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Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-41025-1

ERP-Systeme im Mittelstand
Ein Beitrag von Helmuth Gienke und Rainer Kämpf

Thema des Monats Dezember 2007
Stand : 02.07.2008
    Das einhundertste Thema des Monats beim EBZ!

 

Der Begriff Enterprise Resource Planning (ERP) umfasst die Planung, Dokumentation und Analyse aller Unternehmensprozesse (Kernprozesse) eines Unternehmens. Die Unternehmensprozesse: Einkauf, Lagerhaltung, Produktstammdatenhaltung, sowie der Kundendienst werden von ERP primär erfasst. Ein ERP-System durchdringt das gesamte Unternehmen und betrifft alle Prozesse. Es bietet die Möglichkeit Informationen mehrfach und an verschiedenen Stellen zu nutzen. Richtig eingesetzt kann ein ERP-System zu einer engeren Bindung mit Kunden und Lieferanten, zu kürzeren Reaktionszeiten, kleineren Lagerbeständen und einer einfach nachvollziehbaren Auftragsabwicklung führen (Siegenthaler/Schmid 2006). Da ERP-Systeme jedoch typischerweise modular aufgebaut sind, können auch die folgenden Unternehmensprozesse: Buchhaltung, Kostenrechnung, Controlling und die Verwaltung des Personals abgebildet werden. Somit kann das System auf die jeweiligen speziellen Kundenbedürfnisse angepasst werden.

Während die klassischen PPS-Systeme sich lediglich auf die Planung, Steuerung und Überwachung der Produktionsabläufe beschränken, stellt das ERP-System gewissermaßen eine Kombination aus PPS- und Business Software dar und kann daher als ganzheitliches integriertes Informationssystem zur betrieblichen Steuerung eines Unternehmens betrachtet werden. Die PPS-Systeme werden von ERP integriert, sodass über die gemeinsame Datenbank die administrativen Unternehmensprozesse rechnergestützt durchgeführt werden können.

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Abb.1: Aufbau eines ERP-Systems

Anforderungen des Mittelstandes

Für den Begriff Mittelstand finden sich zahllose Definitionen und Eingrenzungen. An dieser Stelle sind mit Mittelstand Unternehmen gemeint, die zwischen etwa 100 und 2.000 Mitarbeiter haben und deren Anforderungen an ERP-Systeme grundlegend von den Anforderungen von Großunternehmen abweichen. Wichtige Anforderungen von mittelständischen Unternehmen sind eine kurze Projektdauer bei der Einführung von ERP-Systemen sowie geringe Gesamtkosten. Insbesondere den Folgekosten der Systemeinführung ist hier große Aufmerksamkeit beizumessen. Zusätzlich fehlt häufig die Zeit individuelle Anpassungen durch Programmierungen vorzunehmen, so dass Standardsysteme in der Lage sein müssen, branchenübergreifend auch komplizierte Abläufe zufrieden stellend abzubilden. Auch die Anpassbarkeit an zukünftige Bedürfnisse ist von großer Bedeutung, da bei Nichtvorhandensein die Weiterentwicklung des Unternehmens (z. B. Einführung neuer Produkte oder Eröffnung neuer Standorte) erheblich eingeschränkt werden kann.

In den letzten Jahren hat sich die Architektur von ERP-Systemen grundlegend gewandelt. Anpassungsfähige Lösungen der so genannten ERP II-Generation sind an die Stelle der frühen ganzheitlichen und abgeschlossenen ERP-Systeme getreten. Neue Lösungen müssen die Integration "fremder" Anwendungen von unternehmensinterner und externer (Kunden und Lieferanten) Seite ermöglichen und somit auch der zunehmend serviceorientierten Neuausrichtung vieler Unternehmen Rechnung tragen.

Des Weiteren muss die Erweiterung und Veränderung der ERP-Software aufgrund von sich verändernden Geschäftsprozessen in einem angemessenen Zeitrahmen und ohne übermäßigen Aufwand möglich sein. So muss zum Beispiel bei Wachstum des Unternehmens die Anzahl der Enduser (Clients) ohne Probleme erweiterbar sein.

