Der Markt, in dem sich die Industrieunternehmen mit Serienfertigung bewegen, erfordert ein
kontinuierlich verbessertes Preis-/Leistungsverhältnis. Die Firmen sind somit gezwungen
ihre Kosten drastisch zu senken und die Kapitalbindung zu veringern. Das heißt, durch den
Zwang zur Reduzierung von Lagerbeständen muß die Serienproduktion nach dem Bedarf
ausgerichtet werden. Besonders schwer fällt dies in Betrieben, die sich darüber hinaus
auf ein ständig veränderndes Abrufverhalten der Kunden einstellen müssen. Wem hier ein
klassisches MRP-System (Material Requirement Planning) für die Planung zu starr und der
Kanban-Ansatz zu wenig vorausschauend ist, der sollte sich mit der
Fortschrittszahlenphilosophie befassen.
Die Maxime Kundennähe und Flexibilität sind die Leitworte die uns aus
den Firmenprofilen der Industrieunternehmen entgegenleuchten. Doch wie sind diese
Werbeslogan in der Praxis umgesetzt?
Heute, als auch in der Vergangenheit, liegt doch der Schwerpunkt in
vielen Fertigungsunternehmen auf der optimalen Auslastung von Fertigungskapazitäten.
Selbst die Entlohnung richtet sich nach dieser Prämisse. Durch diese, schon klassische,
Beschränkung auf nur einen Zielfaktor türmen sich bei Unternehmen die Lagerbestände und
die Durchlaufzeiten für einzelne Produkte steigen ins Unermeßliche. Genau hier müssen
die Manager umdenken und die schlummernden Pontentiale ihrer Mitarbeiter wecken, denn die
Kunst der richtigen Kombination aus unterschiedlichen Zielfaktoren entscheidet über die
Profitabilität eines Unternehmens.
Diese Zielfaktoren sind:
- Hohe Liefertreue
- Hohe Kapazitätsauslastung
- Geringe Lagerbestände
- Kurze Durchlaufzeiten
- Optimale Qualität
Wie kann ein Unternehmen auf die entstehenden Sachzwänge reagieren?
Ein wesentlicher Schritt ist, den einzelnen Mitarbeiter ganz bewußt in die
Unternehmensverantwortung und die Zielsetzung einzubeziehen. Doch mit dem Übertragen von
Verantwortung ist es allein nicht getan - es müssen auch Kompetenzen an die Personen
durchgereicht werden -, da zu jeder Verantwortung auch ein gewisser Entscheidungsspielraum
gehört. Ein Beispiel für eine solche Organisation ist die Fertigungssegmentierung.
Fertigungssegmentierung bedeutet: Es werden im Unternehmen selbstverantwortliche
Regelkreise gebildet, die sich untereinander wie Kunden und Lieferanten verhalten. Dieses
Hol-Prinzip soll sicherstellen, daß die Gruppen immer nur das produzieren, was gebraucht
wird. Das Unternehmen selbst beschränkt sich dabei meist auf die Bearbeitung der
Kernfunktionen und übergibt die restlichen Produktionsaufgaben an Fremdfertiger oder
Lieferanten. Das heißt jedoch, daß diese auswärtigen Bearbeitungsschritte enger mit dem
Fertigungsprozeß verzahnt werden müssen. Ansonsten entsteht an den Schnittstellen
ungeliebter Lagerbestand, der die Kosten in die Höhe treibt.
Solche dezentralen Strukturen benötigen flexible Informationssysteme
deren Datenbasis möglichst immer aktuell und aussagekräftig ist. Der Disponent muß
jederzeit über Bedarf und Deckung informiert sein und das für alle Fertigungsstufen des
Erzeugnisses. Wie steht es nun um die Informationssysteme, die eine solche Organisation
abbilden?
Der MRP-Ansatz ist zu starr
Die heute verbreiteten ERP-Systeme (Enterprise Ressource Planning)
arbeiten auch in der Serienfertigung mit dem MRP-Ansatz. Dieser Ansatz arbeitet nach dem
Bring-Prinzip (Steuerimpuls durch die vorgelagerte Fertigungsstufe); was schon
grundsätzlich gegen die Organisation nach dem Hol-Prinzip spricht. Die Planung in einem
solchen System benötigt viele Arbeitsschritte, teilweise auch die Reservierung von
Vormaterial. Da stellt sich doch die Frage: Welcher erfahrene Disponent will in einer
Serienproduktion Vormaterial reservieren, wenn dieses erst noch gefertigt werden muß? Die
Steuerung der Produktion erfolgt in einem MRP-System über eine zentrale
Fertigungsdisposition. Sie gibt den einzelnen Bereichen, mittels Fertigungsauftrag, genau
vor, welche Stückzahl zu einem bestimmten Zeitpunkt produziert werden muß. Jeder dieser
Aufträge ist durch ein diskretes Termin-/Mengenpaar gekennzeichnet. In einer
Serienfertigung hat man es jedoch mit einem Fließprozeß zu tun - und was fließt, muß
auch im Informationssystem als Fluß abgebildet werden.
