| Wer kennt nicht die Situation
wenn Problemen plötzlich auftauchen, die trotz langer und guter Zusammenarbeit dann dazu
führen, dass dann schnell was geregelt werden muss. Und schon beginnt die Rennerei, die
Fragerei, wer wann was machen soll. Für solche Störungen in der Zusammenarbeit sind wir
nicht vorbereitet. Und plötzlich werden aus guten Arbeitsbeziehungen
Auseinandersetzungen, die das über Jahre aufgebaute Vertrauensverhältnis sehr belasten.
Man konnte sich doch immer auf den Lieferanten verlassen und jetzt diese Schwierigkeiten.
Die gewohnten Abläufe funktionieren nicht mehr. Es muss schnell jemand her, der das Heft
wieder in die Hand nimmt und dafür sorgt, dass die Störungen begrenzt und schließlich
eliminiert werden. Doch wo anfangen? Welche Themen auf die Schnelle wie lösen? Muss das
so sein?
Nein! In unserem Kultur-Kreis haben wir gelernt in der Zeit zu
sparen um in der Not etwas zu haben. Dieser Gedanke der Vorbeugung /Prävention sind uns
nicht neu. Dennoch wenden wir ihn nur dort an, wo uns die Erfahrung gelehrt hat, dass es
anders nicht geht. Wenn im Zusammenspiel der Unternehmen, aber auch der Bereiche in einem
Unternehmen immer alles irgendwie doch funktioniert hat, sehen wir keinen Grund,
Eventualmassnahmen zu erdenken, die dann in Krisenzeiten- zu denen uns bekannter Weise das
klare Denken etwas schwerer fällt sagen was wir wann und wie zu tun haben.
Im Bereich des Qualitätsmanagement sind solche Überlegungen schon
früher immer angestellt worden. Doch erst durch die ISO-Normenwelt war auch mehr
Bereitschaft da, die Gedanken in konkrete Regeln und Ablaufbeschreibungen umzusetzen.
Vorbereitung von Qualitätsvereinbarungen:
Die Qualitätsvereinbarungen haben zum einen das Ziel, bei
kurzfristig auftretenden Konflikten zwischen Lieferant und Kunden die Situation zu
entspannen, das Problem zu versachlichen und nachhaltig zu beseitigen. Zum anderen besteht
das Ziel auch darin, das Problem schnell anzugehen, indem vorab die Maßnahmen beschreiben
werden, die ohne Zeitverzug und ohne weitere Abstimmungs- und Genehmigungsrunden den
Schaden schnell beheben sollen. Deshalb müssen die Partner, die diese
Qualitätsvereinbarungen abzustimmen und zu verhandeln haben, sowohl den Support des
jeweiligen Managements haben, als auch über entsprechende Sachkompetenz verfügen. Da es
sich bei solchen Abstimmungen um Verhandlungen handelt, ist Verhandlungsgeschick und
Diplomatie sehr wünschenswert. Da nur wenige unsere Mitarbeiter über diese Fülle von
Fähigkeiten verfügen, bietet es sich an, auf jeder Seite einen Hauptverhandlungsführer
zu bestimmen, dem die anderen zuarbeiten. Hier hilft es oft, einen wenig vom der denkbaren
Problemsituation betroffenen Verhandlungsführer zu bestimmen und ihn gegebenenfalls von
Extern zu holen, der die z.T. emotionsbehafteten Vorstellungen versachlicht und auch für
die Gegenseite besser nachvollziehbar macht. Bei einem sehr angespannten Verhältnis
zwischen Lieferant und Kunden kann man durchaus auch den Gedanken fassen, neben den
Verhandlungsführern einen von beiden Seiten akzeptierten Mediator oder Schlichter in
Anspruch zu nehmen, der mit Qualitätsvereinbarungen Erfahrungen gesammelt hat.
