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Handbuch Produktion
Gienke/Kämpf (Hrsg.):
Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

Verfahren zur Losgrößenberechnung
Autor: Rainer Kämpf
Der Beitrag ist in ähnlicher Form erschienen in: Gienke/Kämpf (Hrsg.): Handbuch Produktion 
Carl Hanser Verlag , München Wien, ISBN 978-3-446-41025-1

Thema des Monats Februar 2002
Stand: 02.07.2008

1 Einführung

Die Frage der Losgrößen kann prinzipiell unter zwei Gesichtspunkten behandelt werden:

  • Kostenminimierung:Hier sind die fixen Kosten der Maschineneinrichtung (Auflagekosten) den variablen Lager- und Kapitalbindungskosten gegenüberzustellen. Zielsetzung ist die Ermittlung einer Losgröße, bei der die Summe der Kostenkomponenten minimiert sind.
  • Durchlaufzeitminimierung:Hier ist die Fragestellung, welche Losgröße kann am schnellsten durch die Produktion bewegt werden. Im Kontext der aktuellen Just-In-Time Diskussionen gewinnen durchlauzeitminimierte Losgrößen zunehmend an Bedeutung.

Das Auffinden von durchlaufzeitminimalen Losgrößen kann mit qualitativen Argumenten wie folgt beschrieben werden: Ist die Losgröße klein, so wird häufig gerüstet. Daher steigt der Anteil der Rüstzeiten an den Durchlaufzeiten. Ein schneller Durchlauf wird demnach durch Rüstzeiten behindert. Die Durchlaufzeit ist aber ebenfalls hoch, wenn das Los einen großen Umfang besitzt, weil dann viel Zeit für die Bearbeitung aufzuwenden ist. Zwischen beiden Extremen ist daher ein Minimum der Durchlaufzeit zu vermuten. Jenseits dieser Plausibilitätsbetrachtungen ist auch in einem Warteschlangenmodell der Werkstatt, in dem an der Stelle von deterministischen Beziehungen der Materialfluß mit Stochastik beschrieben wird, eine durchlaufzeitminimale Losgröße herleitbar (vgl. Zäpfel). Simulationsstudien von Werkstätten, welche die Durchlaufzeiten für verschiedene Losgrößen mit warteschlangentheoretischen Modellansatzen berechnen, bestätigen die Existenz von durchlaufzeitminimalen Losgrößen (vgl. Zimmermann; Hafner).

Im folgenden wird der klassische betriebswirtschaftliche Modellansatz behandelt und nach kostenminimalen Losgrößen gefragt. Gehen wir von der Zeitreihe der wöchentlich vorliegenden Netto-Sekundärbedarfe aus, so kann gefragt werden: Sollen mehrere Wochenbedarfe zu einem Fertigungsauftrag (zu einem "Los") zusammengefaßt, damit auf einmal produziert und während der Bündelungsfrist gelagert werden? Dann können mehrere Wochenbedarfe aus dem Lagervorrat befriedigt werden. Die Alternative besteht darin, die Wochenbedarfe nicht zusammenzufassen, und jede Woche den Netto-Sekundärbedarf als Fertigungsauftrag neu zu vergeben.

Wöchentliche Fertigungsaufträge bedeuten keine oder bloß geringe Lagerkosten, dafür aber wöchentlich anfallende Auflagekosten für die Maschineneinrichtung. Umgekehrt impliziert die Bildung großer, mehrere Wochenbedarfe zusammenfassender Lose höhere Lagerkosten, aber geringere Auflagekosten. Diese Kosten beinhalten erstens die direkten Rüstkosten, zweitens die indirekten Rüstkosten, die bei Engpaßmaschinen dadurch entstehen, dass sie nicht produktiv eingesetzt werden können, und drittens die Kosten für den Maschinenanlauf. Die Entscheidung der Losgrößenbildung tritt ebenfalls bei externen Beschaffungsaufträgen auf . Dabei sind als fixe Kosten die Bestellkosten den Lagerkosten gegenüber zu stellen. Im folgenden sollen vorrangig Losgrößenfragen für Fertigungsaufträge behandelt werden.

