres war noch vor wenigen Jahren das primäre Ziel der
PPS-Zeitwirtschaft. Aber auch heute noch ist die Auslastung der Ressourcen zur
kostengünstigen Produktion wichtig, denn gerade in einem Hochlohnland wie der
Bundesrepublik stehen die Unternehmen im scharfen Wettbewerb mit Ländern, die bei einer
ähnlich hohen Produktivität günstigere Stücklohnkosten haben.
Diese teilweise gegenläufigen Forderungen lassen sich nur mit
großem Aufwand durch Entscheidungssysteme realisieren. Wirtschaftlicher, auch für die
vorhersehbare Zukunft ist der Weg, dem Disponenten die Information zu geben, die er für
die Entscheidungsfindung braucht.
Im Sinne einer realistischen Planung
Jedes Unternehmen braucht eine langfristige Produktionsplanung,
um das Kapazitätsangebot entsprechend einzurichten und auch für das Materialmanagement
(Bestandsplanung und Beschaffungsmaßnahmen) ausreichende Grundlagen zu haben.
Selbstverständlich muß diese Produktionsplanung auch mit der Umsatz- und Ergebnisplanung
zusammenarbeiten. Bei jeder Planung ist die Überprüfung und die Anpassung durch
Ist.-Daten obligatorisch und ganz besonders sollte dies auf die Produktionsplanung
zutreffen.
Die Grobplanung ist als Budgetplanung einfach und fast immer
realisiert. Eine echte Grobplanung betrachtet aber die erwarteten Aufträge nicht nur vom
monetären Aspekt, sondern viel stärker vom technischen und kapazitiven Ansatz.
Problematischer ist der Übergang von der Grobplanung zur
Feinplanung. Die Grobplanung beruht auf vereinfachten Kapazitätsannahmen.
Die vereinfachten Verkaufsschätzungen betrachten Verkaufsgruppen
(auch wenn man sie eventuell anders benennt), die aber intern noch erhebliche Unterschiede
aufweisen können.
Da die Verkaufsgruppen stärker nach Absatzgesichtspunkten
gegliedert sind als nach fertigungstechnischen Kriterien, bringt deren Verteilung keine
echte Aussage. Besonders in Bereichen, in denen unterschiedliche Fertigungsverfahren
konkurrieren, können Verschiebungen innerhalb der Verkaufsgruppe erhebliche
Kapazitätsprobleme bringen. Erst im Laufe der Jahre spielt sich bei guter Zusammenarbeit
der Bereiche die Abgrenzung so ein, daß die Aussagen nutzbar sind.
Neuer Stellenwert der Fertigungssteuerung
Für diese Aufgaben der Fertigungssteuerung gibt es
unterschiedliche Systeme, die dem Bedarf des jeweiligen Anwenders entsprechen. Dadurch
gibt es auch unterschiedliche Anforderungen an den Datenaustausch. Ein PPS-System muß zur
Integration unbedingt transparentes Schnittstellen bereitstellen, die durch entsprechende
Routinen dem jeweiligen Bedarf angepaßt werden können.
Der Markt der Gegenwart und noch viel mehr der Markt der Zukunft
verlangen Termintreue und kurze Lieferzeiten bei wettbewerbsfähigen Preisen. Damit
erhält die Fertigungssteuerung einen ganz neuen Stellenwert. Voraussetzung ist, daß sie
über ein hochwertiges Informationssystem verfügt, daß alle aufgestellten Anforderungen
erfüllt und im Unternehmen vollständig akzeptiert ist. Dann ist ein PPS-System in der
Lage, die Marktstellung eines Unternehmens zu verbessern und gleichzeitig einen
wesentlichen Beitrag zur Kostensenkung zu leisten. |