Bei der prinzipiellen Vorgehensweise kann eine wie bei Six Sigma
oder bei STIPAG beschriebene Roadmap verwendet werden. Ohne hierbei an dieser Stelle
detaillierter auf diese Roadmaps einzugehen, sind lediglich bei den folgenden
Prozessschritten bei den Überschriften Begriffe aus DMAIC-Logik ( Six Sigma) in den
Klammern verwendet worden, um die Logik der Roadmaps etwas verständlicher machen zu
können.
Ermittlung der Problem- und Konfliktthemen (Define)
Wenn die Gesprächspartner und die unterstützenden Kollegen
festgelegt sind, können die eigentlichen Gespräche beginnen. Um den Zeitaufwand nicht
unnötig zu vergrößern, bietet es sich an, die denkbaren Problem und
Konfliktfelder zu beschreiben und zu priorisieren. Die Problemfelder lassen sich teilweise
aus den Liefervereinbarungen oder Lastenheften ableiten. Alles was hierin gefordert wird,
kann Anlass zu Konflikten führen, wenn die Forderungen bzw. Erwartungen nicht erfüllt
werden. Problematisch ist, dass die Forderungen und die Erwartungen zwar beschrieben
werden, aber soviel Interpretationsspielraum zulassen, dass Lieferant und Kunde sich auf
die Vereinbarungen berufen und dennoch unterschiedliche Sichtweisen haben. Hier bietet es
sich an, mit Hilfe einfacher Methoden Klarheit zu erhalten. Ein QFD oder eine an die
FMEA-Methode angelehnte Vorgehensweise kann hier angebracht sein. Auch noch einfachere
Methoden, die aus der Welt der Konfliktlösung z.B. nach de Bono stammen sind sinnvoll
einsetzbar.
Es gibt aber auch Themenfelder, die in vielen Liefervereinbahrungen
nicht angesprochen werden und dennoch im Falle von auftretenden Schwierigkeiten besser
vorab geklärt worden wären. Zwar wird in Lieferverträgen und allgemeinen
Geschäftsbedingungen meistens die Frage nach Garantie und Kulanz, Gerichtsstand usw.
geregelt. Aber man findet in den Lieferverträgen selten eine detaillierte Festlegung, wer
soll unter welchen Bedingungen kontaktiert werden, wann müssen die Probleme zu eskalieren
werden und wann soll bitte nicht eskaliert werden, sondern wann und wer sollen operativer
Ebene entsprechend einem vereinbartem Spielraum , das Wichtigste und Dringendste regeln.
Hier bieten sich ergänzend zu den oben angeführten Methoden
weitere an, die z.B. die Kommunikationsprozesse bei Problemen analysieren und dann
Verbesserungsvorschläge erarbeiten lassen (z.B. VSM). Auch die Beschreibung von Aufgaben,
Kompetenzen und Verantwortung ergibt oft Transparenz und zeigt den Handlungsbedarf.
Deshalb müssen die Verhandlungsführer in diesem Sinne die
Verträge detaillieren. Somit können die später unterschriebenen
Qualitätsvereinbarungen durchaus als Zusatz zu den Lieferverträgen betrachtet werden.
Festlegung der Forderungen des Kunden und Möglichkeiten des
Lieferanten (Measure)
Die Qualität eines Produktes und einer Dienstleistung
werden die der Regel anhand von Solleigenschaften beschrieben. Im technischen Bereich gibt
es Toleranzen (z.B. Maße). Bei Dienstleistungen sind Fehlertoleranzen eher in Form von
erwarteten Reaktionszeiten, vereinbarten Kosten und gewünschten Bearbeitungszeiten und
deren noch akzeptable Abweichungen beschrieben.
Insofern gibt es hier Vorlagen, die aber ergänzt werden können,
wenn z.B. eine ursprünglich Festlegung der wichtigen Maße sich stark an den
Produkteigenschaften des Endkunden orientiert hat und andere Maße, die im nachfolgenden
Fertigungsprozess von Relevanz sind, ursprünglich vernachlässigt wurden, aber bei hoch
laufender Produktion bedeutender werden.