Weiterhin muss durch den ERP-Einsatz Prozesstransparenz, zum Beispiel durch das Nachverfolgen von Belegen, gewährleistet werden und die Wartung bzw. das Update der Software muss effizient ablaufen (z. B. durch die Verfügbarkeit eines Online-Supports).

Durch das Hervortreten des Internets seit dem Ende der 1990er Jahre, ist außerdem die so genannte "Collaboration" eine essentielle Anforderung an moderne ERP-Systeme geworden. Telefon und -fax stellen heute bei weitem nicht mehr die einzigen Kommunikationswege eines Unternehmens dar. Viel mehr erfolgt diese heute in den durch das Internet zur Verfügung gestellten Kanälen. Prozesse können somit effizienter, Transaktionen schneller abgewickelt werden. Die Koordination von standortübergreifenden Projekten hat sich erheblich erleichtert und verbilligt. Die Notwendigkeit diese Kommunikationsabläufe in die Unternehmenssoftware zu integrieren ist offensichtlich.

Da in vielen Mittelständischen Unternehmen relativ lange Innovationszyklen im Bereich der IT herrschen, ist es von großer Bedeutung, dass auch hier Anpassungsfähigkeit seitens des Systems besteht. So ist es beispielsweise möglich dass die Clients Computer mit verschiedenen Betriebssystemen verwenden oder dass aus Kostengründen nicht immer die aktuell leistungsfähigste Hardware zur Verfügung steht. Im Idealfall bietet das System eine vollständige Unabhängigkeit zwischen den Bereichen Client, Server und Datenbank, so dass diese separat auf die individuellen Bedürfnisse und Voraussetzungen des Unternehmens angepasst werden können.

Genauso wie sich die technologischen Anforderungen des Mittelstandes an ERP-Systeme verändert haben, haben sich auch die betriebswirtschaftlichen Anforderungen in den letzten Jahren gewandelt. Der Funktionsumfang hat für Mittelständler hier höchste Priorität und nur selten wird akzeptiert, dass nicht alle geforderten Funktionen zur Verfügung stehen bzw. erst aufwendig angepasst werden müssen. Hieraus hat sich das bereits erwähnte Konzept des erweiterten ERP-Systems (ERP II) entwickelt. Traditionelle Kernfunktionen und Module müssen hierbei durch die Möglichkeit zur Eingliederung von geschäftskritischen Prozessen sowie die Integration von externen und internen Transaktionsabläufen, die bereits erwähnte Collaboration, ergänzt werden.

Auch das Kosten-/Nutzenverhältnis stellt einen entscheidenden Faktor bei der Auswahl des ERP-Systems dar. Mittelständler verzichten im Vergleich zu Großunternehmen häufig auf aufwändige Analysen wie eine Total Cost of Ownership- oder Return on Invest-Betrachtung. Vielmehr stehen offenkundige und praktische Vorteil des Systems, wie beispielsweise Einsparungen durch die Einführung einer beleglosen Kommissionierung, im Vordergrund.

Die Steigerung der externen und internen Dienstleistungsqualität ist ebenfalls von großer Bedeutung. Hier sind vor allem eine Verringerung von Reaktionszeiten auf Anfragen von Kunden und Lieferanten (extern) sowie die schnelle und einfach Verfügbarkeit von Berichten und Auswertungen für Entscheidungsträger (intern) zu nennen.

Des Weiteren muss der dynamischen Organisationsstruktur vieler Mittelständler Rechnung getragen werden. Eine IT-Infrastruktur die Umsatzwachstum oder die Erschließung neuer Märkte unterstützt, ist daher notwendig. In Abbildung 2 werden die erweiterten Bestandteile eines ERP II-Systems dargestellt. Es zeigt sich in der Abbildung, dass auch Supply Chain Management und Customer Relationship Management zumindest teilweise in einem ERP-System integriert sein können

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Abb.2: Erweitertes ERP-Sysem (ERP II)

Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg eines ERP-Systems ist die Akzeptanz bei den letztendlichen Anwendern (Clients). Daher ist bereits bei der Auswahl und Implementierung darauf zu achten, dass diese miteinbezogen und deren Anforderungen beachtet werden. Insbesondere eine einfach Bedienung (intuitive Benutzeroberfläche) sowie die Leistungsfähigkeit der Software sind für die Akzeptanz und die Produktivität der Software entscheidend.