2 Übersicht über die Losgrößenverfahren

Die zur Bestimmung der Losgröße zur Verfügung stehenden Verfahren teilen sich in drei Gruppen ein:

  • Statische Losgrößenverfahren

Bei den statischen Losgrößenverfahren wird die Losgröße ausschließlich anhand von Mengenvorgaben aus dem jeweiligen Materialstammsatz gebildet. Es gibt drei unterschiedliche Kriterien, nach denen die Losgröße berechnet werden kann:

  • Exakte Losgröße

Bei der Unterdeckung eines Materials, für das das Kriterium der exakten Losgröße gilt, setzt das System genau die Unterdeckungsmenge (Bedarf minus verfügbaren Lagerbestand) als Losgröße in seine Berechnung ein. Zu dem entsprechenden Bedarfstermin ist dann der geplante Lagerbestand erreicht. Dieses Verfahren wird auch als Lot-for-Lot-Verfahren bezeichnet. Die Planung erfolgt tagesgenau. Dies bedeutet, daß Bedarfsmengen, die sich am gleichen Tag ergeben, zu einem Bestellvorschlag zusammengefaßt werden und nicht für jeden Bedarf zum gleichen Termin ein Bestellvorschlag erzeugt wird.

  • Feste Losgröße

Eine feste Losgröße wählt man sinnvollerweise dann für ein Material, wenn technische Besonderheiten, wie z.B. Palettengröße oder Tankinhalte, dies erfordern.

Bei der Unterdeckung eines Materials, für das das Kriterium der festen Losgröße gilt, übernimmt das System die im Materialstammsatz definierte feste Losgröße in seine Berechnung. Reicht die Menge einer festen Losgröße nicht aus, um die Unterdeckung zu beseitigen, so werden mehrere Lose in Höhe der festen Losgröße zum gleichen Termin eingeplant, bis keine Unterdeckung mehr vorliegt.

Im Falle der festen Losgröße kann man einen Schwellenwert festlegen, bei dessen Überschreitung ein Material mit einer Abbruchmeldung versehen wird, wenn zu einem Termin und zu einem Material zu viele Bestellvorschläge gebildet werden.

Bei der festen Losgröße mit Splittung und Überlappung wird die feste Losgröße in Teilmengen unterteilt, die jedoch nicht gleichzeitig, sondern überlappend gefertigt werden.

  • Auffüllen bis zum Höchstbestand

Beim Losgrößenverfahren "Auffüllen bis zum Höchstbestand" entspricht die Losgröße, die das System in seine Berechnung einsetzt, der Differenz zwischen dem verfügbaren Lagerbestand und dem im Materialstammsatz definierten Höchstbestand. Das Losgrößenverfahren ist im Rahmen der verbrauchsgesteuerten Disposition nur für die Bestellpunktdisposition gültig. Die Losgröße wird je nach Art der Bestellpunktdisposition berechnet. Man unterscheidet:

    • Bestellpunktdisposition ohne Berücksichtigung externer Bedarfe

Hier erstellt das Losgrößenverfahren die Bedarfsplanung bei Unterdeckung einen Bestellvorschlag, dessen Bestellmenge der Differenz aus dem im Materialstamm definierten Höchstbestand und dem aktuellen Lagerbestand sowie den bereits vorhandenen festen Zugangselementen entspricht:

Höchstbestand
- aktueller Lagerbestand
- bereits vorhandene feste Zugangselemente

= Losgröße

    • Bestellpunktdisposition mit Berücksichtigung externer Bedarfe

Hierbei werden zusätzliche Bedarfe mitberechnet; in Verbindung mit dem Losgrößenverfahren" Auffüllen bis zum Höchstbestand versucht die Bedarfsplanung zwei Ziele zu verwirklichen:

    • die Bedarfe müssen gedeckt sein
    • der festgelegte Höchstbestand darf nicht überschritten werden

Die Bedarfstermine werden dabei nicht berücksichtigt; es wird die Summe aller Bedarfe berechnet. Die Berechnung der Losgrößen erfolgt in zwei Schritten mit zwei verschiedenen Formeln:

Formel 1:

Höchstbestand
- aktueller Lagerbestand
- bereits vorhandene feste Zugangselemente
-------------------------------------------------------------
= Losgröße

Formel 2:

Meldebestand
+ Summe Bedarfe (bzw. Summe Bedarfe in der Wiederbeschaffungszeit)
- aktueller Lagerbestand
- bereits vorhandene feste Zugangselemente
-------------------------------------------------------------
= Losgröße

  • Periodische Losgrößenverfahren

Bei den periodischen Losgrößenverfahren werden die Bedarfsmengen einer oder mehrerer Perioden zu einer Losgröße zusammengefaßt. Die Anzahl der Perioden, die zu einem Bestellvorschlag zusammengefaßt werden sollen, können Sie beliebig festlegen. Man unterscheidet:

  • Tageslosgröße

Alle Bedarfsmengen innerhalb eines Tages oder einer frei wählbaren Anzahl von Tagen werden zu einer Losgröße zusammengefaßt.

