1. Grundlagen Um eine Wirtschaftlichkeitsrechnung für eine
Investition zu erstellen, ist es erforderlich, die Ziele dieser Investition klar zu
definieren. Diese Erkenntnis bringt nun beim Einsatz von Informationssystemen ein kleines
Problem, nur wenige Anwender sind sich im Klaren darüber, welche Ziele mit einem
Informationssystem erreicht werden können.
Die mit dem Einsatz von ERP verbundenen Ziele haben in den letzten
Jahren einen Wandel erlebt. Steht klassisch noch
- die Senkung der Fabrikbestände
- die bessere Auslastung der Produktionsmittel
im Vordergrund, lauten die meist genannten Ziele heute:
- kürzere Durchlaufzeiten
- höhere Termintreue
- höher Flexibilität bei Änderungen
Die klassischen Ziele lassen sich noch einigermaßen abschätzen, auch
wenn der Erfolg nicht eindeutig nachvollziehbar ist. Der Lagerbestand ist abhängig vom
Produktionsspektrum und von einer Vielzahl weiterer Funktionen. Die Auslastung der
Maschinen kann durch relativ geringfügige Änderungen des Produktionsprogramms stark
beeinflußt werden und zwar in negativer wie in positiver Richtung.
Die marktorientierten Ziele lassen sich mit den klassischen Methoden
der Betriebswirtschaft nun gar nicht mehr abschätzen, ein Phänomen, auf das in der
letzten Zeit in mehreren Veröffentlichungen hingewiesen wurde. Wir müssen uns im Klaren
sein, daß wir hier auf Schätzungen und Modellrechnungen angewiesen sind. Es wäre nun
aber völlig falsch, an dieser Stelle zu resignieren und auf jede Rechnung zu verzichten.
Es gibt Erfahrungswerte, daß durch den erfolgreichen Einsatz eines ERP-Systems
- die Durchlaufzeit und damit auch der Materialbestand um etwa 20 %
gesenkt
- die Kapazitätsauslastung um ca. 5 % gesteigert
- die Termintreue und die Flexibilität wesentlich erhöht
werden kann.
Sinnvoller Einsatz bedeutet aber, daß ein recht hoher Aufwand für die
Einführung und den Betrieb des Systems geleistet werden muß. Dieser Aufwand kann zu
erhöhten Personalkosten in der Fertigungssteuerung führen. Wie gesagt, kann, muß aber
nicht. Hier ist eine sehr sorgfältige Analyse erforderlich, denn es sind zwei
Alternativen zu betrachten:
die Fertigungssteuerung ist auf einem hohen Standard und arbeitet sehr
erfolgreich mit den bisherigen Methoden. Dann treten die oben genannten Einsparungen
eventuell nicht in dieser Höhe ein, weil ein großer Teil vorweggenommen wurde. Dieser
Fall ist aber recht selten, denn ein Betrieb, der in der Vergangenheit in die
Fertigungsteuerung so viel investiert hat, hat meist schon ein ausgefeiltes ERP-System.
Die Vorteile eines moderneren Systems wären dann hauptsächlich in der größeren
Flexibilität und der damit verbundenen Verbesserung der Marktstellung.
die Fertigungssteuerung soll mit weniger Aufwand arbeiten, was zu
Lasten der Qualität der Arbeit geht. Dann treten die Vorteile der Materialbestandssenkung
und der höheren Kapazitätsauslastung nicht in diesem Maße ein, geschweige denn die
Auswirkungen auf die Marktstellung.
Tatsache ist, daß 79 % der Industriebetriebe über eine
EDV-unterstützte Fertigungssteuerung verfügen, der Einsatz des Hilfsmittels ist aber
meist derart mangelhaft, daß die Vorteile nicht erreicht werden. Das hat zur Folge, daß
ERP in vielen Betrieben mit Papier-Produzierendes-System übersetzt wird. Die Ursache ist
häufig, daß in der Einführung gravierende Fehler gemacht wurden, sei es, daß ein
ungeeignetes System ausgewählt wurde, daß die Rückmeldungen zu eng mit der
Bruttolohnermittlung verknüpft wurden, daß das Verständnis für die Aufgaben einer
modernen Fertigungssteuerung fehlt oder die Einarbeitung der Mitarbeiter nicht ausreichend
war. Meist sind mehrere dieser Fehler die Ursachen.
Zusammengefaßt gilt, daß die Erfolge mit ERP nicht exakt ermittelt
werden können und daß man einen nicht unerheblichen Aufwand für die Einführung und den
Betrieb des ERP-Systems berücksichtigen muß. Man sollte sich also auf die sichere Seite
legen.
