Von MRP zu ERP:
Entwicklungen in der Produktionsplanung und -steuerung
Ein Beitrag von Rainer Kämpf
Thema des
Monats Mai 2001
Stand: 02.07.2008
Die Produktionplanung und steuerung (PPS) gehört zu den wesentlichen und
inhaltlich anspruchsvollsten Aufgaben eines Industrieunternehmens. Schon in den sechziger
Jahren entstanden daher die ersten Softwaresysteme zur EDV-technischen Unterstützung der
PPS, sogenannte PPS-Systeme. Heutige Standard PPS-Systeme bieten eine umfangreiche
Funktionalität, die über die Kernbereiche der Mengen-, Termin- und Kapazitätsplanung in
der Produktion weit hinaus auch weit in die Beschaffung und den Vertrieb hineinreicht.

Aufgrund der rasanten Veränderungen im Umfeld der PPS, zunehmender Variantenvielfalt
und dezentraler Fertigungsstrukturen ergeben sich ständig neue und steigende
Anforderungen an eine effiziente PPS bzw. deren EDV-Unterstützung. Dies wird noch
verstärkt durch den Aufbau von Produktions- und Logistiknetzwerken zwischen Lieferanten,
Herstellern und Kunden, was sich in geänderten, prozessorientierten Planungskonzepten
für komplette Supply-Chains wiederspiegelt und zu einer grundlegenden Neuorientierung der
Methodik und Systemarchitektur innerhalb der Produktionsplanung und steuerung
geführt hat.
In den letzten Jahrzehnten sind unterschiedliche Konzepte zur Planung und Steuerung in
Produktionsunternehmen entwickelt worden. Sie sind alle in einem bestimmten Umfeld in der
Praxis entstanden und stellen bis zu einem gewissen Grad Branchenlösungen dar. In den
späten fünfziger Jahren begann in Nordamerika die Aera der MRP-Konzepte. Das MRP-Konzept
sieht eine Sukzessivplanung nach hierarchischen Planungstufen vor. Von übergeordneten
Planungsstufen wie z.B. der Produktionsprogrammplanung zu untergeordneten Planungsstufen
wie z.B. der Produktionsbedarfsplanng werden die Ressourcen mit zunehmendem
Detaillierungsgrad und abnehmendem Planungshorizont geplant. Die Planungsergebnisse einer
Stufe sind Vorgaben für die nächstfolgende Stufe. Mit Hilfe einer regelkreisähnlichen
Abstimmung erfolgt die Rückführung an die nächsthöhere Planungstufe.
Probleme können im Rahmen des Sukzessivplanungskonzeptes dadurch auftreten, dass eine
Stufe Informationen benötigt, die erst durch nachfolgende Stufen erzeugt werden. Diese
Situation ist typisch für Planungsprobleme mit gegenseitigen Abhängigkeiten. So bestimmt
beispielsweise erst die Reihenfolgeplanung bzw. die Maschinenbelegungsplanung, die
tatsächliche Durchlaufzeit von Aufträgen. Informationen über diese Durchlaufzeiten
werden aber bereits im Rahmen der Durchlauftermierung innerhalb der
Produktionsbedarfsplanung benötigt. Daher arbeiten die Dukzessivplanungskonzepte mit
Annahmen über die erst später zur Verfügung stehenden Informationen, d.h. in der
Durchlaufterminierung wird beispielsweise mit Sollduchlaufzeiten gerechnet. Die
Reihenfolgeplanung kann dann natürlich zu Durchlaufzeiten führen, die von den zunächst
angenommenen Solldurchlaufzeiten abweichen.
Das MRP-Konzept wurde ständig weiterentwickelt, um den neueren Gegebenheiten in der
Porduktionsorganisation Rechnung zu tragen. Dabei lassen sich hinsichtlich ihrer
geschichtlichn Entwicklung drei verschiedene MRP-Konzepte untescheiden:
- MRP : Material Requirements Planning
- MRP I : Manufacturing Ressources Planning I
- MRP II: Manufacturing Ressource Planning II
Das ursprüngliche MRP-Konzept, d.h. die Bedarfsermittlung wurde in den fünfziger
Jahren entwickelt und beinhaltet den Wandel von der verbrauchs- zur bedarfsorientierten
Materialdisposition. Mitte der sechziger Jahre entstand das MRP I-Konzept, das erstmals
auch die Produktionskapazitäten mit in die Planung einbezog. In den achtziger Jahren
entstand dann das MRP II-Konzept, das zusätzlich wirtschaftliche und strategische
Gesichtspunkte der Produktionsplanung berücksichtigt.