Ein großer Nachteil in einem MRP-System ist die Materialdisposition;
hier wird auf jeder Fertigungsstufe bis zum Nettobedarf aufgelöst. Das ist zwar im Moment
der Auflösung aussagekräftig, aber völlig unflexibel bei Bestandsveränderungen. Die
Lagerzu- und -abgänge können nur über die Neuberechnung der Bedarfssituation
eingearbeitet werden. Eine dynamische Bedarfsregulierung im Augenblick der Buchung ist
nicht möglich. Je häufiger also die Mitarbeiter Material entnehmen oder fertigmelden,
desto ungenauer werden die Informationen im System. In einer Serienfertigung passiert das
oft!
Kanban kennt die Zukunft nicht
Ein effizienter Ansatz zur Steuerung von Fließfertigung ist seit
den achtziger Jahren bekannt. Das Kanban: Einfache Form der Bestellauslösung, bei der vom
Abnehmer an den Lieferanten eine standardisierte Pendelkarte geschickt wird, so daß
dieser erkennt, daß er unmittelbar eine bestimmte Menge zu liefern hat. Das Verfahren
arbeitet nach dem Hol-Prinzip, was bedeutet, jeder Verbraucherort signalisiert seinen
Lieferanten den Bedarf selbst und zieht damit das Material ab. Es wird keine zentrale
Fertigungssteuerung benötigt, die den einzelnen Abteilungen vorgibt, welche Stückzahl
sie zu produzieren haben. Dieser Ansatz unterstützt die dezentralen
Organisationsstrukturen hervorragend und kann somit in der Serienfertigung eingesetzt
werden.
Er hat jedoch einen gravierenden Nachteil - in einer Serienproduktion
mit häufigen Bedarfsschwankungen erreicht Kanban schnell seine Grenzen.
Bedarfsanpassungen können nur über die Frequenz der Kartenrückgabe justiert werden, da
jeder Kanban-Auftrag auf eine bestimmte Stückzahl lautet. Eine Abteilung kann nicht
vorausschauend planen; sie kennt nur das Jetzt. Wie sollen hier, die heute verfügbaren,
Kapazitäten sinnvoll eingesetzt werden, damit morgen keine Überlastung auftritt?
Die Fortschrittszahl arbeitet nach dem Hol-Prinzip
Genau da setzt die Fortschrittszahl (FZ) an. Fortschrittszahlen
wurden ursprünglich bei der Kommunikation zwischen Automobilhersteller und -zulieferer
eingesetzt. Die Auftragsfortschrittszahl des Zulieferers beinhaltet hier beispielsweise
pro Termin-/Mengenpaar die Summe der Auftragsmengen, die ab einem definierten Jahresanfang
aufgelaufen ist. Wird dieses Verfahren mit weiteren signifikanten Größen, wie
Lieferungen durchgeführt, so erhält man eine transparente Darstellung der
Vorlauf-/Rückstandssituation bei dem in der Automobilindustrie typischen
Lieferabrufgeschäft.
Die Fortschrittszahl basiert auf der FIFO-Strategie (first in first
out). Bei der FIFO-Strategie handelt es sich um eine Form der Lagersteuerung. Bei einer
Auslagerung soll hier immer der zeitlich älteste Lagerbestand berücksichtigt werden.
Das Prinzip der Fortschrittszahlen
Die Fortschrittszahl ist somit eine Kennzahl, die diskrete
Mengeninformationen mit der Zeitachse verbindet. In solch einem Umfeld kann - im Gegensatz
zur Steuerung über diskrete Fertigungsaufträge - das komplette Termin-/Mengenraster pro
Teil an das Fertigungssegment übergeben, so kann der Verantwortliche zukünftige
Engpäße vorausschauend meistern. Die Fortschrittszahl eignet sich darüber hinaus
ausgezeichnet für eine dezentrale Organisation, da sie ebenso wie der Kanban-Ansatz nach
dem Hol-Prinzip arbeitet und darüber hinaus vorausschauend die Anforderungen darstellt.