2. Wirtschaftlichkeitsbeurteilung in Stufen
Aus den oben gesagten Gründen ergibt sich , das bei der
Beurteilung der Wirtschaftlichkeit von Informationssystemen in Stufen vorgegangen werden
sollte, weil die Aussagen über die Veränderungen im Kostengefüge mit unterschiedlicher
Sicherheit gemacht werden können. Außerdem ist noch zu unterscheiden in
- monetäre Wirtschaftlichkeit
- qualitativen Nutzen.
In dieser Abhandlungen ist nur die monetäre Wirtschaftlichkeit
betrachtet, weil die steuerlichen Auswirkungen quantifiziert werden sollen. Aber auch die
monetäre Wirtschaftlichkeit ist nur schwer zu ermitteln.
Es gibt einfach quantifizierbare Faktoren und schwer quantifizierbare
Faktoren. Einfach quantifizierbare Faktoren sind Ausgaben und Einnahmen, die sich
bezüglich des zugrundeliegenden Mengenansatzes (Mengengerüst) und dessen Bewertung in
Geldeinheiten (und somit monetär) verhältnismäßig leicht für die
betriebswirtschaftliche Betrachtung ausdrücken lassen. Insgesamt gesehen sind diese
Faktoren Basis der aus der Literatur bekannten Verfahren der Investitionsrechnung für
Einzelkomponenten. Die hierbei auch bei der Beurteilung von Systemen zu beachtenden
Grundsätze und Überlegungen sind weiter unten dargestellt.
Bei schwer quantifizierbaren Faktoren handelt es sich um Effekte, die
sich erst aus Umrechnungen und meist auch betriebswirtschaftlich fundierten Annahmen und
Schätzungen ergeben; zum Beispiel ein DV-gestütztes Steuerungssystem ermöglicht es, die
Bestellungen und Lieferungen schneller und genauer als bisher durchzuführen. Hieraus
erwächst als monetär bewertbarer Vorteil, daß die Bestände besser als bisher reduziert
werden können. Außerdem reduziert sich die Zahl der überalterten Lagerbestände und
deren Abwertungen.
Die Ermittlung der Wirtschaftlichkeit komplexer Systeme aufgrund der
einfach quantifizierbarer Faktoren reicht selten alleine aus, um mit einiger Sicherheit
das optimale System zu finden. In der zweiten Stufe der Wirtschaftlichkeitsbeurteilung
gilt es deshalb, auch den Nutzen solcher Faktoren zu beurteilen, der sich nur schwer
quantifizieren oder sogar nur qualitativ erfassen lassen. Es handelt sich um weitere Vor-
und Nachteile im Zusammenhang mit den zukünftigen Anforderungen an das System.
Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine stufenweise Vorgehensweise
zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit.
Stufe a: Ermittlung der monetären Wirtschaftlichkeit aufgrund einfach
quanifizierbarer Faktoren
Stufe b: Ermittlung der monetären Wirtschaftlichkeit aufgrund schwer
quantifizierbarer Faktoren
Stufen a und b ergeben die monetäre Wirtschaftlichkeit
Stufe c: Ermittlung des qualitativen Nutzens aufgrund
nicht monetär erfaßbarer Faktoren
Stufe d: Wirtschaftlichkeitsbeurteilung unter Verwendung quantitativer
und qualitativer Faktoren
3. Monetäre Wirtschaftlichkeit
Leicht quantifizierbare Einsparungen
Der wesentliche, direkt meßbare Effekt eines ERP-System ist die
Senkung der Bestände an Fertigware, unfertigen Erzeugnissen und RHB-Stoffen. In der
Praxis gibt es aber gerade auf diese Komponenten erhebliche Einflüsse. Bekannt sind die
Bestandssenkungsaktionen zum Stichtag, die alle Mitarbeiter des Betriebes verpflichten,
den Materialbestand für diesen Tag extrem niedrig zu halten. Nach diesem Stichtag
schnellen die Bestände dann in die Höhe, weil jeder das gewohnte Sicherheitspolster
anstrebt. Gerade mit einem ERP-System mit funktionierender Materialwirtschaft läßt sich
aber ein gleitender Materialbestand ermitteln, der auch zwischen den Stichtagen einen
sinnvollen Verlauf ermöglicht. Die Auswirkungen dieser Möglichkeit gehören zu den
schwer bewertbaren Komponenten, an dieser Stelle sollen nur die direkten monetären
Auswirkungen ermittelt werden. Das ERP-System ermöglicht es, einerseits den Bestand
zuverlässig zu ermitteln und andererseits die Bestandssenkungen zu bewerten. Die
monetären Auswirkungen ergeben sich aus der Senkung der Kapitalbindung und des
Kapitaldienstes. Meist weniger ins Gewicht fällt die Reduzierung des Lagerflächenbedarfs
und die Auswirkungen auf die Transporte.