Jedoch fehlt es häufig an Regelungen, die beschreiben, wie bei
ansteigender Häufigkeit der Fehler bzw. Abweichungen vom Soll zu reagieren ist. Soll
bereits beim ersten schlechten Teil die Geschäftsleitung eingeschaltet werden, oder soll
der Lieferant sofort das Teil nachbessern, oder kann der Kunde selber kleinere
Verbesserungen vornehmen. Wenn die Fehlerzahl und die damit verbundene Nacharbeit
ansteigt, sollen dann die n.i.o-Teile gesammelt oder einzeln zurückgeliefert werden. Soll
der Lieferant beim Kunden eine "Wareneingangskontrolle" durchführen und
Mitarbeiter beim Kunden stationiert haben, die sofort die fehlerhaften Tele untersuchen,
nacharbeiten und an ihr Stammwerk Informationen leiten, die eine schnelle
Ursachenbeseitigung fördern.
Hier müssen die unterschiedlichen Vorstellungen und Möglichkeiten
zwischen Lieferant und Kunde ausdiskutiert werden. Die Ergebnisse sind dann in Form von
vereinbarten Sollvorgaben und akzeptablen Abweichungen zu dokumentieren. Zusätzlich muss
ähnlich wie bei Preisstaffeln beim Einkauf beschrieben werden, wie bei welchem Level der
ansteigenden Probleme und Fehlerraten reagiert werden soll.
Hierbei ist es wichtig auch zu vereinbaren, wie die Fehler ermittelt
/ gemessenen werden.
Lösung der Konflikte (Analyse)
Leider gibt es immer wieder Situationen, bei denen die
Parteien nicht ohne weiters zu Vereinbarungen kommen. Selbst der Versuch eines Schlichters
kann scheitern, wenn z.B. eine Forderung eines Kunden für einen Lieferanten ein mit
vertretbarem Aufwand nicht mehr darstellbarer Aufwand verursacht.
Hier gilt es dann zu analysieren, wieso der Kunde diese Forderung
hat und wieso der Lieferant diese nicht erfüllen kann. Hier bieten sich wieder Methoden
an, die aus der Welt des Six Sigma und des Konfliktmanagements stammen. Z.B. kann mit
Hilfe einer FMEA untersucht werden, welche Bedeutung ein Fehler hat. Dies ist
zweckmäßig, um zum einen übertriebene Forderungen des Kunden begegnen zu können, oder
um dem Lieferanten klar zu machen, welche dramatischen Folgen ein von ihm zu
verantwortender Fehler beim Kunden bedeuten kann. Mit Hilfe der Ishikawas lassen sich dann
Untersuchungen anstellen, die die Ursache des Fehlers herausfinden lassen. Ist die
Fehlerursache bekannt, können vielleicht einfache Lösungen gefunden werden, die den
Lieferanten dazu bewegen, die Forderungen des Kunden zu erfüllen. Es lassen sich auch mit
eine abgewandelten "Lösungsorientierten FMEA" Mechanismen finden, die die
Bedeutung und Auswirkung von Fehlern eindämmen lassen. Diese Mechanismen sind dann im
Sinne von Reaktionsplänen, die bei eskaliertem Fehleraufkommen einsetzen sollen,
auszuformulieren und in der Qualitätsvereinbarung zu dokumentieren.
Beschreibung des Regelwerkes (Improve)
Nun sind alle wesentlichen Themenfelder aufgegriffen und
beschrieben worden. Es besteht nun ein gemeinsames Verständnis und man kann damit
beginnen, für die messbaren Kriterien Grenzwerte bzw. Toleranzbereiche festzulegen, die
bestimmen, wann welche Reaktion von wem wie zu erwarten ist. Auch ist hier festzuhalten,
wie die Lieferungen bzw. Produkte / Dienstleistungen und Prozesse überwacht und
dokumentiert werden. Ein einfaches Beispiel soll diese verdeutlichen:
Lieferung von
1000 Wellen mit dem kritischen Maß von 15,5 cm am Lager 1
Soll-Werte: 15,5 cm Tol+0,05 mm;- 0,025mm
Zulässige Fehlerrate: 400 ppmFehlerhafte Teile aussondern
und gesammelt zurücksenden zu Lieferant
Bei Fehlerrate 400-600 ppm : Lieferant ermittelt Ursachen für erhöhtes Fehleraufkommen
und meldet innerhalb 48 Std. ergriffene Sofortmaßnahmen an Kunden.