  • Wochenlosgröße

Alle Bedarfsmengen innerhalb einer Woche oder einer frei wählbaren Anzahl von Wochen werden zu einer Losgröße zusammengefaßt.

  • Monatslosgröße

Alle Bedarfsmengen innerhalb eines Monats oder einer frei wählbaren Anzahl von Monaten werden zu einer Losgröße zusammengefaßt.

  • Losgrößen nach flexiblen Periodenlängen, analog zu Buchhaltungsperioden (Periodenlosgrößen)

Alle Bedarfsmengen innerhalb einer oder einer frei wählbaren Anzahl von flexibel definierbaren Perioden werden zu einer Losgröße zusammengefaßt. Die Periodenlänge legen Sie analog zu den Buchhaltungsperioden fest. Diese Losgröße wird auch Periodenlosgröße genannt.

  • Optimierende Losgrößenverfahren

Bei den optimierenden Losgrößenverfahren werden Bedarfsmengen mehrerer Perioden zu einer Losgröße zusammengefaßt, wobei zwischen losgrößenfixen Kosten und Lagerhaltungskosten ein Kostenoptimum ermittelt wird. Die verschiedenen Optimierungsverfahren unterscheiden sich nur in der Art des Kostenminimums. Es gibt folgende Verfahren:

  • Andler’sche Losgröße

Sie unterliegt der Voraussetzung, daß ein gleichmäßiger Bedarf über das ganze Jahr vorliegt, so daß z.B. der Monatsbedarf gleich einem Zwölftel des Jahresbedarfes ist. Die Andler’sche Losgröße ist ein Optimierungsansatz mit dem Ziel, die Summe von Lagerkosten und Auflagekosten zu minimieren.

  • Stück-Perioden-Ausgleich

Das Verfahren des Stück-Perioden-Ausgleichs nutzt die Eigenschaft der klassischen Losgrößenformel, daß beim Kostenminimum die variablen Kosten (Lagerkosten) gleich den losgrößenfixen Kosten sind.

Bei dem Stück-Perioden-Ausgleich faßt das System, ausgehend vom Unterdeckungstermin, aufeinanderfolgende Bedarfsmengen so lange zu einem Los zusammen, bis die Summe der Lagerkosten gleich den losgrößenfixen Kosten ist (Ausgleich zwischen mengenunabhängigen und mengen- und zeitabhängigen Kosten).

  • Verfahren der gleitenden wirtschaftlichen Losgröße

Bei der gleitenden wirtschaftlichen Losgröße faßt das System, ausgehend vom Unterdeckungstermin, aufeinanderfolgende Bedarfsmengen so lange zu einer Losgröße zusammmen, bis die Gesamtkosten pro Stück ein Minimum bilden. Die Gesamtkosten sind die Summe aus losgrößenfixen Kosten und gesamten Lagerkosten.

  • Dynamische Losgrößenberechnung

Im Unterschied zur Andler’schen Losgröße, die einen konstanten Bedarf pro Periode annimmt, kann bei diesem Ansatz der Bedarf von Periode zu Periode schwanken. Hier wird die dynamische Losgrößenberechnung eingesetzt (dynamisch = Einbeziehen der Zeitstruktur). Hierbei faßt das System, ausgehend vom Unterdeckungstermin, so lange Bedarfsmengen zu einem Los zusammen, bis die zusätzlich anfallenden Lagerkosten größer als die losgrößenfixen Kosten sind.Die Summe von Lagerkosten und Auflagekosten wird wie bei der Andler’schen Losgröße minimiert. Hierzu wurde das Verfahren von Wagner/Whitin entwickelt, das auf dem Prinzip der dynamischen Optimierung aufsetzt (Bellmansches Optimalitätsprinzip).