Schwer quantifizierbare Einsparungen
Mit einem ERP-System kann man den Materialfluß steuern und damit
die Auslassung der Arbeitsplätze erhöhen. Außerdem ergibt sich durch die geringere
Durchlaufzeit die mit der Senkung der Bestände verbunden ist, eine Reduzierung der nicht
absetzbaren Produkte, weil die Produktion näher am Marktbedarf erfolgt. Die monetären
Auswirkungen sind noch einigermaßen abschätzbar. Sehr viel schwieriger sind weitere
Auswirkungen abzuschätzen, die aber oft einen erheblich höheren Einfluß haben als die
bisher genannten. Durch die höhere Termintreue und die kürzere Lieferzeit verbessert
sich die Marktstellung des Unternehmens.
In der aktuellen Diskussion gewinnt der Produktionsfaktor
"Information" ein immer stärkeres Gewicht. In der klassischen
Betriebswirtschaftslehre dagegen wird ihm nur eine untergeordnete Bedeutung gegeben, weil
er nicht monetär bewertbar ist und daher nur schwer zu erfassen ist.
Der Nutzen der Information gliedert sich hauptsächlich in Gebiete
- den externen Nutzen durch Verbesserung der Kundennähe
- den externen Nutzen durch höhere Reagibilität auf
Marktanforderungen
- den internen Nutzen durch verstärkten Kundenbezug in der
Auftragsabwicklung, auch in den internen Beziehungen
- den internen Nutzen durch Bewußtseinsbildung der Mit-
arbeiter über die Bedeutung der Qualität und Termintreue
- den internen Nutzen durch Lockerung der personellen
Abhängigkeit infolge der Möglichkeit, Prozeß-know-how
leichter allgemein verfügbar zu machen.
Qualitativer Nutzen
In allen folgenden Annahmen gehen wir von einem gut
funktionierenden ERP-System mit aktuellen Daten aus.
Bis auf die Reagibilität auf Marktanforderungen werden diese
Komponenten durch ein ERP-System unterstützt.
Die Verbesserung der Termintreue, die kürzere Durchlaufzeit und die
höhere Flexibilität, die mit einem ERP-System erreicht werden, stärken die Kundennähe
und bringen damit einen Wettbewerbsvorteil. Wenn dann die Auftragsabwicklung noch
teamorientiert strukturiert wird, hat man durch die ständige Information über die
Auftragssituation und Terminlage eine Möglichkeit, die erfahrungsgemäß für jedes
produzierende Unternehmen erhebliche Vorteile bringt.
Die gleiche Aussage gilt auch für die internen Lieferbeziehungen,
nicht nur durch den Bezug zum Kundenauftrag sondern durch die Möglichkeit, die
Auswirkungen einer verspäteten Zulieferung transparent zu machen. Dem Mitarbeiter wird
bewußt gemacht, welche Schwierigkeiten der Kollege hat, wenn er selber verspätet
weitergibt oder welche Schwierigkeiten der zuliefernde Kollege hat, einen Termin
einzuhalten. Da diese Information schon frühzeitig vorliegt, können die Mitarbeiter
durch Absprachen die Auswirkungen reduzieren. Hiermit wird auch die Kooperation und das
gegenseitige Vertrauen innerhalb der Belegschaft verstärkt.
Ganz anders liegt der Fall bei der Bereitstellung von Angaben über
Verfahren und Qualitätsforderungen. Besonders in der Verfahrenstechnik und ähnlichen
Bereichen ist das entsprechende Wissen häufig gezielt bei langjährigen Mitarbeitern
gespeichert entweder im Gedächtnis oder in schwer interpretierbaren Notizen.
Dieses individuelle Wissen birgt nicht nur die Gefahr des Verlustes in
sich wenn der Mitarbeiter ausfällt ohne die Kenntnis weitergegeben zu haben, sondern
beeinträchtigt auch das Betriebsklima dadurch, daß unverständliche Entscheidungen
gefällt werden, jedenfalls aus der Sicht des nicht Eingeweihten. Wenn es gelingt, dieses
Wissen über Arbeitspläne und Prozeßangaben publik zu machen, bringt das erhebliche
qualitative Vorteile. Es ist zwar unbestritten, daß diese Veröffentlichung schwierig
ist, doch zeigt die Erfahrung, daß es praktiziert wird, wenn bei einer Person der Anfang
gemacht wird. Auch wenn dieses Wissen teilweise dennoch zurückgehalten wird, ist die
Offenlegung eines wesentlichen Teiles des know-how schon ein nicht abschätzbarer Vorteil.