Produktionsanforderungen dynamisch ermitteln
Die Betrachtung kumulierter Werte über die gesamte betrachtete
Periode hat zum Beispiel in der Produktion den Vorteil, daß nicht jeweils eine
Nettorechnung notwendig ist, um die ausstehenden, d.h. noch zu produzierenden Mengen zu
ermitteln. Die einfache Subtraktion der Produktionsfortschrittszahl (Ist-FZ = kumulierte
Menge aller in der Periode produzierten Teile) von der Bedarfsfortschrittszahl (Soll-FZ =
kumulierte Menge aller benötigten Teile in der Periode) ergibt sofort die noch zu
produzierende Menge. Jeder neue Bedarf des verursachenden Segments wird über die aktuell
zurückgemeldete Ist-FZ in das bestehende Fortschrittszahlendiagramm eingetragen.
Brutto-/Nettobedarf jederzeit verfügbar
Das Herz der Fortschrittszahlen-Philosophie ist die
Materialdisposition. Hier sind die folgenden Kenngrößen definiert:
- Bruttobedarf-FZ: Alle für eine Teilenummer entstehenden Bedarfe werden ab einem
bestimmten Datum von Null beginnend kumuliert.
- Lager-AFZ: In der Lagerausgangs-FZ werden alle für eine Teilenummer getätigten
Lagerabgänge von Null beginnend kumuliert.
- Lager-EFZ: In der Lagereingangs-FZ werden alle für eine Teilenummer getätigten
Lagerzugänge kumuliert.
- gepl. Lager-EFZ: Auf die Lager-Eingangs-FZ werden alle offenen Bestell- und
Fertigungsmengen addiert.
Die Materialdisposition auf Basis der Fortschrittszahlen wird einzig
bei bedarfsverursachenden Änderungen (z.B. neuer Auftrag des Kunden) gestartet. Bei einem
solchen Lauf werden für eine Teilenummer alle zum Zeitpunkt der Bedarfsrechnung offenen
Bedarfe aus den verbrauchenden Bereichen auf die aktuelle Lager-AFZ addiert, das bedeutet
alle noch nicht belieferten Termin-/Mengenpaare.
Steuerung mit Fortschrittszahlen
Zur Anzeige werden die Bedarfe gebracht, die je nach Wunsch größer
der aktuellen Lager-AFZ (Bruttobedarfe) oder der aktuellen Lager-EFZ (Nettobedarfe) sind.
Bei Veränderung der beiden Kenngrößen durch Lagerzugänge und -abgänge wird die
Brutto- bzw. Nettobedarfssicht automatisch aktualisiert. Auf diese Weise kann jederzeit
abgelesen werden, wann und in welcher Höhe offener Bedarf entsteht.
Wendet man dieses Verfahren konsequent in den Bereichen Vertrieb,
Materialwirtschaft, Produktion und Einkauf an, so entsteht ein Zahlengefüge, das auf
allen Ebenen die aktuelle Situation anzeigt und zwar sofort mit der Rückmeldung.
Über das Fortschrittszahlensystem ist es somit möglich die
tatsächlichen Bearbeitungsstände vom Endprodukt bis zum Rohstoff durchgängig
darzustellen. Das gilt unabhängig davon, ob Einkaufs-, Fremdfertigungs- oder
Eigenfertigungsteile betroffen sind. So werden die Fortschrittszahlen gerade für
Unternehmen
Nutzen für den Anwender
Das Ziel Reduzierung der Kosten und somit auch Lagerbestände kann
nachhaltig nur über eine flexible Ausrichtung des Unternehmens an der Bedarfssituation
erreicht werden und das bedeutet für das Hilfsmittel Anwendungssystem: Es muß immer auf
dem aktuellen Stand der Information sein. Dies ist durch die konsequente Anwendung von
Fortschrittszahlen gewährleistet.
Die Fortschrittszahl arbeitet ähnlich dem KANBAN-Verfahren nach dem
Hol-Prinzip und integriert hier auf einfache Art und Weise die zeitliche Komponente.
Informationen über Vorlauf-/Rückstandssituationen in Mengen und in Zeiteinheiten sind
immer aktuell zur Verfügung. Genau das macht diese Philosophie gerade für Unternehmen
interessant, die ihre Serienfertigung und die am Produktionsprozeß beteiligten Partner
bedarfsgenau steuern möchten.