Bei der dynamischen Losgrößenberechnung unter Kapazitãtsbeschränkungen wird die Planung nicht mehr isoliert für ein Teil vorgenommen, sondern das gesamte Teilespektrum des Nettobedarfs betrachtet. Insbesondere werden die dabei auftretenden Kapazitätsbeschränkungen fir Produktion und Lager beachtet.

  • Losgrößenverfahren nach Groff und Silver/Meal

Das Losgrößenverfahren nach Groff und Silver/Meal nutzt die Tatsache, daß nach der klassischen Losgrößenformel beim Kostenminimum zusätzlich anfallende Lagerkosten gleich der Losfixkostenersparnis sind. Zusätzliche Lagerkosten, die durch eine Erhöhung der Losgröße entstehen, werden daher der daraus resultierenden Losfixkostenersparnis gegenübergestellt.

Das System faßt dabei, ausgehend von einer bestimmten Periode, so lange Bedarfsmengen zu einem Los zusammen, bis der Anstieg der durchschnittlichen Lagerkosten pro Periode größer ist als die Verringerung der losgrößenfixen Kosten pro Periode.

  • Die mehrstufige Losgrößenberechnung

Im Unterschied zu den bisher aufgeführten Ansätzen, welche die Losgrößenbildung einstufig ermitteln, ist die mehrstufige Losgrößenberechnung zu sehen. Einstufige Verfahren betrachten auf einer Dispositionsstufe die Nettobedarfe der eingehenden Teile unabhangig und isoliert voneinander. Kosteninformationen über die Planung auf untergeordneten Stufen bleiben unbeachtet. Die mehrstufigen Ansätze betrachten Kosteninformationen über mehrere Produktionsstufen hinweg.

Die Zusammenfassung von Bedarfsmengen zu einer Losgröße kann durch zusätzliche Restriktionen im Materialstammsatz beeinflußt werden:

  • Einerseits durch die Angabe von Grenzwerten (Mindestlosgröße, maximale Losgröße). Diese Grenzwerte werden bei der Losgrößenberechnung berücksichtigt, d.h., die Losgröße wird entweder auf die Mindestlosgröße aufgerundet, oder es wird eine Zusammenfassung über die maximale Losgröße hinaus verhindert.
  • Andererseits durch die Angabe eines Rundungswertes, mit dem Sie erreichen, daß bei der Losgrößenberechnung die Losgröße das Vielfache einer Bestelleinheit umfaßt (z.B. Palettengröße, wenn ausschließlich in ganzen Paletten angeliefert wird).

3 Beispiele zur Losgrößenberechnung

Beispielhaft werden im folgenden zwei Verfahren zur Losgrößenbestimmung dargestellt:

Andler’sche Losgröße

Bei der Berechnung der Andler’schen Losgröße werden die Kosten in Produktion und Lagerung eines isolierten Teils in einer Produktionsstufe betrachtet. Das Ziel besteht in der Ermittlung einer Losgröße, welche die Summe von Auflage- und Lagerkosten minimiert.

Die Voraussetzungen für diese Uberlegungen sind:

Die Nachfrage (Bedarf ist konstant, bekannt und zugleich deterministisch. Betrachtet wird der Gesamtbedarf innerhalb eines Jahres). Die aggregierte Nachfrage pro Jahr sei M (Jahresbedarfsmenge). Mit der Annahme einer konstanten Nachfrage ist gemeint, dass in jedem vergleichbaren Zeitintervall ein gleicher und konstanter Bedarf vorliegt, so z.B.:

  • Bedarf pro Jahr = M
  • Bedarf pro Woche = M / 52
  • Bedarf pro Tag = M / 250 (bei 250 Arbeitstagen).

Als Kostengrößen sind folgende Kostenbestandteile zu wählen:

  • KV variable Kosten pro Mengeneinheit des zu fertigenden Tells
  • KR fixe Kosten pro Rüstvorgang (Auflagekosten)
  • L Lagerhaltungskostensatz (in %) pro eingelagerter Mengeneinheit, pro Jahr und pro

Einheit variabler Kosten.

Zu unterscheiden sind die variablen Kosten, die bei der Fertigung pro Teil anfallen, von den fixen Rüstkosten, deren Größe unabhängig von der Größe des aufgelegten Loses ist. Der Lagerhaltungskostensatz fasst die Kosten der Lagerhaltung wie Raum-, Kapital-, Transport- und Personalkosten, zusammen. L bezieht sich auf die Gesamtperiode, hier auf ein Jahr.