Erste Eskalationssstufe
Bei Fehlerrate 600-1000 ppm: Lieferant überprüft beim Kunden alle angelieferten Teile
und sortiert aus
Überprüfung und Sortierung beginnen beim Kunden 24 Std nach Überschreitung der ersten
Eskalationsstufe
Zweite Eskalationsstufe
Bei Fehlerrate > 1000 ppm : Geschäftsleitung des Lieferanten berichtet beim Kunden
über Problemursache und eingeleitete Gegenmaßnahmen innerhalb 48 Std |
Überwachung der Qualitätsvereinbarung
(Control)
In einer Qualitätsvereinbarung muss noch geregelt werden,
wer mit welchem Aufwand und welcher Methode die Einhaltung der Qualitätsvereinbarungen
überwacht. Bei z.B. fehlerhaften Lieferungen beinhaltet dies z.B. den Stichprobenumfang
und den Zeitpunkt der Durchführung der Stichprobenprüfung. Bei den
Reaktionsvereinbarungen im Falle der Problemeskalation geht es um die Geschwindigkeit der
Reaktion. Hier muss dann festgehalten werden, in welcher Form an wen, durch wen die
Mitteilungen der Verletzung der Liefervereinbarungen mit welchem Inhalt zu melden ist.
Darüber hinaus gilt es festzulegen, ab wann die benötigte Reaktionszeit gemessen wird.
Häufig ist in den Zeiten der E-Mails der Zeitpunkt der Absendung des E-Mails mit dem
betreffenden Inhalt als Trigger-Zeitpunkt für die Zeitmessung zu verwenden. Der Zeitpunkt
der Fehlerentdeckung ist nur dann relevant, wenn z.B. durch Vorort-Präsenz von Vertretern
der Lieferanten sichergestellt werden kann, dass die Lieferanten zwangsläufig sofort von
dem Fehleraufkommen Kenntnis erhalten.
Weitere Hinweise und Zusammenfassung
Die Qualitätsvereinbarungen sind ein wichtiges und
wirkungsvolles Werkzeug, um in turbulenten Zeiten beim Auftreten von Fehlern schnell und
angemessen zu reagieren. Qualitätsvereinbarungen helfen in emotional angespannten
Situationen einer sachlichen Auseinandersetzung mit der Problemsituation und fördern so
eine stabile Kunden-/Lieferantenbeziehung. Durch die frühzeitige Ausgestaltung der
Qualitätsvereinbarungen haben die Partner die Möglichkeit, sich vorab auch präventive
Maßnahmen sorgfältig zu überlegen. Hierbei können Methoden und Instrumente aus der
Problem- und Konfliktlösung eingesetzte werden, wie sie z.B. aus der Welt des Six Sigma
bekannt sind. Auch ist nicht zu verkennen, dass bereits einfache und vielfältig erprobte
Methoden wie z.B. FMEA oder Ishikawa zu Einsatz kommen können.
Allerdings soll hier auch nicht verschwiegen werden, dass das "
Aushandeln" von Qualitätsvereinbarungen Zeit und Erfahrung erfordert. Hier muss mit
2-3 Tagen intensiver Diskussion gerechnet werden, die neben den sachlichen Fragestellungen
auch politische Aspekte berühren kann. Da nicht immer ein Unternehmen die benötigte
Kapazität hat, erlauben die verwendbaren Methoden und das Grundkonzept der
Qualitätsvereinbarungen
Sich externe Unterstützung zu beschaffen. Aufgrund der geringen
externen Aufwände(2-4 Manntage) sollte angesichts der wirtschaftlichen und strategischen
Bedeutung von Qualitätsvereinabrungen nicht an der falschen Stelle gespart werden. |