Die Benutzeroberfläche sollte in einer übersichtlichen Form gestaltet werden, die dem Client idealerweise nicht vollkommen fremd ist. Der Bezug zur Vorgängersoftware oder gängigen Produkten (wie z. B. Microsoft Office) kann hier von erheblichem Vorteil sein. Hieraus ergeben sich die schnellere Abwicklung von Aufgaben, eine höhere Akzeptanz der Anwender sowie geringer Schulungskosten bei der Einführung des Systems.

Auch die aufgabenbezogene Gestaltung der Benutzeroberfläche ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Je nach Zugehörigkeit zu einem Funktionalbereich des Unternehmens und den Aufgaben des Clients, müssen verschiedene Funktionen und Prozesse schnell abrufbar sein. Auch das Anlegen von Favoriten und die Möglichkeit zur Ausblendung nicht benötigter Felder können hierbei einen Beitrag zur Steigerung der individuellen Arbeitsproduktivität leisten.

Die Leistungsfähigkeit des ERP-Systems muss indes ausreichen um Arbeitsabläufe nicht zu verlangsamen oder einzuschränken. Auch bei hohen Auslastungen muss ohne Verzögerung gearbeitet werden können. Des Weiteren gewinnt die Nachfrage nach Online- und Echtzeitverarbeitung an Bedeutung, so dass in Zukunft die Bereitstellung einer statischen Infrastruktur durch eine sich ständig anpassende ersetzt werden muss. Nur wenn die Anwender mit aktuellen Daten und Informationen arbeiten können, ist der Einsatz eines ERP-Systems wirklich vorteilhaft und sinnvoll.

 

Auswahl und Implementierung von ERP-Systemen

Die Einführung eines ERP-Systems stellt keinen Selbstzweck dar und kann letztendlich nur dann als Erfolg bezeichnet werden, wenn sie in entscheidendem Maße zur Steigerung des Gewinns eines Unternehmens beitragen kann. Dies kann durch Beiträge zur Kostensenkung ebenso geschehen, wie durch eine Verbesserung des Umsatzes. Zur Reduzierung von Kosten können insbesondere effizienter gestaltete Abläufe, niedrigere Lagerbestände sowie ein aussagekräftigeres und flexibleres Berichtswesen beitragen. Auf der Umsatzseite kann der Einsatz von CRM-Modulen (Customer Relationship Management) zu einer höheren Kundenbindung und Folgeaufträgen führen.

Bei IT-Verantwortlichen in mittelständischen Unternehmen stehen außerdem kurze Projektlaufzeiten und geringe Gesamtkosten als Ziele von ERP-Projekten an vorderster Stelle. Da Mittelständlern nicht die finanziellen und personellen Ressourcen wie großen Unternehmen zur Verfügung stehen, IT-Projekte aber sehr hohe Kosten mit sich bringen, kann der Fehlschlag eines solchen Projektes unter Umständen sogar existenzbedrohend für das Unternehmen sein. Daher wird im Folgenden auf die korrekte Durchführung einer ERP-Implementierung eingegangen.

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Abb.3: Schritte zur Einführung eines ERP-Systems

Führt ein Unternehmen eine neue Business-Software ein, so wird in diesem System ein Abbild der Organisation geschaffen. Struktur, Abläufe und Aufgabenverteilungen sollen möglichst realitätsnah dargestellt werden. Daher erfolgt idealerweise die Einführung des ERP-Systems synchron mit der Gestaltung der Organisation. (Siegenthaler/Schmid 2006)

Da es sich um einen sehr aufwendigen und kostenintensiven Ablauf handelt – laut einer Umfrage belaufen sich die Kosten für die Einführung eines neuen ERP-Systems (Lizenzen, Implementierung) ohne Hardware auf ca. 5.000 Euro pro Anwender – muss das Projekt zunächst gut strukturiert und mit klar definierten Zielen ausgestattet werden. Im Mittelstand ist mit drei bis sechs Kernmitarbeitern zu rechnen, die einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit für das Projekt aufwenden.