Zur Bestimmung der optimalen Losgröße x muß die Summe von Lagerkosten und Auflagekosten minimiert werden. Das Entscheidungsproblem lautet wie folgt: SoIl einmal im Jahr die Menge x = M als Betriebsauftrag veranlasst werden oder soll 52 mal im Jahr der Wochenbedarf von x = M / 52 oder arbeitstäglich der Tagesbedarf x = M / 250 veranlasst werden? Oder umfasst der Betriebsauftrag eine Menge x, die dazwischen liegt?

Für die kostenoptimale Losgröße x0 nach Andler (Andler’sche Losgröße X0 )ergibt sich damit folgender Ausdruck:

X0 = SQRT ( 2 * M * KR /  KV * L)

In dieser Formel wird für einen Lagerkostensatz L von z.B. 5% der Wert 0,05 eingesetzt. Der Formel können folgende Eigenschaften der optimalen Losgröße x0 entnommen werden: Je wertvoller das Gut (hohes KV) oder je teurer die Lagerung (großes L), desto kleiner wird die Losgröße x0. Aus der Vervierfachung der variablen Kosten KV = 4 * KV resultiert eine halbe optimale Losgröße x0. Umgekehrt ist zu erkennen: Je höher die Auflagekosten sind, desto größer das Los. Vierfache Auflagekosten KR‘ = 4 * KR führen zur Verdoppelung der optimalen Losgröße x0.

Beispiel für eine Losgrößenbestimmung nach Andler:

KV = 20 DM KR = 200 DM

L = 5 % M = 10.000 Stück

Damit ist:

X0 = SQRT (  2 * 10000 * 200 / 20 * 0,05 ) = 2000 Stück

Die Andler’schen Losgrößenformel ist eine prinzipielle und stark vereinfachte Überlegung zum Ausgleich von gegenläufigen Kostenverläufen. Kritisch gegen die Andler’sche Losgrößenformel läßt sich folgendes einwenden:

  • Die Voraussetzung des gleichmäßigen Bedarfs ist unrealistisch. Nachfrageschwankungen, wie etwa saisonale Schwankungen, sind zu berücksichtigen.
  • Lagerkosten sind nicht über große Bereiche linear, sondern Sprungfunktionen, deren Sprünge dort auftreten, wo neue Lagerraume erschlossen werden müssen.
  • Die Losgrößenoptimierung erfolgt nur einstufig ohne Koordination mit anderen Elementen des Netto-Sekundärbedarfs. Insbesondere werden keine Kapazitätsrestriktionen bei Maschinen und Lagerraum berücksichtigt. Für eine bessere Anpassung an die betrieblichen Gegebenheiten ist daher von der Annahme eines unbeschränkt zur Verfügung stehenden Lagerraums abzugehen. Sinnvoll ist dann eine Erweiterung um eine Kostengröße, welche den Spitzenbedarf an Lagerraum bei der Wiederaufüllung ausdrückt.

 

Losgrößenansatz bei einstufigem, variablem Bedarf

Dieser Ansatz geht nicht von einem Jahr, sondern von mehreren, aufeinander folgenden, kürzeren Perioden, etwa Wochen, aus. Damit wird ein endlicher Zeithorizont angenommen. Was darauf folgt, bleibt ohne Beachtung. Die letzte betrachtete Periode wird als Horizont bezeichnet. Aufgrund der Einbeziehung der Zeitdimension gehört dieser Ansatz zu den Verfahren der "dynamisches Losgrößenberechnung" bezeichnet. Der Bedarf kann - im Unterschied zu Andler - von Periode zu Periode unterschiedlich sein.

Als Beispiel sei ein Horizont von 4 Wochen mit folgendem Bedarf gegeben:

Woche 1 2 3 4
Menge (Stück) 80 120 100 60

Abb.1: wochenweiser Bedarfsverlauf

Wie bei Andler werden folgende Größen angegeben: fixe Kosten KR für die Auflage eines Loses, variable Kosten KV pro Stück und ein konstanter Lagerkostensatz L für die Kosten der Lagerhaltung. Der Lagerkostensatz L bezieht sich hier auf eine Periode, also eine Woche. Die Fragestellung lautet: Wie soll der Bedarf der einzelnen Wochen zu Losen zusammengefasst werden? Jede Woche der Bedarf einer Woche, also 80 Stück, 120 Stück, 100 Stück oder 60 Stück? Oder jede 2. Woche der Bedarf für 2 Wochen unter Berücksichtigung der Lagerkosten? Oder einmal für alle 4 Wochen, also ein Los von 360 Stück?