Das von Oliver Wight entwickelte MRP II-Konzept bildet die Grundlage für verschiedene
Varianten der Gestaltung von PPS-Systemen. Es stellt der Produktionsprogrammplanung eine
strategische Planungsebene voran, die die Aufgabenbereiche Vertriebsplanung und
Entwicklungsplanung enthält. Das Produktionsprogramm ist Input für die innerhalb des MRP
I-Konzeptes durchzuführenden Planungsschritte mit ihrer strikten Trennung zwischen
Mengen- und Terminplanung.
Durch eine Stücklistenauflösung von Erzeugnissen (Primärbedarf) erhält man den
Bedarf an Rohstoffen, Teilen und Gruppen (Sekundärbedarf) zur Fertigung des
Primärbedarfs. Innerhalb dieser Rechnung werden bezogen auf eine bestimmte
Zeitspanne und ohne Berücksichtigung der Lagerbestände Bruttobedarfe ermittelt.
In einer zweiten Rechnung innerhalb der Mengenplanung wird unter Berücksichtigung der
Lagerbestände der Nettobedarf, d.h. die tatsächlich benötigten Materialmengen,
ermittelt. Daran anschließend werden die Nettobedarfe periodenweise zusammengefaßt.
Die zusammengefassten Nettobedarfe sind Ausgangspunkt für den nächsten Schritt
innerhalb des MRP I-Konzeptes, der Terminplanung. Mittels verschiedener Verfahren der
Losgrößenberechnung werden Fertigungs- und Montagelose gebildet und Anschließend unter
Berücksichtigung des Anebotes an Kapazitäten im Rahmen der Kapazitätsterminierung
eingelastet. Die so entstandene Einlastung der Kapazitäten ist Input der
Werkstattsteuerung.
Diese übernimmt für den Bereich der Eigenfertigung Aufgaben der Durchsetzung der in
er Produktionsbedarfsplanung erstellten Planungsvorgaben (Fertigungsaufträge).
Durchsetzung bedeutet hier konkret die Feinterminierung der Fertigungsaufräge, die
Veranlassung der arbeitsgangbezogenen werkstattaufträge, sowie die Überwachung des
Fertigungsfortschritts.
Um die zufriedenstellende Anwendung des MRP II-Konzeptes zu gewährleisten, sollten
allerdings einige wichtige Voraussetzungen beachtet werden:
- Die Vorhersagbarkeit der verfügbaren Kapazitäten sollte gewährleistet sein, was
allerdings nur dann der Fall ist, wenn stochastisch auftretende Ausfallzeiten der
Kapazitäten gering sind.
- Die Vorhersagbarkeit der Durchlaufzeiten sollte sicher sein, d.h. die Durchlaufzeiten
dürfen nur geringfügig um den Mittelwert streuen, damit zuverlässige aussagen möglich
sind.
- Engpässe innerhalb der Fertigung sollten vermieden werden, da diese wieder zu
unrealistischen Terminplänen führen und damit das Sukzessivplanungskonzept in Frage
stellen.
- Das Produktionsprogramm sollte mit einer gewissen Vorlaufzeit bekannt sein, damit
ständige Neuplanung vermieden wird.

Das MRP II-Konzept stammt aus Branchen mit klar konvergierenden Produktstrukturen, z.B.
Grossmaschinenbau, Automobil- und Flugzeugbau. In der Absicht alle Bereiche eines
Unternehmens zu Umfassen, wurde dieses Konzept zum ERP-Konzept (Enterprise Resource
Planning) weiterentwickelt. Hintergrund diese Konzeptes ist die Annahme, dass mit einer
Maximierung der Ressourcennutzung ebenfalls eine Maximierung des Ertrages verbunden ist.
Mit Hilfe von ERP-Softwaresystemen werden alle Prozesse und Aktivitäten in den
Abteilungen und Bereichen eines international agierenden Unternehmens gesteuert,
überwacht und koordiniert. Es wird also eine prozessorientierte Organisation im
Unternehmen für den erfolgreichen Einsatz eines ERP-Systemes vorausgesetzt. Das System
sorgt dann dafür, dass geänderte Informationen innerhalb eines Geschäftsprozesses
automatisch allen weiteren beteiligten Funktionen zur Verfügung stehen, um somit die
Durchführung des Geschäftsprozesses insgesamt optimal zu gestalten. Dabei werden die
Geschäftsprozess nicht nur auf das eigene Unternehmen begrenzt, sondern integrieren die
Kunden und Lieferanten sowie alle weiteren an der Wertschöpfungskette beteiligten
Unternehmen (Supply Chain Management - SCM). Hierbei kommen moderne Integrations- und
Kommunikations-techniken wie z.B. EDI oder E-Business-Lösungen zum Einsatz.
Aus dem Japan der späten siebziger Jahre stammt das JIT-Konzept (Just-in-Time) mit dem
Ziel, den Güterfluss zu verbessern. Zunächst als scharfer Gegensatz zum MRP II-Konzept
vermarktet, hat sich das JIT-Konzept schliesslich als allgemeingültig und grundlegend
für die Planung und Steuerung auch im ERP gezeigt, sobald der Zielbereich Lieferung im
Unternehmen Priorität erhält. Das oft mit der Güterflussorientierung verbundene
KANBAN-Verfahren ist hingegen nur für eine Produktion bzw. Beschaffung mit häufiger
Wiederholung anwendbar. Die Konzepte der Güterflussorientierung sowie die einfachen
Verfahren zum Ressourcenmanagement bilden eine wichtige Erweiterung zum MRP II-Konzept und
dessen Verfahren.
Die im ERP detailliert entwickelten Vorstellungen über Zusammenhänge im
Ressourcenmanagement bleiben grundsätzlich auch für die nachfolgenden Erweiterungen
gültig. Die Erweiterungen unterscheiden sich vom klassischen ERP haupsächlich im
Auftragsmanagement, besonders in der Abbildung der logistischen Objekte und
dementsprechend in der Auftragsbearbeitung und der Aufragskoordination in allen
Fristigkeiten. Zum einen stammen sie aus verschiedenen variantenorientierten Konzepten,
die im Zusammenhang mit dem Produktkonzept Produktfamilie und der Einmalproduktion
entwickelt worden sind. Zum anderen entstanden Ende der achtziger Jahre
verfahrensorientierte Konzepte für die Prozessindustrie, die unter dem Begriff Process
Flow Scheduling zusammengefasst sind. Sie behandeln insbesondere divergierende
Produktstrukturen.

Literatur:
Much, Nicolai: PPS-Lexikon, Cornelsen Giradet, Berlin, 1995.
Schönsleben: Integrales Logistikmanagment, Springer, Berlin/Heidelberg/New York, 1998.
Scheer: Der computergesteuerte Industriebetrieb, Springer, Berlin/Heidelberg, 1990. |