Es gilt dann, die Organisationsstruktur des Unternehmens darzustellen und wichtige Prozesse abzubilden. Diese sind mit den Beteiligten auf ihre Stärken und Schwächen hin zu untersuchen. Hieraus lassen sich verbesserte Soll-Prozesse entwickeln, die sich wiederum in den Anforderungen an das ERP-System widerspiegeln sollten. (Siegenthaler/Schmid 2006)

Die gegenwärtige Situation von ERP-Installationen in der Praxis stellt sich als stark verbesserungsfähig dar, wobei die Ursachen selten alleine im IT-Bereich liegen. Vielmehr sind hier laut Ortner Nachlässigkeiten in den Bereichen Strategie, Projektmanagement, sowie das Fehlen von effizienten kontinuierlichen Verbesserungsprozessen oder das mangelnde Einbinden des Faktors Mensch von entscheidender Bedeutung. (Ortner 2005)

Nachdem man sich für eine IT-Strategie – es ist hierbei eine Verbindung zwischen der grundsätzlichen Strategie des Unternehmens und den daraus resultierenden Anforderungen an die IT herzustellen – entschieden hat, gilt es in einer ersten Grobevaluation eine umfassende Marktübersicht zu erreichen. Hierfür eignen sich Fachzeitschriften, der Besuch von Messen sowie Internet-Research. Aus der Vielzahl von Anbietern sind diejenigen auszuwählen, die den Anforderungen am ehesten zu entsprechen scheinen. Diese werden auf vorher festgelegte Kriterien wie die funktionale Abdeckung der Bedürfnisse, die Anpassbarkeit an zukünftige Bedürfnisse, Bewertungen von Referenzkunden und das Preis-/Leistungsverhältnis geprüft. Ein weiteres zentrales Kriterium stellt die Investitionssicherheit dar. Dabei gilt es Anbieter auszuwählen, die mit großer Sicherheit auch in Zukunft am Markt vertreten sein werden und somit Serviceleistungen und Produktupdates über längere Zeit hinweg bereitstellen können. (Siegenthaler/Schmid 2006)

Ist die Grobevaluation abgeschlossen, so folgt die Feinevaluation. Hierbei werden Teilprozesse und deren Schritte detaillierter dargestellt und in einem Pflichtenheft zusammengefasst. Dieses sollte neben einem ersten Einsatzkonzept, das darlegt, welche Mitarbeiter voraussichtlich welche Funktionen nutzen werden und welche Qualifikationen hierfür notwendig sind, auch Einschränkungen wie die momentan vorhandene Hardware beinhalten. Darauf basierend können die in der Grobevaluation ausgewählten Anbieter zur Abgabe eines ersten Angebotes aufgefordert werden. Da alle Anbieter das Pflichtenheft als eine Art Leistungsverzeichnis verwenden, sollten die abgegeben Angebote mit relativ geringem Aufwand vergleichbar sein. (Siegenthaler/Schmid 2006)

Auf dieser Grundlage lässt sich eine erste Kostenkalkulation erstellen und eine Auswahl von besonders interessanten Anbietern treffen. Diese können dann aufgefordert werden, ihr Konzept anhand von Vorführungen, Workshops oder Prototypen genauer darzulegen und zu demonstrieren wie typische Geschäftprozesse abgewickelt werden sollen. Beim gesamten Auswahl- und Implementierungsprozess ist insbesondere darauf zu achten, dass die späteren Anwender miteinbezogen werden und Einfluss auf die letztendlich Auswahl des Anbieters ausüben können.

Die folgende Abbildung zeigt die Gewichtung der Kriterien, die Unternehmen bei der Auswahl von ERP-Systemen anwenden. Diese lässt auch bereits erste Schlüsse auf die Anforderungen zu, die Unternehmen an eine ERP-Lösung stellen.

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Abb.4: Entscheidungspräferenzen von Unternehmen zur Auswahl eines ERP-Systems

Literatur:

Siegenthaler, M.; Schmid, C.(2006). ERP für KMU. Rheinfelden

Ortner, W. (2005). Effizienz durch Workflowmanagement. Graz

META Group: Anforderungen an ERP-Lösungen im Mittelstand, http://www.softm.com/softm/servlet/downloads/7338