Ahnliche wie bei der Andler’schen Losgrößenberechnung sind folgende Annahmen zu treffen:

  • Das Lager wird unmittelbar, ohne Zeitverzug, und ohne Zusatzkosten wieder auf die jeweilige Losgröße aufgefüllt, sobald der Vorrat aufgebraucht ist.
  • Das Los kann nur eine Zusammenfassung von Wochenbedarfen sein. Zwischengrößen sind nicht zulassig.
  • Lose stehen zu Beginn der Periode zur Verfügung.

Wie die unterschiedlichen Wochenbedarfe zu Bestellungen gebündelt werden, hängt von den Daten ab. Sind die Lagerkosten hoch, wird nur das Wochenlos bestellt. Sind dagegen die Auflagekosten hoch, wird möglichst viel zu einem Los gebündelt. Zur optimalen Auswertung von Informationen über Lager- und Auflagekosten soll im folgenden das Verfahren von Wagner/Whitin verwendet werden.

Dieses Verfahren basiert auf dem Ansatz der dynamischen Optimierung mit dem Bellmanschen Optimalitätsprinzip: Wenn eine Bestellpolitik bis zur Endperiode (Horizont) die beste Politik sein soll, d.h. die geringsten Gesamtkosten verursacht, dann muss diese Politik auch in den vorhergehenden Perioden die beste gewesen sein. Das Optimum am Schluss kann nicht erreicht werden, wenn vorher Abweichungen auftreten.

Bei dem Verfahren von Wagner/Whitin werden die Zeitpunkte der Auflage eines Loses (Fertigungszeitpunkte) einem laufenden Planungshorizont, der die Losbündelung zum Ausdruck bringt, in einer Tabelle gegenübergestellt. In dieser Tabelle werden die jeweiligen alternativen Politiken, d.h. entweder die Perioden-Bedarfe als Wochenlose einzeln zu befriedigen oder zu Losen zu bündeln, aufgelistet und die kostengünstigste Alternative ausgewählt.

Das Verfahren wird anhand von Abbildung 2 erläutert. Darin ist die Bedarfsreihe 80, 120, 100, 60 Stück über 4 Perioden gegeben. Als Kosten sind folgende Werte gegeben:

KV = 30 DM

KR = 120 DM

L = 3 %

In der Tabelle werden die Zeitpunkte der Fertigung den Zeitpunkten des Planungshorizonts gegenübergestellt. Begonnen wird mit dem Fertigungszeitpunkt i = 1. Nacheinander können die Planungszeitpunkte j = 1, 2, 3, 4 durchgegangen und dafür alternative Lose zusammenstellen werden.

Bedarf 80 120 100 60
Planungsperiode 1 2 3 4

Fertigungszeitpunkt

1 120 228 408 520
2   240 330 438
3     348 402
4       450
Kostenminimum 120 228 330 402

Abb. 2: Wagner/Whitin-Verfahren

Wird nun der Planungszeitpunkt j = 1 betrachtet, so ist das Los für die Fertigung zum

Zeitpunkt 1 gleich dem Bedarf in Periode 1, also gleich 80 Stück. Kosten fallen dafür als

Auflagekosten von 120 DM an.

Werden dagegen die Planungszeitpunkte j = 2, 3 oder 4 betrachtet, so beträgt das Los für den Fertigungszeitpunkt i = 1 die Summen der Bedarfe bis zum Planungszeitpunkt j, also 200 Stück, 300 Stück oder 360 Stück. Die Lagerkosten entstehen dann wie folgt:

Planungszeitpunkt j = 2:

Die Menge von 120 wird eine Periode lang gelagert.

Es entstehen Kosten wie folgt: K = 1 * 120* KV *L = 108 DM.

Kosten insgesamt = 120 + 108 = 228 DM.

Planungszeitpunkt j = 3:

Die Menge von 100 wird zwei Perioden lang gelagert.

Kosten dafür zusätzlich = 2*100* KV *L = 180 DM.

Kosten insgesamt = 120 + 108 + 180 = 408 DM.

Planungszeitpunkt j = 4:

Die Menge von 60 wird drei Perioden lang gelagert.

Kosten dafür zusätzlich = 3*60* KV *L = 162 DM.

Kosten insgesamt = 120 + 108 + 180 + 162 = 570 DM.

Diese vier Politiken stehen für Fertigungsaufträge zum Fertigungszeitpunkt i = 1 grundsätzlich zur Auswahl. Wird zusätzlich zu diesen vier Politiken in Fertigungszeitpunkt i = 2 ein Fertigungsauftrag erteilt, so hat dieser Auftrag auf der günstigsten Politik der Vorgängerperiode zum Planungszeitpunkt i = 1 aufzusetzen, deren Kosten minimal sind und die mit Kmin,1 bezeichnet werden. Da für diesen Zeitpunkt nur eine Politikalternative zur Verfügung steht, ist Kmin,1 = 120.

Im Fertigungszeitpunkt i = 2 sind wiederum alle Loskombinationen zur Zusammenfassung der Bedarfe durchzugehen: Bedarf für j = 2, also 120 Stück, für j = 2 und 3, also 220 Stück, für j = 2, 3 und 4, also 280 Stück. Für diese Bedarfe sind die Auflagekosten von 120 Stück und die jeweiligen Lagerkosten, sowie die Kosten für die beste Politik des vorhergehenden Fertigungszeitpunkt i = 1 zusammenzufassen:

Planungszeitpunkt j = 2:

Die Menge von 120 wird produziert

Auflagekosten dafür = KR = 120 DM.

Kosten insgesamt = Kmin,1 + 120 = 240 DM.

Planungszeitpunkt j = 3:

Die Menge von 100 wird eine Periode lang gelagert.

Kosten dafür zusatzlich = 1 * I 00* KV *L = 90 DM.

Kosten insgesamt Kmin,1 + 120 + 90 = 330 DM.

Planungszeitpunkt j = 4:

Die Menge von 60 wird zwei Perioden lang gelagert.

Kosten dafür zusätzlich = 2*60* KV *L = 108 DM.

Kosten insgesamt Kmin,1 + 120 + 90 + 108 = 438 DM.

Abbildung 2 stellt die Kosten für verschiedene Politiken zusammen. Informationen über die optimale Losauflagenpolitik sind aus den Daten des Horizonts zu erhalten. Hier ist nach der kostengünstigsten Alternative zu suchen. Diese ist dann das Kostenminimum für den gesamten Ptanungszeitraum. Die Losauflagenpolitiken der vorhergehenden Zeitpunkte sind durch Rückwärtsrekursion zu bestimmen. Dieses Verfahren wird nun an der Abbildung 2 erläutert.

Die beste, d.h. kostenminimale Politik zum Endzeitpunkt j = 4 ist die Alternative mit den Kosten 402 DM. Diese verweist auf den Fertigungszeitpunkt i = 3. Die Kosten von 402 DM entstehen durch die Zusammenfassung des Bedarfs der Periode 3 und 4 zu einem

Los von 160 Stück. Damit ist die optimale Potitik für die Perioden 3 und 4 bereits gefunden.

Es folgt die Ermittlung der übrigen, d.h. weiter zurückliegenden Perioden. In der Planungsperiode j = 2 betragen die Kosten der besten Politik 228 DM. Dieses Kostenminimum weist auf den Fertigungszeitpunkt i = 1 hin. Die Kosten sind durch Zusammenfassung der Perioden 1 und 2 entstanden. Dies bedeutet, daß der Bedarf der Perioden 1 und 2 zu einem optimalen Los von 200 Stück zusammen zu fassen und dieses Los zum Zeitpunkt i = 1 zu fertigen ist.

 

Literaturempfehlungen

Grochla, E.: Grundlagen der Materialwirtschaft. Wiesbaden 1990.

Häfner, H.: Ein Warteschlangenansatz zur integrierten Produktionsplanung, Heidelberg 1992

Silver, E.; Meal, H.: A Heuristic for Selecting Lot-Size Quantities. In: Production and Inventory Management 1973.

Vahrenkamp, R.: Produktions- und Logistikmanagement. München 1996.

Zäpfel, G.: Taktisches Produktionsmanagement. Berlin 1989.

Zimmermann, G. Ursachen, Möglichkeiten und Grenzen der Reduktion von Beständen durch Anwendung von KANBAN-Prinzipien. In Wildemann, H.: Flexible Werkstattsteuerung durch Integration von KANBAN-Prinzipien, München 1984